Die Ambivalenzshow

von Lena Schneider

Berlin, 8. März 2008. Kaum betritt die Sippe den Saal, soll sie schon vom Abschied singen. Die fünf Gastgeber von She She Pop umarmen und herzen die noch fremdelnden Ankömmlinge, schenken Sekt und Saft ein und verteilen Noten. Die vom Klavier angestimmte Volksweise klingt, als müsste man sie kennen. Einige fallen lautstark ein, andere brummeln oder fiepsen mit, wieder andere lauschen einfach. Einen Moment lang kommt ganz zu Anfang von "Familienalbum" so etwas wie Gemeinschaft auf.

Eben die Art von bröseliger, heterogener, tastender Gemeinschaft von Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben und sich trotzdem hier zusammenfinden. Weil sie müssen, klar – sie haben sich nämlich per Kartenkauf selbst zum Hiersein verdonnert. Aber auch weil etwas auf charmante Art zur Flucht aus dem Unbehagen einlädt: das Lied. Es wird zum Glück nicht das letzte dieses Abends sein. Denn wenn er sich in Musik flüchtet, ist er am schönsten.

Facetten eines Phänomens

Das diskursfreudige Performance-Kollektiv She She Pop hat sich für seine neueste Produktion am Berliner HAU ein großes Thema ausgesucht: die Familie. Die Zelle, die Hölle, die Höhle. Wie sich zeigt, entwickeln sich die Facetten des Phänomens Familie an diesem Abend in eben dieser Rangfolge: Auf die Erfahrung von Klaustrophobie und Unentrinnbarkeit (die Zelle) folgt die der schmerzlichen Bloßstellung (die Hölle). Schließlich folgt die Einsicht, dass bei allem Schrecken die Familie das Element bleibt, in dem wir uns am liebsten verkriechen (die Höhle). Die freiwillige Unfreiheit im Familienschoß als das paradoxe Format, in dem die meisten – Individualismus, Emanzipation hin oder her – wie eh und je nach der Umsetzung ihrer Vorstellungen vom Glück suchen.

Beklemmung mit Gebäck

Dass der Abend von She She Pop bei allen Längen und Langeweilen, gerade im zweiten Teil, insgesamt gelungen ist, merkt man daran, dass er sich in seiner Schwebe zwischen halb offiziösem, halb herzlichem Zusammensein anfühlt wie das, was er beschreibt. Auch Familienfeste sind zwischendrin öde, unbequem, und vor allem: unter ständiger Beobachtung aller durch alle. She She Pop zeigen das, indem sie eine Zwangsgemeinschaft (die Theaterbesucher) nehmen und sie eine andere spielen lassen (die Familie).

Ihre Bühne ist eine U-förmige Festtafel, mit Gebäck und Gläsern und auf Platzdeckchen gemalten Tellern unter protzigen Leuchtern. Das Publikum sitzt daran und beäugt sich mit jener Mischung aus klemmiger und wohlwollender Freundlichkeit, die tatsächlich oft auf Familiengroßveranstaltungen herrscht. Für beide gilt: Weil man nicht weg kann, arrangiert man sich. Während das Publikum im Rampenlicht der Runde steht, sind Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf weiß bandagiertes Geistervolk, das seine Nachfahren – uns – sanft, aber bestimmt kontrolliert.

Smalltalk und Seelenpulerei

Auf leisen Sohlen pirschen sie an ihre Gäste heran und stülpen ihnen mittels eines Namensschilds Identitäten und Verantwortlichkeiten über: So werden sie zu "Oma Heidelberg", zu "Vater", "Cousine", der Anarchistin "Madame Severine" oder dem am Hitlerattentat beteiligten "Bernd von Haeften".

Durch eingeflüsterte Texte, die der jeweilige Zuschauer nachspricht (Gob Squad lässt grüßen und wird im Programm bedankt), entspinnt sich zwischen ihnen ein fremdbestimmtes Tischkauderwelsch, pendelnd zwischen Smalltalk ("Einen Toast!"), Seelenpulerei ("Könnte es sein, dass du dein Selbstbewusstsein völlig verloren hast?") und berührender, traumtänzerischer Ehrlichkeit ("Ich bestehe darauf, von einer bestimmten Anzahl der Leute hier geliebt zu werden!")

Zärtlichkeit als Paradox

Hinter allem werden per Diashow authentische Gruppenbilder aus den Familienbeständen der Performerinnen – das titelgebende "Familienalbum" – an eine Wand projiziert und kommentiert. Oder besser: korrigiert. "Mein Vater versteht nichts, freut sich aber", heißt es zu einem Foto. Die Zärtlichkeit mit der das gesagt wird, ist tonangebend für das Paradoxon des Abends: Gerade weil Bilder unmöglichen Einklang behaupten, machen und zeigen wir sie. Suchen die Zelle, die uns einsperrt, singen vom Abschied, wenn wir gerade einen Anfang machen.

"Warum sieht das wieder genauso aus wie immer?" befragt eine der Performerinnen ironisch am Ende ihr eigenes Familienfoto. Eine Antwort weiß "Familienalbum" auch nicht – genauso wenig übrigens wie die im Programm mit Dank erwähnten Familienkenner Allen, Almodóvar und Mann. Aber She She Pop bietet eine Suchrichtung an. Ganz im Sinne ihrer ausdrücklichen Hingabe an Popkultur und Kitsch liegt die in den gesungenen Songs von Prince bis Anna McGarrigle: "And it's only love, and it's only love/ That can wreck a human being and turn him inside out".

 

Familienalbum
von She She Pop
Konzept: She She Pop, Musik: Vicki Schmatolla, Video: Bianca Schemel, Choreografische Beratung: Nir de Volff. Mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf.

www.hebbel-am-ufer.de

Mehr über She She Pop bei nachtkritik.de finden sie hier, wo Petra Kohse über Die Relevanzshow schreibt.

 

Kritikenrundschau

Wenig überrascht ist Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (10.3.2008) von der Kernbotschaft des She She Pop-Abends: "Jeder bleibt das Kind seiner Eltern." Allerdings sei das Problem "weniger, dass mit 'Familienalbum' eine Binsenweisheit bemüht wird", als vielmehr die Form, in der dies geschieht und die doch gerade "der ganze Stolz dieser Inszenierung" sei. Deren "wesentliche Mittel" beruhen für Pilz darauf, "Peinlichkeit und Vereinnahmung zu simulieren, beides Zustandsweisen, die einen auf Familienfesten regelmäßig befallen" und nun mit den Zuschauern am u-förmigen Tisch "nachinszeniert" werden sollten. Die Spannung entstehe dabei jedoch "vornehmlich aus der Zuschauerfurcht vor dem Mitmachen", was "weder abendfüllend noch sonderlich aufschlussreich" sei. Indem man das Publikum in eine Situation klemme, "mit der das Vereinnahmende oder auch Entlastende aller Familienfeierhöllen nachgestellt wird, verdoppelt der Abend lediglich, was er zu erzählen hat".

Ulrike Borowczyk bestätigt in der Berliner Morgenpost (10.3.2008): "Sitzt man erst einmal an der riesigen u-förmigen Tafel, gibt es kein Entrinnen mehr". Auch sie erlebt dabei allerdings nichts, "was man aus der Realität nicht auch kennt". Da die "Dynamik solcher Feste (…) hinlänglich bekannt" sei, verliert "das zunächst witzige Spiel" auch für sie "schnell an Reiz" und plätschere "bald recht ereignislos vor sich hin".

 
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