Gottlose Schmuddel-Säcke

von Kai Krösche

Wien, 2. April 2015. Man will's gar nicht so genau wissen, was in diesen gefüllten Stoffsäcken drin ist. Bis zu einer Höhe von 5 Metern stapeln sie sich, ein riesiger Haufen weißer Getreidesäcke, vergilbt und verstaubt; drunter, drüber und dazwischen kraxeln und klettern und stolpern sie, die Figuren aus Leo Tolstois spätem und zeitgleich erstem Bühnenstück "Die Macht der Finsternis", geifernd und feixend und brüllend. Diese Welt (man sieht's sofort) ist schlecht, sehr schlecht sogar, ihre Bewohner schmutzig, verfettet, krank, versoffen, gehässig, habgierig, zügellos, stinkend, ungeniert, aggressiv, dreckig und gemein. Und am Ende dann doch oder gerade deswegen – ganz und gar menschlich?

Rattengift im Tee

Da ist zum Beispiel Johannes Krischs Petr, der reiche, aber alte und kranke Bauer: Mit langem, verzottelten Haar und Bart stakst er im bunten Seidenbademantel über die Säcke, hustet und rotzt den Schleim aus seinem tiefsten Inneren hervor, unappetitlich bis zur Groteske. Dieser Petr kommandiert seine untreue Frau Anisja, seinen Knecht Nikita, bellt und brüllt aus Wut über sein langsames, aber sicheres Ableben. Anisja hingegen, die schon längst eine heimliche Affäre mit Nikita am Laufen hat, wartet sehnlichst auf Petrs Tod und das damit verbundene Erbe – und hilft mit der Unterstützung von Nikitas durchtriebener Mutter Matrjona der Krankheit ihres Mannes mit Rattengift im Tee ungeduldig auf die Sprünge.

machtdfinsternis1 560 Georg Soulek uSchlechte Menschen auf alten Säcken  © Georg Soulek

Charmanter Schmuddel-Verführer

Aenne Schwarz zeichnet diese Anisja als leidenschaftlich Zerrissene mit ungebremster Sehnsucht und wildem Blick: Spinnengleich lauernd schwankt sie zwischen masochistisch-hoffnungsvoller Ergebenheit gegenüber Nikita einerseits und Verachtung andererseits: Ihre spöttischen Anfeindungen spuckt und zischt sie wie Salven in Richtung ihres Gegenübers – ob Petr, Nikita oder eine seiner Liebschaften. Fabian Krügers Nikita wird zum schmerbäuchigen und rückgratlosen wie verquer-charmanten Schmuddel-Verführer; auch er taumelt zwischen Ergebenheit und aggressiver Herrschsucht, besorgt's den Frauen zügellos mit Hand und Mund, um andererseits im Vollrausch seiner Frau vor den Augen ihrer Stieftöchter zur Demütigung den Schwanz bis zum Würgen in den Hals zu schieben. Er wird seinen eigenen Vater – lallend, stotternd und nach Worten ringend verkörpert von Ignaz Kirchner – schlagen und schließlich zerbrechen an der Tötung seines eigenen, mit der Stieftochter seiner Frau gezeugten Kindes.

Ja, doch, es ist wirklich eine schreckliche Welt, in der "Die Macht der Finsternis" spielt, und die Regie Antú Romero Nunes' versucht gar nicht erst, das Grauen zu erklären, sondern spürt lieber den verborgenen Witz zwischen den Zeilen Tolstois auf und überzeichnet den scheinbaren Naturalismus bis hin zur Groteske. Eine geschickte inszenatorische Entscheidung, die das unweigerliche Kopfschütteln angesichts der immer noch drastischeren Brutalitäten und Obszönitäten, mit denen sich die Figuren gegenseitig übertreffen, vor allzu trockenem und mahnendem Ernst rettet. Ohne jedoch die Handlung oder die Figuren zu verraten: Die Lächerlichkeit und die Finsternis sind immer auch lächerliche Finsternis, sind die Absurdität menschlicher Sinnsuche und -findung in simplen, materiellen Bedürfnissen, in Triebbefriedigung und Standesdünkel, in all den kleinen Nichtigkeiten, an die sich der Mensch, ob arm oder reich, hoffnungsvoll und -los zugleich klammert.

Passionsartiger Schlussmonolog

Zum Ende hin schwinden Witz und Überzeichnung und gleiten fließend über in die dumpfe Schwere einer menschlichen Sinnes- und Glaubenskrise: Den langen Schlusspunkt markiert ein ausgedehnter Monolog Nikitas, der in Nunes' Inszenierung durch Teile aus Tolstois "Meine Beichte" ergänzt wurden und so zur großen, passionsartigen und unerfüllten Gottessuche gerät. Zu sphärischen, von osteuropäischer Musik inspirierten Klageklängen begreift Nikita das Übel seines Tuns, beklagt die Leere des Daseins und hofft auf einen Ausweg in der Liebe, die er jedoch nicht in dieser Welt zu finden vermag.

