Fitness an der Rampe

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 3. Juni 2015. "Haben Sie den neuen Ionesco gesehen?" So steht's im Text, der Regisseur muss das nicht erfinden. So steht's sogar schon in der kurzen Erzählung, die dem Drama von 1959 vorausgeht und die Fabel entwickelt: Die Menschen einer ganzen Stadt verwandeln sich in Nashörner, in rasende, schnaubende, trampelnde Dickhäuter – ein Einziger, Behringer (im Prosatext der Icherzähler), versucht dem Irrsinn zu widerstehen. "Haben Sie den neuen Ionesco gesehen?" – so selbstbewusst konnte einer einst eine Marke etablieren; nicht mal Jelinek würde sich das heute trauen.

Nashoerner 560 c Birgit Hupfeld uZwei brillante Entertainer: Wolfram Koch (Behringer) nimmt Samuel Finzi (Hans) auf den Arm
© Birgit Hupfeld

Inzwischen ist die einst so stolze Marke verblasst, viele Festivalbesucher in Recklinghausen kennen sie vielleicht nur noch vom Hörensagen. (Allerdings ist das Publikum hier nicht das jüngste.) Man könnte die Frage von Hans, dem Kulturbeflissenen der beiden Freunde Behringer und Hans, für einen Regiegag halten, denn auf Regiegags ist in der Inszenierung des Festivalchefs Frank Hoffmann zunächst alles getrimmt. Zwei tolle Schauspieler, Samuel Finzi und Wolfram Koch, sitzen mitten im Saal und streiten über die rechte Auffassung vom Leben. Man muss es nehmen, wie es ist, meint Finzi, also Hans. Arbeiten, Maß halten, bei den Frauen, beim Alkohol. (Ungefähr an der Stelle kommt die blonde Sekretärin Daisy vorbei.) Ist doch Quatsch, kontert Koch, also Behringer. Wer am Feierabend gern ein Bierchen trinkt, ist doch noch kein Alkoholiker. Und ist sie nicht hübsch, die Daisy?

Lauter skurrile Typen

Dann geht plötzlich das Saallicht aus – die Nashörner kommen. Kein Schnauben, kein Trampeln, die Viecher werden in der Imagination der acht Kneipengäste und Passanten lediglich beschworen. Sehen wird man sie nie. Das Kätzchen, das eines von ihnen totgetrampelt hat, ist ein knallrotes Stoffteil. Der Einstieg in den Abend ist witzig, weil zwei brillante Entertainer lustvoll den Saal aufmischen. Wenn Finzi an der Rampe seine Fitness demonstriert und Szenenapplaus einfährt, spürt man allerdings auch, dass hier etwas schiefzulaufen droht. Nicht, dass Ionesco nicht komisch sein dürfte, aber sein Humor ist sozusagen nicht lustig-lustig, sondern prekär-lustig. Der kulturbeflissene Hans ("Haben Sie schon den neuen Ionesco gesehen?!!") ist einer der Ersten, die sich in Nashörner verwandeln. Also in Faschisten, denn die sind in dieser stringent und ohne Umschweife konstruierten Parabel natürlich gemeint. (Oder auch Kommunisten – der Exilrumäne Ionesco hat hier wohl keine allzu bedeutenden Unterschiede gesehen.)

Im dritten Bild, das bei Hans zu Hause spielt, trägt Finzi ein grünscheckiges Fantasiekostüm mit Pepitahütchen, baut sich einen Turm aus Tischen und fliegt schließlich am Schnürbodenhaken durch die Luft. Solche Erfindungen – die Bühne von Christoph Rasche besteht, etwas kryptisch, aus hohen Behältern mit Papierschnipseln – wirken allzu gewollt, zu aufdringlich, zu illustrativ, um der Eleganz und Absurdität der mäandernden Dialoge gleichwertig zu begegnen oder sie in schlüssige Bilder zu übersetzen. Die Büroszene gerät geradezu neckisch: lauter skurrile Typen, ein pedantischer Chef, eine sexy Sekretärin usw. Zweimal tritt ein typisch ruhrpöttlerischer Spielmannszug auf, einmal blasend und trommelnd, einmal stumm. Das soll gespenstisch wirken, aber man ahnt nur vage, was so ein Bild erzählen will. Es bleibt bemüht.

Schweigende Masse der Konformisten?

Dass das Publikum immer wieder von der Bühne her angesprochen wird, als verkörpere es die schweigende Masse der Konformisten, mag naheliegen, aber wirklich provokant ist es keineswegs – und es entspricht auch nicht der Idee des Stücks. Denn wenn es so wäre, hätte man es nicht zu schreiben brauchen. Mag die Welt im Nashorngetrampel untergehen – der Zuschauer im Parkett bleibt das aufgeklärte Subjekt, das das ganze Spektakel distanziert betrachtet. So weit entfernt ist Ionesco von seinem Lieblingsfeind Brecht denn auch wieder nicht. Hoffmanns Inszenierung fehlt es an analytischer Schärfe, an Gradlinigkeit, an Kälte. Und zwei brillante Schauspieler allein tun es eben leider nicht.

