Frauen, seid geduldig!?

von Leopold Lippert

Berlin, 16. Juli 2015. Birgit Stögers lustloses, mechanisches Gerammel platzt mitten in die schönste Theaterutopie: In Community, Yael Ronens verspielter Fantasie einer hippiesken Bühnenkommune mit Fahrradstrampelstrom und Kübeldusche (Schauspielhaus Graz, Saison 14/15), wurde gerade noch das Gemeinschaftliche des Theaters mit allerlei philosophischer Unterfütterung beschworen, als Stöger lakonisch befindet, so toll sei das alles auch wieder nicht auf den Stadttheaterbühnen. Und dann spielt sie eben die zweifelhaften Höhepunkte ihres bisherigen bildungskanonischen Rollenlebens nach, in Düsseldorf, Zürich und Graz: Vergewaltigung folgt auf Vergewaltigung, und dank ideenreicher (männlicher) Regisseure darf auch dann drauflosvergewaltigt werden, wenn der Akt im Text bloß angedeutet wird.

Opfer, Tauschobjekt oder Randerscheinung: die Rolle der Frau im Theater

Als Stöger verschwitzt abbricht, beginnt Katharina Klar zu maulen. Vergewaltigt wurde sie zwar noch nicht auf der Bühne, sagt sie, dafür hat sie viele Stunden ihres Lebens damit verbracht, stumm am Bühnenrand rumzustehen und bewundernd dreinzuschauen, während ihre männlichen Kollegen die Handlung vorantreiben. Frauen, befindet Klar, werden am Theater "gnadenlos zugequatscht" und müssen außerdem "wahnsinnig geduldig" sein, weil es meistens ziemlich lange dauert, bis sie überhaupt einmal zu Wort kommen.

community1 280 lupi spuma uYael Ronens Grazer Theater-"Community"
© Lupi Spuma
Ronen nutzt diese Szenen, um mit der romantischen Verklärung des Theaters als Ort einer idealisierten Öffentlichkeit zu brechen. Denn während Männer auf der Bühne über das Menschsein streiten dürfen, sind Frauen meistens Opfer, Tauschobjekte, oder einfach Randerscheinungen. In der "Community" des Theaters, so erzählen Stöger und Klar, geht es immer noch ziemlich sexistisch zu.

Die Bedingungen sexistischer Bedeutungsproduktion

Die Reflexion darüber hält sich allerdings in Grenzen. Während rassistische Praktiken und ihre ästhetisierte Reproduktion im deutschen Theater zunehmend problematisiert und auch angegriffen werden, wird Sexismus auf der Bühne nicht gerade breitenwirksam diskutiert (ganz zu schweigen von den Verschränkungen von rassistischen und sexistischen Abbildungslogiken). Dabei wäre eine differenzierte Auseinandersetzung höchst an der Zeit, nicht nur, um ein stärkeres Bewusstsein für die Geschlechtlichkeit von Machtverhältnissen zu schaffen, sondern auch, um besser gegensteuern zu können (etwa von Seiten des Publikums, der Kritik, aber auch anderer Theatermacher*innen), wenn Inszenierungen den immer schon voyeuristischen Zuschauer*innenblick dahingehend lenken, dass Frauen auf der Bühne zu bloßen Schauobjekten ohne Handlungsmacht degradiert werden.

Was dabei als Sexismus zu problematisieren ist, ist gar nicht immer so einfach. Denn Theater hat sowohl eine ästhetische als auch eine öffentliche, soziale Dimension. Und während ästhetische Zeichen zitierend, verfremdend, ironisch, oder ausstellend gemeint sein können, sind sie nur in konkreten öffentlichen Kontexten (dem deutschsprachigen Stadttheater etwa, oder der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft) lesbar, wo das alles auch ganz anders verstanden werden kann. Die Bedeutung von Theater (und auch sein Sexismus) entsteht dabei erst im Zusammenspiel von Ästhetik und sozialer Praxis, das impliziert einen Kampf um die Deutungshoheit. Deswegen sind ein Sexismus-TÜV oder gar eine Sexismus-Triggerwarnung wohl wenig zielführend: Man wird nie alle Deutungskontexte abdecken können. Nichtsdestotrotz ist es immer notwendig, auf einer strukturellen Ebene über potentiell sexistische Zeichen auf der Bühne zu reflektieren, um den Bedeutungshorizont des Theaters egalitärer und demokratischer gestalten zu können.

