Heimat, Schmerz und Körper

von Kai Krösche

Wien, 24. Mai 2015. Es beginnt mit nackten Körpern. Zwei Frauen, zwei Männer taumeln stumm über die seitlich beleuchtete Bühne, verlieren die Kraft, tragen sich auf den Rücken der anderen, hieven sich wieder hoch, sinken zusammen. Assoziationen an Krieg und Gewalt werden wach, wenn die entblößten und verletzlichen Körper in den Armen des anderen leblos liegen: Schlachtenbilder, Heldentode, Kriegsfotografien.

Die stille Choreographie allein birgt bereits das Potential, einen Abend zu tragen. "Antigonón, un contingente épico" des Regisseurs Carlos Díaz und des Autors Rogelio Orizondo aus Kuba überwältigt jedoch in seinen knapp 80 Minuten mit einer schier erschlagenden Fülle an Referenzen, Textausschnitten und Assoziationen, die keinen geringeren Anspruch haben, als ein trotz aller Kürze episches Bild eines kubanischen Selbst- und Geschichtsverständnisses mit all seinen Widersprüchen, Verstrickungen und (unverwirklichten) Utopien zu zeichnen.

Zutatenreiches Nationalgericht

Im Programmheft zum Stück, das letztes Jahr in Havanna uraufgeführt wurde und nun bei den Wiener Festwochen in einem einmaligen Europa-Gastspiel zu sehen ist, wird das Bild der "caldosa", herangezogen – ein dicker, nahrhafter Eintopf, in den alle möglichen Zutaten geworfen und eingekocht werden. "Antigonón" ist das theatrale Äquivalent zu diesem kubanischen Nationalgericht: Texte des politischen Autors und Unabhängigkeitskämpfers José Martí, der Ende des 19. Jahrhunderts Kuba zum erneuten Kampf gegen die spanische Imperialmacht erfolgreich aufrief, folgen auf Auszüge aus Reden Fidel Castros, Bezügen zu Werken der alten Griechen und nicht zuletzt historischen Fakten und werden in kurzen Szenenabfolgen von meist zwei Darstellerinnen oder Darstellern dialogisch vorgetragen.

Immer neue Kostüme, wechselnd zwischen Laufsteg-Haute-Couture, traditionellen Trachten, Militäruniformen und zeitgenössischer Streetwear zieren die Körper – deren Nacktheit aufgrund von Aussparungen im Textil immer wieder hervorscheint. Zeitgenössischer Tanz, Gesang und Sprache in allen Tonlagen finden mal hintereinander, oft zeitgleich statt – und für den Betrachter ohne Spanischkenntnisse kommen auch noch deutsche Übertitel hinzu, die es aufgrund der Textflut selbst dem schnellen Leser beinahe unmöglich machen, Text und Bühnengeschehen gleichermaßen zu verarbeiten.

Unter Dauerbeschuss

Was wohl bereits für den kubanischen Zuschauer mit seinen (vergleichsweise fundierten) Kenntnissen der landesspezifischen Geschichte, der vergangenen wie gegenwärtigen politischen Situation Kubas und der Werke José Martís eine starke ästhetische Herausforderung darstellt, wird für den europäischen Betrachter zur Überforderung: "Antigonón" gerät zu einem kaum nachvollziehbaren Dauerbeschuss aus Referenzen, zumal die stark poetische Sprache – zum Teil 1:1 übernommene Gedichte José Martís – in Kombination mit der Dialogform eine zusätzliche Irritation hervorruft und in der deutschen Übertitelung obendrein an Schärfe verliert (ist "Heimat" wirklich die treffendste Übersetzung für "patria"?).

Antigonon 560 LessyMontesdeOca uWorte brechen hervor, Körper zittern, beben, taumeln: "Antigonon" © Lessy Montes de Oca