 

Die Nashörner
von Eugène Ionesco
Deutsch von Claus Bremer und Hans-Rudolf Stauffacher
Koproduktion Ruhrfestspiele, Théatre National du Luxembourg, Staatstheater Mainz
Regie: Frank Hoffmann, Bühne: Christoph Rasche, Kostüme: Jasna Bosnjak, Musik: René Nuss, Dramaturgie: Andreas Wagner.
Mit: Wolfram Koch, Samuel Finzi, Jacqueline Macaulay, Luc Feit, Steve Karier, Marc Baum, Christiane Rausch, Brigitte Urhausen.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Dass Frank Hoffmanns Inszenierung im und mit dem Publikum spiele, setze "so umstandslos auf das Selbstverständliche, dass sich jeder und keiner angesprochen fühlt: Die Nashörner sind nicht nur unter uns, wir selbst sind die Nashörner und schon da", meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.6.2015). "Dass sie zu früh die Weichen gestellt hat, bezahlt die Regie mit Konvention, Akrobatik und Zugaben." Das sei "flott arrangiert", doch bringe es "den Klassiker des absurden Theaters nicht weiter". Die Inszenierung reflektiere "die Schwächen des (...) Dramas, seine simple Metaphorik und deren weitmaschige Übersetzung, ohne sie ganz überspielen zu können. Wie Wolfram Koch und Samuel Finzi dabei komisch heißlaufen, sorgt dennoch für großes Vergnügen."

Gezähmt und gemütlich findet Lars von der Gönna auf dem Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (5.6.20159 diese "Nashörner". Es sei eine Deutung, die "sanft historisch daherkommt, hingetupft, hübsch clownesk". Der "Eintritt der Nashörner in den geordneten Kleinbürgerkosmos" stelle dabei "nie eine Bedrohung" dar.

Die erste halbe Stunde sei "das Beste, was Frank Hoffmann in seinen Jahren bei den Ruhrfestspielen bis jetzt inszeniert hat", sagt Stefan Keim im Gespräch für WDR 3 Mosaik (8.6.2015). Für das konventionell gebaute Stück habe Hoffmann "eine tolle Idee gehabt", wenn er die erste halbe Stunde im Publikum spielen lasse und die Dialoge ineinander verschachtele. Wenn die Aufführung auf die Bühne hinüberwechsle werde es dann "konventioneller" und weniger interessant.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Die Nashörner, Recklinghausen: AlterDaniel Spitzer 2015-06-04 09:34
Werter Herr Krumbholz, wenn Sie schon meinen, einen Hinweis auf das angebliche Alter des Publikums geben zu müssen, warum verschweigen Sie Ihr Alter? Mit besten Grüßen!
#2 Die Nashörner, Recklinghausen: Dramaturgie?Clara Fischer 2015-06-04 12:01
Sehr geehrte Herr Krumbholz,
können Sie bitte noch angeben, wer die Dramaturgie übernommen hat? Diese Information halte ich für absolut nennenswert.
Herzlichen Dank und freundliche Grüße.

(Liebe Clara Fischer,
das war ein Redaktionsversäumnis. Wir haben die Dramaturgie inszwischen nachgetragen.
MfG, Anne Peter / Redaktion)
#3 Die Nashörner, Recklinghausen: mit der SchwebebahnKen 2015-06-05 18:29
#1 Hallo Herr Spitzer, Herr Krumbholz ist am 23.02.54 in der Stadt mit der Schwebebahn geboren.....Also genauso alt wie das Publikum in RRecklinghausen...Grüße aus dem jungen Berlin
#4 Die Nashörner, Recklinghausen: Absurditäts-NormalitätValentin Gerhard 2015-06-08 10:41
Nach gefühlt 150 Aufführungen des absurden Theaters braucht uns Theatergängern, wie Herr Krumbholz möchte, doch ein Regisseur nicht mehr in kalter Schräfe beibringen, dass die Welt der blanke Wahnsinn ist. Das wissen wir. Wir nehmen sie lieber als absurdes Theater. Brecht ist tot. Es lebe ionesco. und Beckett. und Pinter. Die Mitläufer sind heute keine laut stampfenden Nahshörner, sondern kleine Büroangestellte, musizierende Vereinsmeier und Kaninchenzuchtvereinsvorsitzende. Wehe, wenn da einer aus der Reihe tanzt!
#5 Nashörner, Berlin: aufschlussreicher ApplausSascha Krieger 2017-05-29 12:47
Der aufschlussreichste Moment bei diesem Berliner Gastspiel ereignet sich, als eigentlich schon alles vorbei ist. Die Darsteller*innen haben sich bereits mehrere Runden Applaus abgeholt, da kommt auch die Blaskapelle, die während des Abends zweimal durchs Bild lief, auf die Bühne, natürlich ihre „volkstümliche“ Marschmusik spielend. Und plötzlich passiert etwas seltsames: Langsam, einer nach dem anderen, fallen die Zuschauer aus dem individuellen Schlussapplaus in rhythmisches Klatschen. Schrittweise übernimmt der Rhythmus, bis das Publikum fast einförmige Masse ist. Doch dann die Gegenbewegung: Offenbar unwohl ob der eigenen Kollektivierung stemmen sich immer mehr Zuschauer*innen gegen den Automatismus, klatschen gegen den Rhythmus an, bis sich Konformisten und Verweigerer die Waage halten. Man darf davon ausgehen, dass das intendiert ist, ist es doch näher an Eugène Ionescos Intention als ein Großteil der vorangegangenen gut eineinhalb Stunden.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2017/05/29/das-entlarvende-klatschen/

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