Die Kinder der Revolution fressen

von Tobias Prüwer

Dresden, 2. Mai 2015. Lebemann oder Tugendtropf? Für Friederike Heller ist das keine Frage. Am Staatsschauspiel Dresden schlägt sich ihr "Dantons Tod" eindeutig auf die Seite des gemäßigten Genießers. Ein Abend mit tollen Bildern und deutlichen Schwankungen auf der Genussskala.

Stark eröffnet der erste Akt. Der Eiserne hebt sich und man blickt auf ein anatomisches Theater. Im Hintergrund türmen sich Sitzreihen wie in einem Amphitheater auf, vorn steht der metallene Seziertisch, ein Körper unterm roten Leichentuch. Das zieht eine Frau im Weißkittel zurück, sie setzt das Skalpell an – und plötzlich erwacht der vermeintlich Tote wild lachend zu neuem Leben. Danton, so gibt er sich zu erkennen, springt vom Tisch: Das Revolutionstheater beginnt. Und dieses ist schnell erzählt: Errichtet ist die Republik, nur hat das hungernde Volk nichts davon. Die Revolutionäre sind in Lager gespalten, dem gemäßigten Danton stehen der auf Tugend pochende Robespierre und die Seinen gegenüber. Rhetorisch ringen die Kontrahenten um Mehrheiten, ein Intrigenspiel später besorgt das Fallbeil "Dantons Tod".

Kulinarik statt Politik

Auch wenn der kraftvolle Auftakt anderes verheißt, die Revolution wird hier dann doch nicht seziert. Das hätte in einer Gegenwart der Aufstände – man denke nur an Tunesien und Syrien, Griechenland und Brasilien – reizvoll ausfallen können. Doch statt Analysewerk liefert Heller eine texttreue Version, die die Handlungsarmut in einen ansehnlichen Bilderbogen übersetzt. Wo Büchner sich nicht entscheidet, stellt sich die Regisseurin klar auf Dantons Seite.dantonstod 560 MatthiasHorn u Thomas Braungardt als Camille und André Kaczmarczyk als Danton wagen ein
Tänzchen, Matthias Reichwalds Robespierre steht artig dabei © Matthias Horn

Diesen gibt André Kaczmarczyk als charismatisch-virilen Lebemann, der mehr an Genuss als am Aufbau der Republik interessiert ist, im Herzen aber großer Melancholiker bleibt. Nach Völlerei und Orgiastischem steht ihm der Sinn, Laissez-faire gilt vor allem für ihn selbst. Ständig stopft er Essbares in sich hinein, schüttet zügellos Wein hinterher. Heller folgt hier sichtlich der Maxime "Die Revolution frisst ihre Kinder", die Danton auch dadurch verdeutlicht, dass er anfangs ein echtes Huhn zum Braten verarbeitet – Tiere darf man in Dresden im Gegensatz zu Leipzig dann doch auf der Bühne zerteilen. Es wird ihm zum Schluss vorm Gang zur Guillotine als letzte Mahlzeit serviert.

Blasser Revoluzzer

Hellers Entscheidung führt zu einem Ungleichgewicht: Büchner entwirft ein antagonistisches Verhältnis, ihr Robespierre hingegen ist blass. Die Figur kommt nicht als Machtmensch rüber, sondern ist eine im Hintergrund bleibende, verklemmte Type, die sich an der Grenze zur Selbstgeißelung befindet. Selbst wenn er sich mal zur politischen Rede großer Worte bemüht, klingt das wie artig aufgesagt. Das liegt weniger an dem in seiner Zurückhaltung ziemlich großen Matthias Reichwald, sondern ist Regieentscheidung. Oft sitzt er einfach am rechten Bühnenrand am Klavier und begleitet das Musikerduo – ein Perkussionist und ein Keyboarder, die mit eingestreuten Liedern dem Abend einen Hauch von Revue und Albernheit verleihen. Nur in einer intimen Dialogszene mit Danton darf Reichwald einmal in einem intensiven Moment zu erleben sein.

Knistern zwischen Dominanz und Hingabe

Die anderen haben mehr Chancen zur Entfaltung. Cathleen Baumann und Yohanna Schwertfeger zeigen sich dabei am überzeugendsten. Letztere ist sowohl als Dantons als auch als Camilles Gattin zu sehen: mal einfühlsam, mal stark, mal mitleidend. Baumann gibt einen entschiedenen Saint-Just, aus dem der Hass auf Danton nur so schießt. Mit Anzug, schwarzer Brille, strengem Zopf ist sie der Typus Managerin/Rektorin plus einer Spur Sinnlichkeit – die sie als Hure im Tête-à-Tête mit Danton dann voll ausspielt. Nacktheit braucht sie hierfür nicht: Fürs Knistern zwischen Dominanz und Hingabe reichen ihr ein bisschen Wasser und Schauspielkunst.dantonstod 3156 560 MatthiasHorn uDanton (André Kaczmarczyk, vorne) und die geteilten Tribünen
© Matthias Horn

Solche großartigen Momente gehen aber allmählich in der Langatmigkeit der Inszenierung unter, die ihre zunächst wirkungsvoll aufgebaute Spannung nicht halten kann. Da hilft die Übersetzung dieses Sprechstücks in hübsch sinnliche Handlungen irgendwann nicht mehr weiter. Gerade nach der Pause fällt der Wechsel zwischen Kerkerszenen – sie sind hier in den Himmel als Zwiegespräche mit Gott verlagert – und Tagungen des Revolutionstribunals zu schwerfällig aus. Immer wieder schieben sich die Tribünen des jetzt geteilten anatomischen Theaters in die Bühnenmitte und wieder an den Rand, wird der Seziertisch herein- und hinausgefahren. Revolution als Überschlagen der Ereignisse sieht anders aus, und dieses Revolutionstheater frisst schließlich die Geduld seiner Zuschauer.

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüm: Sabine Kohlstedt, Musik: Peter Thiessen, Sebastian Vogel, Dramaturgie Beret Evensen, Licht: Michael Gööck.
Mit: André Kaczmarczyk, Thomas Braungardt, Thomas Eisen, Yohanna Schwertfeger, Matthias Reichwald, Cathleen Baumann, Thomas Schumacher.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Aus den textlastigen Reflexionen des genialen, früh verstorbenen Vormärz-Dichters macht Friederike Heller ein verallgemeinerbares Revolutionstheater", schreibt Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (4.5.2015). Zunächst fessele das "einigermaßen", nach der Pause jedoch wachse die innere Distanz zum Bühnengeschehen. Im Endeffekt sehe man im Dresdner Schauspielhaus dann doch nur "ein gut gespieltes Revolutionstheater, aber man kommt nie dem roten Bereich nahe, bei dem die Grenzen zu einem Nicht-mehr-nur-Spiel fließen."

"Viel Metaphorik, manche Vordergründigkeit" sieht Rainer Kasselt und schreibt in der Sächsischen Zeitung (4.5.2015): Die Regie weiche oft in Äußerlichkeiten aus, versuche aber, der Dialektik des Stückes gerecht zu werden. "Der Abend lässt wenig Hoffnung, polemisiert gegen falsche Gewissheiten und bahnt dem Zweifel eine Gasse."

 
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