Esst nicht von dem Egokäse!

von Wolfgang Behrens

13. Mai 2015. In Berlin läuft gerade das Theatertreffen, und natürlich spielt diese Selbstvergewisserung einer ganzen Branche auch in den Mai-Heften der Theatermagazine eine tragende Rolle und wird auch als solche thematisiert. Außerdem geht's im Mai um die Verdummung von Schauspielern, um denkfaule Realitätseffekte und um Konzepte kollaborativer Autorschaft.

Cover TH 5 15Theater heute

Ausgiebig kommen in der Mai-Ausgabe von Theater heute die Juroren des Theatertreffens zu Wort: Zum einen Peter Laudenbach und Stephan Reuter, die im Gespräch von Franz Wille und Eva Behrendt befragt werden (die ihrerseits auf nicht unerhebliche Theatertreffen-Jury-Erfahrung zurückblicken können); zum anderen Till Briegleb, der in seinem Beitrag das diesjährige Tableau verteidigt. Bei Briegleb erfährt man auch (über das allgemein bekannte Attribut "bemerkenswert" hinaus), welchem "Kernkriterium" eine Produktion, die zum Theatertreffen eingeladen wird, genügen müsse: nämlich "zeitgenössische Qualität". Dass es gegen die Entscheidung jeder Jury am Ende "zahllose berechtigte und unberechtigte Einwände" gebe, hält Briegleb für konstitutiv, es gehört zum Spiel, denn "die meisten im Theaterbetrieb aktiven Menschen brauchen diese Aufregung. Auf allen Seiten liebt man die Empörung und den Wettkampf, und eigentlich wollen die meisten Beteiligten, wenn sie ehrlich sind, auch nur die Einladungen der anderen haben. Die Jurykritiker die der Jurymitglieder, die unterlegenen Künstler die der ausgezeichneten." Ah ja, das haben wir jetzt verstanden: Es geht also bei Kritik an der Jury gar nicht um Inhalte, es geht nur um Neid – auch eine Möglichkeit, sich zu immunisieren.

Peter Laudenbach wiederum lässt durchschimmern, dass "zeitgenössische Qualität" allein für eine Einladung nicht ausreiche. Er findet beispielsweise die Dresdner Inszenierung Ein Exempel von Lutz Hübner und Sarah Nemitz "mehr als okay", sie habe in Dresden "zu großen Diskussionen geführt, das Theater hat eine Stadtöffentlichkeit zu einem politisch wichtigen Thema hergestellt. Ich finde das vorbildlich. Es wäre wegen dem (!) Niveau der Schauspieler und der etwas rustikalen Regie trotzdem nicht möglich gewesen, die Inszenierung zum Theatertreffen einzuladen." Ich gestehe, dass mir das nicht ganz einleuchten will. Ein Theatertreffen, bei dem solche und ähnliche Aufführungen aus dem "Stadttheater" gezeigt würden, könnte jenseits eines reinen Gipfeltreffens viel eher zur Bestimmung einer "zeitgenössischen Qualität" des Theaters verhelfen – eher jedenfalls als handwerklich brillante, bei der Jury auch "unumstrittene", aber im Grunde doch völlig belanglose Groß-Inszenierungen wie Karin Henkels John Gabriel Borkmann aus Hamburg (oh, Entschuldigung, da ist eben wohl der Neid mit mir durchgegangen!).

