Mit allen Sinnen

18. Juni 2015. In einem Interview mit Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (14.6.2015) stellt sich Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler als neue Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins vor – die erste Frau und erste Politikerin in diesem Amt.

Weite Strecken des Gesprächs verströmen Balsam auf die wunden Seelen der zunehmend kaputt geredeten und kaputt gesparten deutschen Theaterlandschaft. "Auch wenn es vielleicht etwas zu groß klingt, das Theater kann ein Ort sein, an dem die Gesellschaft mittels der Kunst über ihre Konflikte, Defizite, Möglichkeiten nachdenkt", sagt Kisseler etwa und lobt Rostock, "wo die Bürger ihr Theater gegen Teile der Kommunalpolitik verteidigt haben".

Zweifel an Livestreaming und an Chris Dercons Plänen für die Berliner Volksbühne

Den freiberuflich arbeitenden Künstler*innen verspricht Kisseler: "Wir werden uns um das Recht auf Arbeitslosengeld kümmern müssen." Zu einigen jüngeren Theaterthemen wird Kisseler auch befragt, so zum Livestreaming von Aufführungen, zu dem sie sich skeptisch äußert: "Eigentlich ist das Angebot des Theaters, sich gemeinsam mit anderen mit allen Sinnen auf eine Sache einzulassen. Das ist das Kontrastprogramm zur digitalen Einsamkeit."

Zur Berufung von Chris Dercon in die Intendanz der Berliner Volksbühne, mit der sich in der Wahrnehmung des Interviewers der Umbau eines Repertoire-Theaters "zu einem genreübergreifenden Produktionsort mit flexibleren Strukturen" abzeichnet, sagt Kisseler: "Man wird sehen, ob das eine kulturpolitisch notwendige, künstlerisch überzeugende Entscheidung war. Ich persönlich habe da meine Zweifel. Einerseits sind wir stolz auf unsere unglaublich vielfältige Theaterlandschaft, Künstler aus anderen Ländern beneiden uns, wir zählen sie zum Weltkulturerbe. Andererseits stellen wir die Strukturen, die sie am Leben halten, infrage. Das ist absurd."

(SZ / chr)

 

 
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