Auf Sand gebaut

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 6. Juni 2015. Nicht die Glocken von Saint-Étienne läuten, der Kathedrale von Metz, dessen Namen nicht genannt wird, und doch ist die nordfranzösische Stadt Schauplatz von "Rückkehr in die Wüste". Sondern es ruft der Muezzin zum Gebet. Roberto Ciulli spielt so den Widerspruch weiter, dass das katholische Frankreich die Wüste sei – Afrika, Algerien, aus der Mathilde Serpenoise nach 15 Jahren heimkehrt.

Der Reisende, der magische Bilder speicherte

Wüstenboden bedeckt die Bühne, die Gralf-Edzard Habben aufgeschüttet hat im Kleinen Theater des Festspielhauses Recklinghausen. Ein Raum, so sehr innen wie außen – und weder noch. Knöchelhoch liegt der Sand, ein Mäuerchen ist gezogen, mehr Haus gibt es nicht; ein paar Brocken – Koffer, Stuhl, Waschschüssel, Bett und Baum – stehen herum. Und dann streckt sich noch bäuchlings ein dunkler Lockenkopf aus. Das will nicht klar und konkret sein, aber Metz, der Geburtsort von Bernard-Marie Koltès, ist es doch.

Seltsam genug, dass Ciulli, der Gastarbeiter aus Italien, sesshaft geworden in Mülheim an der Ruhr, bisher nie ein Stück von Koltès inszeniert hat. Wo doch im Blick seines Theaters an der Ruhr, geschärft auf Gastspielen in 40 Ländern, nie westlich abendländische Vorherrschaft lag. Wo doch auch Koltès passionierter Reisender gewesen ist, der Afrikas und Südamerikas magische Bilder speicherte.

"Wir haben nur ein kleines Stückchen Hölle"

Wunderknabe und früh verstorbener Leibautor seines Freundes Patrice Chéreau, schrieb Koltès mit "Rückkehr in die Wüste" sein vorletztes Drama: eine gut gelaunte, grimmig sarkastische Farce im Schatten des Algerien-Konflikts. Ein einträchtig in Hass verbundenes Geschwisterpaar befehdet sich, während rundum – wie es der Spiegel 1988 nannte – "ein philosophischer Slapstick auf die klägliche Revolte der Jugend und die Vendetta der Alten" abläuft.

Rueckkehr in die Wueste 560 JoachimSchmitz UIn der Sandkiste: Simone Thoma und Dagmar Geppert © Joachim Schmitz

Nach ihrer Zeit in der sich alsbald befreienden nordafrikanischen Kolonie kehrt Mathilde, einst vertrieben durch die Diffamierung ihres Bruders, sie habe fraternisiert mit den deutschen Besatzern, mit ihren zwei großen Kindern ins Elternhaus zurück, das ihr Bruder Adrien bewohnt. Oder: besetzt hält. Erbschafts-Zank und ideologischer Kampf entzünden sich, geschürt mit den Brandsätzen gemeinen Fremdenhasses und befeuert durch magisch-mythische Anteile. "Wir haben nur ein kleines Stückchen Hölle", sagt jemand. Als würde Sartres Verdikt auf Miniatur-Flamme köcheln.

Possenreißer wie bei Feydeau

Madame wirft sich, Hände in den Hüften, in Pose: "High Noon". Diese andere Zachanassian (Petra von der Beek) gibt nicht klein bei. Die Kriegerin, Rächerin, "Araberin" Serpenoise tritt ladylike ihren Gegnern entgegen. Und Bruderherz Adrien (Steffen Reuber), der "Affe", müde Provinzler, Chauvi und Nationalist? Ein kleiner Gernegroß, Napoleon von Metz, schwadronierend, aber als Wüterich so wenig ernst zu nehmen wie in seiner inzestuösen Begehrlichkeit der Schwester gegenüber. Der übergeschnappte Kleinbürger, den kannibalische Anwandlungen überkommen, der seinen mediokren Sohn Mathieu zureitet und gezähmt hat, der sich in eine Kissenschlacht wirft, könnte sich als Possenreißer aus einem Feydeau verlaufen haben, den Ciulli übrigens vor nicht langem gar nicht Feydeau-mäßig, aber desto wirkungsintensiver inszeniert hat.

Beider Erben, die verstiegene Generation der Tochter und Söhne, kann es mit den Alten nicht aufnehmen. Mathieu, der sich, um endlich rauszukommen, zur Armee verpflichtet und Worte sagt wie "Ich will sterben mit schönen Sätzen auf den Lippen", ist bei Albert Bork ein lachhafter Bub in Strickjacke, in dem schon der künftige Greis verwest; Edouard, sein Cousin, bei Marco Leibnitz ein seltsamer Stadtindianer; Fatima (mit dem Namen der Tochter des Propheten Mohammed), die zwei rabenschwarze Babys zur Welt bringt und die Zwillinge Romulus und Remus nennt, als würde eine neue Weltmacht – ab urbe condita – etabliert, bei Simone Thoma eine mit der Gerte spielende Traumverlorene.

