Jenseits der EU-Hymne

von Sophie Diesselhorst

Bratislava / Berlin, 23. Juni 2015. "Was würden Sie tun, wenn Sie als friedlicher Demonstrant von einem Polizisten angegriffen würden – zurückschlagen oder die Gewalt über sich ergehen lassen?" fragt eine Schauspielerin gezielt ins Publikum im slowakischen Nationaltheater in Bratislava. Die angesprochene Zuschauerin entzieht sich der Antwort. Es ist ja auch eine ungewohnte Frage, oder –  es wäre eine ungewohnte Frage für jeden politisch durchschnittlich (un-)engagierten Bürger der EU von heute. Man darf doch wohl annehmen, dass solche Situationen nicht passieren.

Majdanské Dennìky (Maidan-Tagebücher)

Manchmal aber geht es erschreckend schnell, dass sie doch passieren; zum Beispiel in einem Land mit einer ganzen Menge Menschen, die gerne der EU angehören würden – und zwar gerade aus diesem Grund: Das macht die Dokumentartheaterproduktion "Maidan Tagebücher" von Andriy May und Natalia Vorozhbyt schmerzhaft deutlich, eine Produktion des Ivan Franko National Academic Drama Theatre in Kiew, die jetzt beim Eurokontext-Festival des slowakischen Nationaltheaters in Bratislava gezeigt wurde; in szenischer Lesung war das Stück schon an vielen Orten zu Gast, etwa bei einem Theaterfestival in Moskau und am Berliner Gorki-Theater.

Maidan 560 Robert Tappert"Maidan Tagebücher"  © Robert Tappert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

May und Vorozhbyt produzierten zwischen dem 21. November 2013 und dem 21. Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew 80 Stunden Video- und 22 Stunden Tonaufnahmen. Dieses Material haben sie anschließend verdichtet zu einer starken Beschwörung des Maidan-Geists mit seinen Höhenflügen und Abgründen. Der Glaube der Macher an diesen von vielen, unterschiedlichen individuellen Visionen gespeisten Kollektiv-Geist scheut auch nicht den realistischen Blick auf seine Entstehung, die ihn materialisierenden Proteste und ihre brutale Niederschlagung. Die sparsame Inszenierung lebt von der Spannung zwischen der spielerischen Lust der Interview-Text-Monteure an der Zufälligkeit des Konkreten – und der emotionalen Wucht der Schauspieler, die allesamt selbst als Protestierende auf dem Maidan waren und deren eigene Erfahrungen die Erlebnisse grundieren, von denen sie – in ihren Alltagsklamotten – auf der Bühne berichten.

Formal zwingend

Das Publikum nimmt Platz und kann sich selbst in großen Spiegeln an der Hinterwand der Bühne sehen. Dazu passt, dass beim Einlass einer der Schauspieler die ankommenden Zuschauer fragt, was sie vom Maidan wissen. Auch später in der Inszenierung wird das Publikum immer wieder einzeln oder als Gruppe in die Mitverantwortung fürs Theatergeschehen genommen, etwa wenn die sprachlose EU-Hymne, die Melodie von "Freude schöner Götterfunken", gesummt und das Publikum zum Mitsummen animiert wird (später im Publikumsgespräch erzählt Andriy May, dass das bisher nur in Wien funktioniert habe). Aber all diese Gesten wirken nicht aggressiv überfordernd, denn die Akteure geben selbst sehr viel von sich preis. Und so passiert es, dass man nach knapp zwei Stunden irgendwann wieder in den Spiegel schaut und sich sucht und findet und darüber freuen darf, dass das Selbst-Bild zwischendurch so uninteressant geworden ist.

Cigáni (Zigeuner)

Im Programm des Festivals, das zwischen dem 12. und dem 19. Juni 2015 13 Arbeiten aus neun Ländern in Bratislava versammelte, waren die "Maidan Tagebücher" in ihrer reflektierten Suche nach einem Narrativ für die jüngere Vergangenheit eine untypische Arbeit. Dem aus Ungarn vom Katona József Színház in Budapest eingeladenen Stück "Cigáni" ("Zigeuner"), das von den sich häufenden, brutalen, rassistischen Übergriffen auf Sinti und Roma in Ungarn erzählt, fehlt das formale Selbstbewusstsein, das die "Maidan Tagebücher" so zwingend macht; mit allerlei theatralen Überwältigungs-Strategien wird ein exemplarischer Überfall als Krimi erzählt, und der provokante Titel erweist sich als unheilvolles Omen.

