Der innere Moonwalk

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Juni 2015. Oh diese Ballettposen! Sie sehen bei einigen Tänzern federleicht aus, während andere der Bewegung kaum hinterherkommen. Plié, Pirouette, Sprung, aber auch: Langsamer Walzer, Jazzdance, Michael Jacksons Moonwalk. Ein mühsam gestrecktes Bein hier, rotierende Körper dort, bis der Schweiß läuft in Jérôme Bels komplett individual-körpersprachlich gedachtem neuem Tanzabend "Gala".

Verteidigung des Unnachahmlichen

Das Prinzip erinnert stark an Bels mit geistig-behinderten Schauspielern besetztes Disabled Theater, aber auch an seine anderen Abende, in denen es stets darum geht, im Nachahmungszwang den eigenen Ausdruck zu verteidigen. 18 Tänzer, die meisten Laien, aber auch Profitänzer, Ballettschüler, zwei Kinder und Schauspieler üben jene Tanzschritte, die nach jahrelangem Training verlangen, um auch nur annähernd Perfektion zu erreichen.

Doch die ist hier, typisch Bel, gar nicht erwünscht oder Ziel der Anstrengung. Die bunt zusammengewürfelte Truppe hat der Choreograph kurzfristig in Berlin gecastet, die Premiere beim Kunstenfestival in Brüssel war anders besetzt. Auch ein Rollstuhlfahrer und eine geistig behinderte Schauspielerin spielen in Berlin mit. Nicht nur sie sind es, denen eigentlich die Voraussetzung zur perfekten Tanzbewegung fehlen und an denen sich ganz unterschiedliche Strategien studieren lassen, was eine Pirouette sein darf. Selbst bei den ausgebildeten Tänzern gibt es Momente, wo das Können an Grenzen stößt.

Gala1 560 dorothea tuch uZum Ballett-Tanz beflügelt: das bunt zusammengewürfelte Ensemble von Jérôme Bels "Gala"
© Dorothea Tuch

Auf die innere Haltung kommt es. Das vermittelt "Gala“ noch viel mehr als "Disabled Theatre". Ausgestellt wird hier niemand. Auch ist der Abend ziemlich gut gerahmt mit seinen Verweisen auf Bühnen- und Theaterrituale. Anfangs läuft erst einmal eine Diashow. Fotos zeigen leere Bühnenräume aller Formate, Größen und Kulturen. Bunte Freilichtbühnen in Asien, imperiale Bühnen wie das Wiener Burgtheater oder feiner ausgeschmückte wie das Olimpico im italienischen Vicenza. Aber auch Plastikstühle auf einer grünen Wiese wirken in dieser Bilderfolge schon wie ein Theaterraum.

Was heißt schon gut oder schlecht?

Seriell stellen sich dann auch die Tänzer vor. Ein Schild mit der Aufschrift "Ballett" wird aufgestellt. Dann läuft einer nach dem anderen über die Bühne, dreht sich einmal, geht wieder ab. Diese Aneinanderreihung hat etwas Nestwarmes. Die technisch besseren Tänzer stechen die schlechteren nicht aus, weil hier jeder mit dem gleichen professionellen Selbstverständnis auftritt. Und was heißt schon gut oder schlecht, wenn das, was es nachzuahmen gilt, ein unnachahmliches Idol ist? Zu "Billie Jean" versucht sich jeder der Reihe nach am Moonwalk, dem Vortäuschen von Vorwärtslaufen, während man tatsächlich rückwärts geht. An Michael Jacksons Sliden reichen nicht mal die Profitänzer heran, wie auch.

Dieses Prinzip variiert Bel im zweiten Teil, wenn die einzelnen Tänzer auf der Bühne eigene Solos vorgeben, die von allen anderen live nachgetanzt werden. Dann ist die geistig behinderte Katharina Maasberg das role model, die sich zu Barockmusik in ihren eigenen weichen Bewegungen verschraubt. Und die sind im Grund genauso eigen und unkopierbar wie die Choreographie von Roderick George, der losrockt, dass keiner eine Chance hat hinterherzukommen. Einzigartig auch die Geschmeidigkeit der jungen Ballettelevin oder das kindliche Herumalbern von Zowie Quickert, einem der Kids. Viel Empathie liefert der Abend. Zeigt dabei ästhetische Sicherheit, ausgeprägte Darstellungs- und Diskursintelligenz, ohne spröde zu sein. Es geht um Vieles, das Verhältnis von Normalität und Andersheit, Würde, Humor, das Illusionsspiel des Theaters unter Vermeidung von falschem Pathos oder Anbiederung. Ein kleines Meisterwerk, das Bel zu verdanken ist, und natürlich denen, die sich hier mit großer Gelassenheit und Selbstbehauptung auf die Bühne begeben.

 

Gala
von Jérôme Bel
Konzept und Regie: Jérôme Bel, Assistenz: Maxime Kurvers, Künstlerische Beratung und Company Management: Rebecca Lee.
Von und mit: Roderick George, Christa Göschel, Saman Hamdi, Sven Hiller, Alexandra Holownia, Sedef Iskin, Jennifer Koch, Mara Lemac, Mario Lemac, Isabel Lewis, Katharina Maasberg, Fee Marschall, Eva Meyer-Keller, Otis Meyer-Keller, Zazie de Paris, Zowie Quickert, Annika Ströhmann (Schülerin der Staatlichen Ballettschule Berlin), Lajos Talamonti.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Wer will, der kann", laute Jérôme Bels "recht schnell durchschautes Strukturprinzip", stellt Michael Laages im Deutschlandfunk (24.6.2015) fest. "Gala" wandle sich in seinem Lauf "doch merklich zur Amüsiermaschine" und sei zum Schluss "unübersehbar (…) ein eher gemütlicher Wohlfühl-Abend". Immerhin: "Becketts berühmtes Wort 'Wieder scheitern, besser scheitern!' gewinnt hier sehr alltägliches, in speziellen Momenten allemal mitreißendes Profil", so Laages. Aber "von den 'Strategien zur Selbstermächtigung' in politisch angeblich alternativlosen Zeiten" habe das Festival "The Power of Powerlessness" im HAU, in dessen Rahmen "Gala" dort gastierte, "auch weitaus pointierter erzählt".

"Ein ungeheuer beschwingter Abend ist das", findet dagegen Elisabeth Nehring auf Deutschlandradio Kultur (23.6.2015), "in dem die Kunst des Choreographen Jerome Bel darin besteht, eine Gruppenzusammensetzung, eine äußere Struktur, einen Rahmen und ein Timing zu schaffen, in dem der Dilettantismus der Laientänzer niemals peinlich wirkt, sondern – im Zusammenhang mit der ganzen Gruppe – immer als Vielfalt persönlicher Ausdrucksmöglichkeiten erscheint."

"Es wird viel gelacht an diesem Abend. Aber das Schöne ist, dass Bel seine Tänzer nie vorführt oder bloßstellt", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (25.6.2015). "Bloßgelegt werden die Konventionen des Theaters."

Mit "so zauberhaftem wie intelligentem Ergebnis" untersuche Bel "die Bedeutung von Eigenheit und Empathie für das Kollektiv", schreibt Dorion Weickmann in der Süddeutschen Zeitung (26.6.2015). "Gala" erteile dem Publikum eine philosophische Lektion in Form einer Charme-Offensive: "Wenn Inklusion mehr als ein Schlagwort sein soll, ist es mit der Anerkennung von Unterschieden nicht getan. Es braucht: ein Lob der Differenz." Genau darauf verstünden sich Kunst und Theater von jeher prächtig.

 
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