Die Welt, wie Max sie sah

von Michael Laages

Braunschweig, 16. Mai 2015. Alle Hürden sind aufgestellt; alle Komplikationen, die eine internationale und mehrsprachige Theater-Produktion naturgemäß so mit sich bringen kann, sind zu bewältigen, bevor dieses schwere Stück Arbeit zum Erfolg werden kann: Der Autor stammt aus Belgien, der Text ist ursprünglich französisch. Der Uraufführungsregisseur, ausgezeichnet beim Braunschweiger "Fast-Forward"-Festival vor bald zwei Jahren, ist ebenfalls Belgier, und das Stück, das er nun als Teil des Preises in Braunschweig inszeniert, soll nicht nur hier, sondern auch daheim in Lüttich am Theater gezeigt werden. Das Ensemble ist deutsch-belgisch gemischt, zweisprachig ist die Aufführung sowieso, sie braucht also zweierlei Übertitel; zur Struktur des Stückes gehört aber auch noch, dass (als Stück im Stück) eine dritte Sprache gesprochen wird: Englisch. Eine weitere Hürde für die "Szenarien" von Jean-Marie Piemme in Antoine Laubins Uraufführungsinszenierung.

Wie sich dann aber all das fügt zum Stück, von dem hier die Rede ist: das ist zum Staunen.

Gedankenspiele am Tisch

Jean-Marie Piemme ist voriges Jahr 70 geworden und berufslebenslang ein fleißiger Autor gewesen; dass wir ihn praktisch nicht kennen, ist Schande pur. Vielleicht sollte der deutsche Theaterbetrieb nicht nur unentwegt mehr oder minder bedeutende Talente küren, sondern öfter mal in die allernächste Nachbarschaft schauen ... "Szenarien" ist ein ziemlich guter Grund, mehr von diesem Autor zu lesen, und auch zu spielen. Er erzählt eine sehr deutsche Geschichte, indem er sie belgisch beginnen lässt. Und die Distanz zwischen beidem schreibt er immer gleich mit.

Sieben Personen suchen ein Motiv. Zu einer Art Workshop oder "Brainstorming"-Treffen sind sie versammelt; bei Piemme in einem Hotel, für Laubins Inszenierung in einem abstrakten Arbeitsraum. Wie um den großen Lesetisch sitzen sie herum, wie immer am Probenbeginn einer Inszenierung im Theater. Die deutsch-französischen Gedankenspiele, die sie bei der Gedanken-Arbeit entwickeln, stellen sie dann jeweils dar auf diesem Tisch; und auf Englisch.

 szenarien 560 VolkerBeinhorn uAlles beginnt am Tisch  © Volker Beinhorn

In eine reale Schauspielerin verliebt

Ein Deutscher namens Max steht im Mittelpunkt. In Aachen geboren, arbeitet er anno 1930 in der alten belgischen Industriestadt Seraing – übrigens Piemmes Heimatstadt. Max ist Kommunist; und in der ersten Begegnung des entstehenden Szenarios der sieben Spurensucher wird er von einer Ingenieursgattin verführt: der Proletarier wird zum sexuellen "Eigentum" der feinen Großbürgerin. Die nimmt sich später allerdings das Leben; frustriert von ihresgleichen. Und Max, eigentlich mehr mit dem eigenen Klassenstandpunkt beschäftigt, reist nach Berlin, zu Mutter und Schwester. Der Mutter, einer verzweifelten Trinkerin, versucht er "seinen" Kommunismus zu erklären; aber nur die Schwester versteht ihn.

Max verliebt sich in eine Schauspielerin – und hier baut Autor Piemme sehr geschickt eine Art Dokumentation ein. Diese Schauspielerin nämlich ist Carola Neher, die ursprünglich als Polly vorgesehen war in der Uraufführung der "Dreigroschenoper" der Herren Brecht und Weill 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm. Sie sagte die Premiere ab um zum sterbenden Gatten zu fahren, und spielte erst später in der Wiederaufnahme. Vor den Nazis flieht die bekennende Kommunistin nach Moskau; der verliebte Max bringt sie bei Piemme zum Bahnhof, auf dem sich eine gespenstische Szene vollzieht – deutsche Nazis, feine Leute eigentlich, hetzen gegen das Paar, das sich mit der Lektüre von "Mein Kampf" zu tarnen versucht – während draußen in der Bahnhofshalle die braunen Horden das Horst-Wessel-Lied grölen.

Der Traum ist zerstört

Hoffnungsfroh reiste auch die echte Carola Neher nach Moskau, unter Stalins Fittiche – landete aber nach den großen Säuberungen seit 1936 im sibirischen Arbeitslager. Dort kommt noch ein Kind zur Welt; "Mini-Max" nennt es die Schauspielerin. Später verliert sich ihre Spur. Als Todesdatum der echten Carola Neher gilt 1942. Auch Max wird interniert, kehrt aber 1945 ins zerstörte Berlin zurück – und trifft dort die Schwester, die im Kellerloch einer Ruine haust und sich ihm als Hure anbietet: für ein Stück Brot. Auch für sie ist der Traum vom besseren Kommunismus zerstört – nach mehreren Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee.

Großen Raum nimmt auch die Geschichte eines alternden Mit-Forschers ein, der gerade den Sohn verloren hat, der lieber in Afghanistan kämpfen wollte, als beim Vater zu bleiben. Streiten für eine Idee, und sei es für diese – so bricht die Gegenwart ein in die Geschichte von der großen Utopie, die Max und Carola Neher verbindet.

Piemmes Text ist ein wirklich starkes Stück. Vermutlich ist es weniger abstrakt gedacht als Laubins Inszenierung. Der Regisseur verschärft in der Inszenierung noch den Werkstatt-Charakter. Er konzentriert sich auf die Haltung der Forscherinnen und Forscher am Tisch, die auf der Suche sind nach dem Thema, das ihnen wichtig ist, im Hier und im Heute: noch einmal (und immer wieder) von der Menschheitskatastrophe des vorigen Jahrhunderts zu erzählen – auch und gerade mit Afghanistan im Kopf.

 

Szenarien (UA)
von Jean-Marie Piemme, Deutsch von Heinz Schwarzinger, Englisch von Mirabelle Ordinaire
Inszenierung: Antoine Laubin, Bühne: Antoine Laubin, Ralf Wrobel, Kostüme: Veronika Kaleja, Dramaturgie: Thomas Depryck, Charlotte Orti von Havranek.
Mit: Caroline Berliner, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Jéróme Nayer, Oliver Simon, Renaud Van Camp, Rika Weniger.
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de
www.theatredeliege.be

 

Kritikenrundschau

Ein Stoff, der in seinem holzschnittartigen Konstellationen und seinem Pathos streckenweise an einen alten Defa-Film erinnere, "den meint man schon mal so ähnlich gesehen zu haben", schreibt Martin Jasper in der Braunschweiger Zeitung (19.5.2015). Aber man sehe ihn nur vor dem inneren Auge. Wenn sie zu spielen beginnen, dann habe das Stück intensive, anrührende Momente. "Die ganze postdramatische Gruppendynamik drumrum...Freunde, die Stühle sind hart im LOT."

 

 
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