Rückkehr in die Provinz?

von Georg Kasch

16. Juni 2015. Wie gut, dass das so klar gesagt wurde: Es waren nicht fachliche, sondern "andere Gründe", die eine Zusammenarbeit unmöglich machen zwischen Karsten Wiegand, dem Intendanten des Staatstheaters Darmstadt, und Jonas Zipf, für eine kurze Spielzeit Chef des Schauspiels. Beide haben Stillschweigen über die Gründe vereinbart.

Datterichs Fass

Warum sie sich trennen, liegt dennoch auf der Hand. Der Musiktheatermann Wiegand gilt als schwierig, als kontrollsüchtig und unberechenbar. Nichts entgeht seinem Zugriff. Im Musiktheater verschleiert die zukünftige Wuppertaler Intendanz von Berthold Schneider, dass der Operndirektor sich vom Chef gegängelt fühlte. Auch im Schauspiel mischte Wiegand sich auf eine Weise ein, wie sie zum Glück eher unüblich geworden ist im deutschsprachigen Theaterbetrieb: In einer der finalen Proben zu Juliane Kanns Prinz von Homburg-Inszenierung missfielen ihm die Hintergrundvideos derart, dass er die Regisseurin vor die Wahl stellte: Entweder fliegen sie raus oder die Produktion platzt.

Zipf Jonas Filmstill 180 rainer lindJonas Zipf verlässt Darmstadt aus "anderen Gründen"
© Rainer Lind / www.rainer.lind.video
Jetzt dürfte die Störaktion der am Schauspiel engagierten Künstler beim "Datterich"-Festival das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Natürlich muss das für Wiegand peinlich gewesen sein: die prominenten Gäste, beschimpft von (freien) Mitarbeitern des eigenen Hauses! Er sollte sich aber innerhalb des letzten Jahres daran gewöhnt haben, dass er kein Bankdirektor ist, sondern Intendant eines Dreispartenhauses. Da hat man es zuweilen mit unabhängigen, kreativen Köpfen zu tun.

Diskussionswürdige Arbeit

Zipf ist das Gegenteil von Wiegand: kein Macher, sondern ein freundlicher Denker, ein Kurator, einer, der Künstler und Menschen zusammenbringen, der Avantgarde und das Publikum miteinander versöhnen will. Als Zuschauer zumindest erlebte man* in seiner ersten und letzten Spielzeit einen Aufbruch. Und ein Versprechen: auf ein Theater der Teilhabe. Auf eine zeitgenössische Ästhetik in der Provinz. Auf vielfältige Sicht- und Spielweisen. Zipf trommelte ein in jeder Hinsicht inklusives Ensemble zusammen, in der sich Schwarz und Weiß, behindert und nicht-behindert, deutsch und nicht-deutsch trafen und in den besten Momenten verschmolzen. Man kann Abende wie den "Homburg", Madame Bovary und den Bericht für eine Akademie kontrovers diskutieren. Aber man KANN sie diskutieren, weil sie Fragen stellen, die gestellt werden müssen, weil sie auf sinnliche Weise provozieren, weil ihr Kern glüht.

Die Stelle als Schauspielchef in Darmstadt ist also wieder frei. Jeder weiß jetzt, dass es sich um einen Schleudersitz handelt. Wie viel Selbsterniedrigung und Anpassungsfähigkeit braucht es, um sich hier festzusetzen? Wir werden sehen.

 

*In der ursprünglichen Fassung enthielt der Text an dieser Stelle den Einschub "– nach den lähmenden Jahren unter Martin Apelt –". Auf Wunsch des Autors wurde die Passage am 18. Juni gestrichen, Georg Kasch hat dies in Kommentar #17 begründet.

