What the fuck is Dramaturgie?

von Anne Peter

Berlin, 29. Februar 2008. "Who the fuck is Limonow?", fragte man sich insgeheim, als die Berliner Volksbühne vor zweieinhalb Wochen die recht lustige Pressemitteilung verschickte, "Volksbühnen-Autor Johann Wolfgang von Goethe" mache "nach einem Streit über notwendige Änderungen an seinen Texten" krank und habe "Berlin mit unbekanntem Ziel verlassen". "Fuck off, Goethe!" kommentierte die Volksbühne und ersetzte das geplante "FaustFaustFaust"-Musiktheater-Projekt kurzerhand durch ein neues, nur noch sporadisch musikalisch durchwirktes Projekt mit dem "überraschenden Titel" "Fuck off, Amerika".

Ebendiesen Titel trägt der Debüt-Roman eines gewissen Limonow, Eduard Limonow, der mit jener fiktiven Autobiographie in den 80er Jahren bekannt wurde, später alle möglichen politischen Extremparteiungen von ganz links bis ganz rechts austestete und derzeit Vorsitzender der Nationalbolschewistischen Partei Russlands ist. In seinem Erstling erzählt Limonow vom Emigranten-Leben des so megalomanen wie liebessehnsüchtigen Editschka, der als russischer Dichter und Dissident im New York der 70er Jahre an der Herzenskälte seiner angebeteten Helena wie dem sich als leer erweisenden Glücks- und Freiheitsversprechen des amerikanischen Systems zu zerbrechen droht.

Ein Gegenfaust am Washington Square

Im Roman taumelt der meist arbeitslose, frisch verlassene Poet – für Castorf eine Art 'Gegenfaust' – durch die Straßen des Molochs von einem Welfare-Scheck zum nächsten, kippt Unmengen Alkoholika in sich hinein und schläft den Rausch dann in seiner heruntergekommenen Absteige aus oder hängt auf irgendeiner Party, am Washington Square und diversen anderen Orten rum. Dazwischen hat er jede Menge Erektionen, abstruse Phantasien und ab und zu realen, meist schlechten Sex mit Artgenossen beiderlei Geschlechts. Das ist streckenweise sehr unterhaltsam, vor allem weil dieser unmögliche Editschka-Erzähler den zwar größenwahnsinnigen, aber ebenso selbstironischen Loser gibt.

Der genialische Schundroman bietet durchaus Stoff fürs Castorf-Theater, erzählt er doch vom Leben der Erniedrigten und Beleidigten, von Huren und Pennern, Möbelpackern und Kleinkriminellen und quillt dabei geradezu über von der Liebe für den abgewrackten Teil des Menschengeschlechts. Auf den anderen Teil ist Editschka fuchsteufelswütend und hätte am liebsten ein Gewehr, besitzt aber bloß ein Messer, das er im Stiefel mit sich herumträgt.

Flotter Dreier mit Polit-Erotik

Auf Jonathan Meeses verhältnismäßig unspektakulärer Drehbühne mit großem, weißen Multiaufklappbau (Grundriss: Eisernes Kreuz) teilt sich das auf 70er gestylte Ensemble Editschkas Geschichten über verrückte Russen oder seine hervorbrechenden politischen Radikalismen in stetigem Rollenwechsel und Figurenanrissen. Zuallererst Ex-Biberkopf Max Hopp gibt dem Ich-Erzähler ein pathetisch glühäugiges Gesicht, das zwischen gehetztem Herumgerenne und sich groß aufschwingender Pose immer wieder in Heulattacken zerfällt. Als seine vornehmlich mittels Geld erotisierte Helena spreizt Irina Kastrinidis im engen Einkaufswagen so gut es geht die Beine.

Sophie Rois lakoniert ab und zu ihren Trockenhumor hinein, darf eher wenig ausrasten und in seltenen Momenten toll singen, sich außerdem ausführlich mit Rosalind Baffoe als Schwulenpaar wälzen und sich dann mit Kastrinidis im Dreier durch politisches Schwadronieren heißreden. Und Volker Spengler ist als riesenbäuchige Tunte in hautengem Strickfummel und natürlich mit der unnachahmlichen Krakeel-Stimme ("Entschuldige mal, ich bin scharf auf dich!") ziemlich großartig. Ob der insgesamt jedoch anhaltenden Altstar-Dürre haben diesmal auch die jungen Volksbühnen-Neuzugänge Sebastian König und Christoph Letkowski reichlich Gelegenheit, positiv aufzufallen.

