Siehst Du den pinken Mond über der Wüstenstadt?

von Alexander Kohlmann

Bad Hersfeld, 6. Juni 2015. Für einen Moment wird es doch noch ernst zwischen den alten Mauern der Bad Hersfelder Stiftsruine. Maskierte und mit Maschinengewehren bewaffnete Krieger zerren einen verurteilten Dieb auf die Mitte der Bühne. Dann lässt der Henker die Axt sausen und die Hand ist ab. Mit einem Stummel, aus dem das Blut per Pumpe spritzt, hüpft der Delinquent über die Bühne, bevor die ersten Zuschauer wieder lachen. Denn dass das alles nur ein Spiel ist, hat Regisseur Dieter Wedel schon in der ersten Szene klar gemacht.

Die Zirkustruppe marschiert ein

Eine Zirkustruppe stürmt zu Beginn seiner Inszenierung von Shakespeares "Komödie der Irrungen" die Stiftsruine. Clowns und Gewichtsheber, Messerwerfer und jede Menge leicht bekleideter Frauen. Und ein dicker Zirkusdirektor, der das Publikum mit einem Song begrüßt und vorbereitet, jetzt wird Shakespeare gespielt. Und zwar nicht irgendeiner.

KomoedieIrrungen 560a KlausLefebvre uAus musikalischem Hause: Cosma Shiva Hagen (als Adriana, Frau des Antipholus) in der Bad Hersfelder Stiftsruine  © Klaus Lefebvre

Direktor Wedel hat sich mit Shakespeares Frühwerk "Komödie der Irrungen" ein Textfragment ausgesucht, in dem der spätere Meister noch seine Form sucht. Es ist eine bizarre Verwechslungsgeschichte um gleich zwei männliche Zwillingspaare, die beide als Kind getrennt werden. Auf der Suche nach ihren verschollenen Brüdern geraten die Helden in immer neue komische Situationen. Frauen begehren die Suchenden, die mit ihrer Zuneigung in Wahrheit den Zwilling meinen. "Wer bin ich", ist die über allem stehende Frage, wenn doch andere mich für einen ganz anderen halten. "Sommernachtstraum", "Was Ihr wollt", "Wie es euch gefällt" – die großen späteren Komödien, sie sind in dem Text alle schon vorhanden. Alleine es fehlt dem späteren Meister noch der besondere Dreh, die über den klassischen Verwechslungsplot hinausweisende Idee, die seine späteren Stücke so zeitlos faszinierend macht.

Auf der Suche nach den verschollenen Zwillingsbrüdern

Wedel gewinnt dem arg konstruierten Text zumindest im ersten Teil einen überraschend kurzweiligen Abend ab. Auf der Suche nach ihren verschollenen Gegenübern geraten die ziemlich gegensätzlichen Schauspieler Christian Schmidt und Lars Rudolph in ein imaginäres Ephesus. Der dicke Zirkusdirektor sagt uns immer wieder an, wo wir gerade sind. Die Mauern der Stiftsruine gehen durchaus als eine versunkene Wüstenstadt durch, über der ein riesiger Papp-Mond in immer neuen Farben leuchtet – von pink bis orange ist alles dabei.

Mathieu Carrière gibt den Emir als Diktator eines Wüstenstaates mit Sonnenbrille und Militäruniform. Am Schreibtisch sitzend unterschreibt er schon mal mit Vergnügen ein Todesurteil. Tücher werden auf und abgehängt, zwei sehr schöne, aber trotzdem etwas gesichtslose Frauen (Teresa Rizos und Cosma Shiva Hagen) verzweifeln an den beiden äußerst widersprüchlichen Männern, die sie mal kennen, mal nicht, mal lieben, mal wieder nicht.

Theater auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Schmidt und Rudolph spielen jeweils beide Zwillinge, der eine als melancholisch sinnender gut aussehender Mann im weißen Anzug und der andere als ein versponnener Wuschelkopf. So treibt das Spiel eine ganze Weile zügig voran; doch spätestens nach anderthalb Stunden hat wirklich jeder verstanden, wohin die Reise geht. Und die Schwächen von Wedels übergestülptem Zirkus-Konzept treten immer deutlicher zu Tage. Denn jenseits der Verwandlung der Vorlage in einen Manegen-Schwank weiß der Regisseur nicht viel mit dem Stoff anzufangen. Auch nach der Pause lässt er munter weiter Frauen auftreten, die ihre Männer nicht wiedererkennen, und betreibt das kurzweilige Verwechslungsspiel solange, bis es wirklich langweilt.