 
Offener Brief

von Karsten Wiegand und Jonas Zipf zum Kommentar von Georg Kasch

17. Juni 2015. Sehr geehrter Herr Kasch,

zu Ihrem Artikel "Rückkehr in die Provinz?" vom 16. Juni 2015 möchten wir Ihnen Folgendes schreiben:
Wir haben stets in einer Weise zusammengearbeitet, die wir gegenseitig als künstlerisch konstruktiv empfunden haben. Gemeinsam haben wir ein, wie Sie schreiben, "in jeder Hinsicht inklusives Ensemble" aufgebaut. Wir haben zusammen diese Spielzeit geplant und gestaltet und wir stehen zusammen für alles, was uns dabei geglückt und missglückt ist.
Wir schätzen unsere künstlerische Arbeitsweise gegenseitig.

Mit freundlichen Grüßen
Karsten Wiegand und Jonas Zipf

 

Stellungnahme

Kulturschaffender zum Weggang von Jonas Zipf 

22. Juni 2015. Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir sind enttäuscht und traurig, manche sogar wütend und entsetzt über den Weggang von Jonas Zipf am Staatstheater Darmstadt. Wir, die wir den nun scheidenden Schauspieldirektor in den letzten Monaten kennen und schätzen lernen sowie mit ihm gemeinsam arbeiten durften, können es nicht verstehen. Nach nur einer Spielzeit, zu deren Vorbereitung seinem Team und ihm viel zu wenig Zeit verblieb, weil es etliche Monate zu spät berufen wurde und dementsprechend verspätet seine Arbeit aufnehmen konnte, wird Jonas Zipf vor die Tür gesetzt!

Warum ist er weg? Man verweigert jegliche Begründung. Nur mit dem künstlerischen Kurs habe es nichts zu tun. Aber mit was hat diese Entscheidung dann zu tun? Das eiserne Schweigen nährt den
Boden für Gerüchte, und diese Situation ist unerträglich. Es überkommt uns der Eindruck, man wolle durch dieses Schweigen nicht den scheidenden Schauspieldirektor, sondern die verbleibende Leitung des Theaters schützen. Denn welche Verfehlungen von Jonas Zipf wiegen denn schwer genug, um diesen Schritt zu rechtfertigen, sich vom Schauspieldirektor überstürzt zu trennen? Dieser Eindruck
verstärkt sich vor dem Hintergrund, dass neben Jonas Zipf die komplette Schauspieldramaturgie sowie der Operndirektor Berthold Schneider das Haus verlassen. Zipf ist also kein Einzelfall – egal, wer offiziell freiwillig gegangen ist oder gegangen wurde.

Schweigen verhindert Transparenz. Selbst wenn Schweigen vereinbart wurde zwischen den Parteien, ließen sich zumindest einige Gründe für das Ausscheiden von Jonas Zipf und den Weggang der Dramaturginnen ausschließen, wenn klar wäre, wer für welche Entscheidungen am Staatstheater verantwortlich ist. Wer trägt die Verantwortung für mögliche finanzielle Schieflagen? Wer darf Verträge mit Künstlern abschließen? Und wer nicht? Sind die Entscheidungswege im Haus konsistent oder sind womöglich Missverständnisse, gar Verantwortungsdiffusion vorprogrammiert? Es wäre ein erster Schritt, wenn die politisch Verantwortlichen in Wiesbaden und die Aufsichtsgremien uns
dies erklären könnten. Wir haben ein Anrecht auf derartige Fakten bei einem durch öffentliche Gelder finanzierten Staatstheater.

