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Militärgericht aus der Gulaschkanone

von Kai Krösche

Wien, 11. Juni 2015."Ein österreichisch-tschechisch-ungarisches Militärgericht" verspricht der Abend im Programmheft, zusammengestellt "aus Originalzitaten" aus Jaroslav Hašeks unvollendetem tschechischem Roman "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von 1923. Regisseur Dušan David Pařízek schafft in seiner international besetzten Festwochen-Produktion "Der Fall Švejk" jedoch vielmehr ein 140 Minuten langes Kammerspiel der gegenseitigen Erniedrigungen durch Sprache, der eingeforderten Hierarchien und der missbrauchten Macht.

Schneller Tod des vermeintlichen Verräters

Verhandelt wird die Frage nach der Schuld des abwesenden Soldaten Švejk: Dieser hat sich scheinbar aus einer Laune heraus eine russische Uniform übergezogen, um sich in der Spiegelfläche eines Teichs zu betrachten – soll aber nun als Deserteur am Strick hängen. Für den fanatischen österreichischen General Fink ist die Sache klar: Švejk ist schuldig, ein ordentliches Gerichtsverfahren überflüssig, ein Standgericht soll den schnellen Tod des vermeintlichen Verräters sicherstellen.

Martin Baum verleiht seiner Figur die unberechenbare Aggressivität eines Dennis Hopper in "Blue Velvet": Im einen Augenblick brüllt er mit wildem Blick seine Gesprächspartner nieder, um sie im nächsten Moment für ihre in seinen Augen mangelhafte deutsche Aussprache zu erniedrigen; mit süßer Stimme singt er das "Kaiserlied" von Joseph Haydn, dessen Melodie heute die deutsche Nationalhymne unterlegt, dann schwelgt er in breitem Österreichisch in kulturchauvinistischen Allmachtsphantasien. Nicht nur seine hohe Position, vor allem seine Sprache setzt er als Waffe der Unterdrückung ein, mit der er Widerworte übertönt oder gleich ganz verstummen lässt – oder sie so oft auf die korrekte Aussprache beharrend wiederholen lässt, bis sie ihren Inhalt verloren haben.

Der Fall Svejk1a 560 AlexiPelekanos uPeter Fasching, Martin Baum © Alexi Pelekanos

Gegenwehr durch Schweigen und Fremdsprache

Ihm zur Seite steht der obrigkeitshörige Kadett Adolf Biegler: Peter Fasching gibt ihn als Bürokraten, hinter dessen scheinbar korrekter Genauigkeit gefährliche Eitelkeit und Geltungsdrang lauern. Wenn dieser Biegler plötzlich, von den tschechischen Soldaten für seine Inkontinenz verhöhnt, diesen damit droht, dass der Tag kommen wird, an dem er sich an ihnen rächen wird, bekommen wir das mulmige Gefühl, dass es sich bei diesem jungen Soldaten genauso gut um einen anderen Adolf der Geschichte handeln könnte.

Den beiden Österreichern gegenüber stehen die drei tschechischen Darsteller*innen Ivana Uhlířová, Jiři Černý und Vladimír Javorský sowie der deutsch-ungarische Darsteller Gábor Biedermann: Durch gezielte Provokationen (Schweigen, vermutlich bewusst ungenaue Übersetzungen – wenn sie in ihrer Muttersprache sprechen, gibt es für das Publikum keine Übertitel) schaffen sie es immer wieder, die Österreicher hinters Licht zu führen und in ihrer aggressiven Selbstsicherheit zu bremsen.

Gulasch in der Pause, Bier danach

Was nach einer spannenden Grundvoraussetzung klingt, gerät unter der Regie Pařízeks allerdings zum dramaturgisch schwammigen Leerlauf; es wird geredet und provoziert, erniedrigt, geschrien, ein bisschen gewitzelt und gesungen inmitten der ästhetisch konventionellen, mit großkopierten historischen Militärverordnungen zugehängten und von Overheadprojektoren beleuchteten Bühne; mal wird auch ein wenig mit dem Publikum interagiert, damit es ja nicht vergisst, dass es ja auch noch in diesem Raum ist. Das funktioniert vielleicht in der ersten halben Stunde, danach verläuft es sich in der ständigen Wiederholung ein und desselben Motivs: Sprache als Mittel der Macht, befriedigte Eitelkeiten durch Bestehen auf Hierarchien. Vom eigentlich Fall Švejk scheint nur noch am Rande die Rede, um das Leben oder den Tod eines Menschen geht es im Grunde gar nicht mehr – ein spannender Grundgedanke, den man jedoch allzu schnell kapiert hat.

