Wo ist der Thrill?

von Christian Rakow

Berlin, 3. Juli 2015. Harte Schnitte hält so ein Festivalabend bei den "Foreign Affairs" bereit. Da trippelt man gerade noch still aus der Box mit dem puristischen Erzähltheater von Forced Entertainment (das seit nunmehr einer Woche im Livestream auf nachtkritik.de gecovert wird). Und dann plötzlich: große Bühne, Nebelschwaden, Suchscheinwerfer, hämmernde Beats, Industrial Noise. Willkommen im Tanztheater von Hofesh Shechter.

Menschwerdung und Menschenprägung

Wenn Forced Entertainment so etwas wie die Singer-Songwriter der Performing Arts sind, also Vic-Chesnutt-Style, total low-fi, beiläufiges Spiel mit unscheinbaren Küchenutensilien, dann ist Hofesh Shechter Stadionrock, U2, Pink Floyd oder, weil der gebürtige Israeli Shechter mit seinen 40 Jahren doch wohl eher dieser Generation angehört: Coldplay. Bei ihm und seiner in England ansässigen Company wummert und blitzt es gewaltig, es dräut und dunkelt, E-Gitarren kreischen, und Ohrenstöpsel für weniger schmerzresistente Zuschauer gibt's auch. Aber über all dem apokalyptischen Grusel liegt doch ein zarter Glanz, etwas Liebliches, Gefahrloses, tatsächlich Coldplayhaftes. Weshalb die Hofesh Shechter Company schon seit einigen Jahren der sichere Top Act für große internationale Festivals ist.

hofesh shechter company barbarians 560 c jake walters 03Es werde Licht, es werde Mensch!  © Jake Walters

Für die Foreign Affairs hat der Choreograph die Trilogie "Barbarians" ersonnen, deren erster Teil "The Barbarians In Love" bereits tourte. Es ist ein Auftakt aus den Tiefen der Schöpfungsgeschichte, metallisch eingeschmolzen, irgendwo zwischen Roboterfertigung und Menschendrill. "Lesson 1: Water must be", diktiert eine verzerrte Computerstimme, während sich die Tänzer und Tänzerinnen in weißer Kluft aus dem Dunkel schälen. Kurz wird ihnen kaltes Stroboskoplicht auf die Köpfe genagelt. Dann wieder finstere Nebelschwaden. Fragmentierte Barockmusik umspielt die frisch Geborenen, fordert zur Ordnung. "Lesson 2: You are all together… one unit". Als Rotte schießen die sechs Akteure durch das Urdunkel, in mühelosem Gleichklang, die Bewegungen punktiert, angeschnitten, wie fernöstliche Kampfkunst in Stop Motion.

Verdammtes Klischee

Teil 2 "tHE bAD" schmiegt sich stärker dem im Titel avisierten "barbarischen" Moment an. In hautengen Latexkostümen fast wie nackt entwickeln fünf Tänzer*innen eine aggressive Bewegungssprache mit Anleihen an Disco-Posing, Booty-Shake und Stammesritual am Lagerfeuer. "Pussy Crook" von Mystikal dröhnt aus den Boxen. Das Finale "Two Completely Different Angles Of The Same Fucking Thing" arbeitet sich mit einem kleinen, erotischen Duett weiter an vertraute Alltäglichkeit heran. Nach den schillernden Szenarien der Menschwerdung und Menschenprägung biegt der Abend in die zivile Ottonormalmenschlichkeit: in den Tanz der Liebespartner. Und er wartet mit einem unvermuteten Gruß an die deutschen Gastgeber dieser Uraufführung auf: In Lederhose und Trachtenhut umtanzt Bruno Guillore die in weicher Eleganz dahingleitende Winifred Burnet-Smith zu einem Mix aus Jazz, Barock und Elektro. Finale Lektion: Berlin oder Bayern, Hauptsache Lederhose…

Seinen Sinn für Humor spielt Hofesh Shechter ansonsten in losen Gesprächsfetzen aus der Tonkonserve, mit denen er einzelne Szenen unterlegt, aus. "Was soll das Hofesh, warum machst du das?", fragt ihn die Computerstimme. Weil Liebe kompliziert ist. Oder nein, Moment, sie ist einfach, sie ist physisch, meditiert der Choreograph, gleichsam als ob er sich auf einer Therapeutencouch ausstreckt. Außenwelt und Innenwelt wollen in ihm nicht zur Deckung finden, sagt er einmal. "Ich suche Intensität und Reinheit und Thrill. Vielleicht bin ich das verdammte Klischee eines vierzigjährigen Mannes, der den Thrill sucht." Es sind sympathische Sätze, hingeworfene Reflexionen, die die Bildwelten dieses Abends erden und aufhellen. Dem Publikum war gleichwohl nicht nach Erdung zumute. Es sprang zum Schlussapplaus von den Sitzen.

