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Die Legende vom Billion-Dollar-Crash

von Michael Bartsch

Dresden, 5. Juni 2015. Kaufen, kaufen, kaufen, heißt die neue Welteinheitsreligion. Dow Jones und DAX haben die zehn Gebote abgelöst, und an die Stelle der alten Götter sind Namen wie Goldman Sachs oder eben Lehman Brothers getreten. Im Epilog kriegen sich die auferstandenen Herren der Lehman-Dynastie kichernd wie die Kinder gar nicht mehr ein bei dem Gedanken, ihrer verstorbenen Bank die Totenehre nach jüdischem Ritus zu erweisen. Ein wachsender Bart, ein zerrissener Anzug und das tägliche Heiligungsgebet Kaddisch würde dazugehören. Wie damals, vor ihrer Auswanderung aus dem bayerischen Rimpar im Jahre 1844, oder wie noch beim Ableben der Firmengründer Henry, Emanuel und Mayer.

Zu diesem Zeitpunkt sind im Dresdner Schauspielhaus schon mehr als dreieinhalb durchaus fesselnde Stunden vergangen, die nach Lektüre des 243 Seiten umfassenden Textbuches anstrengender hätten ausfallen können. Der heute vierzigjährige in Mailand agierende Autor und Theaterleiter Stefano Massini hat unter dem Eindruck der Weltfinanzkrise von 2008 mehrere Jahre an einem dreiteiligen Werk über den Aufstieg und das Scheitern des Familienunternehmens der Lehman-Brüder gearbeitet.

lehman1brothers 560 DavidBaltzer uModern Times, Marionette Mensch.  © David Baltzer

Amerikanische Buddenbrooks?

Mit der beginnenden Industrialisierung wandern die deutschstämmigen Juden nach Amerika aus, verlegen sich auf die typische Händlerfunktion, auf die damals zumindest in der expandierenden Baumwollbranche noch kaum bekannte Rolle des "Mittlers" nach dem Motto "billig einkaufen, teuer verkaufen". Über eineinhalb Jahrhunderte erweitern die Brüder und ihre Nachkommen ständig ihre Geschäftsfelder, überstehen Krisen, gründen eine Bank, die infolge einer Immobilienblase 2008 zerbricht und dominoartig weltweit weitere Pleiten auslöst.

Massini fasst dies historisch genau, aber poetisch frei in ein Epos, in ein Langgedicht freier Rhythmen ohne bezeichnete Rollenzuweisung für das Theater. Kursiv gedruckte Passagen im Text stellen lediglich eine Empfehlung für Dialoge dar. Als Familiensaga mag man "Lehman Brothers" nicht bezeichnen. Vor allem nicht, wenn man im Hinterkopf den legitimen Vergleich mit den "Buddenbrooks" bemüht. Denn allzu zwischenmenschliche Beziehungen spielen schon in der Gründerzeit nur eine marginale Rolle und verschwinden unter dem Effizienzdiktat des fortschreitenden 20. Jahrhunderts ganz. Massini kam es offensichtlich vor allem darauf an, die subtilen und in zyklische Apokalypsen führenden Mechanismen kapitalistischer Expansion exemplarisch darzustellen. Nicht wie Marx, nicht im Stil einer Vorlesung, sondern entlang der handelnden Personen.

Klare Formen, opulenter Symbolgehalt

Doch diese Personen mutieren in dem von ihnen mitgeschaffenen System ins Marionettenhafte, ja Absurde, verlieren an Subjektivität und Charakter. Die Uraufführung 2013 in Paris erhielt einen Kritikerpreis. Für die deutsche Erstaufführung taten sich nun das Dresdner Staatsschauspiel und das Schauspiel Köln (wo die Inszenierung ab März 2016 zu sehen sein wird) zusammen, dessen Intendant Stefan Bachmann zugleich eine kluge und schlüssige Regie führt.

