Das Böse im Supermannkostüm

von Christian Muggenthaler

Hof, 4. April 2015.In der Saison 1948/1949 war Carl Zuckmayers Stück "Des Teufels General" der große Renner am Theater Hof. Natürlich ist das längst Geschichte, aber es gilt bis heute als die von den meisten Zuschauern gesehene Inszenierung an diesem Haus. Und kann jetzt wiederentdeckt werden. Da trifft es sich gut, dass die Hofer in dieser Saison unter dem Generalthema "Heimat" derzeit ohnehin auch die unmittelbare deutsche Nachkriegsgeschichte erkunden – so erst vor kurzem mit der sehenswerten Uraufführung von Roland Sprangers "Hungerleider", das vom Schicksal der Vertriebenen erzählt und davon, wie Ausgrenzung funktionierte und funktioniert.

Jetzt, mit Zuckmayers Stück, das im Dritten Reich spielt und sich mit der Verwobenheit des Militärs mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt, wird in Hof zugleich auch der Umgang der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft mit einem soeben zu Ende gegangenen totalitären Regime thematisiert, in den "Des Teufels General" ohne größere Verrenkungen hineinpasst. Denn weil das Nachkriegsdeutschland so schnell und schön an der Legende strickte, man sei als Volk ja gewissermaßen selbst von den bösen Nazis unterjocht gewesen, konnte man den Text um einen Militär, der ja nur Flieger und nie ein Nationalsozialist sein wollte, gut gebrauchen.

In Show-Welten

Das Bild einer noblen, heldenhaften Wehrmacht in düsterer Umgebung hat sich als Trugbild erwiesen, ein Trugbild, dem sich die gelungene, geraffte Bearbeitung des Stücks durch Sapir Heller und der Dramaturgin Tamara Pietsch widmet. Sapir Heller, die hoch talentierte, 1989 in Israel geborene Regisseurin, bringt denn in ihrer Inszenierung auch ein Trugbild auf die Bühne: eine oft bizarre Show-Welt voll Trallala und Travestie, eine Entlegendisierung, Entheldung und Entwirklichung eines historischen Stoffs mit den Mitteln des Musicals und eine Entdämonisierung des Nazitums mit dem ihm innewohnenden Zug zum Absurden.

Desteufelsgeneral2 560 Harald Dietz uDer Davidstern wird zur Liebesschaukel in "Des Teufels General" © Harald Dietz

Charles Chaplin mit seinem "großen Diktator", Ernst Lubitsch mit "Sein oder Nichtsein", Mel Brooks mit "Frühling für Hitler": Sie alle bekämpften das Böse, indem sie die Lächerlichkeit herausstellten hinter all den Popanzen des Tausendjährigen Reiches. Sapir macht das jetzt ähnlich: Sie stellt eine weiße Showtreppe in der Form eines Hakenkreuzes in den Mittelpunkt der Szenerie, eine Treppe, die sich immer wieder hebt und senkt, den Blick freimacht auf seltsame Zwischenräume und auf der gesungen und getanzt wird (Ausstattung: Ursula Gaisböck). Auch die weiblichen Rollen werden ausschließlich von Männern verkörpert.

Trügerisches Flak-Scheinwerferlicht

General Harras taucht zunächst im Supermann-Kostüm auf, bevor er sich einen knallroten Soldatenmantel umlegt und so mit den ebenso gefärbten Uniformierungen seiner Nazi-Umgebung verschmilzt. Und von wegen Supermann: Eine Distanzierung von dieser Umgebung gibt es nicht, wenn man sich erst einmal mit ihr eingelassen hat. Harras kommentiert die Geschehnisse, indem er Regieanweisungen mitspricht, ja eigentlich Inszenator jener Handlung ist, gegen die er nicht widerstehen kann. Widerstand ist zwecklos. Sapir Heller bedient sich phantasievoll einer großen Assoziationsdichte, um ihr schräges Trugbild zu bauen, ohne doch die Zuckmayersche Erzählung um Spionage, Sabotage, Betrug und vermeintliche Soldatentugend zu überfrachten oder gar aus dem Blick zu verlieren.

