Angriff der Samen-Räuber

von Alexander Kohlmann

Hannover, 12. April 2015. Beim ersten Kuss brennen die Synapsen durch. Das Licht flackert rötlich und droht ganz zu erlöschen, als die Alien-Braut im Bikini den zarten David küsst. Der lässt den Übergriff mit weit von sich gespreizten Armen geschehen, tritt nur einmal einen Schritt zurück und stellt fest, "ich küsse ein Mädchen". Währenddessen küsst Zelda (Sophie Krauß) einfach weiter, züngelt wie eine Schlange konzentriert ins Leere, bevor David (Jonas Steglich) wieder zurück in die Szene tritt.

Sensor für genetische Eignung

Natürlich fühlt die Alien-Braut bei alledem gar nichts. Mit der Zunge als Sensor wollte das Mädchen mit den Dreadlocks ihrem Pudin (Alien-Sprache = Sklave) demonstrieren, wie sie herausfindet, ob jemand genetisch zu ihr passt. Ob der sich von der halbnackten Frau aufgefressen fühlt – wen kümmert das.

Gary Ghislains Roman über die Außerirdische, die auf die Erde kam, um Johnny Depp als unfreiwilligen Samenspender auf ihren Heimatplaneten zu entführen, ist nur scheinbar ein Teenager-Roman im extraterrestrischen Gewand. Es geht um mehr. Geschrieben nicht ganz zufällig in Schweden, zeigt der Autor mit Zeldas Heimatplaneten die ultimative Pervertierung des feministischen Projekts. Eine Welt voll radikaler Männer-Hasserinnen, die das andere Geschlecht entweder töten oder in einer Art Zoo für die Fortpflanzung halten.

johnnydepp1 560 KarlBerndKarwaszuIntergalaktische Prügelei: Sarah Franke vs. Sophie Krauß © Karl-Bernd Karwasz

Kaulquappe-David im Schlafanzug

Ab und zu wird eine Agentin wie Zelda auf die Erde geschickt, um Männer-Nachschub zu akquirieren. In diesem Fall ist eigentlich Jack Sparrow ihr Ziel-Objekt. Doch während an einer verschlungenen Decken-Schiene Requisiten wie in einer gigantischen Reinigung ihre galaktischen Kreise ziehen, verschieben sich auf der Erde die Dimensionen. Denn Zelda, die eine Außerirdische sein will, empfindet sehr wohl etwas für das Konzept "Mann", das ihr, in Form des pubertierenden David, vor die Zunge tritt. Auch wenn dieser, zugegeben, noch nicht ganz fertig ausgebildet ist.

David wiederum braucht keine Aliens aus dem All, um die Welt um ihn herum intergalaktisch zu empfinden. Seine Mutter, immer auf der Jagd nach dem neuen Gucci-Kostüm, das neben Pariser Straßenschildern unter der Decken-Schiene seine Kreise zieht, ist in ihrer zeternden Aufgedrehtheit ebensowenig zugänglich wie der Psychotherapeuten-Vater. Sarah Frank spielt den Inbegriff des entmannten Vater-Ausfalls, der über seinem gepflegten Cognac-Glas dem ganz irdischen Alien in Gestalt seiner Frau wenig entgegenzusetzen weiß.

Bleibt noch Malou, die vernachlässigte Tochter von Gucci-Mamas neuem Freund, die sich trotz ihres ausschweifenden Sexuallebens einen Planeten ohne Männer eigentlich ganz gut vorstellen kann. Nur, was wird dann aus Kaulquappe-David – so nennt sie den Jungen im Schlafanzug-Kostüm –, dem sie eine zugeneigte Schwester ist?

Provokativ-sexuell wird klein-klein

Intendant Lars-Ole Walburg inszeniert den Roman, wie er im Buche steht, der Text ist temporeich gekürzt und alle Figuren auf drei Schauspieler verteilt – trotzdem sind die wesentlichen Elemente erhalten geblieben. Sogar die Comic-Leidenschaft, die den Autoren Ghislain und sein Alter Ego David untrennbar verbinden. Etwa wenn Zelda Malou verprügelt und wir zwischen den Blacks immer nur eingefrorene Bilder des "CRASHHH BOOM BANNNG" zu sehen bekommen.

Formal und inhaltlich also alles stimmig, trotzdem bleibt die Inszenierung hinter dem Wahnsinn der Vorlage zurück. Die grenzüberschreitende, provokativ-sexuelle, sprachlich-gewalttätige Alien-Story ist auf der Bühne im irdischen Klein-Klein angekommen. Die dauernde Nacktheit und die pubertierend-männliche Lust am Körper der Alien-Braut verschwinden hinter der ziemlich irdischen Bühnen-Zelda. Die spielt Sophie Krauß weniger als eine extraterrestrische Ikone denn vielmehr als ein Mädchen mit emotionalen Problemen vom Planeten Nachbarwohnung.

Dieses Ankommen in der Wirklichkeit nimmt dem Roman vieles von dem, was ihn auszeichnet: ein ungeschminkter Blick auf den Irrsinn im Kopf eines Vierzehnjährigen und ein wirklich böser Seitenhieb des Autors auf eine pervertierte Form des Feminismus. Als zum Schluss die Spieler auch noch ihre Rollen verlassen und in einer behaupteten Privatheit Geschichten von ihrem ersten Mal erzählen, sind wir aus den Sternen ganz banal in der Hannoveraner Wirklichkeit angekommen.

 

Wie ich Johnny Depps Alien-Braut abschleppte
von Gary Ghislain, Übersetzung: Ann Lecker
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Nina Gundlach, Dramaturgie: Janny Fuchs.
Mit: Sophie Krauß, Jonas Steglich, Sarah Franke.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, kein Pause

www.staatstheater-hannover.de/schauspiel

 

Kritikenrundschau

"Großartige Wandlungsfähigkeit" der Akteure (insbesondere von Sarah Franke) und eine alles in allem "selbstbewusste Kraftdemonstration von Theater" hat Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (14.4.2015) gesehen. Ein bisschen ziehe sich die Inszenierung im "breiten Ausspielen vieler Nebenstränge", und der Witz schwinde auch, weshalb Meyer-Arlt die mündliche Kritik einer junge Zuschauerin wiedergibt: "Ganz gut, aber die Jokes waren jetzt nicht so mega, vielleicht fehlen da auch die Skills."

Über einen "so überbordenden wie in sich schlüssigen Theaterabend" berichtet Stefan Gohlisch für die Hannoversche Neue Presse (14.4.2015). Regisseur Walburg vertraue "seinem Darsteller-Trio, sinnlicher Erzählfreude und der Fantasie" und kreiere das Popmärchen als "gar nicht so unrealistische Coming-of-Age-Geschichte, die so berührend, verwirrend, lustig, manchmal auch beängstigend und stets aufregend ist wie jede erste Liebe".

 

 
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