Psychiatrie zum Selberbasteln 

von Regine Müller

Bochum, 29. Februar 2008. Neuzugang in der Klapsmühle: der Ganove Randle McMurphy hat sich in die Psychiatrie einweisen lassen, um dem Knast zu entgehen. Zum Einstand will er den müden Laden erstmal so richtig aufmischen. Breitbeinig springt er im Baseball-Blouson auf die Bühne und rempelt sich rüde quer durch die Abteilung der "Akuten". Ein präpotenter kleiner Angeber mit nölend monotonem Singsang in der Stimme.

Alexander Maria Schmidt ist in Bochum McMurphy, der sich im Laufe des Geschehens zum tragischen Freiheitskämpfer der Internierten mausern soll. Ja, der McMurphy, den weiland Jack Nicholson in Milos Formans oscarüberhäufter Verfilmung von 1975 uneinholbar mit rebellischem Irrwitz adelte und mit rasendem Jähzorn beschleunigte. In Bochum ist dieser schillernde Held bloß ein lärmender Vorstadt-Strizzi.

Die Freude am geschlossenen Vollzug
Ein paar Zigaretten, ein paar Dollars, ein bisschen Spaß haben, lahme Typen provozieren, blöde Aufpasser reinlegen und die Oberschwester nerven: um mehr geht es McMurphy in Jorinde Dröses vorwiegend spaßiger Deutung von Ken Keseys "Einer flog über das Kuckucksnest" nicht. Mit der Rempelei allein kann der versetzte Knastbruder aber bei den "echten" Psychos nur halb punkten. Um einer der ihren und sogar Alphatier zu werden, beteuert er also: "Ich bin so verrückt, ich hab sogar zweimal Bush gewählt!"

Dies magere Aktualisierungswitzchen entlockt dem Publikum zunächst nur gequältes Gelächter, doch stimmt man im Verlauf der Psychiatrie-Comedy denn doch unisono ein in eine immer fröhlicher sprudelnde Kindergeburtstagsfreude, die sich an den Skurrilitäten des geschlossenen Vollzugs ausgiebig weiden darf.

Die Anstalt als Bausatz
Dabei hat der Abend leise und vorsichtig begonnen: In fahlem Licht steht ein einsamer Mann mit dem Rücken zum Publikum und starrt auf ein geschlossenes Fenster. Hellgrau sind Fenster und Wände, wie aus dünner Pappe geformt. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Bühne als ein gigantischer Bastelbogen, der noch nicht fertig ausgeschnitten scheint. Gestrichelte Linien weisen der Schere den Weg, die aber nicht zum Einsatz kommen wird, denn der Psychiatrie-Bausatz aus dem Bastelladen wird unfertig stehen bleiben.

Aus brauner Pappe sind spärliche Requisiten wie Besen, Eimer und ein Fisch, den die Anstaltsinsassen bei einem illegalen Ausflug fangen. Die so überdeutlich ausgestellte Künstlichkeit soll für Distanz, womöglich Ironie sorgen, doch wird nicht klar, wovon die Regie sich distanzieren will oder was sie denn bitteschön überhöhen will. Wenn sie denn solch konzeptionelles Ansinnen überhaupt im Schilde führt und nicht einfach nur – der Verdacht erhärtet sich – am Text entlang ein bisschen Unterhaltung fabrizieren will?

Denn so rasch, wie aus dem ersten Bild Ernst und Konzentration entweichen, müssen McMurphys Mitpatienten ihre anfangs scharf umrissenen Typen systematisch verheizen. So werden aus fein beobachteten Hospitalismus-Studien, die nichts Denunziatorisches haben, schnell dick aufgetragene Spleens gröbster Slapstick-Güte. Aus der gepressten Sprechstörung von "Billy" (Henning Hartmann) wird eine plärrende Stotter-Arie, und allenthalben guckt man stier und zappelt gern. Ansonsten geht es aber lustig zu in der Geschlossenen, man holt sich seine Pillchen, hopst in der Gruppentherapie auf dem Gymnastikball herum, und wenn Schwester Ratched – Hanna Scheibe gibt sie mit der Harmlosigkeit einer HNO-Sprechstundenhilfe – eine inquisitorische Frage stellt, liegen sich alle sogleich herzend in den Armen. Wie beim Workshop für Entspannungstechniken.

Doch schließlich schlägt der Ernst zurück
Dröses Bagatellisierungstheater, das weder von Psychiatrie-Kritik noch von aktualisierender Umdeutung etwas wissen will – so hat etwa im benachbarten Oberhausen Regisseur Stefan Maurer vor gerade einer Woche heutige Flüchtlingsdramen in die Handlung eingespeist –, schrumpft die Fallhöhe auf ein Minimum. Dröse rettet sich so mehr schlecht als recht über die Zeit, muss am bitteren Ende jedoch kapitulieren. Nach der rauschhaften Party könnte sich eigentlich alles im morgendlichen Kater auflösen. Doch nun schlägt der Ernst der Vorlage vernichtend zurück. McMurphy wird plötzlich bettlägerig hereingerollt, dass man ihn inzwischen einer verblödenden Hirn-OP unterzog, muss man wissen, es wird nicht erklärt. "Häuptling Bromden" (Cornelius Schwalm), der vorher bloß ratlos herumgestanden hat und blass bleibt, gibt McMurphy nun aus unerfindlichen Gründen den Gnaden-Erstickungstod mittels Kopfkissen.

Zu alldem jault penetrant ein spätbarockes Menuett Luigi Boccherinis vom Band, und auch die Videospielereien wollen keinen Erkenntnis-Mehrwert erwirtschaften. Ein Abend von zäher Lustigkeit.


Einer flog über das Kuckucksnest
von Dale Wasserman nach dem Roman von Ken Kesey
Deutsch von Ingeborg von Zadow
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Julia Scholz, Kostüme: Geraldine Arnold, Video: Matthias Fleskes, Stephan Komitsch, Licht: Falk Hampel.
Mit: Cornelius Schwalm, Janko Kahle, Henning Hartmann, Leopold Hornung, Sascha Nathan, Benno Ifland, Alexander Maria Schmidt, Christoph Pütthoff, Hanna Scheibe, Maja Beckmann, Maximilian Strestik, Michael Lippold.

www.schauspielhausbochum.de

 

Zum Vergleich bietet sich eine Aufführung von "Einer flog über das Kuckucksnest" in Jan Jochymskis Regie am Maxim Gorki Theater in Berlin an. Am selben Haus inszenierte Jorinde Dröse zu Beginn der Spielzeit Hebbels Maria Magdalena.

 

Kritikenrundschau

Vielleicht passiert in Jorinde Dröses Version des "Kuckucksnestes" alles nur im Kopf von Häuptling Bromden, überlegt Ronny von Wangenheim in seiner Kritik in den Ruhrnachrichten (3.3.2008).  Bromden hätte dann McMurphy erschaffen, "um wieder zur einstigen inneren Größe zu gelangen". Die Schauspieler sind "beeindruckend" im Vorzeigen vomn Macken und Ticks, Alexander Maria Schmidt als McMurphy bricht wie ein Sturm ein auf der Szene und weil das Ensemvble insgesamt mit "viel Witz und Übertreibung" agiert und die Filmeinsätze den Effekt noch verstärken, war für reichlich komische Momente gesorgt.

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