logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Wir sind Syrien, wir sind die NPD

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 14. Juni 2015. Auf einmal steht ein Mann auf im Zuschauerraum: Er könne nicht mehr sitzenbleiben, sagt er in aufgeregtem Englisch. Gerade habe er erfahren, dass Assads Truppen mit Hubschraubern sein Haus zerstört und seinen Bruder getötet hätten. Da ist die Realität endgültig eingebrochen ins Theater. Der Mann rennt an der Bühne vorbei, entgegengesetzt zum "Fluchtweg" des Spiels, der mit Klebeband auf dem Boden markiert ist. Staatstheaterintendantin Dagmar Schlingmann folgt ihm sichtlich betroffen. Später wird sich herausstellen, dass es sich um einen Freund und früheren Lehrer eines der Laiendarsteller aus Syrien handelt, die dieses Flüchtlingsprojekt mitgestaltet haben. Der tödliche Angriff, von dem der Mann sprach, muss kurz vor der Premiere passiert sein, per Mobiltelefon auf die Publikumstribüne übermittelt.

Dieses grausamen Liveschreckensmoments hätte es nicht bedurft, um die Drastik des Themas zu unterstreichen. Das schaffen Jörg Wesemüllers Uraufführungsinszenierung von "Brennpunkt: X" und die Recherchevorlage von Nuran David Calis schon von sich aus. Letzterer, bekanntlich seinerseits Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer, hat im Saarland Zahlen, Daten und Meinungen zum überzitierten europäischen Flüchtlingsdrama gesammelt und collagiert. Das Ergebnis ist der Beweis dafür, dass dokumentarisches Theater im 21. Jahrhundert noch ganz schön lebendig sein kann, wenn es Thesen, Einsichten, Klischees und Gewissheiten mit den Menschen konfrontiert, die handeln, hoffen und (er-)dulden.

Ein besseres Wir-Gefühl

Dabei kommt Calis sein Sprachgefühl zugute. Direkt zu Beginn steht eine Sequenz, in der sich deutsche Sachbearbeiter hinter ihren Schreibtischen voller brauner Aktentaschen redlich mühen, arabische Floskeln vor sich herzubeten, um "ein besseres Wir-Gefühl" zu etablieren, eine Art Zusammenhalt zwischen ausländischen Bittstellern und Vertretern des deutschen Staates, auf dass den Botschaften der Behörde gleich den Botschaften des Koran Wirkung verliehen werde. Schließlich seien auch die hiesigen Verwaltungsfachangestellten einer Art Gott ausgeliefert: dem Volk und dem Gesetz. Was für ein himmelschreiend dämlicher, gutmenschlich gut gemeinter Schwachsinn! Was für eine empathisch absurde Zuspitzung der Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Und was für ein herrlicher Spaß, wenn sich die Saarbrücker Schauspieler Saskia Petzold an der korrekten Phonetik des Prophetennamen Mohammed abmüht und dabei immer wieder von einem der sieben Flüchtlinge auf der Bühne korrigiert wird, während ihr Gesicht immer unglücklicher und zerknautschter wird.brennpunktx 560a x xZynismus und Realsatire: Sachbearbeiter und Bittsteller in "Brennpunkt: X". © SST

Die Inszenierung stürzt sich geradezu in den Zynismus und die Realsatire, treibt uns dorthin, wo das Flüchtlingsdrama schon längst zur Farce geworden ist. Entlarvend die Szene, in der drei der deutschen Profischauspieler auf ihren Verwaltungsdrehstühlen sitzen, die Blicke in den Himmel richten und auf Arabisch skandieren, dass Gott ihnen helfen möge: "Ist jemand da draußen, der uns hört?" Auch da nutzen sie wieder sensibel und wirkungsvoll den Raum, den sich das Saarländische Staatstheater für diese Produktion hat aufschließen lassen: den so genannten "Vierten Pavillon", ein Erweiterungsbau für das Saarlandmuseum, im unfertigen Rohzustand, weil eine Kostenexplosion den Weiterbau lähmt. Noch so ein Fall, in dem die Politik an die Grenzen der Realität gestoßen ist.

Angreifer und Opfer

Für dieses besondere Flüchtlingsprojekt erweist sich der kalte Betonschacht dieses Pavillons aber als Glücksfall: durch Sichtglas weit oben an der Decke wirken die vorbeiziehenden Wolken am schwül-blauen Sommerhimmel wie ein fernes, wohlig-warmes Versprechen, an die kahlen Wände hat Bühnenbildnerin Jasna Bošnjak mit Kreide lange Zahlenreihen geschrieben, und der Hall in diesem Rohbau kann brutal wirken.

Etwa wenn zwei der jungen Syrer auf der Bühne mit einem Mal aufeinander einschreien. Der eine, Altaher Al Zoubi, trägt da plötzlich statt sportlichen Freizeitlooks eine Bomberjacke in Tarnfarben. Er ist der Angreifer. Der andere, sein Cousin Omar Al Zoubi, ist das Opfer, das gezwungen wird, über den harten Boden zu hüpfen, sich hinzuknien, auf den Boden gedrückt wird. Eine Szene aus dem wahren Leben. Das hat Omar Al Zoubi so erlebt. Im syrischen Bürgerkrieg, der in diesem Moment einmal mehr ganz nah scheint.

Fragen ans Publikum

Dabei sorgt die Regie mit viel Feingefühl dafür, dass daraus kein Betroffenheitskitsch wird. Erstens weil es immer wieder etwas zum Lachen gibt. Zweitens weil der Überlebenswille der Laiendarsteller immer wieder durchscheinen darf. Und drittens weil uns die Inszenierung immer wieder auf uns selbst zurückwirft: "Was ist die NPD? – Frag mal die anderen hier", ruft Schauspielerin Yevgenia Korolov mit süffisantem Grinsen. Und dann schwärmen die Flüchtlinge aus ins Publikum, das sich mit Fragen konfrontiert sieht, die auf die Schnelle im Einzelnen gar nicht so leicht zu beantworten sind.

Am Ende der Premiere verzichtet das Inszenierungsteam auf den vorgesehenen Abschlusstanz zu Tarkan Şimariks Knutsch-Hymne "Kiss Kiss" und auf den verdienten Applaus. Die Realität des Lebens erscheint in diesem Moment doch weitaus weniger leicht, als es uns das Theater machen wollte. Dabei hätten sie jeden Jubel verdient gehabt, das tolle, engagierte Ensemble des Abends – alle in Hochform –, die mutigen, konzentrierten Laiendarsteller, das einfühlsame Regieteam: für ein kluges, relevantes, witziges, nahegehendes, entdeckungsreiches, außergewöhnliches Theatererlebnis. Bravo!

 

Brennpunkt: X
von Nuran David Calis
Regie: Jörg Wesemüller, Raum und Kostüme: Jasna Bošnjak, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Amir Abedini, Erfan Abedini, Altaher Al Zoubi, Omar Al Zoubi, Mohamed Aead Alzubbey, Melek Brimo, Roula Kasem, Yevgenia Korolov, Pit-Jan Lößer, Klaus Müller-Beck, Saskia Petzold.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-saarbruecken.de