Wie eine musikalische Conférence mit Mikrofon und Tanztee-Melodien

So findet ein anderer Drôle de Guerre statt. "Es herrscht Ruhe im Land", heißt es im Text – einige Jahre vor dem Mai 68. Friedhofsruhe, höchstens von einer Bombenexplosion gestört. Einmal liegt Mathilde im Schlaf auf dem Bett und sieht aus wie eine aufgebahrte Leiche. J'attendrai, das berühmte Chanson, wird eingespielt. Warten worauf? Auf Veränderung? Den bösen Blick auf die französische Provinz und ihre den einstigen revolutionären "terreur" banalisierenden Repräsentanten bricht Koltès durch Komik. Ciulli, der in seinen besten Arbeiten zugleich Zauberer und Entzauberer ist, sucht die ihm eigene Form dafür, stilisiert und ziseliert künstlich, legt die Monologe an wie eine musikalische Conférence mit Mikrofon und Tanztee-Melodien. Er und sein Team haben alles begriffen, aber es entwickelt sich doch nur versteifte Atmosphäre, so sehr auch auf Fluidum gesetzt wurde. Das Match in 17 Runden (Szenen) kämpft sich etwas mühsam zum Finale.

Was Ivan Nagel über Chéreau sagte, er habe als "Theatermacher zu seinem Lebensthema die fundamentale und deshalb unvergängliche Tatsache unserer Existenz" gemacht, "dass der Mensch in Mann und Frau geteilt ist und dass er ... sein ganzes Unglück und Glück an dieser Kluft hat", gilt vielleicht auch für Koltès. Und für Mathilde und Adrien. Mathilde knotet Adrien, der immer barfuß lief, die Schnürsenkel seiner Lederschuhe – eine Geste zärtlicher Zuneigung, mit der Ciulli dieses Un-Paar aneinander bindet, wie am Ende von Albees "Virginia Woolf", wenn Martha und George befriedet dem Tag begegnen. Sie gehen fort, gemeinsam. Adrien wuchtet seinen Koffer, als nähme er eine Hades-Last huckepack. So ziehen Mathilde und er von dannen, verschwindend als Schattenrisse. Eine größere Strafe als ihr Zusammensein gibt es nicht. Allah und dem Christengott ein Wohlgefallen.

 

Rückkehr in die Wüste
von Bernard-Marie Koltès, Deutsch von Simon Werle
Regie: Roberto Ciulli, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Elisabeth Strauss, Dramaturgie: Helmut Schäfer.
Mit: Petra von der Beek, Albert Bork, Rosmarie Brücher, Oliver El-Fayoumy, Dagmar Geppert, Klaus Herzog, Marco Leibnitz, Steffen Reuber, Rupert J. Seidl, Jubril Sulaimon, Simone Thoma, Gabriella Weber.
Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen /
Theater an der Ruhr
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.theater-an-der-ruhr.de

 


Kritikenrundschau

Roberto Ciulli habe einen "sehr starken stilistischen Zugriff", lobt Stefan Keim im Gespräch für WDR 3 Mosaik (8.6.2015). Er deute Koltès nicht von der "düsteren, existenzialistisch philosophischen Seite", sondern wähle einen komödiantischen Zugang mit "Boulevardton" und surrealen Momenten. Dabei gelinge es Ciulli "mit einem ausgezeichneten Ensemble" das Stück "auf eine hochinteressante Schwebe zu bringen zwischen Komik und Grauen".

Koltes' Stück biete "sarkastische, bitter-groteske Dialoge von großer Feuerkraft", schreibt Jens Dirksen auf dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (8.6.2015). "Aber Ciulli bricht den Giftpfeilen mehr als einmal mit poetischen Bildern und der subtilen Musik von Matthias Flake die Spitze." Die Akteure irrlichterten durch die Aufführung, "rätselnd lauter Rätsel aufgebend, so dass am Ende vor allem Zweifel bleiben."

In den Ruhrnachrichten (8.6.2015) lobt Kai-Uwe Brinkmann: "Die Figuren sind beschädigt und verdammt, so beißwütig sie sich auch geben. Die Sprache roh, die Affekte grob, die Darsteller vital: All das beschert Ciullis Stück eine Kraft, die Wut und Feuer (und Witz!) von Bernard-Marie Koltès kongenial transportiert."

"Regisseur Roberto Ciulli interessiert sich weniger für die realistischen als die parabelhaften Züge des Stückes", berichtet Martin Burkert für die Sendung "Scala" auf WDR 5 (8.6.2015). "Arroganz und Gefühlskälte der Provinz-Bourgeoisie strömen förmlich über die Rampe". Das "Komödiantische des Stoffes kommt dabei zu kurz, dafür zeigen sich Banalität und Gefährlichkeit des ausgrenzenden Denkens".

 

 
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