Die bange Frage drängt sich auf, warum eine neue Intendanz mit dieser neckischen, zerdehnten Spielerei beginnen muss. Fast scheint es, als nehme Wedel mit Shakespeares Fingerübung erst einmal Maß in der Stiftsruine, um dann im kommenden Jahr richtig loszulegen. Eine andere Begründung könnte sein, dass Abende wie dieser gewiss niemanden weh tun, keinen Sponsoren verschrecken, und dass dieses Theater auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner schon Teil der vom Bad Hersfelder Bürgermeister immer wieder geforderten Neuausrichtung der Festspiele sind. Aber viel schöner wäre es doch, einfach daran glauben zu können, dass die großen Meisterwerke der Ära Wedel wie einst bei William Shakespeare erst in den Jahren nach der "Komödie der Irrungen" zu suchen sind.

 

Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
Neufassung von Dieter Wedel unter Verwendung der Übersetzungen von Wolf Graf Baudissin und Hans Rothe
Regie: Dieter Wedel, Bühne: Jens Kilian, Eva-Maria Van Acker, Kostüm: Ella Späte, Kerstin Micheel, Dramaturgie: Hans Joachim Ruckhäberle, Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreographie: Yara Hassan, Kampfchoreographie: Klaus Figge.
Mit: Robert Joseph Bartl, Mathieu Carrière, Peter Englert, Cosma Shiva Hagen, Heinz Hoenig, Sonja Kirchberger, Rudolf Krause, Markus Majowski, Lara Mandoki, Christian Schmidt, Stefan Reck, Franziska Reichenbacher, Ute Reiber, Teresa Rizos, Lars Rudolph, Constantin Schwab, Raúl Semmler, Valentina Jiménez Torres, Bühnenmusiker: Matthias Trippner, Lukas Fröhlich, Christian Gerber, Tobias Escher.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.bad-hersfelder-festspiele.de



Mehr zur Entlassung des vorherigen Bad Hersfelder Intendanten Holk Freytag und zur Inauguration des neuen Intendanten Dieter Wedel: Kommentar – Was die Vorgänge in Rostock und Bad Hersfeld gemeinsam haben (April 2015) und Kommentar – Zur Entlassung von Holk Freytag– Zur Entlassung von Holk Freytag (August 2014).

 

Kritikenrundschau

Eine "skurrile, auf eine quietschfidele und souveräne Art sinnlose Mischung aus Shakespeare-Komödie und Wedekind-Zirkus“ hat Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (8.6.2015) in Bad Hersfeld erlebt. Als "kafkaesk“ erlebt die Kritikerin die Handlung. "Die waltende fundamentale Unernsthaftigkeit ist vom frühen Shakespeare-Text nicht so weit entfernt. Aber man kann nicht gerade behaupten, dass die Möglichkeiten in die Tiefe ausgelotet würden."

"Wedels Fassung von Shakespeares erster Komödie ist eine Zirkusveranstaltung mit Zeitkritik“, berichtet Till Briegleb für die Süddeutsche Zeitung (8.6.2015). Wer "Abwechslung im Takt hysterischer Flügelschläge liebt, wird bei Dieter Wedels Shakespeare-Brathendl ohne viel Federlesen gut bedient“. Der Kritiker rechnet sich selbst nicht zu der so beschriebenen Zielgruppe. Sein Fazit: "In Wedels Dramaturgie ist die Verwechslungsgeschichte um früh getrennte Zwillingsbrüder eher eine Komödie der Begriffsstutzigen, die das Offensichtlichste nicht erkennen und deswegen immer wieder die gleichen Fehler begehen. Das ist etwas zäh, ziemlich lang, und nur mäßig komisch."

"Temporeich und unterhaltsam hat Wedel mit Lust auf die große Geste und wenig Scheu vorm beiläufigen Kalauer inszeniert", schreibt Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (8.6.2015). "Unterhaltung auf professionellem Niveau ist ein Markenzeichen des vor allem mit seinen Fernseh­arbeiten bekannt gewordenen Regisseurs, der durch seine Erfolge auch Weggefährten an sich binden konnte.“

Diese Auftaktinszenierung der neuen Intendanz "bietet gute Unterhaltung, mit etwas Luft nach oben“, schreibt Nadine Maaz in der Hersfelder Zeitung (8.6.2015). Lob für ihre Umsetzung dieses "an sich eher seichten Stücks“ erhalten vor allem die Bühnenmusiker und die Schauspieler*innen, "die die Charakteristika der Shakespeare-Komödien wie Verwechslung und Verkleidung sowie das Spiel zwischen Mann und Frau lebendig und verständlich auf die Bühne bringen."

 

 
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