Ein Raum voller Rehgeweihe, in dem Oberst Friedrich Eilers und seine Frau Anne ihre Liebe besingen, ein Kätzchen, das der intrigante Dr. Schmidt-Lausitz beständig streichelt wie James Bonds Antipode Blofeld, ein Davidstern als Liebesschaukel, auf der Harras und sein Liebchen Diddo Geiss ihrer regelrecht obszönen Sehnsucht danach, jüdisch sein zu wollen, trällernd Ausdruck verleihen: Sapir Heller findet beständig einleuchtende Bilder, die ausgeleuchtet werden von jenen Strahlern, wie man sie von Flak-Scheinwerfern aus Kriegsfilmen kennt – oder vom bunten Show-Licht von Musicals. Kenntlichmachen durch Überdrehen ins Bizarre: Das funktioniert. Denn Harras befindet sich schließlich inmitten eines riesengroßen Irrsinns, in einer Geschichtserzählung im dauerhaften Irrealis. Und mithin dort, wo es keine Helden gibt.

Gut umgestülpt

Harras ist der Mittelpunkt der Handlung. Marco Stickel ist denn auch dieser Generals-Mittelpunkt: charismatisch, mit einem Zug ins Dämonisch-Mephistotelische und der Kraft chronischer Melancholie. Oliver Hildebrandt ist so etwas wie dessen komisches Gegenüber in seiner Doppelrolle als Dr. Schmidt-Lausitz und Harras' Vertrauter Korrianke: wandlungsfähig, doppelbödig. Florian Bänsch verkörpert stilsicher die dauergeile, peitschenschwingende, ehrgeizige Nazibraut Pützchen, Jörn Bregenzer, Ralf Hocke, Philipp Brammer und Leif Eric Young passen sich in Frauen- und Männerrollen perfekt ein.

Der eigentliche Dreh‘ aber in diesem Entwinden eines Stoffs aus jeglichem Heldenlegendengedenken sind die Lieder, die die Regisseurin getextet und die beiden Musiker Jonathan Huber und Leif Eric Young vertont haben und live auf der Bühne begleiten. Tongewordener Subtext: Hinter angenehmem Elektronik-Sound verbergen sich schreckliche Inhalte. Der Mut, mit dem das Theater Hof ein Stück einmal komplett umstülpt, um darin neue Wahrheiten und Zusammenhänge zu entdecken, ist beachtenswert und hat sich gelohnt.

Des Teufels General
von Carl Zuckmayer, in einer Bearbeitung von Sapir Heller und Tamara Pietsch
Regie: Sapir Heller, Bühne und Kostüme: Ursula Gaisböck, Dramaturgie: Tamara Pietsch, Komposition und Livemusik: Jonathan Huber, Leif Eric Young.
Mit: Marco Stickel, Oliver Hildebrandt, Florian Bänsch, Jörn Bregenzer, Ralf Hocke, Philipp Brammer, Leif Eric Young.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-hof.de

 

Kritikenrundschau

Von einer bemerkenswert mutigen Arbeit spricht Bernd Noack auf Spiegel-Online (6.4.2015). Die Regisseurin Sapir Heller gehe in ihrer Inszenierung ohne falsche Ehrfurcht vor dem Stoff zur Sache. Sechs männliche Schauspieler brauche sie "um Zuckmayers Personal aufmarschieren zu lassen." Carl Zuckmayers Drama in der "Hofer Fassung" (von Sapir Heller und ihrer Dramaturgin Tamara Pietsch) sei als Revue angelegt, "als Weltuntergangsshow, in der die Stimmung in dem Maß steigt, in dem der Anstand aller am Endsieg Beteiligten sinkt. Im grellen Scheinwerferlicht werden Intrigen gesponnen und "Verräter" gestellt; Saboteure sterben, derweil Partei- und Militärbonzen harmlos ausgestopfte weiße Angorakätzchen kraulen, bis die wohlig miauen; Offiziere grölen den Stolz auf ihre saubere Heimat, bis das nurmehr wie "Schlaaand" klingt. Auch hier zeigt die Regisseurin keine Scheu davor, die alte Geschichte ein wenig ins Heute lappen zu lassen."

"Zerrbilder, Karrikaturen, Clowns" hat Michael Thumser erlebt, wie er in der Frankenpost (7.4.2015) schreibt. Heller inszeniere das Stück nicht, sondern erfinde es "mit radikalem Eigensinn" neu. Das gehe "zielgenau, schwungvoll erschütternd, bitter burlesk auf, so rund wie kantig, als Theater der unbekannten Bilder, provokativen Standpunkte, mutwilligen Schräglagen". Heller zeige Harras als Ausstellungsstück im Museum seiner eigenen Erinnerungen. "In Hof, wo Hakenkreuze auf der Bühne prangen, haben Hakenkreuze, auf Hauswände geschmiert, Konjunktur. Wenn man uns wieder ließe: Würden wir alles so?"

 

 
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