Barbarians

Eine Trilogie von Hofesh Shechter

Uraufführung
Choreografie & Musik: Hofesh Shechter, Licht: Alan Valentine, Tontechnik: Jonathan Beattie, Inspizienz: Holly Gould, Bühnenmeister: Sam Wood, Gewandmeisterin: Helen Johnson.
Mit: Paula Alonso Gomez*, Maëva Berthelot, Winifred Burnet-Smith (Proben-Assistentin)*, Chien-Ming Chang, Sam Coren, Frédéric Despierre (Proben-Assistent), Bruno Karim Guillore (stellvertretender künstlerischer Leiter), Philip Hulford (Proben-Assistent), Yeji Kim, Kim Kohlmann, Erion Kruja, Merel Lammers, Attila Ronai, Hannah Shepherd*, Diogo Sousa.
* nur an bestimmten Abenden

Teil I: The Barbarians In Love

Mitarbeit Beleuchtung: Lawrie McLennan, Stimme: Victoria mit Natascha McElhone.
Zusätzliche Musik: François Couperin, "Les Concerts Royaux", 1722: Jordi Savall & Le Concert Des Nations (2004)

Teil II: tHE bAD

Mitarbeit Beleuchtung Lawrie McLennan, Kostümbildnerin: Amanda Barrow.

Mit den Tänzern Maëva Berthelot, Sam Coren, Erion Kruja, Philip Hulford und Kim Kohlmann. Zusätzliche Musik: Mystikal, "Pussy Crook": Tarantula (2001); Hespèrion XX, Jordi Savall, "Paavin of Albarti (Alberti)": Elizabeth Consort Music 1558–1603 (1998)

Teil III: Two Completely Different Angles Of The Same Fucking Thing

Mit den Tänzern Bruno Guillore, Winifred Burnet-Smith und Hannah Shepherd.
Zusätzliche Musik: Abdullar Ibrahim, "Maraba Blue": Cape Town Flowers (1997); Hespèrion XX, Jordi Savall, Robert White, "In Nomine V A 5 (White)": Elizabeth Consort Music 1558–1603 (1998); Bredren and MCSwift, "Control" (2014)

Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause

http://www.berlinerfestspiele.de
http://www.hofesh.co.uk

 


Kritikenrundschau

Auch dieser Abend beweise Hofesh Shechters "Ausnahmetalent", sagt Elisabeth Nehring in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (3.7.2015). Der Choreograph "ist nicht nur ein Perfektionist, er ist auch der wahre Postmoderne unter den Choreographen, besessen von ebenso großer Präzision wie unbändiger Regellosigkeit." Hofesh Shechter füge "zusammen, was nicht zueinander passen will: nicht ein Teil zum anderen, nicht der Tanz zum Tanz, nicht die Musik zur Musik." Wobei der Abend "gerade in seiner Disparatheit zu einem überwältigenden Erlebnis wird."

Einen Tanz "auf der scharfen Kante der Rasierklinge" hat Frank Schmid vom Kulturradio des rbb (4.7.2015) gesehen. Hofesh Shechter zeige sich "erneut als Meister der Verzerrung und Verfremdung, als Wahrheitssucher, der weiß, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, als Künstler, der sein Publikum auch belästigen will mit seiner Wut und der Zerstörung von Sicherheit, Glauben, Harmonie, wenn er sie für verlogen hält." Im Vergleich mit Vorgängerarbeiten der Company sei das neue Stück, "weniger gesellschaftspolitisch, sondern privat-intim", weniger von einem vordergründigen Thema getragen und damit auch "weniger leicht interpretierbar", so der Kritiker. "Shechter ist damit zu dem zurückgekehrt, was er am Tanz liebt: das Geheimnisvolle und Mysteriöse und er hat einen faszinierende Bewegungssprache dafür gefunden."