Wie nach der Textvorlage zu erwarten war, treten die sieben agierenden Herren in mehrfacher Funktion auf. Sie berichten die umfangreichen narrativen Passagen, schlüpfen in die jeweiligen Rollen und kommentieren zugleich sich selbst. So sehr das insgesamt gelingt, bleibt doch das Bedauern, dass die Rhythmik, die blumenreiche, fast lyrische und von jüdischer Religiosität durchwirkte Sprache ob der Konzessionen an die Szene weitgehend auf der Strecke bleibt. Unvermeidliche Kürzungen zwingen außerdem zur Rationalisierung. Schade, dass von den erhellenden Exkursen Massinis zur Finanzökonomie gerade jener über das Vertrauen als Grundlage des Geschäfts der Banken den Kürzungen zum Opfer fiel. Die borgen sich das Geld ihrerseits ja auch nur.

lehman2brothers 560 DavidBaltzer u Charaktermasken des Kapitals?  © David Baltzer

Schwindelerregende Werte

Wenn die Bühne einmal mehr Olaf Altmann anvertraut wurde, durfte man reduzierte, klare Formen mit opulentem Symbolgehalt erwarten. Die Bühne liegt bis zum Sternenhimmel komplett frei, mit einfachen, aber wirksamen Licht- und Schatteneffekten belebt, von ganz hinten aus dem Nichts treten die Akteure auf. Auf Höhe des eisernen Vorhangs aber dominiert eine monströse Mechanik, ein Rad mit drei Speichen, das sich bei der ersten, leitmotivischen Erwähnung der "Spieluhr" des Lebens zu drehen beginnt, zugleich Riesenrad, Ölförderpumpe, Hammer und Sichel und mehr assoziieren mag. Im Erfolgstaumel der Nachkriegsjahre erreicht die Drehzahl schwindelerregende Werte.

Aus dem in einer Vielzahl von Rollen agierenden Köln-Dresdner Ensemble schälen sich Figuren heraus, die jeweils einen der drei Teile der Inszenierung dominieren. Der erste beispielsweise wäre ohne die Cholerik von Torsten Ranft als Emanuel möglicherweise etwas zäh geraten. Mit Jörg Ratjen als Philip beginnt der Abschied von den Patriarchen, Simon Kirsch braucht nur wenige Auftritte, um den eiskalten Trader und Flegel Glucksman zu markieren. Philipp Lux zeigt die bekannte köstliche Vielseitigkeit, bleibt am Ende als Bobbie in nachhaltiger Erinnerung.

Sie alle werden überlebt, wirken plötzlich wie Epigonen, geben zeichenhaft beim Sterben ihre Maßanzüge ab. Das Räderwerk aber dreht sich auch nach dem letzten, mit schmerhaftem Flashligt angedeuteten Crash weiter. Faites vos jeux! Das aufmerksame Premierenpublikum hatte verstanden und applaudierte lange.

 

Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie
von Stefano Massini
Deutsch von Gerda Poschmann-Reichenau
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüm: Barbara Drosihn, Musik: Sven Kaiser, Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Mit: Sascha Göpel, Simon Kirsch, Philipp Lux, Ahmad Mesgarha, Thomas Müller, Torsten Ranft, Jörg Ratjen.
Dauer: 3 Stunden, 45 Minuten, zwei Pausen

www.staatsschauspiel-dresden.de
www.schauspielkoeln.de

 
Kritikenrundschau

"Eine Parabel auf den Kapitalismus" sah Andreas Rossmann für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (21.3.2016) bei der Aufführung der "Lehman Brothers am Schauspiel Köln. "Ein verwegener Versuch", findet Rossmann. Zwar böte die Inszenierung keine "tiefenscharfen Analysen ökonomischer Prozesse", erzähle aber dafür "beispielhaft von Menschen, denen (..) ihre Wurzeln und Werte abhandenkommen."Bachmann nutze zur Darstellung der "Lehman Brothers" "genau choreographierte Auftritte und große, mitunter etwas glatte Kinobilder (..) und beugt sich keinem vordergründigen Aktualitätsdruck." "Die bisher beste Arbeit von Stefan Bachmann in Köln", findet Rossmann.