Baal1 560 MatthiasHorn uFrauen und Mann in Unterwäsche: Frank Castorfs "Baal" © Matthias Horn

Nicht die Nacktheit ist das Problem

Einerseits können sexistische Zeichen dem Körper auf der Bühne eingeschrieben werden. Die zentrale Frage dabei ist, inwieweit Inszenierungen den sogenannten "male gaze" auf die Körper der Schauspieler*innen herausfordern. Die Rede vom "male gaze" stammt aus der feministischen Filmtheorie, wo der Begriff verwendet wird, um aufzuzeigen, wie im Mainstream-Kino durch die Kameraführung der Zuschauer*innenblick so konstruiert wird, dass er einem männlich heterosexuellen Begehrensblick entspricht, und damit Frauen bloß als Objekte dieses Begehrens positioniert. Auch wenn es am Theater keine Fokussierung durch die Kameralinse gibt: Frauen als plumpe (und oft auch noch nackt gemachte) Begehrensobjekte gibt es zuhauf.

Wenn sich also, wie vor kurzem auf nachtkritik anlässlich Frank Castorfs Baal-Inszenierung (Residenztheater München, Saison 14/15), Sophie Diesselhorst darüber beschwert, dass die "Castorf-Chicks" immer halbnackt mit Glitzer- und Spitzenschlüpfern rumlaufen müssen, dann geht es weniger um den konkreten Textilanteil als um die Konstruktion eines männlich-heterosexuell begehrenden Blicks auf eben diese "Chicks". Das Gegenargument, auch Männer müssten sich bei Castorf ausziehen (in den Kommentarspalten entspann sich eine etwas skurrile Diskussion über Aurel Mantheis "Schmerbauch"), führt also an der Sache vorbei, weil ja nicht Nacktheit an sich das Problem ist, sondern der durch die Inszenierung begehrend darauf gelenkte Blick.

Nackte Frauen tanzen den "male gaze" weg: "Untitled Feminist Show" von Young Jean Lee

blindesgeschehen2 reinhard wernerSchöne und hässliche Frauen: "Das blinde
Geschehen" © Reinhard Werner

Dabei könnte man Castorf mit gutem Willen ja noch Altherren-Schmeichelei unterstellen, sollen seine "Chicks" ja irgendwie "sexy" sein. Maria Happel hingegen wird am Wiener Burgtheater in schöner Regelmäßigkeit als bloßer fetter Körper ausgestellt, ein fröhlich wabbelnder Lachzwerg, den schon lange niemand mehr begehrt. In Das blinde Geschehen etwa, Matthias Hartmanns Uraufführung eines Botho Strauß-Stücks (Burgtheater Wien, Saison 11/12), muss sie sich erst in einer (zu kleinen) Schubkarre herumfahren lassen, dann ihren Körper überdimensioniert an die Wand projiziert sehen, und sich schließlich zu vergnügtem Gelächter des Publikums als "monströser Batzen Weib" bezeichnen lassen (dabei ist ihre Rolle einfach nur "Journalistin"). Happels Körper wird dem männlich heterosexuellen Blick geradezu ausgeliefert, dessen Begehren sich hier in negativer Form als Ekel oder Belustigung manifestiert.

Dabei könnte man mit dem "male gaze" sehr viel differenzierter umgehen. In Young Jean Lees Untitled Feminist Show (2012 beim Steirischen Herbst Graz, 2013 im HAU Berlin und auf Kampnagel Hamburg) sind zwar ausschließlich nackte weibliche Körper zu sehen, aber der Blick darauf wird völlig anders konstruiert als bei Castorf oder Hartmann. Hier geht es weniger um das Begehren nach "Chicks"/den Ekel vor Monstern, sondern schlicht darum, dass sich Frauen in ihren lustvoll tanzenden Körpern ziemlich wohl fühlen können – ganz ohne Männer, die ihnen dabei implizit zuschauen. Mehr noch: Zur Halbzeit geht im Saal unvermittelt das Licht an, und Young Jean Lees Performerinnen stellen sich demonstrativ an die Rampe. Sie zwingen das Publikum, sich selbst beim Zuschauen zu beobachten. Der begehrende Blick auf nackte Frauen wird so explizit zum Thema gemacht. Und das Publikum kann sich nicht länger in jener Sicherheit wiegen, die mit der voyeuristischen Unsichtbarkeit einhergeht.

