"denn da fehlt etwas"

von Elisabeth Maier

Basel, 7. Mai 2015. Das Echo des Erinnerns sucht Wolfram Höll in seinem Stück "Vom Verschwinden vom Vater". Der Krebstod des Mannes, der ihn fürs Leben stark gemacht hat, ist für den Dramatiker Ausgangspunkt eines dichten Dramas, das im Stücklabor Basel entstanden ist. Er schreit nach dem Sterbenden, doch der entgleitet ihm. Stimmen flüstern, hauchen und sprechen den rhythmisch komponierten Text auf der Bühne des Basler Schauspielhauses. "Einmal/ Einmal nur/ im Schlaf/ da/ war er wieder da/ war wieder da." Virtuos spielt der Autor mit dem Widerhall der Worte. Er ruft sie aus und sie kehren zurück, verändert, beschnitten oder ausgehöhlt. Das klingt so, als verlasse die eigentliche Bedeutung die Sprache. Und aus den Trümmern entsteht ein neuer Sinn: "denn da fehlt etwas/ da war er/ da fehlt etwas."

Sprachkunst

Regisseurin Antje Schupp setzt die Uraufführung dieses sehr persönlichen Textes von Wolfram Höll, der 2014 für sein Stück Und dann den Mülheimer Dramatikerpreis bekam und damit auch bei den Stückemärkten in Berlin und Heidelberg erfolgreich war, mit Respekt vor der melodischen Sprachkunst in Szene. Das Thema Sterben liegt im Trend. Aber Höll geht über Modisches hinaus, er bekennt sich, nach seinem gesellschaftskritischen Nach-Wende-Drama, hier zum Selbstgespräch. Drei Schauspieler verwischen seine zart skizzierten Figuren. Sie konzentrieren sich auf die inneren Stimmen des Sterbenden und der Trauernden. Wer spricht, ist nicht mehr wichtig.

vom verschwinden vom vater 560a JudithSchlosser uAriane Andereggen, Claudia Jahn, Andrea Bettini  © Judith Schlosser

Sensibel tastet sich Schupp an die Textfläche heran, die Höll während des einjährigen Schweizer Autorenförderprogramms "Stück Labor" geschaffen hat. Das altmodische Wohnzimmer mit einem Sofa und einem Regal voller Radios bestimmt den Bühnenraum. Im Hintergrund ein Baum und Gartenmöbel. Links der Arbeitstisch des Schriftstellers mit Reiseschreibmaschinen. Da tippen die Akteure die Worte, die sie monoton vor sich hersagen. Claudia Irro hat alle drei in Pullis gekleidet, deren Muster korrespondieren. Bühnenbildner Christoph Rufer montiert Bilder aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Raum ist in grellgelbes Kunstlicht getaucht. Das ist die Farbe des Kontrastmittels, mit dem der unheilbare Gallenkrebs festgestellt wurde.

Gedanken zum Klingen gebracht

Krankheit und Tod sind allgegenwärtig. Dabei verzichtet Schupp weitgehend auf konkrete Bebilderung. Nur einmal schwebt ein Pflegebett hinter einem Vorhang vom Himmel. Darin liegt jedoch nicht der Sterbende. Zornig drischt Ariane Anderegger auf gebleichte Laken ein. Ihr Spagat zwischen Wut und Hilflosigkeit überzeugt. Die Schauspieler bringen die Leere in den Menschen und ihre Gedanken zum Klingen. Claudia Jahn als Mutter wiederholt die Arztberichte in einem Wortschwall. Hier hört die Sprache auf, Kommunikationsmittel zu sein, denn Worthülsen verpuffen im Nichts. In die zu weit gewordenen Anzüge des Vaters schlüpft Andrea Bettini. Dabei lächelt er. Zärtlich vermittelt er, wie der alte Mann seine Lebensenergie aushaucht.

Mit solch starken Momenten punktet die Inszenierung. Dennoch bleibt Schupps Zugriff zu stark in realen Bildern verhaftet. Der Prozess des Erinnerns geht nicht genug in die Tiefe. Das Potenzial von Hölls Text, der vor Verlustängsten und starken Gefühlen bebt, schöpft die Regisseurin nicht immer aus. Als der Sohn mit dem Vater davon träumt, in einer Rakete in den Himmel zu fliegen, erscheinen weisse Kugeln wie ein Planetensystem an der Decke. Ein plumper Ersatz für atmosphärische Dichte. Die Sehnsucht mündet in eine monumentale Projektion auf einer Gazewand, hinter der die Menschen verschwimmen. Auf dem Sofa schauen Vater und Sohn den Kunstfilm Koyaanisqatsi mit der minimalistischen Musik von Phil Glass an. Der Vater schläft ein, während der Sohn wie gelähmt Bilder der Umweltzerstörung verfolgt. Die schrecklichen Bilder von der Zerstörung der Erde nimmt der Mann, der "im Verenden allein sein will" längst nicht mehr wahr.

