Die Verleger schlagen zurück

von Wolfgang Behrens

22. April 2015. Seit dem Verbot von Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung sind die Rechtevertreter – Verlage und Erben – zu Buhmännern geworden. In den April-Ausgaben der Monatsmagazine wehren sie sich nun. Außerdem geht's nach Burkina Faso und ins Kinder- und Jugendtheater.

Theater heute

Die April-Ausgabe von Theater heute eröffnet mit einem schönen Text des Karlsruher Intendanten Peter Spuhler, der ein Lob der Provinz singt, dieses "P-Wort" aber zugleich verbannt wissen möchte, da es "Kategorien des 19. Jahrhunderts" aufrufe. Spuhler bevorzugt "ein eher sachliches 'vor Ort sein'". "Vor Ort trifft man auf ein besonderes Publikum: Gerade die oft als rückständig geschmähten Abonnenten unserer Landes-, Stadt- und Staatstheater verfügen durch ihre langjährige beharrliche Theatertreue über eine große Bandbreite von Theatersprachen und Regiehandschriften. Viele von ihnen haben eine Theaterallgemeinbildung, die vergleichbar in den großen Städten nicht mehr vorhanden ist, da dort eine Zuschauerspezialisierung eingesetzt hat: Man sucht sich eben das Theater, das der eigenen Lebenshaltung entspricht." Spuhler plädiert massiv für die Erhaltung der "Theater in den kleinen und mittleren Orten", da diese auch "Labore" seien, "von denen die Theaterlandschaft profitieren kann. (...) Wäre Herbert Fritschs Regiekarriere denkbar ohne die Arbeiten in Oberhausen, Wiesbaden oder Schwerin? [Halle, eine seiner frühesten Stationen, fehlt hier, lieber Herr Spuhler!] Armin Petras ohne Nordhausen oder Kassel? Frank Castorf ohne Anklam und Chemnitz?"

Theater heute April 2015 140Dorothea Marcus hat für Theater heute das Theaterfestival Récréatrales in Burkina Faso besucht, bei dem 16 Arbeiten gezeigt werden, von denen viele afrikanisch-europäische Koproduktionen sind: "zahlreiche Franzosen und Belgier tummeln sich bei den Récréatrales, nur etwa die Hälfte der Stücke sind mit rein afrikanischer Beteiligung entstanden." Marcus stellt die Frage, ob das bereits jener "wohltuende, sinnstiftende weiße Helferblick auf Afrika" sei, den schon Christoph Schlingensief gegeißelt habe. "Im 'Afrika-Business', wie es etwa Regisseur Jan-Christoph Gockel selbstironisch nennt, kann man als europäischer Künstler – und selbst als Journalist – ganz gut verdienen." Marcus berichtet aber darüber hinaus, dass "das 'Afrika'-Business auch von der anderen Seite her funktioniert". Einige Künstler seien "mit europäischem Know-how und dem neuen afrikanischen Echtheitsbonus zu gut verdienenden Stars geworden." Einen Abstecher in Schlingensiefs Operndorf hat Dorothea Marcus auch gemacht. Sie bezeichnet es als "einsames Paradies" mit schlechter Verkehrsanbindung: "Jeder Transport aus der Hauptstadt, jede Fahrt, jeder Künstlerbesuch kostet Geld." Und wirft zuletzt die ketzerische Frage auf: "Wäre es nicht sinnvoller gewesen, wenn man bestehende Strukturen in dem bitterarmen Land ausgebaut hätte, das dennoch so eine reiche Kulturlandschaft hat?"

Theater der Zeit

Der Schwerpunkt des April-Heftes von Theater der Zeit gilt dem Kinder- und Jugendtheater. Im aufmachenden Essay bricht Stefan Keim für dieses eine Lanze: "alles, was in den vergangenen Jahren im Abendspielplan erst als Modetrend und dann als nachhaltige Entwicklung beschrieben wurde, gibt es auch im Kinder- und Jugendtheater. Oder es war schon vorher da. In vielen Bereichen – wie bei der Zusammenarbeit mit internationalen Theatermachern – waren die Jugendbühnen Vorreiter." Wenn es darum gehe, "möglichst große Teile der Bevölkerung anzusprechen, neue Formen zu entwickeln und nah dran zu sein an der Wirklichkeit, erfüllen die Kinder- und Jugendtheater diese Aufgaben sogar besser als manche städtische 'Erwachsenentheater'-Bühne."

Natürlich schilt Keim auch die Zunft der Kritiker, weil diese das Kinder- und Jugendtheater noch immer nicht "als gleichwertige Kunstform zum Abendspielplan" begreife, reflektiere und kritisiere. Ja, er hat wohl Recht, nicht zuletzt wird auch von nachtkritik.de in einigen Zuschriften eine häufigere und intensivere Beschäftigung mit dem Kinder- und Jugendtheater eingefordert. Ein strukturelles Problem indes bleibt meines Erachtens bestehen: Beim sogenannten Abendspielplan schreiben die Kritiker*innen in der Regel nicht zuletzt auch für diejenigen, die im Publikum sitzen; beim Kinder- und Jugendtheater ist das eher nicht der Fall. Das verändert die Rezeption der Kritiken doch erheblich, sie scheint – leider – meist zu einer recht betriebsinternen Angelegenheit zu werden. Dass Keims Klage über die "im Verhältnis zu ihrer Aufgabe, ihrer Produktivität und ihrer Leistungskraft" geradezu lächerliche Unterfinanzierung der Kinder- und Jugendbühnen trotzdem alle Berechtigung hat, muss hier wohl nicht eigens unterstrichen werden.