Peter Laudenbach ist von seinem neu gewonnenen Innenblick auf die Jury-Tätigkeit übrigens auch zu Reflexionen über die Bedeutungsbehauptung des Theaters insgesamt angeregt worden: "Dem Theater gelingt es eher selten, zum zentralen Ort zeitdiagnostischer Auseinandersetzung oder auch nur der kulturellen Öffentlichkeit zu werden. (...) Je unübersehbarer das wird, desto mehr muss das Theater und damit auch das TT als wichtigster Ort der Selbstfeier und Selbstvergewisserung der Branche seine Bedeutung behaupten. Das kann von außen seltsam wirken. Wenn man selbst als Juror vom mehr oder weniger zugeneigten externen zum teilnehmenden Beobachter wird, spielt man diese Bedeutungsbehauptung automatisch mit, schon um vor sich selbst den irrsinnigen Zeitaufwand zu rechtfertigen." Das ist wirklich ein schöner und eigentlich auch ein tieftrauriger Gedanke: Theatertreffen-Juror*innen erschaffen sich ihre Bedeutung, indem sie etwas vor sich als bedeutend ausgeben, von dessen Bedeutungslosigkeit sie zutiefst überzeugt sind. Müssen wir uns den Theatertreffen-Juror als den absurden Menschen vorstellen?

Cover TdZ 5 15Theater der Zeit

Von einer ganz anderen Seite geht das Mai-Heft von Theater der Zeit das Theatertreffen an: Es nimmt letzteres, "die große Betriebsfeier schlechthin", unter dem Obertitel "Who's next?" zum Anlass, "Positionen junger Theatermacher" zu versammeln, "die sich auf je eigene Art und Weise mit dem System Theater auseinandersetzen." Als Schnittmenge mit dem Theatertreffen dienen dabei die Regisseure Thom Luz und Christopher Rüping, aber auch der Videokünstler und Regisseur Alexander Giesche, die Dresdner Schauspielerin Lea Ruckpaul und die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud werden porträtiert. Die eigentliche Überraschung des Schwerpunkts aber ist ein Text von Mehmet Sözer, einem seit der laufenden Spielzeit am Münchner Volkstheater beschäftigten jungen Schauspieler.

Unter der Überschrift "Was kann man tun? Ein Plädoyer gegen die Vereinzelung" schildert Sözer ein Unbehagen, dass darin bestehe, dass der Theaterapparat "eigentlich überhaupt nicht hält, was er verspricht: nämlich der Ort zu sein, an dem Wahrheiten verhandelt, Geschehnisse reflektiert und die gesellschaftlichen Gegebenheiten verändert werden können. Ein Ort zu sein, der verändert oder Veränderung ermöglicht – oder diese zuallermindest denkbar macht." Das Theater solle "nur da sein und im besten Fall die Welt, wie sie ist, bestätigen: natürlich nicht so offen, wie beispielsweise die Politik es zu tun gezwungen ist, sondern eben so, wie Theater das macht: ein bisschen träumen lassen, die eine oder andere Katharsis herbeiführen, schön den Personenkult kultivieren – und dann gleich weiter in die Kantine zum Schnitzelessen und Lästern."

Sözer beschreibt den "vorgesehenen Weg für einen Stadt-/Staatstheaterschauspieler" als einen, bei dem man "durchaus von der klassischen entfremdeten Arbeit sprechen" könne, "natürlich unter postmodernen Vorzeichen." Der Theaterapparat befördere "enthusiastisch" die "Verdummung des Schauspielers", dem es um den "Gehalt der Inszenierung" nicht zu gehen brauche. Sözer schlägt vor: "Man könnte doch versuchen, diesem sinnentleerten Egokäse entgegenzuwirken." Auch wenn er zuletzt etwas diffus bleibt, fordert er doch von den Jungschaupielern "mündiges Handeln", eine Abkehr von Eitelkeiten und Eifersüchteleien, um am Ende eventuell "gemeinsam für Produktionsbedingungen einzustehen, die uns den nötigen Rahmen für eine junge Schauspielkunst einräumen."