Der Fall Svejk 560 AlexiPelekanosMartin Baum, Vladimír Javorský, Jiří Černý © Alexi Pelekanos

Das eigentliche Militärgericht kommt dann schließlich aus der Gulaschkanone: Nach gut 100 Minuten projiziert der Overheadprojektor "Gulasch oder Pause" an die Wand – und einen Augenblick später steht schon ein großer Topf auf der Bühne, aus dem es würzig duftet. Zusammen mit ein paar Kästen Bier lockt er das Publikum auf die Bühne – das seine Pause inmitten der Darsteller mampfend und plaudernd verbringt. Das ist ein simpler, aber schöner Bruch: Wenn plötzlich Menschen verschiedenster Nationen im Jahr 2015, über 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs, gemeinsam auf einer Theaterbühne ins Gespräch kommen, sich ungezwungen unterhalten. Aber zu viel mehr kommt es eben auch nicht: Ja, es ist alles nur Theater, ja, Kunst bringt die Menschen zusammen, ja, draußen sieht es trotzdem ganz anders aus, und ja, Gulasch und Bier sind auch wirklich nichts Schlechtes, und so weiter. Danach geht alles wieder seine Bahnen wie zuvor, zumindest für die restlichen 15 Minuten bis zum Ende, auch wenn nun ein paar Zuschauer auf der Bühne Platz genommen haben. Die bier- und gulaschselige Stimmung überträgt sich schließlich auch auf den Applaus, vergessen sind die Gräuel des Krieges, die Ungeheuerlichkeiten, die an diesem Abend geäußert wurden. Das könnte man etwas quer als geniale Transparenz lesen: Schon während der Inszenierung wird gezeigt, dass die Kunst noch so bedrückende Themen behandeln kann – am Ende geht's nur ums Bier danach. Doch das wäre eine zynische Bankrotterklärung an die Kunst. 

 

Der Fall Švejk
nach dem Roman "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hašek
Text, Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Dramaturgie: Roland Koberg, Dramaturgische Mitarbeit und Protokoll: Sophie Menasse.
Mit: Martin Baum, Peter Fasching, Ivana Uhlířová, Jiři Černý, Vladimír Javorský, Gábor Biedermann.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Im Wiener Standard (13.6.2015) schreibt Margarethe Affenzeller, Dusan David Parízek habe sich in seiner Bühnenfassung von Jaroslav Haseks unvollendet gebliebenem Roman auf die Zeit von Svejks Arrest im Militärlager Bruck an der Leitha konzentriert. Der Titelheld tauche nie auf und Bruck sei ein "Vorfahre des heutigen Brüssel oder jedes anderen multilingualen, multiethnischen Schauplatzes im Europa der Gegenwart". Immer wieder schaffe Parízek "Stimmungen, in denen unschuldige Sprachspiele plötzlich in deftigen Nationalchauvinismus kippen". Die "Sprachdifferenzen oder Debatten über korrekte Aussprache" gäben dem Abend einen "heiter-makaberen Grundton". Parízek gelinge es, in Texten "tief zu schürfen, ohne dabei bedeutungsschwer zu werden".

Hartmut Krug besprach die Inszenierung für Kultur Heute im Deutschlandfunk (12.6.2015): Die Dokumente, die über der Bühne hingen, hätten für das Spiel genauso wenig eine Funktion wie das Licht des Overhead-Projektors mit dem die Szene beleuchtet werde. Dazu gebe es etliche "äußerlich" bleibende "Spieleinfälle", mit denen der Regisseur sein "sprachlastiges und spannungsloses dramatisches Konstrukt aufzupeppen" suche. Weil neben den österreichischen Darstellern auch Tschechen und Ungarn spielten, alle weitgehend in ihrer Sprache blieben, habe der Regisseur die Auseinandersetzungen der Figuren wohl als ein "körperbetontes und komödiantisches Schreikonzert mit gelegentlichem Gesang" inszeniert, - so gebe es wenigstens etwas zu sehen. Ansonsten sei die Sache dramaturgisch und darstellerisch "so einfallslos wie monoton".

Thomas Kramar empfiehlt in der Wiener Presse (13.6.2015) alternativ zu den "ziemlich langen" 140 Minuten die Lektüre des Romans. Das auf der Bühne gereichte Pilsner und das Gulasch seien sehr gut gewesen, der Rest dagegen deutlich abgefallen. Es werde sehr viel geschrien in dieser Inszenierung, "ob es passt oder nicht". Pařízek ersetze Hašeks "antimilitaristischen Furor" durch "vielsprachiges Geblödel über Ressentiments der Nationen" gegeneinander. Schlimmer noch: "Er verblödelt auch die Kritik am Militär", auch dadurch gehe der "Zorn auf das menschenverachtende Militär" und den "unmenschlichen Krieg" verloren, der Hašeks Roman durchziehe.

Gerald Heidegger schreibt auf ORF.at (12.6.2015), Parizek stelle den zum "leichtfüßigen Pointenschlager" verkommenen "Schelmenroman" komplett auf den Kopf, wobei die Figuren wie "schizoide Sprachmaschinen" wirkten. Zu Beginn des Stücks meine man sich in eine "dramaturgische Landschaft irgendwo zwischen Kafkas 'Prozess' und Jonathan Littells 'Wohlmeinenden' versetzt". Am Ende, nach dem Gulasch für alle, stehe ein Endspiel, in dem "Theater mit intelligenter Regie und großartigen Schauspielern zeigt, dass es vor den Medien der Gegenwart alles andere als kapitulieren muss".

Peter Jarolin schreibt auf der Website des Wiener Kurier (12.6.2015), das "Ergebnis ist eine furiose, heutige Abrechnung mit kriegerischer Selbstherrlichkeit, Vorurteilen, Sprachbarrieren und mit einem Europa", das von einer realen Einheit weit entfernt sei. Pařízek und sein Team "sorgen meist für einen Gerichtsthriller der Extraklasse".