Irre Krieger

von Cornelia Fiedler

München, 20. Mai 2015. Steht der Typ unter Drogen? Wäre ja nicht untypisch für einen Soldaten. Der ganze Körper bebt vor Spannung, die metallen hohe Stimme springt, findet keinen Halt, Heldengeschichten brechen gepresst, dann wieder völlig unkontrolliert aus diesem Rest Mensch hervor, verzerrt, gewaltsam, vollkommen irre. Bauern hat er massakriert, Vieh gestohlen, kräht Eilif, der ältere Sohn der Mutter Courage, den sie an die Armee verloren hat. Die ganze Perversion des Krieges blitzt auf einmal auf, wenn Leonard Klenners Eilif sich mit seinen Taten brüstet, ein Kind, das den Frieden nie erlebt hat und ihn auch nie verstehen wird. Er ist ein Zerrbild und zugleich die Krönung davon, wie alle hier Versammelten den Krieg als einzig wahre, weil profitable Lebensform abfeiern.

Wie trockenes Laub über die Schlachtfelder

Thomas Schmauser, seit 2007 als Schauspieler an den Münchner Kammerspielen, hat sich nach seinen ersten beiden Regieprojekten "Du mein Tod" 2012 (eingeladen zu den Berliner Autorentheatertagen) und "Erklär mir, Leben" 2013 nun für einen der großen Brocken der Theatergeschichte entschieden. Bertolt Brechts Kriegs-Parabel setzt er in einen Raum, an dem alles bewusst vorläufig wirkt: zwei weiße Vorhänge quer durch den Werkraum, ein paar Stühle, helle Wände mit einigen Löchern, und wer ans Mischpult muss, schiebt sich liegend unter einer riesigen gelb-blauen Fahne an der Seitenwand durch. Das Herzstück des Ganzen ist ein eigentümlicher, klobiger Motor mitten auf der Bühne, der ab und an, wenn die Freude am Krieg zu erlahmen droht, verführerisch zu leuchten beginnt.

MutterCourage 560 Julian Baumann uUrsula Werner als Mutter Courage am Mikro – mit Kriegs-Motor. © Julian Baumann

Schmauser bleibt dicht am Text, verzichtet auf Erben-Provokationen, setzt eher auf kleinteilige Formen und Schlaglichter als auf den großen Regietheaterwurf. Ursula Werner ist die Mutter Courage, die als Händlerin mehr schlecht als recht von den kargen Einkäufen der Soldaten lebt. Sie spielt sie pragmatisch, ruhig, ziemlich ernüchtert und steht definitiv nicht kämpferisch im Zentrum der Inszenierung. Eher wirkt es, als würde sie mit all den anderen, ihren Kindern, dem Feldwebel, dem Koch, der Prostituierten und dem Prediger wie trockenes Laub über die Schlachtfelder und durch die Heerlager geweht. Wer hier nicht gerade auf einem der Stühle am Rande sitzt, steuert wirr und unsicher von einer Tür zur anderen oder poltert durch den Gang hinter den Kulissen, der alle Geräusche unwirklich verstärkt auf die Bühne zurückwirft.

Frieden ist nur Schlamperei

Schmauser will möglichst weit weg von der Wucht des klassischen Brecht-Sprechs. Er entwickelt ein lockeres Zusammenspiel mit deutlichem Werkstattcharakter, was allerdings stellenweise einfach unentschlossen wirkt. Immer wieder gibt es kleine sprechende Momente an diesem Abend, vor allem dann, wenn es um die ewige Rechtfertigung des falschen Lebens im falschen geht, darum, die vorgebliche Alternativlosigkeit des Krieges zu zelebrieren.

Diese Affirmation ist nicht nur Christian Löbers feistem Feldwebel in Fleisch und Blut übergegangen – "Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung" – sondern ebenso dem Feldprediger (Peter Brombacher) oder der Prostituierten Yvette. Die hat bei Lena Lauzemis trotz oder gerade wegen ihrer eckigen Aufziehpuppen-Bewegungen, der monoton schrillen Quäkstimme und der betonten Kaltschnäuzigkeit etwas anrührend Verlorenes.

Die starken Szenen und Bilder bleiben letztlich aber sehr für sich, so dass der Abend zerdehnt und zerfasert wirkt. Angenehm respektlos dagegen die Songs, neu arrangiert von Ivica Vukelic. Er spielt gekonnt mit den Erwartungen, die man bei so manchem Gassenhauer schon nach dem ersten Akkord lautstark im Ohr hat. Mal bleibt davon nur der strenge Klavier-Marschrhythmus übrig, und der Text wird gesprochen, mal wird die bekannte Melodie rau und lieblos runtergesungen und mal, wie bei Eilifs Soldatenlied, zur atonalen Rockstarnummer verzerrt.

 

Mutter Courage und ihre Kinder
von Bertolt Brecht mit Musik von Paul Dessau
Regie und Bühne: Thomas Schmauser, Dramaturgie: Matthias Günther, Kostüme: Estelle Cassani, Musikalische Leitung: Ivica Vukelic, Licht: Jürgen Kolb.
Mit: Peter Brombacher, Leonard Klenner, Lena Lauzemis, Christian Löber, Stefan Merki, Ivica Vukelic, Ursula Werner.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Thomas Schmauser nehme Brechts Text "gnadenlos ernst", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.5.2015). "Das gebiert zweierlei: Ein großes Erstaunen darüber, dass ein Stück, das unmittelbar vor dem Grauen des Zweiten Weltkriegs geschrieben, in diesem – 1941 in Zürich – uraufgeführt wurde und im Dreißigjährigen Krieg spielt, vom Krieg erzählen kann, als wäre es heute." Außerdem die Erkenntnis, dass "bei aller Verve, bei allem Einfallsreichtum Schmausers" dennoch "ein bisschen Brechtsche Besserwisserei und vermeintlich überlegene Altklugheit" stehen bleibe, "die heute seltsam anmutet". Aber Letzteres seien Nuancen – die Aufführung sei "ein toller Abend", den Tholl weiter unten auch noch als "grimmig lustig" beschreibt. Am Ende werde er – mit Brecht – zu einem Fanal. "Und (…) man wundert sich über Brecht, darüber, dass manches von ihm doch überdauert."

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