Gutestuer in bunten Leggins

von Katharina Röben

Berlin, 20. Mai 2015. Wie aus dem Lehrbuch für Actionfilme: Nebelschwaden ziehen auf, die Kegel zweier Taschenlampen durchschneiden die Dunkelheit lichtschwertergleich. Der treibende Rhythmus des Basses beschleunigt ihre Eile bei der Suche nach dem einen kostbaren Schatz. Weißes Styropor-Popcorn regnet von der Decke herab, die Einbrecher waten durch das Meer aus Füllmaterial und dann endlich – der Maskierte hält das diamantenbesetzte Ei in den Händen. Verblüfft von seiner Schönheit hält er inne, das Licht der Taschenlampe reflektiert und findet sich in tausend kleinen Lichtpunkten an den Wänden wieder. Discokugeleffekt. Einsatz der Geigen. Hach, wie ist das schön!

Flucht in die Fantasie

Die zwei Einbrecher entstammen dem neuen Stück von Philipp Löhle, ein Auftragswerk für das Deutsche Theater Berlin, das die Löhle-erfahrene Regisseurin Daniela Löffner in der Box uraufgeführt hat. In "Jede Stadt braucht ihre Helden" entspinnt Löhle die Geschichte zweier Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die Schlösser einbauen, um eben diese im Anschluss wieder zu knacken. Da ist Jörg, der Chef der Firma, ein Fischerwesten tragender Choleriker mit Truckercap und bei Christoph Franken von Anfang an präsent, laut und ekelhaft. Und dann ist da Daniel, der eigentlich aussteigen möchte, nachdem ihm mächtigere Männer ein Messer an die Kehle gedrückt und gedroht haben. Ein nervöser Zeitgenosse, von Timo Weisschnur verkörpert, anfänglich noch mit einigen tapsigen Timingproblemen. Im Verlauf des Stückes spielt er sich jedoch mit eindrucksvoller Körperlichkeit dem Superheldentum entgegen.

JedeStadt2 560 ArnoDeclair hMüllsackbühne mit hängendem Helden: Timo Weisschnur als Daniel alias "Veto", im Vordergrund: Lisa Hrdina als Alma und Christoph Franken als Jörg © Arno Declair

Löhle unterfüttert die Kleinkriminellen-Geschichte mit einer Collage aus anderen Delikten: Spielhallenüberfälle, Brandstiftung, ermordete Rentnerinnen. Es sind Geschichten, die von Aggression, Angst und Gewalt zeugen. Wie üblich bedient sich Löhle eines gesellschaftskritischen Themas, statt um Globalisierung wie in Das Ding, von Löffner 2011 ebenfalls in die Box gesetzt, geht's diesmal um Sicherheit und Gewalt. Die Dialoge im typischen Alltagssprech, die ihren Witz durch Missverständnisse, schnelle Wortwechsel und Situationskomik entfalten, hätten zu Beginn etwas mehr Geschwindigkeit vertragen können. Poetisch wird die rohe Umgangssprache in den Monologmomenten, wenn Daniel über die Würde des Menschen philosophiert oder Alma die Erfindung des Eigentums erklärt. Lisa Hrdina ist diese Dritte im Bunde und Kollegin von Jörg und Daniel, die sich im Verlauf des Stückes in ihre eigenen vier Wände und in ihre Fantasie flüchtet.

Volle Kanne Superheldenromantik

Löffner gelingt es, dem Text, in dem zwischen den Zeilen der erhobene Zeigefinger lauert, die Leichtigkeit zu bewahren. Dazu beschwert sie ihn mit Kitschklischees, um diese so zu überhöhen, dass sie ironisch brechen und neue Komik freisetzen. Wichtigstes Requisit kommt dabei von oben: Sigi Colpe hat die gesamte Decke über der Bühne mit großen schwarzen Müllsäcken behangen. Diese werden zum Mitspieler, wenn Daniel endlich seine wahre Identität enthüllt: Blaues Licht, Klaviermusik, Daniel reißt sich das T-Shirt vom Leib und enthüllt ein blau glitzerndes V auf seinem nackten Oberkörper. Bei Nacht nenne er sich "Veto". Das Orchester spielt auf, gewaltige Geigen, es klingt nach Abenteuerfilm. Veto schleudert den bösen Unbekannten (Eric Wehlan) durch die Luft, vollführt eine abstrus komische Zaubershow-Einlage, hält einen heranrasenden Zug aus Müllsäcken auf und versorgt Bedürftige wahlweise mit Deo, Hustenbons oder Klopapier. In Vetos Armen liegend spinnt Alma mit ihm neue Enden für die grausamen Episoden, die früher im Stück Erwähnung fanden. Sie glaubt an den Helden, den nur sie sehen kann.

Löhle greift das Phänomen der sogenannten Real-Life-Superheroes auf, bei dem sich Fans mit Superheldenkostümen verkleiden und etwas Gutes für die Gemeinschaft bewirken wollen – beispielsweise in bunten Leggins Suppe an Obdachlose verteilen, wie es Löhle im Programmheft beschreibt. Im Stück kann auch der Held am Ende das Böse nicht verhindern. Die zuckersüße Nachbarin Ella in Leopardenleggins, verkörpert von Wiebke Mollenhauer, ertappt die beiden Kleinkriminellen auf frischer Tat. Sie ist Polizistin, das diamantene Ei mit Discokugeleffekt lediglich Plastik. Ella verliert den Kampf, Daniel wird aus dem Weg geräumt, er ist eine zu große Gefahr für das Geschäft. Auch für Alma nimmt das Ganze kein fröhliches Ende. Denn eigentlich braucht nicht jede Stadt ihre Helden. Eigentlich braucht nur Alma ihren Veto.

 

Jede Stadt braucht ihren Helden
von Philipp Löhle
Uraufführung
Regie: Daniela Löffner, Bühne und Kostüme: Sigi Colpe, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Timo Weisschnur, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Wiebke Mollenhauer, Eric Wehlan.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Der Abend finde zu einer "Spielmixtur, in der das breitpinselige Szenenausmalen in schöner Widerspenstigkeit auf hingetupftes Andeuten trifft", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (22.5.2015). In Löhles Stück stehe alles auf brüchigem Boden: "Menschen im Dauerkippelzustand". Daniela Löffner mache daraus "passenderweise" "ein Pendel-Spiel-Stück", in dem jede Schauspieler*in ein "eigenes Figuren-Reich" habe: "Wiebke Mollenhauer weiß sehr spitz und kühl ihre Ella zu umschlendern, Lisa Hrdina ihre Alma umweglos zu herzen. Christoph Franken geht seinem Jörg zuweilen an die Gurgel, Timo Weisschnur kumpelt seinen Superhelden-Daniel ins Groteske." Aber nie seien diese Figuren "bloße Spaßtreiber", "so lustig der Abend ist", so Pilz. "Durch die Risse ihrer Seelen weht ein schneidend kalter Wind."

 
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