Cigani 560 Robert Tappert"Cigani"  © Robert Tappert

Bačova žena (Die Frau des Schäfers)

Die meisten Arbeiten im Festivalprogramm kamen vom Slowakischen Nationaltheater selbst, wo Schauspieldirektor Roman Polák in dieser Spielzeit ausschließlich slowakische Stücke aufs Programm gesetzt hat. So viele gibt es in der noch nicht einmal 100 Jahre jungen Theatertradition des Landes gar nicht, und Klassiker schon gar keine. Das 1928 entstandene, auch verfilmte Drama "Bačova žena" (Die Frau des Schäfers), eine mit dem Selbstmord der Frau endende, unfreiwillige Dreiecks-Geschichte von dem expressionistischen Dichter Ivan Stodola, bildet eine Ausnahme. Polák selbst hat es in minimalistischem Bühnenbild inszeniert, um es nach eigenem Bekunden von jeglichem historischen Kontext zu befreien und als ur-menschliches Drama sprechen zu lassen. Die Männer schreien und fuchteln mit Äxten, die Frauen drücken sich in die Ecke und weinen; dieses gewöhnungsbedürftige Geschlechterbild, setzt sich, zusätzlich bekräftigt durch das Kostümbild, in der naturalistischen Inszenierung des wiederausgegrabenen "Polnocná Omša" (die Mitternachts-Messe) von Peter Karvas fort, die der junge Lukáš Brutovský inszeniert hat. Dort liegt der Fokus auf der historischen Aufarbeitung beziehungsweise Adelung der Rolle der Slowakei, repräsentiert von einer "ganz normalen Familie", der Faschisten, Kommunisten und Partisanen in den Endwirren des Zweiten Weltkriegs grenzenloses Leid zufügen.

Bacova Zrena 560 Martin Geisberg"Bačova žena"  © Martin Geisberg

Wall of Misuderstanding

Unter dem Motto "Wall of Misunderstanding" stand diese zweite Ausgabe des Eurokontext-Festivals (wir berichteten auch von Ausgabe eins). Bei der Podiumsdiskussion über dieses Motto standen unterschiedliche Positionen von Theatermachern aus Deutschland (Tilmann Köhler, zu Gast mit seiner Christa-Wolf-Inszenierung "Geteilter Himmel" vom Staatsschauspiel Dresden), Polen, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, der Ukraine nebeneinander. Für eine tiefer gehende Auseinandersetzung war das Podium einfach viel zu zahlreich besetzt. Während man aus Polen von Tadeusz Słobodzianek, dem Intendanten des Teatr Dramatyczny in Warschau, die Selbstkritik hörte, das Theater habe den Anschluss vor allem an die jungen Menschen verloren, richtete die Chefdramaturgin des tschechischen Nationaltheaters Marta Ľjubková ihre Kritik an die tschechische Gesellschaft, die dazu neige, ihren Kopf in den Sand zu stecken.

Aus Ungarn kam vom Intendanten des Katona József Színház und "Cigani"-Regisseur Gábor Máté der Ruf "keine Experimente!", das Theater müsse sich auf seine Tradition besinnen. Andriy May aus Kiew wiederum sprach sich gegen die vierte Wand aus, es sei Aufgabe des Theaters, nach dem Verbindenden zu suchen. Tilmann Köhler konstatierte aus der deutschen Luxusperspektive eine Tendenz zur Überproduktion ("Der Kapitalismus macht auch vor dem Theater nicht halt").

Diskussion Wall Misunderstanding 560Podiumsdiskussion "Wall of Misunderstanding"   © Alena Klenková

Mut

Später wurden alle Beteiligten dazu aufgefordert, eine Nachricht auf der vor dem Theater aufgebauten "Wall of Misunderstanding" zu hinterlassen. Gesponsert von einer belgischen Biermarke, deren wappenartiges goldenes Logo wohl die Breite des Mauerstücks definiert hat; auch hier macht der aktuell sich in Amt und Würden befindende -ismus also keinen Halt vorm Theater. In den Statements der Künstler auf der Mauer spielte das aber keine Rolle; sondern: "Stop Fašismu, stop Komunismu!" hatte einer da hin gesprüht.

So besonders verständlich das Misstrauen allen politischen Ideologien gegenüber im ehemaligen Ostblock, auf dem gerade wieder mal politische Spannung erzeugt wird, ist – so wohltuend war es, noch einmal, an der Erfahrung der "Maidan Tagebücher" umgekehrt den Mut zum positiven politischen Bekenntnis zu spüren; und das aus dem Land, dem es von allen Anwesenden am schlechtesten geht. Das neue Projekt von Andriy May ist übrigens ein Stück über den Zermürbungskrieg in der Ostukraine.
 

2. Eurokontext Festival - Drama
Slowakisches Nationaltheater Bratislava 12. – 19. Juni 2015

www.eurokontext.sk
www.snd.skwww.snd.sk

 

Offenlegung: Sophie Diesselhorst war auf Einladung des Eurokontext-Festivals vom 15. bis 18. Juni in Bratislava. Das Festival hat Reise- und Übernachtungskosten übernommen.

Mehr zu: Theaterbrief aus Bratislava (1) vom Juni 2014

Auf dem Blog unseres Großbritannien-Korrespondenten Andrew Haydon, der auch in Bratislava zu Gast war, gibt es ausführliche Kritiken zu einzelnen Aufführungen des Festivals:
http://postcardsgods.blogspot.sk/

 

 

 

 
Kommentar schreiben