Worum geht's hier eigentlich?

von Esther Slevogt

9. Juni 2015. Bürger, das klingt ja immer ein bisschen albern. Die Karikatur scheint da schon mitgedacht. Die Beschränktheit. Und der Minderwertigkeitskomplex. Dabei ist das Bürgersein ein echtes Erfolgsmodell. Eines, für das Menschen von anderswo ihr Leben riskieren, zum Beispiel, wenn sie in überfüllte Schlauchboote gepfercht von Afrika aus übers Mittelmeer zu kommen versuchen: weil sie Bürger werden wollen, in Europa. Um irgendwann vielleicht in diesem Europa in einem Häuschen sitzen zu können mit einigermaßen Geld, Frieden (zumindest keinem Krieg), ausreichend zu essen und Feierabend. Das ist für die Allermeisten auf dieser Welt eine Utopie.

Gut, eine Weile, da war der Begriff "Bürger" etwas eng geworden. Man bekam keine Luft mehr darin. Vorne auf dem Bauch platzten ihm die Knöpfe ab. Und anderen platzte der Kragen, weil sie im Bürgerbegriff nicht vorgesehen waren. Inzwischen ist das Lebensmodell "Bürger" aber wieder voll im Trend. An manchem Erweiterungsmodul wird zur Zeit noch programmiert, an der "Ehe für alle" zum Beispiel. Und an den Künsten auch.

kolumne estherLetztens in Zürich zum Beispiel. Im vergangenen September sind dort sämtliche Studiengänge der akademischen Kunstausbildung auf einen Zentralcampus gezogen. Eine futuristisch umgebaute ehemalige Molkerei, die nun Europas größte Kunsthochschule ist. Schon der Odyssee-im-Weltraum-artige Orgelsaal lässt die Kirchenmusik, für deren Studierende er wesentlich gebaut ist, plötzlich wie aus dem Jahrtausend gefallen wirken.

Künstler für welche Welt?

Und man kann sich gut vorstellen, wie die Hochschulleitung der ZHdK nach dem Umzug durch dieses wirklich zukunftshungrige Gebäude schlich, in dem die Künste (die hier wohnen und gedeihen sollten) plötzlich uralt aussahen. So alt eben, wie sie im Grunde sind. Und wie sich die Hochschulleitung zu fragen begann: Für wen bilden wir die jungen Leute hier überhaupt noch aus in diesem teuren Gebäude. In Musik, Bildender Kunst, Film oder Theater. Für welche Welt? Für welche Gesellschaft? Und vor allem: für welches Publikum? Was für eine Kunst muss das überhaupt sein, wenn alles sich globalisiert, digitalisiert, und dieser Prozess sich in alles frisst, was unsere Vorstellung von den Künsten (und die Künstler) noch prägt. So dachten sie vielleicht, die besorgten Herren von der Zürcher Hochschulleitung.

Und so gab es im Frühjahr-Semester erst eine Ringvorlesung: Lectures on Global Culture, Mitte Mai dann eine zweitägige Crash-Kurs-Konferenz zur Kunst und der "Digital Disruption". Die Konferenz war scheinbar ohne Konzept. Aber das war das Konzept. Der französische Hacker sprach neben dem britischen Medientheoretiker. Der französische Marketingmann neben dem amerikanischen Philosophieprofessor. Der deutsche Chief-Data-Scientist neben dem mexikanischen Aktivisten und der Schweizer Regiestudent neben dem südafrikanischen Journalisten. Immer in 20 bis 40 Minuten Slots getaktet. Keine Struktur, keine Ordnung des Diskurses, keine Verbindung geschweige denn Kommunikation der disparaten Diskurse.

Verwirrungs-Futurologie

"Hier geht es um den neoliberalen Umbau einer Kunsthochschule, ihren Zuschnitt auf die Anforderungen der Kreativwirtschaft", schimpft der britische Medientheoretiker, der sich komplett fehl am Platz fühlt. Der junge französische Hacker freut sich an der fortschreitenden Verflüssigung der Oberflächen: Als Online-Vertreiber und -Vermittler von Digitalkunst an Unternehmen, Privatleute und Werbeflächenbetreiber hat er ein inzwischen florierendes Geschäftsmodell entwickelt. Der Künstler der Zukunft wird aus seiner Sicht der Programmierer sein.

Für den Kunstvermarkter ist das Produkt völlig zweitrangig geworden. Die Vermittlung ist alles. Der Data-Scientist gibt nach seinem Vortrag über die Notwendigkeit, mit Maschinen kommunizieren zu lernen, wenn man zukunftsfähig bleiben will, die Ethik-Frage des Philosophen zuständigkeitshalber zurück. Eine mit fast ethnologischem Blick für diverse Phänotypen des Umbruchs arrangierte Momentaufnahme des Umbruchs. Ein futurologischer Kongress der Verwirrung.

Eins aber ist jetzt schon klar: Je stärker das Bürgertum, desto besser funktioniert der Kapitalismus. Der renoviert sich in einem Prozess ununterbrochener Selbsterneuerung – und das Bürgertum  und seine Künste gleich mit.

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben will sie eine Art Archäologie der Stadttheaterkrise von unten versuchen: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zur vorigen Ausgabe dieser Kolumne: Esther Slevogt über Berliner "verkauftes" postnationales Nationaltheater, die Volksbühne

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