Rückwärtsslalom durch umwölkte Vergangenheit

von Dieter Stoll

Nürnberg, 11. April 2015. Vater und Sohn, Mitte siebzig und Ende dreißig, haben aktuellen Gesprächsbedarf, sich aber nichts zu sagen. Die Ehefrau und Mutter, zu Lebzeiten ständige Vermittlerin zwischen den beiden zerstrittenen Herren, wurde soeben bestattet – jetzt geht es um Familien-Abrechnung, im übertragenen wie im konkret finanziellen Sinn.

HaseAxt 1744 560 Marion Buehrle uGenerationskonflikt vor verblassender Gedächtniskulisse: Rainer Matschuck und Marco Steeger
© Marion Buehrle 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Papa war ein linker Gewerkschafter, was auch noch im Rentner-Wohnzimmer zu singbarer Agitation mit "Vorwärts und nicht vergessen" führt, während der neoliberale Junior auf Schnösel macht und im Immobilienhandel gelernt hat. Wenn sie reden, ist die Struktur des Gedankenaustauschs unvermeidlich: "Schweigen", "langes Schweigen", "betretenes Schweigen". Das deutet beiderseitig auf emotionale Blockaden hin, ist  aber beim Alten eben auch erstes Anzeichen von Demenz.

Der ignorante Sohn, der dem Witwer gleich mal eine Patientenverfügung empfiehlt und zur Linderung eigener Geschäftsdefizite nach Mamas Millionen-Erbe sucht, bemerkt das erst fünf Szenen später. Danach, im Pflegeheim als Endstation-Schauplatz, kommt man sich näher, das Mitgefühl wird in der Dämmerung neu justiert. "Meine Erinnerungen", sagt der Vater in einem Anfall von Winnetou-Romantik, "reisen schon mal vor – ich bleibe noch ein bisschen". Sohn und Publikum sind gerührt.

Poetische Wortgefechtsbereitschaft

Sachbuch-Bestseller Jörn Klare ("Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand") ergänzt seine kenntnisreiche journalistische Aufarbeitung vor dem Hintergrund eigener Familien-Erfahrung in diesem Jahr mit zwei Theater-Varianten zum Trend-Thema Alzheimer. Da muss er sich, im auch nicht immer zitatensicheren Zuschauerbewusstsein, durchschlängeln zwischen den Erinnerungsfetzen an Walter Jens (Realität) und Dieter Hallervorden (Kino). Erst im Januar ließ er in Karlsruhe ein Mutter/Tochter-Paar gegen das Vergessen ankämpfen ("Du sollst den Wald nicht vor dem Hasen loben"), jetzt folgte in Nürnberg also das Vater/Sohn-Duell mit "Der frühe Hase fängt die Axt".

Die schrägen Titel verweisen aufs therapeutische Konzentrationsspiel "Sprichwörter vollenden", das als überdosierte Humor-Zugabe (Highlight: "Andere Länder, andere Titten") wie Staubzucker über dem Abgrund schneit. Weil der Generationskonflikt im harten Kern der Dialog-Dramen sogar ohne das spezielle Krankheitsbild kaum zu knacken wäre, und der Text das zumindest anklingen lässt, sei beiden Stücken eine übergreifende Zyklen-Rubrik spendiert: Aller Anhang ist schwer.

Der Autor – erkennbar bemüht, seine unbestreitbare Sachkenntnis mit poetischer Wortgefechtsbereitschaft in Bühnen-Stellung zu bringen – schickt die Männer in einen Rückwärts-Slalom durch die umwölkte Vergangenheit, ehe er ihnen mit entschlossen aktiviertem Optimismus das kleine Eckchen Rest-Zukunft zuweist.

Wissen, wo der Hammer hängt (und auch die Sichel)

Tonbänder mit einem alten Hörfunk-Interview ("Wahrheit am Vormittag" soll die Sendung damals geheißen haben, womöglich nicht mal Satire) werden im Nachlass gefunden, der "undogmatische Linke" mit gesinnungssicherer Anstellung in der "Pflasterstrand"-Redaktion tauschte da im Geburtsjahr seines Sohnes per Radio-Proklamation den eigenen Nazi-Vater gegen das Idol Adorno. Zurück in der Zukunft wird sich herausstellen, dass er, der doch immer wusste "wo der Hammer hängt – und auch die Sichel", das Vermögen seiner Frau für Nicaragua gestiftet hat. Eine "Wasserkooperative" dankt schriftlich, der inzwischen weiter ins Nichts gerückte Spender versteht nur verwundert "Wasserlokomotive".

