Frau Plattenbau und ihre Industriegebietskinder

von Tobias Prüwer

Halle, 29. Mai 2015. Willkommen in der zur Open-Air-Bühne umfunktionierten Gasometerruine in Halle-Neustadt! Das in der DDR angelegte gigantische Plattenbauviertel war einst Vorzeigemodell für neues Wohnen nach sozialistischem Menschenbild. Nach der Wende halbierte sich die Bevölkerung auf rund 40.000. Wer konnte, zog weg, der Anteil der Transferbezieher ist hoch. Halle-Neustadt ist das, was man ein Problemviertel nennt.

Alte, heile DDR-Welt

Daran arbeitete sich rund zwei Jahre lang eine Gruppe Jugendlicher unter Anleitung von Katharina Brankatschk ab. Aus dem gesammelten Recherchematerial entstand ein Spiel mit dem dokumentarischen Theater. Mit der Figur Hannah hat Katharina Brankatschk eine ratlose Autorin dazuerfunden, die selbst ein Stück über Neustadt schreiben soll und der man nun bei der Recherche zusieht.

neustattsterben2 560 Falk Wenzel uNeustadt-Bewohner: Stanislaw Brankatschk (Bernd), Florian Stauch (Martin / Horst Sindermann), Max Radestock (Jonas), Till Schmidt (Sylvio / Oberbürgermeister)   © Falk Wenzel

Auf der platten, als Stadtplan gestalteten Bühne geben die Profidarsteller die Hauptfiguren. Die Jugendlichen kommen mal als Bewegungschor auf zweiter Ebene, Statisten oder Kulisse zum Einsatz. Eindeutig die herausragendste künstlerische Leistung des Abends zeigt der Kinderchor der Oper, der von links intonierend in doppelter Funktion stimmlich wunderbare zeitkolorierende Untermalung wie ironische Kommentare gibt.

Dabei beginnt der Abend erst einmal konventionell. Aus dem Off mit miserabler Akustik kommen O-Ton-Protokolle zur desolaten Verfasstheit des Quartiers. Dann taucht Hannah auf, trifft alte Bewohner, die aus der DDR-Zeit berichten. Der Chor unterstreicht mit Bau auf und Dem Morgenrot entgegen die Fahnen schwenkende Gruppe in FDJ-Hemden, die den Pioniergeist simuliert. Für die heile DDR-Welt, in die sich viele eingerichtet haben, reicht es schon, Über sieben Brücken von Karat anzustimmen, ohne den Refrain zu singen. Immer wieder erfolgt Zwischenapplaus des Publikums, das sich oft sichtlich abgeholt fühlt. Neben mir erkennt sich ein Sozialarbeiter laut lachend wieder.

Arbeitslose, Alkoholiker, Nazis und Migranten

In der ersten Hälfte überwiegt das soziokulturelle Potenzial, das ästhetische bleibt zurück. Das ist unterhaltsam, am meisten staunt man jedoch, auf welch wenige typischen Elemente der DDR-Erinnerungsdiskurs heruntergedampft ist. Immerhin hat die Platte den Sozialismus überlebt, weshalb sie auf einmal personifiziert auf der Bühne steht. Als Geist von Neustadt läutet sie einen turbulenten Dreh ein, der alle zuvor aufgebauten Klischees in den Malmstrom reißt.

neustattsterben1 560 Falk Wenzel uFrau Plattenbau und ihre Kinder: Barbara Zinn,  Mitglieder der Industriegebietskinder-Gruppe, Stanislaw Brankatschk, Till Schmidt, Frank Schilcher.  © Falk Wenzel

Im wilden Aufeinandertreffen von allerlei Stereotypen, vom aalglatten Sozialaufsteiger bis zum Skateboard-Kiffer, punktet die zweite Inszenierungshälfte nicht nur mit Aberwitz. Standardmotive wie Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, Nazis und Migranten, "Früher war alles besser"-Rhetorik und "Glaub an Dich"-Sozialarbeiter-Mantras, hoffen auf Investor und Stasi-Schelte werden derart ineinander verzwirbelt, dass herrliche Brüche entstehen. Wenn Mutti früh zur Arbeit geht singt der Chor, eine Suff-Mutti wälzt sich mit Weinbrandpulle auf ihrer Matratze. Der Bürgermeister wird mittels Bossnapping zur Geisel der Volksseele, Rechte Schläger tanzen den rituellen Maori Haka-Kriegstanz, eine Arbeitslose jammt zu Materia ganz ohne Selbstmitleid: "Alle haben 'nen Job, ich habe Langeweile. Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern."

So treibt der Abend, auch dank aller herrlich spielfreudig aufgelegten Akteure, in einen spektakelartigen Taumel. Stereotypen lösen sich in diesem Aufeinandertreffen auf. Hannah wird zur Moderatorin oder zum Medium der Klischees und gesteht sich beim schlagartigen Schlussbild ihr Scheitern ein, Halle-Neustadt auf den Grund gehen zu können. So gibt sie ohne Versöhnungsgeste oder Trostpflaster die Frage nach dem Wir und Jetzt ans Publikum zurück.

 

Neu statt sterben
Uraufführung
von Katharina Brankatschk
Regie: Katharina Brankatschk, Bühne und Kostüme: Anja Kreher, Komposition, Arrangements und Sounddesign: Rafael Klitzing, Johannes Moritz, Dramaturgie: Ralf Meyer, Theaterpädagogik: Marlen Geisler.
Mit: Maria Radomski, Stanislaw Brankatschk, Frank Schilcher, Barbara Zinn, Florian Stauch, Till Schmidt, Max Radestock, Natascha Mamier, Irene Schulz, Michail Goussev, Industriegebietskinder – Gruppe Halle Opernjugendchor, Musiker: Rafael Klitzing, Johannes Moritz.
Dauer 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theater-strahl.de
www.theaterdo.de
buehnen-halle.de/thalia-theater

 

Kritikenrundschau

Bei ihrer Spurensuche in Halle-Neustadt sei Katharina Brankatschk "durch Gespräche, Telefonate, Zeitzeugenberichten in eine andere Zeit" eingetaucht, "die bis heute fortwirkt", schreibt Manuela Schreiber in der Mitteldeutschen Zeitung (1.6.2015). Und entsprechend sei "dann auch das von ihr geschriebene und inszenierte Stück 'Neu statt sterben' aufgebaut". Junge Leute bekämen "alte Geschichten und ein Stück Stadthistorie von einer sehr jungen Theatermacherin vorgeführt". Am Ende der "Revue-artigen Neustadt-Geschichte mit offenem Ausgang" stehe "natürlich die Frage: Wie könnte es weitergehen mit diesem so problematischen Stadtteil? Katharina Brankatschk mit ihrer Truppe aus Profis und jugendlichen Enthusiasten liefert dazu einen starken Diskussionsbeitrag, der seine junge Zielgruppe mühelos erreicht."

 

 
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