 

Vom Verschwinden vom Vater (UA)
von Wolfram Höll
Regie: Antje Schupp, Bühne: Christoph Rufer, Kostüme: Claudia Irro, Musik: Benedikt Brachtel, Dramaturgie: Eva Böhmer.
Mit: Ariane Anderegger, Andrea Bettini und Claudia Jung.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Auf Spiegel Online (8.5.2015) schreibt Tobias Becker: "Die Regisseurin Antje Schupp setzt die Eigenart dieses sehr eigenen Textes in manchen Momenten klug um, etwa wenn sie ihre drei Schauspieler in drei Variationen eines schwarz-weiß-gemusterten Pullis steckt und sie an drei Schreibmaschinen setzt, um sie dort über den zu schreibenden Text diskutieren zu lassen." In anderen Momenten versuche Schupp aber, Passagen des Textes "wirklich in Szene zu setzen, naturalistisch zu bebildern". Das wirke dann schnell banal und kitschig. Die "bild- und assoziationsreiche Theaterlyrik" Hölls reagiere empfindlich auf die – wenn auch wenigen – "Eins-zu-eins-Bebilderungen an den Boden des Realismus'".

Auf NZZ Online, der Internetpräsenz der Neuen Zürcher Zeitung (8.5.2015) schreibt Alfred Schlienger: "Wie ein stotterndes Gedicht fliesst und stolpert der Text dahin ... Scharfe Beobachtungssplitter eines schleichenden Abschieds." Die Sprache werde zum Raum "für das Unfassbare". Die "nüchternen, distanzierten Beschreibungen" schüfen "in der poetischen Brechung eine erstaunliche Nähe und Anteilnahme". Leider stürze sich die Regie "in hilflose Bebilderungen", die vieles doppele und zudecke. Bereits die Bühne töte "jede Phantasie". Dass es auch anders ginge, zeigten Momente wie dieser: einmal säßen die drei Schauspieler, "ohne zu kaspern, auf ihrem Sofa und geben sich in einem kanonartigen, sehr säkularen Psalmodieren ganz diesem Text hin – und sofort beginnt die Phantasie zu fliegen".

Hölls sechzigminütiges Sprachspiel sei misslungen, so Christian Hubschmid im Tagesanzeiger (9.5.2015). Sei Vater sei tatsächlich an Krebs gestorben, "so bilden konkrete Bilder den Ausgangspunkt für assoziative Kreisbewegungen um Sterben und Erinnerung". Eher eine Aneinanderreihung von Gedichten als ein Drama fabrizierend, sucht der Autor nach Antworten in den Wörtern selber. Die drei Schauspieler geben sich alle Mühe, der Handlungsarmut mit ihren Emotionen zu begegnen. "Doch weil eine Dramaturgie fehlt, wirken ihre Wutausbrüche aufgesetzt." Wenn Papas Anzüge in Kartonschachteln wandern und das Sterbebett auseinandergenommen wird, habeman eher den Eindruck von hilflosen Einfällen der Regie (Antje Schupp). "Sie verleihen dem Stück auch keine Dynamik."

Die Regisseurin Antje Schupp könne der eigensinnigen Sprache nicht ihre ganze Wortgewalt verleihen, so Elena Manuel in der Basellandschaftlichen Zeitung (9.5.2015). Das Stück trotte in eintönigem Rhythmus dahin, "es fehlt an Variation". Das Spiel der Schauspieler betone die Ratlosigkeit im Umgang mit der Thematik. Die wenigen Szenen, die es zu "spielen" gibt, behalten den kindlichen Blick auf die Thematik des Sterbens. Aus den Erinnerungen in Hölls Text sei nicht mehr viel zu holen, "Irrlichternd wirkt der Abend, zeitlos das Geschehen".

Michael Baas nennt in der Badischen Zeitung (9.5.2015) Wolfram Höll, nach Mülheimer Dramatikerpreis und Lessing-Förderpreis, einen "Potenzialautor". Sein Text sei ein "Sammelsurium assoziativ verknüpfter und sprachspielerisch montierter Erinnerungssplitter und –ebnen", mit der Tendenz "sich zu verselbstständigen". "Orte und Zeiten oszillieren", statt Dramatis Personae reihten die drei Darsteller eine "flächige Beschreibung" an die andere, "umkreisen und variieren eine zentrale Erzählperspektive". So entstünde "eine Art Fluidum". Die Inszenierung ergebe in der Summe zwar "eine Art von dramatischem Spannungsbogen", bleibe aber zu oft "Aufsagen", "Rezitieren von Texten", eher statisches Theater", das die ins "Sprachspielerische driftenden poetischen Exkurse zusätzlich mit Ballast" befrachte.

 

 
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