Hier, in dieser plötzlich ganz ironiefreien, vom existentiellen Schmerz des Verlorenen durchdrungenen Schlussrede, die Fabian Krüger unter bewusstem Verzicht auf spielerische Virtuosität und dadurch umso eindringlicher und bedrückender vorträgt, wird die Brücke geschlagen zu einer früheren Schlüsselszene der Inszenierung: Als Reaktion auf den schlussendlichen Tod Petrs in der Mitte des Stücks mischt sich das jaulende Wimmern schwarzgekleideter Klagefrauen unter das gespielte Brüllen Anisjas und steigert sich zu einem gefühlt unendlichen Augenblick des in orangefarbenen Zwielicht getauchten Schreckens. Gott ist nicht da, Gebet und Klage, Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben unbeantwortet. Zwei Stunden vor Karfreitag die Schlussworte: "Warum hast Du mich verlassen?" – Keine Auferstehung. Der Tod: das ultimative Ende, das Leben: sinnentleert und trüb.

 

Die Macht der Finsternis
von Leo Tolstoi, Deutsch von Andrea Clemen
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Johannes Hofmann, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Johannes Krisch, Aenne Schwarz, Mavie Hörbiger, Fabian Krüger, Ignaz Kirchner, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann, Paloma Siblik u.a., Musiker: Matthias Jakisic, Alexander Wladigeroff, Konstantin Wladigeroff.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

In der Presse (4.4.2015) schilt Barbara Petsch Tolstois Stück "eine krause Mischung aus verderblichen Frauenzimmern und verkommenen einfachen Leuten". Es anzusetzen, spiele mit dem "uralten Theatertrick: Die Bürger schauen beeindruckt und entsetzt auf das lose Treiben einer ordinären Unterschicht." Regisseur Nunes immerhin sorge "für überschäumende Lebendigkeit", das Staatstheater wuchere hier "mit aufwendiger Verwandlung seiner Schauspieler, und diese vollziehen sie in atemberaubender Weise". Manchmal indes "sähe man die üppig strömende Energie des Burg-Ensembles statt bei altbackenen sogenannten Klassikern bei einem neuen Text von Peter Handke oder Roland Schimmelpfennig, ja, genau in dieser großen Bandbreite, besser aufgehoben".

Nunes wolle "keine bleierne Moralpredigt, sondern betrachtet das Pathos der Geschichte auch als Scherz – als einen, den das Leben schreibt, wohlgemerkt", meint Margarete Affenzeller im Standard (4.4.2015). Einige "Witzmanöver" irritierten und brächten "den Erzählton eigenartig ins Wanken, der sich ganz auf die 'Finsternis' in den Begegnungen dieser Menschen ausgerichtet hatte (die Burgtheaterfassung kürzte dahingehend Handlungsstränge)". Es seien an diesem Abend aber auch "große Charakterstudien" von Schauspielern wie Kirsten Dene oder Ignaz Kirchner zu erleben.

Nunes belasse Tolstois Stück in seiner Zeit und gebe "zeitloses scheinrealistisches Bauerntheater", sagt Hartmut Krug auf der Website des Deutschlandfunk (4.4.2015). "Natürlich malt er die Figuren nicht psychologisch aus, sondern übersteigert sie grotesk."
Auch wenn die Inszenierung weder berühre oder verstöre, noch bewege oder belehre, "unterhalten uns die merkwürdigen Figuren und ihre schlimmen Taten und Machtkämpfe, – trotz einiger Längen." Nunes' Ensemble sei wunderbar. Den Beweis allerdings, "dass man dieses Stück inszenieren muss", sei uns Nunes' "braves Schauspieler- und Bildertheater schuldig geblieben."

Das Hauptproblem der Inszenierung sei: "Die ersten zwei Drittel werden verblödelt", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (4.4.2015). Danach gelinge es "Fabian Krüger nicht mehr, die Wandlung des Nikita glaubhaft zu machen. An seiner Leistung liegt es gewiss nicht, dass ihm am Ende, als er eben die Wahrheit bekennen will, zwar alle auf der Bühne gelangweilt zuhören, aber nirgendwoher Antwort kommt. So endet der Abend folgerichtig mit der Ahnung, Gott sei tot. Man kann Tolstoi und die himmlischen Mächte auch auf diese Art abservieren."

In der Süddeutschen Zeitung (8.4.2015) schreibt Wolfgang Kralicek, Nunes treibe dem Stück den Realismus aus. "Man sieht der Inszenierung hauptsächlich an, was sie vermeiden möchte. Romero Nunes will keine Russenfolklore und kein religiöses Pathos; auch für den sozialhistorischen Aspekt des Stücks, das am Rande auch von frühkapitalistischen Umwälzungen erzählt, interessiert er sich kaum." Es blieben "schön arrangierte Tableaus und der Versuch, diese schwarze Messe von einem Drama als schwarze Komödie zu behaupten". Insgesamt sei die Aufführung für eine Komödie zu unwitzig, und als Tragödie funktioniere sie nicht.

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