An Utopien totgesoffen

von Cornelia Fiedler

München, 10. April 2015. Aus fünf Zutaten besteht das Leben, sagt Fritz Kater und Regisseur Armin Petras stimmt seinem bewährten Dramatiker-Alter-Ego vollumfänglich zu. Die Zutaten heißen Utopie, Phantasie, Liebe und Tod im praktischen Doppelpack, dazu noch Instinkt und Sorge. So steht es in den Zwischentiteln des Koch- beziehungsweise Textbuches mit dem sinnfälligen Titel "Buch" und seinem klärenden Zusatz "5 Ingredientes de la Vida". Es könnten aber genauso gut drei oder sieben Zutaten sein, gibt Petras im Programmheft zu bedenken.

Die schöne Idee von der technisch verbesserten Gesellschaft

Um über die genaue Zusammensetzung zu sinnieren, bietet diese gewohnt sprachmächtige, aber seltsam zusammengewürfelt wirkende Uraufführung in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele vier Stunden lang reichlich Gelegenheit. Bald kursieren im Publikum wilde Vermutungen: Auch Bier scheint eine elementare Zutat zu sein, Milchpulver, Lederjacken, auf jeden Fall die Sex Pistols und Coca Cola. Klar ist am Ende vor allem eines, die Zutaten zu kennen, garantiert nicht, dass so ein Leben auch nur ansatzweise gelingt.

Buch 2 560 Conny Mirbach xEiszeit: Ursula Werner und Thomas Schmauser © Conny Mirbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Anfang steht dunkle Leere. Das Publikum tappt unschlüssig und schutzlos im Raum herum und die Welt wird erst mal reduziert auf vier große Screens an den Wänden, hoch über den Köpfen. Aus allen Himmelrichtungen plaudern von dort die Teilnehmer einer wissenschaftlich-politischen Männer-Salonrunde aus dem Jahr 1966 auf uns hernieder. Ihr Thema lautet "Utopie". Die Mondlandung ist bereits denk- aber noch nicht machbar und die Zukunftseuphorie generell groß. Auch wenn die beiden zu Dekorationszwecken anwesenden Frauen, beziehungsweise Bunnys, dem utopischen Geschwafel irgendwann ein abruptes Ende setzen, die schöne Idee von der technisch verbesserten Gesellschaft und vom neuen Menschen, bleibt als Grundmotiv dennoch im Raum. Gemessen an den folgenden vier Episoden, stehen ihre Erfolgschancen allerdings miserabel.

Massakerverursacher Mensch

Einer aus der illustren Gesprächsrunde, Forscher Ernst, anrührend vergeblich gespielt von Ursula Werner, taucht noch in zwei weiteren Episoden des Abends auf, bis er sich und seine Utopien endgültig totgesoffen hat. Das bietet Gelegenheit für lange Szenen voll unterhaltsam aufgekratzer Ostalgie. Denn während Papa zwischen Kneipe, Entzug und Weltverbesserung pendelt, lernen die Kinder alleine zu leben, zu feiern, zu knutschen und sich gegenseitig weh zu tun: "Liebe und Tod" eben. Aus dem DDR-Wissenschafts-Setting, einem wiederkehrenden Thema im Kater-Petras-Kosmos, springt die Handlung dann weiter nach "West-Tansania oder Hauptbahnhof Essen".

Dafür werden die Sitzbänke neu angeordnet, die circa eine halbe Stunde nach Beginn herein geholt und arenaförmig aufgestellt worden waren. Unter der Überschrift "Instinkt" spielen, wirbeln und akrobatisieren nun Max Simonischek, Edmund Telgenkämper und Svenja Liesau (Schauspiel Stuttgart) durch einen schmalen Korridor aus staubig gelbem Licht. Erzählt wird hier mit großem Körper- und Lederjackeneinsatz eine Elefanten-Fabel inklusive Sex und Gewalt. Der Mensch kommt darin nur als Verursacher von Massakern vor, die Überlebenschancen für die sympathische, leicht gehbehinderte Elefantenkuh stehen schlecht. All das kommt extrem bedeutungsschwer daher, erlaubt aber vorerst keine großen Erkenntnisse.

Effekte, Themen, bedeutungsvolles Raunen

Als fast einstündigen Schlusspunkt setzt Petras nach der Pause noch das Ehedrama "Sorge": Die Beziehung zwischen einem Künstler-Mann und einer Mutter-Frau droht an der Krankheit des gemeinsamen Kindes zu zerbrechen. Die kalte Distanz zwischen ihm (Thomas Schmauser) und ihr (Anja Schneider) scheint nur überwunden, wenn beide in die Albereien und Rollenspiele aus der Zeit ihres Kennenlernens zurückfallen. Plötzlich darf etwas unerwartet Menschliches, Unverkrampftes und Berührendes entstehen. Solche kleine seltsam freie, spielerische Momente gibt es immer wieder in Petras' Inszenierung. Damit angefangen haben Ursula Werner und Thomas Schmauser in der Episode "Phantasie": als Kinder, die die einsame Wartezeit am Bahnsteig und die Angst, dass ihre Mutter nicht mehr auftaucht, ganz wörtlich über-spielen.

