Leise rieselt die Schmach

von Kai Krösche

Wien, 29. Mai 2015. Oh, es muss kalt sein in diesem Haus, sehr kalt. Wände und Möbel gibt es keine, stattdessen nur Schnee, Schnee in Haufen auf dem Boden, Schnee, der von der Decke rieselt, nichts als Schnee. Eisig auch die Stimmung im Hause Borkman: Auf dem Dachboden wandelt rastlos der Familienvater umher, der vor Jahren eine lange Gefängnisstrafe wegen der Veruntreuung riesiger Geldsummen absitzen musste – und im Parterre leidet Mutter Gunhild unter der Schmach und träumt davon, dass ihr Sohn Erhart künftig einmal den Familienruf durch hehre Taten wieder herstellen möge. Ja, lähmend kalt ist es hier, eine Eislandschaft, unter der jeder Lebenskeim erstickt, jeder Versuch eines Ausbruchs erstarren muss.

Schlecht gealtert

Bei aller Kälte: Man muss es dann doch sagen, es gibt besser und schlechter gealterte Stücke des norwegischen Autors Henrik Ibsen, und das 1896 veröffentliche "John Gabriel Borkman" gehört wohl zu letzteren. Mag die Grundsituation noch ein spannender Ausgangspunkt für eine Geschichte um Verrat, Hybris und fehlgelenkter Leidenschaft sein, so verkommen die Figuren des wortreichen Vierakters zu sehr zu eindimensionalen Typen, die in allzu konstruierten Konstellationen Sätze voller Pathos, teils in enervierenden Wiederholungsschleifen zum Besten geben.

Borkman1 560 Reinhard Werner uLeise rieselt der Schnee: Bühnenbild von Katrin Brack © Reinhard Werner

Umso erleichternder, dass der australische Regisseur Simon Stone, der bereits vor zwei Jahren bei den Wiener Festwochen mit seiner temporeichen und beeindruckenden Variation von Ibsens Wildente auf sich aufmerksam machte, in seiner Überschreibung von "John Gabriel Borkman" den nicht selten unfreiwilligen Humor der Vorlage zur Groteske überspitzt. Stones Text folgt Ibsens Geschichte Schritt für Schritt, entstellt das Pathos der Vorlage jedoch geschickt zur Kenntlichkeit und übersteigert das Selbstmitleid der Protagonisten ins Lächerliche, ohne dabei die Figuren zu verraten.

Das schwache Licht des Genies

Aus Ibsens steif-verbittertem Banker Borkman wird bei Martin Wuttke ein zotteliger Verschwörungstheoretiker mit langem, ungepflegtem Haar, dessen Traum von der gesellschaftlichen Rehabilitierung eine reine Illusion ist und bleiben wird. Besteht in Ibsens Vorlage zumindest in den ersten Akten noch der leise Zweifel, ob es sich bei diesem Borkman nicht vielleicht doch um ein gescheitertes Genie handelt, so verkörpert Wuttke, großspurig gestikulierend im dicken Mantel durch den Schnee stapfend und mit der Stimme gereizt schnarrend, einen erbärmlichen Verlierer, dessen Hybris wenig mehr als realitätsverweigernder Wahn zu sein scheint; nur in den Zwischentönen funkelt hinter der Fassade dieses verletzenden Ekelpakets noch das schwache Licht eines charmanten Idealisten auf.

Birgit Minichmayr zeichnet ihre Gunhild, Borkmans Frau, als unzufriedene Säuferin mit krächzender Stimme: Die Liebe zu ihrem Sohn scheint genauso pathologisch wie halbherzig und ichbezogen: Die angeblich tief empfundene Schmach, die ihr Mann über sie und ihre Familie gebracht haben soll, nimmt man ihr nicht ab. Vielmehr scheint sie verletzt zu sein vom menschlichen Versagen ihres Mannes, das sie nun in gluckenhafter Mutterliebe zu kompensieren sucht.

Kein Opfer für die "höhere Sache"

Auch Caroline Peters' Ella, Schwester von Gunhild, kreist um sich selbst – im nüchternen Ton kommentiert sie tough und messerscharf sowohl Borkman als auch ihre Zwillingsschwester, blickt streng, bitter und verächtlich auf das Geschehen und verliert die Fassung lediglich im Angesicht ihres Neffen und Ersatzsohns Erhart.

Max Rothbarts Erhart hingegen hat wenig übrig für die Besitzansprüche seiner Verwandten: Mit der ungestümen Art des jungen Menschen, der sich die verkorksten Lebensentwürfe seiner Familie nicht aufzwingen lassen möchte, begegnet er diesen Ibsenschen Geistern mit einer geradezu frechen Selbstverständlichkeit und Normalität. Auch er ist ratlos, doch bemüht er sich nicht darum, die Ratlosigkeit in Bahnen zu lenken: Er will leben, glücklich sein und nicht sein Dasein einem anderen Menschen oder einer diffusen "höheren Sache" opfern.

