Der Spiegel nur, auf dem Narziss sich küsst

von Daniela Barth 

Hannover, 29. Februar 2008. Er ist ein Klotz, sie eine Elfe. Spätestens wenn Christoph Frankens "Fuck"-fluchender Ferdinand im 1. Akt grobschlächtig skandiert: "Liebt mich meine Luise noch?" und dabei seine Pranken um den zarten Nacken der nymphengleichen Picco von Groote schlingt, die jene Liebesattacke indes würdevoll heiter – weil eben auch liebestoll – hinnimmt, spätestens dann wird Nuran David Calis' Regieansatz in der jüngsten Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" im Schauspiel Hannover transparent.

Dieser Ansatz entspricht nun ganz und gar nicht der Idee des Autors: Vieles, was aus Friedrich Schillers Feder floss, war idealisiert. So erhob er das Verhältnis der Bürgerstochter Luise Miller mit dem Adligen Ferdinand von Walter – eine standesgemäß unmögliche Verbindung – in eine Sphäre unantastbarer reiner Seelenliebe. Wenn der renitente Adelsspross sich gegenüber der englischen Mätresse Lady Milford als "deutscher Jüngling" mit all den hohen stolzen Tugenden rühmt, dann ist das durchaus ernst gemeint.

Luise kommt als Abbild der unberührten Jungfrau mit den unschuldigen Vergissmeinichtaugen daher. Oder gar ihr Vater, der alte Miller, der bei Schiller aufrechten Rückgrats bis zum Schluss das bravste Exemplar von liebendem strengem Papa einerseits und ehrbarem Bürger andererseits darstellt – um die verrottete und schändliche  Moral des oberen Standes zu entblößen. Schwarz-Weiß-Malerei zu Zeiten des Sturm und Drang.

Flatterhaftes. Schaurig Schleierhaftes

Nuran Calis hat jenes Trauerspiel auf überraschende und spannende Weise ins Heute hinüber geholt. Er setzt den Hebel psychologisch an und nimmt seinen jugendlichen Protagonisten beim Wort. Was auch bedeutet, dass er den zwar gekürzten, aber ansonsten authentischen Schiller-Text nutzt. Nur zwei kleine Monologe reichert der Regisseur am Ende an sowie eine Schlagerparade des äffischen Hofmarschalls von Kalb (damit ein bissel Komödie durchblitzt), ansonsten ist die Handschrift sehr klar und straff.

"Ich schau durch deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten", so Ferdinand zu Luise. Transparenz respektive vermeintliche Transparenz. Die zieht sich wie der Ariadne-Faden durch die Inszenierung. Beginnend bei Irina Schicketanz' Bühnenbild: Drei riesige, halb durchscheinende versetzt hängende Vorhänge auf der ansonsten spartanisch ausgestatteten Bühne, die sich mal wie die Häute einer Zwiebel aufschälen, um verborgene Räume brutal zu öffnen, sich dann wieder schließen, um Schemen und Schatten Gestalt annehmen zu lassen, und die zudem als Projektionswände für gut gemachte und sensibel eingesetzte Video-Einspielungen dienen. Sie verleihen der Bühnenrealität zeitweise etwas sehr Schmiegsames, Flatterhaftes und schaurig Schleierhaftes.

Ein Fatzke, ein Tollwütiger. Man mag ihn nicht.

Calis' Hauptaugenmerk richtet sich auf die Frage: Wie liebt Ferdinand? Er liebt wie ein – übergewichtiger – tollwütiger Narziss. Der Eindruck verstärkt sich von Szene zu Szene: Man mag diesen eitlen Fatzke, diesen Selbstverliebten, der fast schon autistische Züge aufweist, einfach nicht. Überraschend tut sich da auch eine Parallele zu Ferdinands Widersacher und Nebenbuhler Wurm auf, durch dessen Intrige die ganze Sache erst ins Rollen gerät. Die beiden ähneln sich in ihrer rücksichtslosen Art, zu lieben. Wobei Daniel Lommatzsch Wurm trotzdem als geradezu gequälte Kreatur zeigt und dadurch erfrischend mit dem Klischee des schleimigen Sekretärs bricht, der sich nur nach oben dient.