Juhu, der altbewährte Obstmatsch

Ein Prinzip scheint in dieser zweieinhalbstündigen, ziemlich zähen Szenenwirrnis allerdings nicht zu erkennen. Heillose Disparatheit ohne Durchblickchance. "What the fuck...?", fragt man sich immer wieder. Was verdammt noch mal will Castorf hier eigentlich? Eine durchgreifende Dramaturgenhand könnte vermutlich helfen, aus der im Roman gebrauten explosiven Mischung von Armut und Aggression einleuchtendere Funken zu schlagen. Stattdessen lässt Castorf das Potential hier oft in ungerichteter Provokation verpuffen, die kaum als solche zünden will.

So lässt er unvermittelt mit Maschinengewehrplatzpatronen in Richtung Zuschauerraum feuern (wohl weil vom späteren Limonow überliefert ist, dass er an der Seite Karadžićs von einem Hügel aus sinnlos nach Sarajewo hineinballerte). Daneben gibt es die bewährten Volksbühnen-Brüllszenen (mit eindrucksvoller Kondition: Alex Wandtke) und Obstmatsch-Orgien. Und zwischen alles sind ab und an auch noch Schumann’sche Faust-Reste geworfen. Schön und sinnfällig ist da Hopps traurig ernster Gesang auf das gefallene Helena-Gretchen, das als aufgetischte Heilig-Hure mit Obst bepackt wird.

Im Grunde hat der immer noch provokationswillige Castorf dem Provokateur Limonow aber weder etwas hinzuzufügen noch entgegenzusetzen. Was das alles nun genauer mit Amerika oder Russland oder der Emigration zu tun hat? Irgendwie "Scheiß-Emigration!". Irgendwie "Fuck off" halt, irgendwie "Fuck off, Amerika" und irgendwie "Fuck off, Kapitalismus". Ja, stimmt schon, alles ganz schön abgefuckt, irgendwie.

 

Fuck off, Amerika
nach Motiven von Eduard Limonow
Regie: Frank Castorf, Bühne: Jonathan Meese, Kostüme: Caroline Rössle Harper, musikalische Einstudierung: Timo Kreuser. Mit: Rosalind Baffoe, Irina Kastrinidis, Sophie Rois, Max Hopp, Sebastian König, Timo Kreuser, Christoph Letkowski, Volker Spengler, Axel Wandtke.

www.volksbuehne-berlin.de

 


Mehr zu Castorfs letzten Volksbühnen-Produktionen: Emil und die Detektive von Erich Kästner; Nord nach Céline.

 

Kritikenrundschau

Obwohl sich die Schauspieler ziemlich viel und exzessiv bewegten, "vor allem aber zwischen den Beinen lagen und Sex zu machen versuchten, um aus dem System Sex herauszukommen", bewegte sich an diesem Abend für Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (2.3.2008) nicht viel: "Nein, um die ganze Wahrheit zu sagen: Es bewegte sich so gut wie gar nichts, nur die alten Raster klapperten – das war die Rasselbande von den Rändern, jenen sozialen und entsprechenden psychischen Rändern, die sich wie ein Schneckenhaus zum Castorf-System zusammenkringeln." Und zwar "zu einer im strikten Sinne Volksbühne für Intellektuelle der Mittelschicht", wie Rathgeb böse hinzufügt, "die schon bei dem beliebten Wort Überschreitung leise zu stöhnen anfangen". Trotzdem plädiert er dann auf mildernde Umstände, da man möglicherweise "eine solche theatralische Berliner Bataille & Co.-Version auch als eine Art Subventionsselbstkritik" verstehen könne: "Wie komme ich aus dem System raus, wenn ich selbst das System bin?", auf die hier jedoch lediglich mit "affirmativem Beifall" reagiert werde statt "mit kritischen und insofern erlösenden Buhrufen."

Der Stoff sei gut, was Castorf daraus mache weniger, befindet Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (2.3.2008). Denn es bleibt ihr unklar, was hier eigentlich erzählt werden solle. Zwar ließen sich fast alle Versatzstücke aus Eduard Limonovs Buch und Biografie "irgendwie auffinden", etwa in dem "selbstmitleidig greinenden Gesicht von Max Hopp als Editschka oder in den von zwei Jungschauspielern gen Publikum abgefeuerten Maschinengewehrsalven". Volker Spengler hat "in einem reizenden Häkelüberwurf" für sie ebenso einen gewissen Wiedererkennungswert, wie Sophie Rois, die "mit ihrem wunderbaren Tremolo über Penisgrößen", Revolutions- und Terrorgeschichte sinniert. Für kurze Vitalitätsschübe an diesem Abend sorgen u.a. eine weibliche Massenkopulation und ein Kurzauftritt von Jonathan Meese, den Wahl insgesamt jedoch als "kraftlose Reanimation bewährter Castorf-Stilmittel" empfand.

