Friedhof mit Meeresblick

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2015. Wellenbrecher, grau in grau, türmen sich auf. Abweisend und militant wirken diese Tetrapoden: Betonblocksteine, die sich zum Schutz der Küste in den Sand krallen, um die Kraft der Meereswellen, die gegen das Ufer schlagen, zu entschärfen. Auf der Bühne des Staatsschauspiels Stuttgart, wo jetzt Lars von Triers preisgekrönter Film "Breaking the waves" von 1996 in einer Adaption gezeigt wird, besitzen die hässlichen Ungetüme allerdings nicht die bewährte dreiarmige Gestalt, sondern die Form von Kreuzen. Drüber wabert Nebel. Ein einfaches, wirkungsvolles Bild, bedrückend und düster, das Bühnenbildner Falko Herold und Regisseur David Bösch eingefallen ist, um darin das Drama von Bess zu implantieren, der jungen Frau, die in einer militant-religiösen, inzestuösen Gemeinde an der Küste Schottlands an ihrem Umfeld, den Ereignissen und ihrer großen Liebe zugrunde geht.

Alles, was über die Dorfgrenze hinausgeht, wird hier als fremd angesehen. Die Hölle auf Erden: verklemmt, spießig, latent gewalttätig. Frauen- und fremden- und so sinnenfeindlich, dass nicht einmal die Glocken geläutet werden dürfen. All das gerinnt in diesem Bild der eiskalten, abstoßenden, kreuzförmigen Wellenbrecher, an denen sich nicht das Meer, sondern Bess' kindlich aufgedrehte Gefühligkeit bricht.

Gefühlsbrecher überall

David Bösch fokussiert das Bühnengeschehen auf Bess, die Analphabetin, die von den Dorfbewohnern für geistig unterbemittelt gehalten wird. Bess liebt den Bohrinselarbeiter Jan – bedingungslos, aufopferungsvoll. Sie heiraten gegen die Tradition – eine "Mischehe" mit einem Fremden, die nach hiesiger Auffassung nicht sein darf und nur ausnahmsweise einmal genehmigt wird. Jan ist ja eh meist abwesend, schuftet auf der Bohrinsel.breakingthewaves1 560 connymirbach xWenig Freiheit im Küstendorf: "Breaking the waves" in Stuttgart, mit Wolfgang Michalek (Jan) und Maja Beckmann (Bess) © Conny Mirbach

Aber dass Bösch alle anderen Charaktere – wie Bess' biedere, strenggläubige, verhärmte Mutter oder den brutalen, hartherzigen Pfarrer – herunterfährt, eher blass hält, rächt sich spätestens, nachdem Jan verunglückt ist, weil ihm der Ölbohrer an den Kopf geschleudert und er nun bis zum Hals gelähmt ist. Wolfgang Michalek kann das gut: Einfach nur so erstarrt daliegen oder im Rollstuhl sitzen, aber dennoch aus dem steifen Körper die brachliegende Energie aggressiv herausschreien – etwa seine wahnhaften Befehle an Bess, sich doch bitte mit anderen Männern zu verlustieren, damit er weiterleben könne, was sie verzweifelt ungelenk schon bald in Angriff nimmt. Aber noch besser ist er vor Jans Unfall: Michalek ist Mister Dauerknutscher am Staatstheater Stuttgart, das hat er schon in einigen Inszenierungen bewiesen. Wie lange er an diesem Abend Bess beim ersten Aufeinandertreffen genau in die züngelnde Mangel nimmt – gefühlte 5 Minuten.

Göttliches Scheinwerferlicht

Aber nach dem Unfall ist die Luft raus aus der Inszenierung. Da ist gerade mal die Hälfte des zweistündigen Abends vorbei. Handlung und Dialoge können der ennuyierenden Eintönigkeit des Bühnenbildes, das durch Projektionen gelegentlich aufgepeppt und durch einzelne Möbelstücke wie Krankenbett ergänzt wird, nicht genügend entgegensetzen. Da helfen auch nicht Möwengeschrei, Gummistiefel und Friesennerz, melancholische Liebes- oder Seemannslieder, um den grandiosen, kontrastierenden Naturaufnahmen der Filmvorlage Paroli zu bieten.