Luise scheint für Ferdinand nicht mehr und nicht weniger zu sein, als die Projektionsfläche seiner selbst. Im übertragenen Sinne ist sie die Wasseroberfläche, die der in sich selbst verliebte Narziss küsst, wobei er ertrinkt. Alles gerät ins Schwanken, wenn Luise auf seine Frage, ob sie ihn noch liebe, nicht mit einem glasklaren "Ja" antwortet. Und das kann sie nicht, denn sie – der stärkste und ehrlichste Charakter im Intrigantenstadl – besitzt Mitgefühl. Und sie liebt ihre Eltern. Das wird ihr zum Verhängnis.

Wie ein Berserker buhlt Christoph Franken um Anerkennung durch radikale Liebe, und wenn seine Liebe dann umschlägt in Eifersucht, verletzte Eitelkeit und Hass und jener dicke, verzogene wiewohl gescheite Bursche die perfide Teufelei des Giftmordes an Luise und sich ausheckt – dann glaubt man ihm um so mehr. Sein letzter Satz ist die alles entscheidende und alles erklärende Frage: "Aber warum fühl' ich nichts?"

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Silke Rekort, Musik: Vivian Bhatti, Video: Karnik Gregorian.
Mit: Moritz Dürr, Christoph Franken, Bernd Geiling, Picco von Groote, Natalie Hanslik, Daniel Lommatsch, Marcel Metten, Martina Struppek, Oda Thormeyer.

www.schauspiel.hannover.de

 

 

Kritikenrundschau

Simone Kaempf erinnert in der taz (3.3.2008) daran, dass Calis für sein "Frühlings Erwachen" vor einem Jahr am gleichen Ort als Regisseur gefeiert worden war, mit dem "der Selbstbehauptungston der Straße ganz selbstverständlich Einzug ins Theater" genommen hätte. Aber diesmal: statt der Kraft jugendlicher Schwärmerei, die durch Unsicherheit und Angeberei immer wieder ins verzweifelt Aggressive umschlugen" ganz viel "zierliche Sinnlichkeit" mit Pirouetten, Weichzeichner-Gaze und Erik Satie zu Beginn. Das ist aber leider ein ungutes Vorzeichen, denn der "Schillersche Klassiker bleibt an diesem Abend ein Klassiker, der nur mühsam Anschluss findet an die heutige Zeit, aber mit der Zeit seiner Entstehung auch nicht mehr viel zu tun haben will." Alles ist zu gefällig, zu offensichtlich, zu eindimensional für Frau Kaempf. Auch die leicht bearbeitete Text-Sprache sei nicht aus "echtem Fleisch und Blut", aber auch "ihre Fremdheit schlägt keine Funken". Selbst wenn Liebesgewissheit und Liebesverunsicherung aneinander geraten, reiche das Ergebnis nicht an "jenen von Gefühlen unterfütterten Extremismus" heran, von dem "Kabale" erzählen könnte.

"Warum fühle ich nichts?", fragt der Ferdinand der Aufführung und Rainer Wagner kann das nachfühlen: Die Aufführung verführe vor allem zum Nachdenken, aber sie berühre zu selten, konstatiert er in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (3.3.2008). Dabei dürfe man ja eigentlich der "längst nicht mehr selbstverständlichen Demut" des Regisseurs gegenüber dem Text dankbar sein. Wo es bei Schiller stürme und dränge, müsse sich allerdings hier "Gefühl erst anstauen, bis es sich entlädt". Von Schillers Sprache werde gelegentlich "das Kantige, Sperrige der Verständlichkeit geopfert", doch das sei "in Ordnung". Aber gerade weil die Sprache ausgestellt werde wie "Preziosen auf schwarzem Samt", sei "unüberhörbar, dass der ureigene Schillerton auch (und gerade dann) ein Problem bleibt, wenn man ihn säkularisieren will. Es wird oft zu leise gesprochen, und, wenn es laut werden muss, wird verhalten gebrüllt (und gespuckt)."

 

 
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