Haben Schaltkreise Schluckauf?

von Tim Schomacker

Lübeck, 1. Mai 2015. Eigentlich ist alles ganz einfach. Es geht um Kosten- und Risikominimierung. Darum, was schlussendlich dabei herumkommt. Es geht, kurz: um die Zukunft. Und das, was man heute schon wissen kann von ihr. Prognosen also. Wie man es anstellt, möglichst präzise Voraussagen zu treffen, ist eine technische Frage. Oder eine technologische. Auswertungsmechanismen, Modelle: Big Data.

Gegenwartsrückstand

Als Rainer Werner Fassbinder und Fritz Müller-Scherz Anfang der 1970er Jahre für den Fernsehspiel-Sendeplatz von WDR-Redakteur Peter Märthesheimer am Drehbuch zu "Welt am Draht" schrieben, gingen sie noch davon aus, für eine Simulation müsse man Unmengen von Daten mühselig hineingeben in große graue Rechenmaschinen. In ihrer nicht allzu fernen Zukunft, die unsere Gegenwart ist, kann man gleichsam echtere Daten in Echtzeit abgreifen und hochrechnen. Ein Umstand, der sich bis in Gernot Grünewalds Lübecker Bühnen-Adaption des Fassbinder-Lehrstücks, noch nicht so recht herumgesprochen hat.

Als habe die Faszination für a) die Idee von der Welt, die eine Simulation ihrer selbst baut, die so gut ist, dass die Simulierten sich ihrer Simuliertheit bewusst werden , sowie b) Fassbinder den Machern irgendwie den Atem verschlagen. Bei aller souverän ausgespielten bühnentechnischen Finesse vor allem in der Synchronisation von Videoeinsatz und Schauspiel kommt diese "Welt am Draht" eigenartig werktreu, ja fast ein bisschen altmodisch daher. Fassbinders artifiziell verknappte Alltagssprache trägt nicht unerheblich dazu bei. Ein wenig mehr Gegenwart hätte dieser Vergegenwärtigung gut getan.

Wenn Freunde verschwinden und Fremde verschwimmen

So klafft doch eine ganz schön breite Lücke zwischen heutigen Programmhefteinträgen wie Frank Schirrmachers Überlegungen zum "verwetteten Menschen" und dem mit zunehmender Spieldauer immer schematischer werdenden Geschehen in Michael Köpkes bühnenfüllendem Plexiglaskäfig.

WeltamDraht 560 HeikoSchaefer uThomas Schreyer, Matthias Hermann, Will Workman, Jan Byl  und Cornelia Dörr im hier nicht genau zu erkennenden lippensynchronen Zusammenspiel mit ihren Video-Doubles © Heiko Schäfer

Darin bewegen sich die sechs Schauspieler/innen auf eckigen, wie vorgezeichneten Laufwegen. Sprechen, gehen, schlafen, fallen einander in die Arme oder über einander her. Machen all das, was Fassbinders / Müller-Scherz' hübsch versponnene SciFi-Psychothriller-Schmonzette eben vorgibt. Immer entlang der zunehmend agentengleichen Suche des technischen Angestellten Fred Stiller (Will Workmann ragt ihn in guten Momenten heran an Klaus Löwitsch grummelnde Fahrigkeit aus der TV-Fassung). Nachdem Vollmer, sein Vorgesetzter beim "Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung" mysteriös zu Tode kam, nachdem Freunde verschwinden und Fremde verschwimmen, setzt sich Stiller selbst auf die Spur. Und findet schließlich heraus, dass seine Welt, in der er – nunmehr technischer Direktor des IKZ – für eine prognostische Computersimulation verantwortlich zeichnet, nun ja: ihrerseits nur Ergebnis einer prognostischen Computersimulation ist. Und er der elektronische Abklatsch ausgerechnet des hybrisgesättigten Entwicklers Fred Stiller aus Welt eins. Was seiner Weltwahrnehmung optoakustischen Schluckauf beschert und ihm reichlich Kopfschmerzen – wenn Schaltkreise denn welche haben können.

Die Spieler und ihr Video-Double

Unser Zuschauerblick auf die Bühne ist dabei zweigeteilt. Die untere Bildhälfte nimmt genannter Glaskasten ein, die obere eine bühnenbreite Leinwand. Hier wird das Bühnengeschehen in je bezeichnend unterschiedlicher Optik gedoppelt, delayed oder erweitert. Hier auch lesen wir Szenenanweisungen, werden Orts- und Zeitwechsel annonciert. Der Plexiglasraum ist bis auf wenige Requisiten leer. Die Realität im Video oft von nahezu barockem Detailreichtum. Just dies ist die Sollbruchstelle von Grünewalds Inszenierung.

Diese "Welt am Draht" lebt – als Theaterereignis - nämlich ganz wesentlich von einem einzigen (und zweifellos faszinierenden) Kniff. Während die Schauspieler/innen im Glaskasten quasi-pantomimisch agieren, zeigt sich das, was sie tun, wohin sie gehen, mit wem sie sprechen, im grellen Video. Strikt aus Stillers (Kopf-)Kameraperspektive. Man sieht also die Sekretärin Gloria Fromm auf der neutralen Bühne Luftkaffee in Lufttassen gießen, während es im weiträumigen stylishen Büro des Stiller-Videos aus der Designertasse lecker dampft. Die Live-Spieler sprechen und agieren hand- und lippensynchron mit ihren vorproduzierten Videodoubles. Es sei denn, es werden – Verwirrung oder Programmierfehler andeutend – gezielt Aussetzer und Verzögerungen eingebaut. Ist Stiller nicht in der Szene, gilt das graugrisselige Bildgesetz der Überwachungskamera.

Für die Akteure bedeutet das ultradiszipliniertes Agieren auf abstrakten Bahnen, schon damit keiner aus dem Timing kommt. Denn das würde die (Video)Maschine nie verzeihen. In der wiederum (gewiss nicht minder diszipliniert, aber doch) deutlich expressiver gespielt werden darf.

Verschiedene Bildräume für verschiedene Welten. Technik, die begeistert, eben. Versteht man schnell, fasziniert auch eine ganze Weile, täuscht schlussendlich aber nicht darüber hinweg, dass der Abend sich im Grunde herumdrückt um die Vergegenwärtigung. Was Beherztes anzufangen mit dem älteren Text. Für heute.

 

Welt am Draht
Nach dem Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder und Fritz Müller-Scherz nach dem Roman "Simulacron 3" von Daniel F. Galouye 
Regie: Gernot Grünewald, Ausstattung: Michael Köpke, Video: Jonas Plümke, Musik: Daniel Sapir, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Jan Byl, Cornelia Dörr, Matthias Hermann, Marlène Meyer-Dunker, Thomas Schreyer, Will Workman. 
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten. Eine Pause.

www.theaterluebeck.de

 

Kritikenrundschau

"Regisseur Gernot Grünewald gelingt eine faszinierende Mischung aus Theaterstück, Film und Videoeinspielungen", schreibt TD in der Lübecker Online-Zeitung hl-live.de (2.5.2015). Die Absicht der Regie liege auf der Hand: "Was sich hier abspielt, ist nicht mehr Science Fiction, sondern in vielerlei Hinsicht schon Realität. Der gläserne Mensch ist weitgehend Wirklichkeit. Unser PC kennt unsere Gewohnheiten und vergisst nichts."

 

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