Zuvor bringt die gemeinsame Erinnerung an goldene Nürnberger Fußballjahre (Und jetzt alle: "Die Legende lebt/Wenn auch die Zeit vergeht") trotz des Club-Schals nur bedingt familiäre Wärme. Die gibt es erst, wenn die permanente Lust auf Käsebrote endgültig alle Polit-Theorien überlagert und der Sohn mit Blick auf den dämmernden Vater für sich "die fette, fiese Endstufe von Erwachsenwerden" akzeptiert.

Die Hoffnung darf schimmern

Kathleen Draegers Uraufführungs-Inszenierung sucht die Balance zwischen Tragik und Wortspielerei, die der Autor selber nicht so recht finden konnte, im Schwebezustand des Bühnenbildes. Franziska Isensee hängt für Wohnstube und Pflegeheim einen halben Meter über dem Boden die Einheits-Plattform mit Opa-Sessel auf, Auslaufmodell fürs Auslaufmodell. Darüber schweben Möbel, Lampen, Schreibmaschine und Telefon wie ein Requisiten-Mobile der Vergangenheit. Wer daraus die Erwartung von Metaphern ableitet, muss bis zum Schlussbild warten, wo es ins offene Ende Kalenderblätter regnet.

Dazwischen setzt die Regie strikt auf Glaubwürdigkeit der Figuren – und kann das mit Rainer Matschuck und Marco Steeger wunderbar umsetzen. Zwei feinfühlige Schauspieler, die im polternden Streit Anlauf nehmen für den Aufschwung zur Grotesken-Zuspitzung und von dort weich ins Schicksal fallen. Die Hoffnung darf schimmern, wenn beide ihre Angst eingestehen – und sentimental ist das absolut nicht. Denn während man noch überlegt, ob die Inszenierung durch flinkes Überspielen der Pointen-Angebote des Autors oder mit den schnell überbrückten Bedeutungspausen womöglich Effekte verschenkt, zieht sie den Zuschauer wie selbstverständlich in den Sog zunehmend entspannter Stimmung.

Keine Totenmesse, eher die Versöhnung mit dem Leben. Besseres konnte Jörn Klares Stück gar nicht passieren.

 

Der frühe Hase fängt die Axt
von Jörn Klare
Uraufführung
Regie: Kathleen Draeger, Ausstattung: Franziska Isensee, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Rainer Matschuck, Marco Steeger.
Dauer: 1 Stunden 25 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (13.4.2015):  Ein "leichfüßiger Text", ein "gut verdaubares Well Made Play" über ein schweres Thema, das die Wärme, die aus "dem Abschied vom Intellekt erwächst", in den Vordergrund rückt. Regisseurin Kathleen Draeger habe daraus ein "konzentriertes Vater-Sohn-Spiel gemacht", mit einem Bühnenbild voller schwebender Möbel aus vergangenen Zeiten. Die beiden Darsteller spielten das "Schwanken zwischen Witz und Trauer und die plötzlich mögliche Annäherung mit überzeugender Hingabe".

Wolf Ebersberger schreibt in der Nürnberger Zeitung (13.4.2015): Ein kleines, "aber kluges Stück", eine "gefeierte Premiere", ein "schöner Erfolg für die junge Kathleen Draeger", die mit ihrer ersten größeren Regiearbeit am Haus "viel Fingerspitzengefühl und auch Sinn für formale Gestaltung" beweise. Ihre zwei "unschlagbaren Trümpfe": die Schauspieler Marco Steeger und Rainer Matschuck. Sie machten aus dem Zwei-Personen-Stück eineinhalb Stunden "großes Menschentheater", bei dem Komik und Tragik nahe beisammenlägen, das erheitere, zu Tränen rühre und sein Thema "punktgenau und ohne einen einzigen falschen Ton" behandele.

 
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