Theater der Zeit April 2015 140Einer der interessantesten Beiträge des Heftes findet sich ein wenig versteckt im hinteren Teil, im "magazin": Thomas Maagh, der Geschäftsführer des Verlags der Autoren, antwortet da auf einen Kommentar von Christoph Leibold aus der März-Ausgabe zum Verbot von Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung (Zusammenfassung in der Magazinrundschau März). Leibold hatte das Vorgehen der Brecht-Erben als massiven Eingriff in die Gedanken- und Kunstfreiheit kritisiert. Maagh hält nun dagegen: "Leibolds Kommentar geht von einem verkürzten Kunstbegriff aus. Er sieht nur den Regisseur als Künstler. Der Dramatiker als Künstler taucht bei ihm an keiner Stelle auf." Leibolds Verwunderung, warum der Verlag Castorf die Rechte überhaupt erteilt habe, wenn man doch den Zugriff dieses Regisseurs kenne, kehrt Maagh einfach um: Dass die Brecht-Erben "auf Werkeinheit bestehen, sollte niemanden überraschen, der nur ein klein wenig Ahnung vom Gegenwartstheater hat. Umso verwunderlicher ist nun die Empörung des Residenztheaters und des Regisseurs Frank Castorf." Maagh besteht darauf, dass das Urheberrecht nicht einfach auf Geldfragen zu reduzieren sei, seinen Kern bilde vielmehr "das Recht des Künstlers, sein Werk vor Entstellungen geschützt zu wissen." Und: "Eine Deutung, die ihren Gegenstand, den Text, bis zur Unkenntlichkeit verändert, ist keine."

Die deutsche Bühne

Ähnlich verborgen auf den allerletzten Seiten und in eine ähnliche Kerbe schlagend, findet sich in der April-Ausgabe der Deutschen Bühne ein Brief des Verlegers Helmar Harald Fischer, der für Jussenhoven & Fischer die deutschsprachigen Bühnenrechte von Tennessee Williams vertritt. Er reagiert auf einen Artikel aus dem Februar-Heft, in dem der Dortmunder Schauspielchef Kay Voges gegen Rechteinhaber und Erben anlässlich einer eigenen Tennessee-Williams-Inszenierung polemisiert hatte (Zusammenfassung in der Magazinrundschau Februar). Fischer weist darauf hin, dass Tennessee Williams "seine Ansprüche testamentarisch formuliert" habe (z.B. "die strikte Trennung von Film und Bühne"), und der Verlag sei nun einmal an diese Vorgaben gebunden. Der Egoismus mancher am Theater Arbeitenden "gegenüber dem bereits Geschaffenen" könne aber "sehr weit gehen und die Ansprüche des Originalschöpfers zum Verschwinden bringen."

Deutsche Buehne April 2015 140Fischer referiert den einzigen Fall seit 1998, in dem es zu einem Verbot gekommen sei (und ich nehme einfach mal an, dass sich dies auf Frank Castorfs zwangsweise in "Endstation Amerika" umbenannte "Endstation Sehnsucht"-Adaption aus dem Jahre 2000 bezieht): "Ein Intendant, der seinen Tennessee-Williams-Vertrag genau gelesen hatte und wusste, er konnte ihn nicht unterschreiben, ohne sich strafbar zu machen, hatte die Produktion an seinem Hause, die fundamental den Vertragsbedingungen widersprach, bis zur Generalprobe ohne Vertrag laufen lassen und darauf gesetzt, dass die veröffentlichte Meinung, nur durch ihn informiert, ihn als Kämpfer für die Kunstfreiheit gegen uneinsichtige Vertreter von Urheberrechten belobigen würde." Fischer schließt: "Nichts scheint verführerischer zu sein als die Gelegenheit, sich als Opfer zu präsentieren, als Kämpfer für die Freiheit der Kunst gegen die Diktatur von letztwilligen Verfügungen eines Originalschöpfers (...)." Ich schätze, dass Voges hier so etwas einwenden würde wie: "Das goldene Zeitalter des Originalschöpfers ist vorbei, dieses Konzept hat sich überlebt." Aber es ist halt noch nicht vorbei, juristisch jedenfalls ganz sicher noch nicht.

Der Schwerpunkt des April-Heftes gilt diesmal – unter der Überschrift "Bühne frei!" der "(fast) leeren Bühne". Die Bühnenbildnerinnen Katrin Wittig und Katrin Brack kommen darin zu Wort, und die Dramaturgin Beate Heine vom Thalia Theater Hamburg steuert einen Essay bei. In letzterem findet sich dann auch der schönste Satz, der je über leere Bühnen gesagt worden ist. Er stammt von dem Schauspieler Ulrich Matthes: "Ich liebe leere Bühnen. (...) Ich muss dann nicht aufs Sofa und in der Kaffeetasse rühren."


Magazinrundschauen aus den vorigen Monaten gibt es hier.

Nachgereicht: Der Verleger Helmar Harald Fischer wandte sich im April 2015 mit weiteren Richtigstellungen zum Fall Voges / Urheberrecht an die Redaktion von nachtkritik.de bzw. an Wolfgang Behrens – hier ist der sich an diesem Fall entzündende Mailwechsel zwischen Verleger und Redakteur.

 

 
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