Während alle ernst gemeinten Versuche, das Leben zu leben, letztlich scheitern, bietet also nur das Spiel, nur die Phantasie einen Ausweg? Dafür sind die kleinen, oft fast intim wirkenden Fluchtmomente allerdings gut versteckt, in einer Inszenierung, die mit großem Getöse sämtliche Mittel von Tanz über Livemusik (Miles Perkin) und Video (Rebecca Riedel) bis hin zur klingenden Mammut-Metall-Skelett-Installation auffährt. Der Abend ist überladen mit Effekten, Themen und kryptisch bedeutungsvollem Raunen. Da lässt sich schwer vermeiden, dass er immer wieder in seine Bestandteile – oder Zutaten – zerfällt. Stück und Inszenierung, Kater und Petras wollen zu viel auf einmal.

 

Buch (5 Ingredientes de la Vida)
von Fritz Kater
Uraufführung
Regie: Armin Petras, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Patricia Talacko, Livemusik: Miles Perkin, Video: Rebecca Riedel, Choreographie: Berit Jentzsch, Licht: Jürgen Kolb, Gregor Roth, Dramaturgie: Tobias Staab, Jan Hein.
Mit: Svenja Liesau, Miles Perkin, Thomas Schmauser, Anja Schneider, Max Simonischek, Edmund Telgenkämper, Ursula Werner.
Dauer: 4 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de
www.muenchner-kammerspiele

 

Kritikenrundschau

Manchmal findet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.4.2015) das, was bei Petras/Kater in "Buch (5 ingredientes de la vida)" passiert, "aufwühlend und umwerfend", wenn sich nämlich Petras "als wunderbarer Menschenversteher" zeige. Gleichwohl sei das Meiste "unscharf und verwirrend", was "an der Struktur von Katers Elaborat" liege. "Episches steht neben Drama, Chorisches neben Dialog, jede Form wird ausprobiert, und da kommt auch schon ein metaphorisches Märchen als Menetekel vom Untergang der Natur, eine traurige Geschichte unter Elefanten, in der die Darsteller Elefanten spielen, ohne jedes Augenzwinkern, da glaubt man Petras oder Kater oder beide von allen guten Geistern verlassen." Und man wundere sich "wie so grandiose Momente in einem so merkwürdigen Ganzen untergehen können wie die Würstel in der Erbsensuppe".

Petras alias Kater wolle "viel mit seinem Stück und vielleicht will er manchmal auch ein bisschen zu viel", meint Sven Ricklefs auf der Website des Deutschlandfunk (Zugriff 13.4.2015). "Buch" sei "ein Episodenparcour durch 50 Jahre, von den fortschrittsgläubig und utopiebesoffenen 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts bis hinein in unsere ebenso desillusionierte wie verzweifelte Endzeitstimmung heute." Petras wolle "die Utopie für tot erklären und ein Loblied singen auf die Fantasie, er will der Conditio humana schlechthin auf den Grund gehen, er will der malträtierten Natur das Wort erteilen (...)". "Wäre da nicht ein wunderbares Ensemble, man würde die Anstrengung noch stärker spüren, die das Stück 'Buch' nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch unbedingt über die Grenzen des Gewöhnlichen tragen will und die es manchmal auch geschwätzig und verquast macht."

Das Konzept der Aufführung sei "fordernd wie das Leben selbst", schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (13.4.2015). "Doch fehlt der Fokus, daher ist der Abend oft zäh und enervierend." Die "Massivität des Textes" könne "nicht darüber hinwegtäuschen, dass 'Buch (5 Ingredientes de la vida)' inhaltlich ein Dünndruck ist – aufgeblasen, ohne wirkliche Substanz, reichlich banal. Ein (Lebens-)Zeit fressendes Monster. Trotz Befindlichkeitsberichten gelingt es Katers Vorlage kaum, Interesse an Figuren oder Themen zu wecken. Vieles wird angetippt, nichts vertieft: Weiter wabert der Text, immer weiter." Den "süffigsten Teil der Inszenierung" bildeten immerhin "jene Szenen, die im Osten Deutschlands in den Achtzigern spielen."

Es werde "an diesem Abend viel geboten auf der Bühne", meint Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (13.4.2015). "Was genau, weiß man als Zuschauer freilich nicht immer. Man muss dechiffrieren und assoziieren, analysieren und kombinieren, abstrahieren und fantasieren (...) Tut man's nicht, dann geht man an diesem Abend der großen Ambitionen nicht nur baden, sondern unter." Müller freut sich aber darüber, dass "sämtliche Darsteller mit ihrem Spielwitz für die beschworene Kraft der Fantasie" einstünden. Er fragt sich indes auch, "warum bloß dieses 'Opus magnum' in München uraufgeführt" werde? "Und nicht in Stuttgart, wo Armin Petras immerhin einen gut dotieren Arbeitsplatz als Intendant hat?"

Von "der dramaturgischen Willkür" seien die fünf Mini-Dramen von "Buch" nur durch ihren Untertitel getrennt, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.4.2015). "Die universelle Klammer also, das Buch des Lebens" sei Katers Gegenstand. Grenzmann findet in den fünf Teilen äußerst Unterschiedliches, mal sei etwas "volksstückhaft rührend", stehe "aber nicht exemplarisch für eine Dekade", mal sei etwas "atmosphärisch dicht", und mal stört sie sich an der "(Auf-)Dringlichkeit)" und wird kalt gelassen.

 
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