Wasserzählen im kalten Licht

von Georg Kasch 

Schwerin, 29. Februar 2008. Die Welt ist eine Bühne und die Bühne die Welt, das wissen wir seit Calderón, Shakespeare und Co. Ganz besonders gilt das für den "Sturm", in dem Prospero gottgleich die Fäden zieht. Was also liegt näher, als ein Theater auf die Bühne zu bauen? Originell ist diese Idee nicht, aber im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin eindrucksvoll umgesetzt. Mit seinen Logen, zwischen denen die Sterne schimmern, nimmt Florian Parbs Neorenaissance-Elemente des stuckverzierten Zuschauerraums auf. Der Boden ist mit blauen Krepppapierschnipseln bedeckt.

Nur haben die heruntergekommenen Logen auf der Bühne schon bessere Tage gesehen. Wie Prospero, der im Unterhemd und Bademantel durch die Gegend schlurft, auf einen umgedrehten Golfschläger gestützt. Er gebärdet sich als Regisseur des großen Tohuwabohus, doch bekommt er, der wegen seiner Forscherleidenschaft bereits seinen Job als Herzog vermasselt hat, die Gewalten nicht wieder in den Griff.

Dabei kann er seiner Tochter Miranda so schön von den Planeten erzählen, die als Videoprojektion geheimnisvoll und beeindruckend plastisch über ihnen zu schweben scheinen. Bettina Schneider als verzogene Göre mit Kleopatra-Augen im Kolonialherrenweiß interessiert sich eh nur für Prinz Ferdinand: "Ich sag Ferdi, ok? Willste mal anfassen?"

Versprechen, Verwandlung und Verführung

An diesen Ton muss man sich gewöhnen bei Marc von Henning, der sich mit seinen Shakespeare-Nacherzählungen einen Namen gemacht hat, in Stuttgart, Hamburg, zuletzt in Athen ("Der Kaufmann von Las Vegas"). Das Ergebnis wirkt wie ein Kommentar zu den Werken des Barden, zusammengesetzt aus Probeneinfällen, dramaturgischen Fußnoten und aktuellen Ereignissen.

Die Schweriner "Sturm"-Version, die nur gute eineinhalb Stunden dauert, beginnt mit einem Vorspiel auf dem Theater. Stéphane Maeder schiebt sich durch den Samtvorhang auf die leere Proszeniumsbühne und berichtet, dass Shakespeare persönlich ihm aufgetragen hätte, noch hier und da was an der Geschichte zu ändern. Um gleich zuzugeben, das sei eine Lüge wie das gesamte Stück. Schließlich ist jede Lüge eine Erfindung, "und Erfindungen macht hier nur Prospero". Da übernimmt Ariel und berichtet dem Publikum, dass jeder Zauber aus drei Teilen besteht: dem Versprechen, der Verwandlung und der Verführung.

Von Hennings Versprechen: Uns den "Sturm" auch als Globalisierungsmärchen zu erzählen, in dem Aids und Öl, Cola und Konzerne ihren Platz haben; als ein Stück, das uns heute angeht. Seine Verwandlung: Stéphane Maeder nicht nur als Prospero, sondern auch als dessen hinterhältigen Bruder Antonio zu besetzen und zu zeigen, dass beide die Seiten eines Charakters sind; Prospero also als fehlerhaften Menschen zu skizzieren, der Caliban gegen Ende um Verzeihung bittet.

Zeigefingerndes, aber auch Überwältigendes

Und die Verführung? Da sind zum einen großartige Bilder zur minimal-artigen, zerbrechlichen Musik (The Penguin Cafe Orchestra): das leere Theaterrund. Die Schiffsbesatzung, aufgereiht vor einem zweiten Vorhang, im Sturm. This Maag im Rettungsring sitzend, der als Ferdinand Wasser zählen muss und Papierschnipsel hortet. Fallende Ascheflocken im kalten Licht. Nebel im Gegenlicht, darin zwei Verlorene. Da sind zum anderen wunderbar genau gezeichnete Figuren: Charlotte Sieglins langbeiniger Ariel etwa in violettem Trikot, Netzstrumpfhosen und sichtlicher Beule im Schritt, hinreißend lächelnd zwischen diebischer Freude und Zähnefletschen.

Oder Brigitte Peters Sekretärin Señora Gonzalo, die mit dem Zucken ihres Mundwinkels alles über die komplizierte Beziehung zu ihrem Boss Alonso erzählen kann und ihre Gesellschaftsutopie an der Rampe abgeklärt, wie über die Schulter spricht, während sich hinten Alonso und Sebastian verzweifelt prügeln. Oder Hagen Ritschels Caliban, ein harmloser Psychopath mit handfestem Mutterkomplex, in sich gekrümmt und sympathisch in seiner kindlichen Wut.

Manchmal nerven die rotzigen Dialoge, die vielen SCH-Wörter und der Globalisierungszeigefinger, und nicht immer sind alle Schauspieler in der Lage, von Hennings Weg des ironisch-ernsten Shakespeare-Kommentars überzeugend mitzugehen. Aber dann folgt eines dieser überwältigenden Bilder und schwemmt die Skepsis davon. Der erzählerische Faden reißt ohnehin nie ab.

Am Ende rufen alle nach Antonio und Prospero, die Verwirrung ist groß. Der Sturm, den Prospero und Ariel entfachten, sie werden ihn nicht los. Wie auch? Außerhalb des Theaters geht das Globalisierungsdrama weiter.

 

Der Sturm
von William Shakespeare, erzählt von Marc von Henning
Regie: Marc von Henning, Ausstattung: Florian Parbs, Video: Manos Chasapis, Melina Skoufou, Stéphane Maeder.
Mit: Stéphane Maeder, Bettina Schneider, Charlotte Sieglin, Hagen Ritschel, Jochen Fahr, Jakob E.G. Kraze, This Maag, Brigitte Peters, Johann Zürner.

www.theater-schwerin.de

 

Kritikenrundschau

In der Schweriner Volkszeitung (3.3.2008) beschreibt Holger Kankel sehr angetan den Zugriff Marc von Hennings am Mecklenburgischen Staatstheater auf Shakespeares "Sturm": "Radikal, aktuell die Weltsünden vom Klimawandel bis zur Aidskatastrophe im Blick, poetisch bis aphoristisch mit dem Textmaterial des visionären Theatermagiers spielend. William Shakespeare im doppelten Sinne aufgehoben. Und das gut." Wer mit dem Textbuch in diese Inszenierung gehe, werde schwer enttäuscht. "Ein anderer Zugang zu diesem neuen Schweriner 'Sturm'-Kommentar dürfte den Zuschauern gelingen, die den eindringlichen Bildern auf der Bühne, den wie in Stein gemeißelten Texten ihre Fantasie, ihre Weltsicht, ihre Träume und Ängste zugesellen." Auch beim wiederholten Besuch dürfte in dieser Inszenierung "noch Neues zu entdecken sein. Kann ein Theaterabend mehr bieten?"

 
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