Eine "süffige Primetime-Soap in 'Dallas-Manier'" sah Christian Bos für den Kölner Stadt-Aneziger (20.3.2016) und erlebte mit, "wie sich Geld, Glaube und Familienstrukturen im Laufe von 150 Jahren verflüchtigen, wie der Markt zum neuen Gott wird." "Rein formal weiß man nach fünf Minuten, wie der Rest der Inszenierung ablaufen wird (..), doch man bleibt dran. Schon aus purer Lust an der Erzählung." Zwar sei das Vertrauen in die Banken seit der Finanzkrise nachhaltig erschüttert worden, das "Vertrauen in die Macht der großen Erzählungen aber hält vorerst", bemerkt Bos noch, bevor er sein Urteil mit dem "herzlichen" Schlussapplaus beschließt.

Über die Ursachen des Crashs von 2008 erfahre man hier wenig, stattdessen erzähle Stefano Massini "von einem in jeder Hinsicht biederen Denver Clan", berichtet Michael Laages für Deutschlandradio Kultur (6.6.2015) Sein Stück sei nicht weit vom "Holzschnitt" entfernt; die Erzählung bleibe "Papier"; und "wenn Massinis Sprache auch durchweg meist sehr poetische Wege geht, (...) so pappt eben doch nur Anekdote an Anekdote." Das Ensemble komme selten "ernstlich ins Spielen"; und "wo nicht wirklich viel zu spielen ist, kommt auch niemand den Gefährdungen in Bankers Psyche nahe, den Abgründen, die sich ja nicht erst im Finale öffnen."

"Formidabel, mit welch schalkhaftem Charme das Männer-Septett in Dresden die Balance zwischen Epos und Comicstrip hält", ruft Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (7.6.2015) aus. Bachmann habe eine Strichfassung erstellt, die ganz auf den "Aufstieg und Fall einer Dynastie" des Untertitels fokussiere. "Etliche abenteuerliche, kuriose, unterhaltsame Parallelhandlungen aus Kulturgeschichte und Gesellschaftsleben kommen zwangsläufig zu kurz" aufgrund der Spieldauer von einem Abend. "Aber das ist bloss ein kleiner Wermutstropfen. Man kann nicht alles haben. Und für weitere, andere Umsetzungen bietet der romanhafte Stoff Facts, Figures & Fiction in Hülle und Fülle."

Das zwischen Monologen und Dialogen wechselnde Erzähltheater sei eine "tolle Herausforderung für die Schauspieler und ein großer Spaß für die Zuschauer", schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (8.6.2015). "Man sieht den Darstellern zu, wie sie ankündigen, gleich wütend oder traurig zu werden, und wie sie es dann umsetzen." Bachmann biete für seine Inszenierung die "Dresdner Erzkomödianten" Ranft, Mesgarha und Lux auf, "und macht damit alles richtig". Auch die "vielseitigen" Kölner Spieler erhalten Lob. Dass der "Götze Geld" die Welt regiere, zeige die Inszenierung "bildstark und mit viel Witz". Gleichwohl gäbe es auch "manche Durststrecke"; und in "das Wesen des Kapitalismus, die verborgenen Mechanismen der Macht dringen weder Stück noch Aufführung ein".

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (10.6.2015), das Stück von Stefano Massini sei "vollständig analysefrei", ein "liebevoll erzähltes Märchen vom amerikanischen Traum", das durch seinen "skandalträchtigen Titel falsche Erwartungen" wecke. Die mit "jüdischen Brauchtumsepisoden aufgeschmückte Erfolgsgeschichte" behandele die "unmenschlichen Konsequenzen von Sklaverei, Krieg und Wirtschaftskrisen" nur "ironisch oder als fernes Schicksalsraunen". Bachmann treffe den "harmlos-herzlichen Ton der Vorlage sehr genau". Er vermeide alle "gesellschaftlichen Schattenseiten des Aufstiegs", und zeige den Fall des Hauses Lehman als "hysterisch durchgedrehte Party". Das erfülle gehässige Publikumsklischees, helfe aber der Einsicht nicht weiter. "Die schlichte Moral von guten und bösen Kapitalisten zeigt also in rund vier Stunden vor allem, wie Gier menscheln kann."