Sandra Luzina vom Tagesspiegel (5.7.2015) erschein es an diesem Abend, "als ob ein durchgeknallter Regiegott an den Reglern sitzt und Schabernack mit den Tänzern treibt. Sie wirken ganz klein und auf sich gestellt, scheinen auf Anweisungen von oben zu warten." Reserviert fährt sie fort: "Bei Shechter wechseln sich Kontrolle und Chaos blitzschnell ab. Wie er klangliche und körperliche Attacken verbindet, hat mittlerweile etwas von einer Masche." Sein "Idiom mit Anleihen beim Folk-Dance und höfischen Tanz, das Stampfen, Schütteln, Schlurfen wirkt diesmal weniger bestrickend. Obwohl die geduckten, gestauchten Körper durchaus irritieren." Vieles an diesem Abend wirke "reichlich nebulös“. Aber die Tänzer "muss man bewundern, wie souverän sie zwischen den Extremen pendeln".

"So genialisch die Szenerien auch wirken", die Hofesh Shechter "entwirft – die Stücke ähneln sich zu sehr und erzeugen Überdruss", kritisiert Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (6.7.2015). Die Überwältigungsästhetik mit ihren Brüchen, wie sie in Teil 1 und 2 dieser Trilogie vorkommt, sei inzwischen "perfektioniert, gleichzeitig aber inhaltlich ausgequetscht bis zum letzten Tropfen, degeneriert zur bloßen Masche." Der letzte Teil aber "rettet rückwirkend" Abend. "Und das aus einem sehr schlichten Grund: Weil es einfach nur ein wenig anders ist als der Rest." Für das Duett aus Verführung und Anziehung gibt es von der Kritikerin ein "Wow".

Deutlichkeit sei das Kennzeichen der Tanzsprache von Hofesh Shechter, schreibt Alexandra Albrecht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.7.2015). "All die Hoffnungen, Ängste, Sorgen und Aggressionen der Akteure liegen deutlich erkennbar vor dem Betrachter." Shechters "Lieblingsthema" sei "die willfährige Bereitschaft des Menschen, sich ein- und unterzuordnen, einer Führerfigur zu folgen. Der Tanz ist dafür das ideale Medium der Darstellung, gehören Drill, Disziplin und Körperkult doch zu seinem Wesen." Shechter habe seine "ihn bewegenden Fragen, wie Menschen zusammenleben sollten" in Berlin "wieder in einer mitreißenden Aufführung gestellt, doch nun ist es an der Zeit, sich inhaltlich auch einmal weiterzuentwickeln".

In der Süddeutschen Zeitung (8.7.2015) schreibt Dorion Weickmann, "Sublimation alles Sinnlichen und Indienstnahme des Körpers für höhere Zwecke" sei das Fundament der "absolutistischen Monarchie wie des Balletts". Shechter regiere so mit Botschaften aus dem Off sein Ensemble. Das "kaum wahrnehmbare Zucken unter der Haut des Corps de Ballet", das "nach dem Dionysischen", nach "Enthemmung", "Entgrenzung", nach "Liebe und Sex" giere, haue einen um. "Großartig, wie die Tänzer ihre Energien im Körper verbarrikadieren, keinen Bewegungsfluss zulassen."
Shechters Haltung sei eindeutig: "Exhibitionismus und Voyeurismus beherrschen unsere emotional verkümmerte Gesellschaft. Die wiederum ist Gefängnis und Spaßapparat zugleich. Gefängnis, weil ihr keiner entkommt, und Spaßapparat, weil es sonst ernsthaft um die letzten, die allerletzten Geheimnisse gehen müsste.

Die verliebten Barbaren des ersten Teils des Tanzabends der Hofesh Shechter Company seien "fremdgeleitete Menschen, gejagt von einer anonymen Macht und von den lauten Beats der Trommeln und Technoklängen, ein Signet von Shechters Arbeiten", schreibt Lilo Weber in der Neuen Zürcher Zeitung (10.7.2015). Doch Shechter könne auch leiser. Der in Berlin uraufgeführte dritte Teil der Barbaren-Trilogie mache "den ersten lesbar. Der zweite Teil (...) weist den Weg dahin." Aus Dubstep werde Port de Bras, "aus einer Battle höfischer Tanz – und jede Allusion zerfällt sogleich. Was bleibt, ist Ironie."

 

 

 
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