Und manchmal rascheln die Pappherzen

von Willibald Spatz

Augsburg, 2. März 2008. Die Augsburger müssen sich an ihr Theater erst wieder gewöhnen. Seit Juliane Votteler im September die Intendanz des Stadttheaters übernommen hat, geht es nicht mehr so unbekümmert zu wie zu Zeiten von Ulrich Peters, dessen größter Hit in den vergangenen Jahren ein Freiluft-"Jesus Christ Superstar" war.

Bei Juliane Votteler kam bis jetzt noch kein Musical raus; es gab eine auch überregional viel beachtete "Entführung aus dem Serail", die das regionale Publikum aber nicht wirklich glücklich gemacht hat. Im Sprechtheater setzt man im Moment vor allem auf junge Regisseure und Schauspieler – ein beachtlicher Anteil kommt vom Studium ganz frisch ans Haus.

Himmelssturz auf harte Erde

Seit einigen Jahren versuchen die Kulturschaffenden den Stadtrat zu überzeugen, dass man zu dem großen Haus eine neue Nebenspielstätte brauchte für kleinere, mutigere Produktionen. Beinahe hätte es unlängst auch geklappt, doch dann stieg der Fußballclub in die zweite Liga auf, und jetzt braucht man das Geld für eine neue Stadion-Infrastruktur. Das alte kleine Haus ist die Komödie. Sie befindet sich malerisch in der Altstadt, nicht weit von da, wo Bert Brecht einst spazierte. Sie ist nicht der ideale Spielplatz einer sich in wilden Experimenten übenden Theaterjugend, dafür ist sie zu brav, ihre Guckkastenbühne zu wenig wandelbar. Der junge Regisseur Jan Philipp Gloger hat hier nun einen "Clavigo" inszeniert, der einiges aus diesem Ort herausholt.

Von Franziska Bornkamm stammt das Bühnenbild, eine Rampe, die sich am hinteren Ende nach oben in die Unendlichkeit verliert. Von dort stürzen die Figuren wie aus dem Himmel auf die harte Erde der Tatsachen am vorderen Bühnenrand. 1774, im Jahr, als das Stück entstand, wurde es schon einmal in Augsburg gespielt. Damals sah der reale Beaumarchais sich selbst als Bühnenfigur und Goethes Alter Ego Clavigo neben seinem Darsteller auf der Bühne stehen und war entsetzt. Das sei Quatsch und so nicht geschehen, Goethe spinne, war in etwa seine Reaktion auf die Aufführung.

Ein Diktat des schlechten Gewissens

Im Jahr 2008 ist Clavigo Tjark Bernau, der ihn als ein Würstchen spielt, dem man nicht einmal Schreib-Talent zutraut. Er ist nichts, was er denkt, sagen ihm entweder der schnöselige Carlos von Michael Stange oder der hemdsärmelige Beaumarchais Alexander Kolls, der, bevor er dem Bübchen entgegentritt, aus seinem Wollpullover steigt und in einen Anzug schlüpft. Dadurch gewinnt er 300 Prozent an Seriosität.

Clavigo hat Marie in sich verliebt gemacht, ihr hat er die Ehe versprochen, nun könnte er nach oben steigen, da ist ihm das Mädchen im Weg, er sagt sich von ihr los. So etwas Ähnliches ist seinerzeit Goethe auch passiert mit einer Friederike Brion. Daraufhin hat ihm sein schlechtes Gewissen in acht Tagen "Clavigo" diktiert als Rechtfertigung seiner Taten. In Augsburg spielt Ines Kurenbach die Marie Beaumarchais, sie scheint zunächst ganz gut zurecht zu kommen mit der Schmach des Verlassenwerdens, sie tänzelt wie ein Barbiepüppchen die Rampe hinab zwischen ihrer stoisch Kaffee trinkenden Schwester und dem Freund des Hauses Buenco.

Den echten Beaumarchais hätt's amüsiert

Doch schon nach wenigen Schritten bricht sie auf dem Boden zusammen. Am Ende, nachdem es Clavigo gelungen ist die Katastrophe in ein Desaster zu verwandeln und er zusammengesunken im Eck dem eigenen Ende entgegenliegt, stopft sie seeleruhig und frontal zum Publikum Tabletten in sich, die sie mit dem Kaffeetässchen des harmlos scheinenden Anfangs hinunterspült. Da will sie sich noch aufrichten an ihrem Bruder – doch der schiebt sie plump zur Seite. Er regelt das auf seine Weise, stellt Clavigo ein Ultimatum, droht ihm, nicht mehr von seiner Seite zu weichen und frühstückt dann neben dem langsam verzweifelnden Titelhelden im Liegen ein Butterbrot.

Das ist nur einer in einer Reihe von wunderbaren, ein bisschen grotesken Momenten, die Jan Philipp Gloger gelingen, weil er seinen Figuren auf der Bühne genau zusieht und sie mit kleinen Gesten überlebendig werden lässt. Sie tragen alle Pappherzen auf ihren Brüsten, an denen sie reiben, wenn sie merken, dass etwas emotional nicht mehr stimmt. Dann raschelt es im Raum, und Beaumarchais wäre amüsiert und nicht entsetzt, weil dieser "Clavigo" nicht mehr affektiert ist, sondern schön menschelt.

 

Clavigo
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühnenbild und Kostüme: Franziska Bornkamm, Dramaturgie: Geeske Otten. Mit: Tjark Bernau, Michael Stange, Alexander Koll, Ines Kurenbach, Christine Diensberg, Frank Siebenschuh.

theater.augsburg.de

   

Mehr zu Jan Philipp Gloger: Körber Studio Junge Regie in Hamburg, April 2007. Genannt Gospodin in München, November 2007.


 

 
Kommentar schreiben