Was fehlt. Über den künstlerischen Kurs kann und soll man sich streiten. Das war immer die Absicht von Jonas Zipf. Er steht für ein Theater, über das debattiert und mit dem gerungen werden soll. Kein Konsens - Theater, sondern eines, das uns alle berührt, im wahrsten Sinne angeht, an dem möglichst viele beteiligt werden. Deswegen hat er die Tore des Theaters weit geöffnet: Er hat Brücken zu
Einzelpersonen, Gruppen und Szenen geschlagen, die bislang kaum im Fokus des Theaters standen. Jonas Zipf hat diese Stadt im Sturm erobert, weil er begeistern kann. Weil er neugierig auf uns und viele andere zugegangenen ist. Weil er den unbändigen Willen besitzt, die Potentiale dieser Stadt zu entdecken und die besten zu entfalten. Kaum einer vor ihm in dieser Position hat die Stadt und ihre Menschen so ernst genommen und sich für sie so viel Zeit eingeräumt. Er war das Gesicht des Staatstheaters Darmstadt. Und das soll nun nicht mehr sein? Nach weniger als einem Jahr, in dem Jonas Zipf neben dem "regulären Betrieb" an zwei Festivals maßgeblich beteiligt war und unzählige Aktionen in dieser Stadt anzettelte? Dieser Weggang schadet primär nicht Zipf, denn viele wissen um seine Verdienste. Dieser Rauswurf schadet dem Staatstheater und der Stadtkultur in Darmstadt. Nun entsteht ein riesiges Loch. Wer solls füllen?

Was bleibt. Jonas Zipf hat gezeigt, wie wir uns die Rolle eines Schauspieldirektors vorstellen: Menschennah, mit offenen Ohren, vor Ideen sprühend und voller Tatendrang. Er hatte stets die kulturellen Akteure dieser Stadt im Blick. Ein Geist der Kooperation und nicht der Abgrenzung war für ihn charakteristisch. Das Miteinander prägte seine erste und letzte Spielzeit.

Was wir befürchten. Seine „Mission“ in Darmstadt hatte gerade erst begonnen. Zwar wurden beispielsweise mit dem Inklusions - und mit dem Datterich Festival zwei dieser Projekte gemeinsam mit vielen anderen verwirklicht, aber VIELES konnte bisher nur vorbereitet werden. Der Versuch, das Aufeinandertreffen von Strukturen des freien und institutionellen Theaters in Darmstadt auf ein solides und vertrauensvolles Fundament zu stellen, ist womöglich erst einmal gescheitert. Dabei wäre es zur strukturellen Veränderung von Theaterinstituten richtungsweisend, was in den letzten Monaten hier gemeinsam mit Jonas Zipf vorbereitet wurde. Wir befürchten, dass niemand kommen wird, der diesen Kurs mit uns fortführen kann und wird. Stagnation könnte die Folge sein, wir befürchten sogar den Rückfall in alte Zeiten des Neben - und Gegeneinanders. Das ist nicht in unserem Interesse. Es kann aber auch nicht im Interesse der kulturpolitischen Verantwortlichen dieser Stadt sein. Nach wie vor fehlt ein kluger Fachbeirat, der auf diese Stadt und ihre kulturellen Angebote evaluierend, innovativ und vermittelnd wirken könnte. Auch ist uns unverständlich, warum
die offiziellen Verlautbarungen der kulturpolitischen Akteure Darmstadts zur Causa Jonas Zipf so wortkarg und nichtssagend ausfallen. Ist das wirklich nur eine interne Angelegenheit der Intendanz? Geht das nicht uns alle an?

Ein Dank. Lieber Jonas Zipf, die Zeit mit Dir in Darmstadt war aufregend, herzlich und außerordentlich produktiv - aber leider viel zu kurz. Du hast so viele fesselnde Projekte angestoßen und warst an vielversprechenden Entwicklungen beteiligt, die nun gekappt zu sein scheinen. Wir sind enttäuscht, dass Du bereits nach einer Spielzeit aus dem Staatstheater Darmstadt ausscheiden musst. Wir wünschen Dir alles Gute auf Deinen kommenden Wegen. Die Hoffnung bleibt: Mögen sich auch zukünftig einige Deiner Wege mit den unsrigen kreuzen.
Adieu und Merci!


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Einen Überblick zum Inklusionstheater und darüber, wie Schauspieler mit Behinderungen die großen Off-Bühnen erobern, gab Georg Kasch im November 2012.

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