Borkman2 560 Reinhard Werner uMutters Bester will einfach nur leben: Birgit Minichmayr als Gunhild Borkman und ihr Sohn Erhart (Max Rothbart) © Reinhard Werner

So stapfen sie also alle durch den Schnee, wollen sich gegenseitig, um sich nicht zu kriegen, reden aneinander vorbei und verlieren sich, um sich vielleicht, vielleicht auch nicht, am Ende doch wieder zu finden. Das macht dank des starken Ensembles Spaß zuzuschauen, das ist oft temporeich und witzig und in einigen Passagen auch berührend.

Die Antwort auf die Frage nach der Dringlichkeit dieses Stoffes bleibt es jedoch schuldig, trotz aller Aktualisierungen und Parallelen zur noch nicht lange zurückliegenden Finanzkrise, trotz der Zeitlosigkeit der existenziellen Dimensionen: der unerfüllten und unerreichbarer Träume, des menschlichen Scheiterns. Simon Stone hat vielleicht das Beste aus Ibsens Vorlage gemacht – und deren Schwächen doch nicht überwunden: So wirkt es fast wie ein ironisches Eingeständnis, wenn Martin Wuttkes bereits toter Borkman einen kurzen Augenblick vor dem abschließenden Black die rechte Hand zum Victory-Zeichen nach oben streckt.

 

John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen von Simon Stone
Regie: Simon Stone, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Bernhard Moshammer, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Martin Wuttke, Birgit Minichmayr, Max Rothbart, Caroline Peters, Nicola Kirsch, Roland Koch, Liliane Amuat.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Koproduktion Burgtheater Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel

www.burgtheater.at
www.festwochen.at
www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Simon Stone hat keine sensationell neue Lesart des alten Ibsen-Klassikers zu bieten. Stimmig aber ist sie allemal", berichtet Christoph Leibold für SWR2 (29.5.2015). Bei Stone sei "Ibsen im Internetzeitalter" angekommen, wenn Gunhild den Familiennamen "Borkman" und John Gabriels Verfehlungen googelt. "Mag sein, dass sich das nach Brachial-Aktualisierung anhört." Doch dem "Stück-Update auf der Textebene" wirke die "surreale Anmutung der leeren Schneelandschaft" im Bühnenbild "erfolgreich entgegen".

"Simon Stone aber interessiert sich gar nicht für ein altes Stück, das uns in seiner Fremdheit die Gegenwart erklären könnte", berichtet Christian Gampert für den Deutschlandfunk (29.5.2015). "Für ihn sind die Ibsen-Figuren nur Demonstrationsobjekte, Schaufensterpuppen, die man mit heutigen Denk- und Sprachschablonen ausstatten kann. Zugegeben: Langweilig ist es nicht, es ist schwer was los im Schaumbad im Akademietheater, und es salbadert wie bei Pollesch. Aber, mit Verlaub: Es ist nur Eventkultur. Unterhaltungstheater – bestenfalls."

In einer seiner notorischen Kurzkritiken fordert Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.5.2015): "Umschreibhände weg von Henrik!" Und er schüttet einige kräftige Ressentiments aus gegen den jungen "Spielvogthallodri (dessen Namen nichts zur Sache tut) mit australischem Migrationshintergrund, dem sie gerade die deutschsprachigen Subventionsasyltöpfe hinterhertragen". In Simon Stones Bearbeitung, die "einer Studententheater-Comedy zur mittelmäßigen Ehre gereichen würde", werde Ibsen "von einer öffentlichen Angelegenheit im Land der Menschheitsfragen zu einem privatistischen Blödheitsgestöber im Land der Seifenopern".

Der Abend wurde – "trotz seiner im Bühnenbild schön umgesetzten Humangefrierkunst – zu einer verwechselbaren, die Geschlechterrollen stereotyp zementierenden Boulevardkomödie", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (30.5.2015). Denn Stone habe Ibsens Drama "neu ausgerichtet, der Text steckt voller Slang und Haudrauf-Prosa, als wär's eine Telenovela", und auch an Ironie mangele es nicht. "Von Ibsen bleibt in dieser auf das Familiendilemma, das Private der Borkmans und Rentheims heruntergebrochenen Neufassung nur das Plotgerüst übrig."

"Ein spannender, anfangs etwas mühsamer, dann aber teilweise atemberaubender Abend" ist es für Barbara Petsch von der Presse (29.5.2015). Der Abend erinnere an TV-Serien wie "Vorstadtweiber" oder "Altes Geld". Aber dass Stone "den Klassiker verhunzt hat, wie verschiedentlich zu hören war", hält die Kritikerin für falsch. "Nach der flotten Eröffnung – seit Jahren wird Ibsen in Deutschland mit Slapstick versehen, das Gravitätische wurde seinen Stücken längst ausgetrieben – blieb der Text teilweise durchaus intakt. Auch das Drama ereignet sich weitgehend wie vom Autor notiert, aber modernisiert."