Castorf mache aus Eduard Limonovs "hart aufs Wesen des Kapitalismus und die innersten Verwerfungen der globalisierten Welt zielenden Systemkritik" einen zotigen Kindergeburtstag, schreibt Wolfgang Höbel bei Spiegel Online (1.2.2008) Aber immerhin herrscht für Höbel am Rosa-Luxemburg-Platz "jenseits des Altherrenwitzes auch jede Menge echter, süßer Spaß an diesem Abend." Zum Beispiel wenn Russendisko ist: Da hört Höbel dann "die prächtig aufgelegten Schauspieler alte Popsongs intonieren. Einmal sieht er sogar Jonathan Meese selber auf die Bühne schleichen, und zwar als Früchtelieferant: "Leckerlecker Melone" und "Apfelsinen, wie saftig" hört er ihn "aus seinem Waldschratbart" flöten, was Höbel schließlich zu der Erkenntnis führt, dass hier womöglich "die nette, harmlose, total erfreuliche Botschaft" dieses Abends steckt: "In der zuletzt von künstlerischer Austrocknung bedrohten Volksbühne protzen Castorfs verbliebene Kampfgenossen jetzt wieder mit Saft und Kraft." Fazit: so penetrant gut gelaunt sei man in der Volksbühne schon lang nicht mehr gewesen.

Ähnlich hoffnungsvoll ist Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau (3.3.2008): "Es funktioniert wieder." Denn es gebe "wieder Lebensgefühl" und "Team Spirit" in der Volksbühne, auf der lediglich Irina Kastridinis "eine Schwachstelle" bleibt: eine "laienhaften Darstellerin, zum Lookalike von Kathrin Angerer herangezüchtet, die aber deren Charisma bloß in Vulgarität übersetzt". Dagegen lobt Kohse die jungen Neuzugänge Sebastian König und Christoph Letkowski, "die beim Bühnen-Punk der Altstars oder Altstar-Doubles" durchaus mithalten könnten und ihn zugleich erdeten. Neben den typischen Elemente des "Castorftheaters, das immer aussieht wie eine Betriebsfeier kurz bevor der Alkohol alle ist", sei hier diesmal noch mehr, nämlich "Ironie mit Herz". Immer noch sei es "lustig und zeichenhaft überkomplex. Aber die Angst vor Gefühligkeit ist weg", dank "zart rauchender Vulkane", Hopps Faust-Lied und Meese, der nicht nur Obst bringt, sondern "dem Regisseur beim Applaus die Hand" küsst. "Was den Inhalt trotzdem nicht völlig erschließt, aber angenehm entspannt ist in seiner ganzen Brüchigkeit."

Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (3.3.2008) hat sich zusätzlich die musikalischen Überbleibsel des Faust-Projektes angesehen, die nun einstündig "als schnodderiges Faust-Bashing des eingesprungenen, ratlosen Dramaturgen Maurici Ferré" auf der Hinterbühne erklängen. Das "gespenstische", für den "Kritzler" Meese untypische Bühnenbild" sei hingegen der stärkste Mitspieler in der Castorf-Inszenierung, in die der Regisseur die "Realgeschichte" Limonows von Beginn an mit hineingenommen habe, "weshalb Edis Geschichte hier auch als großer Abgesang auf alle exzentrischen Formen antibürgerlichen Protests erscheint". "Als heruntergekommener Bohèmien-Faschist" ließe Max Hopp seine Stimme überschlagen, "als sei er Martin Wuttke persönlich" und pendele "seinen Unterarm wie Goebbels aus", wodurch er Editschka "als traumreales Kunstgewächs" präsentiere, "das zum Überschreitungsmonster geworden ist".

Unglaublich angeödet gibt sich indessen Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.3.2008), wo er vor allem auf die Differenz zwischen dem Real-Provokateur Limonow und den wenig gefährlichen "Radikalinski-Posen" Castorfs abhebt. "Fuck off, Amerika" sei als Parole "in Berlin-Mitte jederzeit konsensfähig" und schrumpfe die in Putin-Russland "riskante Provokation" Limonows in der Volksbühne "zum szenetypischen Unterhaltungsprogramm, das es sich in der Selbstreferenz gemütlich gemacht hat. Von der Wirkung, die Limonows Schockspiele entwickeln", sei das "unendlich weit entfernt".

Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.3.2008) ist das Ganze denn auch bloß eine kurze Glosse wert. Der Regisseur blecke "lustlos die Zähne, möchte vielleicht ein wenig spielen, doch sicher niemanden mehr beißen", so baz (vermutlich Irene Bazinger). Mit "bemühter Ruppigkeit" würden Limonows Geschichten "mechanisch und trist nacherzählt". Das ist der Kritikerin definitiv nicht genug.

 
Kommentar schreiben