Also schaut man zu: Sieht die teils nackten, teils bekleideten Körper zittern und beben und taumeln und hängen wie leblose Hüllen, sieht sie scharfe Bewegungen zu den noch schärferen Klängen der Worte machen; sieht sie erst kaum bewegt dastehen und sich dann plötzlich mit Gewalt auf die Brust schlagen, Mimik und Gestik überzeichnen, Stereotypen ("die jungen Machos") zitieren und zeitgleich brechen ("die jungen Machos" werden von Frauen verkörpert). Und man hört zu: Wie die Rs rollen und die Worte hervorbrechen wie Gewehrsalven, das Stimmregister alle Tonlagen abklappert, hört Sätze wie Urgewalten zu aufgerissenen Augen aus den Mündern fluten, aus denen im Anschluss kubanische Lieder erklingen. Das alles geschieht nicht selten mit einer geradezu einschüchternden Aggressivität, Konsequenz und Körperlichkeit, das berührt, auch ohne dass man versteht, macht nervös, schafft eine Ahnung, die sich vermischt mit den Eindrücken der experimentell überlagerten projizierten Videobilder von Revolutionstoten, Denkmälern und der kubanischen Flagge.

Dickflüssig

Und doch, so wirklich überzeugen will es nicht. Vielleicht, weil hier zu viel gewollt wird, weil in dieser "caldosa", dieser dickflüssigen Essenz, kaum noch Platz bleibt für Leerstellen, weil alles Referenz und Bedeutung in schweren Seufzern zu atmen scheint und selbst der durch die Überzeichnungen entstehende Witz stets ohne die Möglichkeit des befreienden Lachens bleibt. "Antigonón" krankt vielleicht an der Unübersetzbarkeit für europäische Augen und Ohren, vielleicht aber dann doch an seinem eigenen, hoch gegriffenen und (welt-)umfassenden Anspruch. Und erstarrt dabei auf eine ganz andere, weil zeitgenössische und schließlich doch wieder altbekannte Weise zu jenen in Marmor gemeißelten Realitätsabbildern, die der Abend immer wieder als Bild bemüht.

 

Antigonón, un contingente épico
von Carlos Díaz und Rogelio Orizondo
Inszenierung: Carlos Diaz, Text: Rogelio Orizondo, Choreographie und szenische Bewegung: Xenia Cruz, Sandra Rami, Kostüme: Celia Ledón, Robertiko Ramos, Audiovisuelles Material: Marcel Beltrán, Komposition: Bárbara Llanes, Licht: Oscar Bastanzuri, Bühnenmalerei: Robertiko Ramos.
Mit: Giselda Calero, Daysi Forcade, Luis Manuel Álvarez, Roberto Espinoza Sebazco, Linnett Hernández.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Antigonón" sei "ein Karneval, eine Peepshow und ein Heiner-Müller-Stück zugleich", findet Margarete Affenzeller im Standard (26.5.2015). Der Abend sei auch ein ungewöhnliches "Frauenstück", das die Selbstbehauptung eines kolonialisierten Volkes als Körperkampf der Frauen zeige. "Der Kampfanzug ist dabei die Nacktheit: Drei Schauspielerinnen treten in diversen Oben- und Unten-ohne-Varianten spielerisch und akrobatisch perfekt in den Krieg um das Heldennarrativ. Antigonón wird so allmählich zu einem hochpolitischen Catwalk."

"Vier Darsteller kommen auf die Bühne, tanzen, leiden, trösten sich mit kleinen Gesten, schleppen einander herum, Frauen betten Männer in den Schoß, als ob sie eine Pietà spielen wollen", beschreibt Norbert Mayer in der Presse (26.5.2015) den Abend. "Körper verbiegen sich, die Sprache wird vulgär, poetisch, unfassbar pathetisch. Ist die Heldentodverherrlichung ehrlich gemeint oder schon wieder zynisch? Wer weiß das schon!" Allerdings: "Betrachten wir aber das 'Werk' aus der Sicht der enttäuschten Jugend, etwa aus jener Antigones: Dann könnte jeder Onkel schrecklich sein, ob er nun Kreon, Che, Raoul oder Uncle Sam heißt."

Auch, wenn der nicht spanisch sprechende Zuschauer (trotz Übertitelung) schwer gefordert werde: In nahezu jedem Bild vermittle sich "der Eindruck eines großen Regie-Wollens und einer bemerkenswerten, von sehr viel Humor getragenen Gewissheit der Schauspieler", schreibt lietz in der Tiroler Tageszeitung (26.5.2015). Díaz montiere "unzählige kleine Ereignis-Splitter zu einem Bilderbogen rund um seine von Kolonialismus, Diktatur und unzähligen Versuchen des Widerstands geprägte Heimat Kuba".

 

 
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