Ja, die Inszenierung erstickt am starren Bühnenbild, die innere Spannung löst sich auf im immer Gleichen: Immer wieder steht Maja Beckmann als Bess an der Rampe im göttlichen Scheinwerferlicht und spielt ihre naiv-kindlichen Gespräche mit Gott. Etwa so: Mit eigener Stimme "Bist'n du noch da?" Dann mit tiefer Stimme, verulkend, lispelnd, auch mal besoffen: "Was ist es denn diesmal, Bess?" So bittet sie ihren "Vater" um die große Liebe, dann um die Rückkehr Jans von der Insel, um dann an ihren Schuldgefühlen zu verzweifeln, weil sie glaubt, ihr Wunsch wurde mit dem Unfall bestraft.

Erwartbare Provinzhölle

Nach dem dritten Gottesgespräch beginnen die albernen Comedy-Nummern zu nerven, auch wenn Maja Beckmann ihre Sache gut macht als bedingungslos Liebende, nichts Hinterfragende, kindlich Glaubende. Ansonsten aber bleibt der Gelähmte gelähmt, hüpft Bess aufgedreht und emotional verwirrt auf der Bühne herum, geben ihr der nette Arzt Dr. Richardson und die Krankenschwester-Freundin Dodo gute Ratschläge, und das Psychodrama gleitet ab in den meditativen Strom des Erwartbaren.

Am Ende liegt Bess tot an der Rampe, und Jan gelingt's erstaunlicherweise, sich auf Krücken an den Strand zu quälen, um seine Liebe noch einmal zu drücken und sich dann, genauso wie die nun berucksackte Dodo, aufzumachen, um die Provinzhölle endlich zu verlassen. Das ist schön für die beiden, aber weil nun keiner mehr da ist, muss die tote Bess selbst noch einmal aufstehen, um die Glocken zu läuten.

Breaking the Waves
nach dem Film von Lars von Trier
Dramatisiert von Vivian Nielsen, Deutsch von Maja Zade, Fassung für das Schauspiel Stuttgart von David Bösch und Anna Haas
Regie: David Bösch, Bühne/Video: Falko Herold, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Karsten Riedel, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Maja Beckmann, Wolfgang Michalek, Hanna Plaß, Matti Krause, Robert Kuchenbuch, Gabriele Hintermaier, Johann Jürgens, Karsten Riedel. Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

David Bösch betrachte von Triers "emotionalen Horrortrip" in seiner Inszenierung "von Außen. Er deutet an, da geschehen schlimme Dinge, aber er zeigt sie nicht. Und die Heldin soll kein Opfer sein", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (11.5.2015). Bösch füge seiner Fassung "Ironie, Humor, Menschenfreundlichkeit hinzu. Er konzentriert sich auf die große Liebesfähigkeit von Bess." Spielerisch feine Szenen seien zu sehen, aber es gehe auch "Entscheidendes verloren." Man erlebe eine "vernünftelnde, protestantische Fassung eines dunklen Exzesses. Den alles überhöhenden Furor vermisst man dann aber doch empfindlich. Die heftigen Pendelausschläge von großer Leidenschaft werden nivelliert."

"Schlank, stringent, ohne Schnörkel und überflüssige Juxeinlagen" verfolge David Bösch "mit großem Ernst den Passionsweg des märchenhaften Gotteskinds", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (11.5.2015). "Mit jeder Szene treibt seine Regie die Handlung voran und hinein in eine schwarze Ballade, die auch eine moderne, sich aus den Ruinen der alten Religion erhebende Heiligenlegende ist." Maja Beckmann spiele "ihre Figur mit allen Registern der heiligen Einfalt". Man werde "von Beckmanns Spiel vollends in Bann gezogen – nicht ganz mit der Wucht der Filmvorlage, aber doch fast."

David Bösch erzähle die Geschichte "geradeaus", und langweilig sei das nie, meint Otto Paul Burkhardt auf dem Online-Portal der Südwest-Presse (11.5.2015). Es sei vielleicht "kitschverdächtig", doch Bösch kündige "auch drohendes Unheil an". So sei Böschs Inszenierung alles in allem ein "zwiespältiger, freilich spannender Abend. Teils verfehlt Bösch die ätzende Tragik des Film-Originals und bietet eher eine dahergeplauderte Gruselgeschichte. Doch zunehmend lässt Bösch auch unerbittlichen Schmerz zu".

 
Kommentar schreiben