Im Land der platzenden Chipstüten

von Stefan Keim

Dortmund, 8. Mai 2015. Es ist einfach nichts los. Drei 15-jährige zwängen sich durch Baustellenzäune und hängen rum. Als sie einen Spielzeughund vor ein Bällchen treten lassen, explodieren sie vor Begeisterung. Sie haben nichts anderes. Anne Lepper zeigt in ihrem Stück "Ach je die Welt" Jugendliche, die um ihren Platz im Leben kämpfen. Und dabei ausprobieren, was die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.

Sie diskutieren, was Alfried Krupp und seinesgleichen wohl von ihnen erwarten würden. Doch die Industrie samt ihren Kapitänen ist längst verschwunden. Die drei probieren den Aufstand, werfen Chipstüten in die Luft und zerschlagen sie, so dass ein Regen aus Kartoffelscheiben auf die Bühne niedergeht. Dann sehen sie in einer Videoprojektion historische Aufnahmen, in denen die Polizei gegen Demonstrierende vorgeht. Und einer der Jungs meint, er müsse aber abends zu Hause sein. Wenn Mama ruft, endet die Revolution.

Club der Söhne

Die Schauspieler sprechen typische Anne-Lepper-Sätze. Direkt, konkret, manchmal naiv und fremd, leicht aus der Welt gefallen. In ihrem ersten Jugendstück hat die Autorin ihren Stil kaum verändert. Im Gegenteil, sie ist noch assoziationsreicher geworden. Einen Fluchtpunkt finden die drei Jungs im "Club der Söhne", der aus Fritz Langs "Metropolis" entlehnt ist, ein trügerisches Paradies der Reichen. Regisseur Andreas Gruhn zeigt ihn – wie auch die disziplinierenden Videoeinblendungen, die vielleicht von einem Big Brother, einer höheren Macht kommen – hinter einer riesigen Linse. Hier waschen sich die Jungs rituell, wobei sie Posen einnehmen wie in Leni Riefenstahls Sportdokumentationen. Was einen subversiv ironischen Touch bekommt, weil zwei der drei jungen Herren einen unübersehbaren Bauchansatz haben. Dann füttern sie sich homoerotisch mit Apfeltaschen und verteidigen ihr Refugium gegen Eindringlinge.

Achjediewelt1 560 BirgitHupfeld uSuche nach dem richtigen Platz: "Ach je die Welt" © Birgit Hupfeld

Ein Mädchen möchte unbedingt dazu gehören. Marie-Ann sehnt ihren 15. Geburtstag herbei und stellt sich dann den Jungs als Lustobjekt zur Verfügung. Sie probieren es mal aus, finden aber keinen richtigen Kick dabei. Dann fasst Marie-Ann einen anderen Plan. Sie ist bereit, sich zu verwandeln, ein anderer Mensch zu werden, um einen Platz zu finden im Club der Söhne. Marie-Ann lässt sich zum Jungen operieren, nur um wieder weggestoßen zu werden. Sie endet als Zwitterwesen mit High Heels und Kleid, vollgepumpt mit Schlaftabletten. Hans-Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau steckt ebenso in dieser Figur wie Frauenfiguren Ödön von Horváths und Rainer Werner Fassbinders. Anne Lepper montiert sprachliche Stilzitate in ihren Text, der ein faszinierend schillerndes dramatisches Gebilde ist.

Krasse Bilder zu feinen Texten

Oft wurden ihre Stücke bisher sehr stilisiert inszeniert, oft sogar steril wie zuletzt La Chemise Lacoste im Düsseldorfer Schauspielhaus. Andreas Gruhn zeigt, dass ein deftigerer, bodenständigerer Zugriff diese Texte nicht beschädigt. Im Gegenteil, ihre Kraft tritt deutlicher hervor, wenn sie mit krassen Bildern und energetischen Schauspielern konfrontiert werden. Gruhn schafft auf Oliver Kosteckas mit Müll bestückter Bühne eine zwingend trostlose Atmosphäre, die junge Menschen nicht aushalten, ohne eine brodelnde Sehnsucht zu entfachen. Es sei denn, sie sind schon so abgestumpft wie ein Chor der Sechstklässler.

Gruhn steckt drei Darsteller aus dem Jugendklub in Fatsuits, dicke Kinder, deren Leben aus Chips und Cola besteht. Als sie die tote Marie-Ann finden, durchsuchen sie sie sofort nach Taschengeld und ihrem Handy. Sogar als sie ihre Bekannte erkennen, löst das kein Gefühl aus. Der war halt nicht zu helfen, ist nun mal so. Ihnen ergeht das nicht anders. Vielleicht spüren sie das tief unter ihren Fettschichten. Doch dann greifen die Hände wieder in die Chipstüten.

Verlorenheitsblues

Sibylle Berg hat vor kurzem ihr erstes Kinderstück geschrieben, auch Kristo Sagor wendet sich mit "Patricks Trick" dem jungen Publikum zu. Anne Lepper hat sich schon früher mit Kindern beschäftigt: in ihrem skurril-boshaften Stück Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier über dicke Internatszöglinge, die von ihren lieblosen Eltern abgeschoben wurden. Sie ist keine Kompromisse eingegangen, "Ach je die Welt" ist eine Herausforderung an die Spieler wie die Zuschauer. Natürlich werden die meisten Jugendlichen die vielen Zitate und Assoziationen nicht verstehen, aber das ist auch nicht nötig. Denn sie schaffen einen Sound, eine Emotionalität, einen Hintergrund, der eine starke Wirkung entfacht. Zumindest wenn das Stück so liebevoll-präzise und gleichzeitig leidenschaftlich auf die Bühne gebracht wird wie im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater. Die Aufforderung hat Nachhall bei Zuschauern jeden Alters. Ein Verlorenheitsblues über die Industriegebietskinder, Theater, das auf subtile Weise zum Widerstand aufruft.

Ach je die Welt
Uraufführung
von Anne Lepper
Regie: Andreas Gruhn, Ausstattung: Oliver Kostecka, Video/musikalische Einrichtung: Peter Kirschke.
Mit: Désirée von Delft, Steffen Happel, Götz Vogel von Vogelstein, Thorsten Schmit, Lucas Franken, Oliver Seifert, Sven Voss.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

In Anne Leppers Werk wirkt der regionale Bezug immer wieder recht aufgesetzt und bemüht, heißt es unter dem Kürzel br in den Ruhr Nachrichten (11.5.2015). Ausstatter Oliver Kostecka sorge für ein surreales Setting, verwandele die Clique junger Prolls in Arbeiterjungs aus dem vergangenen Jahrhundert, bis sie mit Blumen bekränzt ihr Arkadien im "Klub der Söhne" gefunden haben.

 

 
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