Erwähnt sei noch, dass Theater der Zeit in dieser Ausgabe auch eine neue Reihe zum "Neuen Realismus" startet. Im ersten Teil liest der Soziologe und "Ernst Busch"-Schauspielschul-Leiter Wolfgang Engler den "so beliebten Stadtrundgängen, Wohnungsbesuchen" etc. die Leviten. Es würden hier nur denkfaul "Realitäts-, Authentizitätseffekte" produziert, eine "bloße Zusammenschau der Phänomene", ohne "das Zugrundeliegende darin aufscheinen zu lassen". Der wahre Realist hingegen begreife soziale Tatsachen "als von Menschen produzierte und legitimierte Verhältnisse, und schürt den Zorn auf jene, die sich im Namen von Sachzwängen gegen den Geist der Gesellschaft verschwören."

Cover DB 5 15Die deutsche Bühne

"Was für ein Drama?" titelt Die deutsche Bühne im Mai und fragt nach "neuen Textformaten". Eröffnet wird dieser Schwerpunkt von einem Text des Intendanten der Berliner Festspiele Thomas Oberender, den er in gekürzter Fassung auch als Eröffnungsvortrag beim Theatertreffen-Stückemarkt gehalten hat, weswegen er hier nicht noch in weiterer Kürzung wiedergegeben werden soll.

Wie man weniger für neue denn für alte Textformate plädiert, ohne sonderlich dogmatisch zu sein, führt der Autor Marius von Mayenburg im Gespräch mit Detlev Baur vor. Er kennt klare Regeln für Dramatiker, gegen die man verstoßen kann, "es sollte einem aber klar sein, dass man das tut." Diese Regeln sind so rigide wie luzide: Theatertexte "dürfen eine gewisse Seitenanzahl nicht übersteigen. (...) Man hat im Theater in der Regel zwei Stunden Zeit." (Man sieht im Geiste die Nachwuchsdramatiker an von Mayenburgs Lippen hängen und eifrig mitnotieren). Und: "Personen, die kein Problem haben, sind auf der Bühne uninteressant. Ohne Konflikte kommt das Theater nicht aus. Und wenn es ihn nicht gibt, muss der Regisseur ihn erfinden."

Mayenburg wird auch gefragt, was er vom Gedanken hält, einen "Writers' Room von US-Fernsehserien als Ausgangspunkt für eine neue Form des Schreibens im Team zu nehmen." Die Antwort ist eindeutig: "Gar nichts. (...) Da herrschen wohl falsche Vorstellungen, wie die guten Serien in den USA geschrieben werden. Bei HBO wird nach wie vor auf gute Autoren gesetzt. Das ist so plastisch und griffig, weil es aus einer Hand kommt. (...) Können Sie sich Rainald Goetz in einem Writers' Room vorstellen? Caryl Churchill? Yasmina Reza? Martin Crimp?"

Blättert man danach um, kommt man direkt zum (von Uwe Gössel und Ulf Schmidt erstellten) Protokoll einer Arbeitsgruppe, die bei der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft in Linz über ebenjene Idee eines Writers' Room für Dramatiker diskutiert hat. Hier wird schnell offenbar, dass es auch nicht unbedingt Yasmina Reza ist, die man sich im Writers' Room vorstellen soll: "Man braucht keine Writers' Rooms, um im Theater dasselbe weiterzumachen, was schon bisher gemacht wurde. Wo aber Theater sich auf den Weg zu ganz neuen Formen und Konzepten machen wollen, scheinen Writers'-Room-Konzepte und vergleichbare Konstrukte kollaborativer Autorschaft (...) sehr vielversprechend zu sein. (...) Offen ist die Frage, wessen inhaltliche Idee verfolgt wird. Die eines Chefautors? Die des Auftraggebers? Der Treibstoff einer großen Geschichte ist abhängig von der Wucht eines kreativen Kopfes beziehungsweise eines Showrunners." Also doch! Marius von Mayenburg, übernehmen Sie!

 

Alle Magazinrundschauen der vergangenen Monate gibt es hier.

Alles zum Berliner Theatertreffen 2015 in der Theatertreffen-Festivalübersicht.

Alles zur Debatte um Neue Dramatik und neue Formen von Autorschaft, inklusive der Diskussion um Ulf Schmidts Idee eines Writers' Room.

 

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