Barbara Villiger Heilig schreibt auf NZZ.ch (31.5.2015), Simon Stone verpasse dem Ibsen eine "derart witzige Frischzellenkur", dass die Schauspieler "abheben, trotz dem knöcheltiefen Schnee". Birgit Minichmayr als "daueralkoholisierte" Gunhild Borkman und Caroline Peters als ihre "todkranke, aber topelegante Zwillingsschwester" spielten zwei Frauen von "sehr heutiger Hemmungslosigkeit", was "die Gesprächskultur" betreffe. Sogar "der Umstand", dass beide, obwohl sie hysterisch herausschreien, was sie denken, "in unemanzipierten Verhaltensmustern feststecken, passt perfekt in unserer Zeit". Trotzdem mache sich Stone nicht über Ibsen lustig, mit seinen "energiegeladenen Überdrehungen" treibe er dem Stück die Schwere aus; "den Tiefgang behält es auch als Komödie".

Jan Küveler schreibt auf Welt.de (1.6.2015), Stone habe es sich zum "Brandbuilding-Prinzip" gemacht, "alte Texte neu zu schreiben, bei Beibehaltung der Dramaturgie". Also müssten Martin Wuttke und Birgit Minichmayr bei "Amazon bestellen, sich über Drohnen wundern und Playstation spielen". Außerdem schneie es die "ganze Zeit". Das sehe "hübsch" aus und sei ein gutes Bild dafür, wie sich "schon während des Spiels sanft und leise das Vergessen über den Abend legt".

Christine Dössel schreibt in der Süddeutschen Zeitung (1.6.2015), Stones kurze Inszenierung "unterkomplex" zu nennen, sei für diese Familien-Comedy noch "freundlich ausgedrückt". "Radikalkomisches Boulevardtheater im Pollesch-Ton" bei "zarter Dauerschneeberieselung".
Die Schauspieler: "Zombies in weißer Hölle". Allein "solche Schauspielkaliber" wie Martin Wuttke retteten Stones "flockige Fassung aus der Trivialität". "Stimmsirene" Birgit Minichmayr spiele die Gunhild wie eine "furios hysterische Salonschreckschraube" aus einem Fünfzigerjahre-Film. Wenn Schwester Ella ins Haus schneie, führe das zu "kreischenden Zickenkrämpfe", aber auch "hochintensiven Psychoduellen". "Starkes, pures Schauspielertheater" zwischen Peters und Wuttke, Roland Koch zeichne Foldal "liebevoll" als "stotternden Kauz", ohne in "die Karikatur zu verrutschen". Stones "Banaljargon" und "unbekümmerte Herangehensweise mit der Lupe der Groteske" sei "erfrischend".

Stimmen zum Gastspiel der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen 2016:

"Auch wenn Stones Stück-Update manchmal haarscharf an Telenovelas und Scripted Reality vorbeischrammt, es legt doch einen durchaus heutigen Kern des betagten Stoffes frei", so Ute Büsing auf RBB Info (15.5.2016). "Die Spekulation auf wohlfeiles Wiedererkennen geht auf, weil das Publikum sich in herausragenden Schauspielern spiegeln und sich an ihnen satt sehen kann wie sonst selten."

Begeisterung auch bei Peter Hans Göpfert auf RBB Kultur (17.5.2016): "Simon Stone macht sich jetzt einen tollen Jux aus diesem Stück. Er spielt nicht Ibsen, er parodiert ihn. Als Zuschauer gibt man sich völlig geschlagen. So lustig legt sich hier ein erstklassiges Schauspielensemble ins Zeug."

"Nur oberflächlich unterhaltsam zu sein, bemängelten Kritiker an beiden Inszenierungen", schreibt Katrin Bettina Müller in der Tageszeitung (17.5.2016) über die beiden Ibsen-Gastspiele beim Theatertreffen (das andere ist Ein Volksfeind aus Zürich). "Aber das stimmt nicht. Sie sind beide von einem tiefen Pessimismus gezeichnet, was Kapitalismus, Demokratie und das Entwickeln von Utopien angeht. Und beide verpacken das melancholische Leiden am Unverbesserbaren der Gesellschaft in groteskem Witz. Ohne sich dabei weit von Ibsen zu entfernen."

Ähnlich argumentiert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (17.5.2016), der davor warnt, sich von der schillernden Oberfläche blenden zu lassen. "Hinter dem Komödienvorhang lugen Ängste hervor, die sich nicht wegspielen lassen. Vielleicht ist dieser Abend auch deshalb so aufgedreht: Er erzählt vom vergeblichen Versuch, dem stillen Schrecken zu entkommen. Er setzt kalte, böse Wiedererkennungshaken."

 
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