 Elfriede Jelineks "FaustIn and Out": Sekundärdrama zur Gewissensberuhigung?

YoungJeanLee UntitledFeministShow 560 BlaineDavis uJugendfrei retuschiertes Pressefoto von der
"Untitled Feminist Show" © Blaine Davis
Auf der anderen Seite kann Sexismus auf der Bühne auch über die Zeichenhaftigkeit der
Sprache transportiert werden, und über die oft kanonisierten Stücknarrative, die Frauen(figuren) in stereotype (und meist unbedeutende) Rollen drängen. Von den formelhaft greinenden Frauen der Antike über die unschuldigen aber auch hilflosen Opfer in "Hamlet" oder "Faust" bis zu den Hausfrau / Vamp-Doppelungen in "Tod eines Handlungsreisenden" oder "Endstation Sehnsucht" reicht hier das Spektrum. In der kanonischen Theatergeschichte sind eigenmächtig handelnde Frauen eher die Ausnahme als die Regel, und wenn sie doch einmal zu Akteurinnen gemacht werden, dann eher durch Inszenierungen, die gegen den Text arbeiten.

Bei soviel Klischee im Theaterkanon ist etwa Elfriede Jelineks "FaustIn and Out" der in letzter Zeit am breitesten rezipierte Versuch, gegenzusteuern: Ihr "Sekundärdrama" (das nur in Kombination mit Goethes "Faust" gespielt werden darf) problematisiert die sexuelle Gewalt des Faust-Gretchen-Verhältnisses und imaginiert Faust als Vorfahren des österreichischen Sexualstraftäters Josef Fritzl, der seine Tochter zwei Jahrzehnte lang in einen Keller sperrte und mit ihr mehrere Kinder zeugte. Trotz dieser feministischen Überschreibung ist die Kombination von Primär- und Sekundärtext am Münchner Residenztheater in der Saison 13/14 bezeichnend: Während Jelineks Stück ja wohl eigentlich auf den Spielplan gehievt wurde, um mit den Stereotypen zu brechen (in München inszenierte es Johan Simons, hier die Nachtkritik), schöpft die Ko-Produktion, Martin Kušejs kraftmeiernder "Faust I", weiter aus dem Topf der sexistischen Frauenbilder: Sein Gretchen ist, so schreibt Isabel Winklbauer in ihrer Nachtkritik, "unschuldig wie ein taufrisches Gänseblümchen" – eine damsel in distress also, die von den aufgeklärten Herren erst begehrt und dann fallengelassen, in jedem Fall aber als bloßes Objekt benutzt wird. Ist Jelineks "FaustIn" also auch insofern nur sekundär, als sie ein primär schlechtes Gewissen beruhigen soll?

fruehlingsopfer 8070 560 dorothea tuch uShe She Pop vor Mütterprojektionen: "Frühlingsopfer" © Dorothea Tuch

Wie She She Pop das traditionelle Bild der ohnmächtigen Frau reproduzieren

Dass sexistische Abbildungslogiken kein ausschließliches Problem der (bisher angeführten) männlichen Regiemacker sind, sondern auch in der freien Szene – wenn auch in abgeschwächter Form – bedient werden, zeigt sich schließlich am höchst unterschiedlichen Umgang von She She Pop mit ihren Vätern (Testament, Premiere 2010 im HAU) und Müttern (Frühlingsopfer, Premiere 2014 im HAU). Dabei ist gar nicht so sehr die thematische Rahmung problematisch, die die Mütter schon von vornherein als "Opfer" begreift – das könnte ja tatsächlich dem biographisch-dokumentarischen Zugriff geschuldet sein, und damit mehr über die soziale Herkunft der Performer*innen aussagen als über ihre künstlerische Arbeit. Was vielmehr überrascht, ist, dass die Mütter im Gegensatz zu den Vätern nicht auf der Bühne stehen, und stattdessen bloß als überdimensionierte Projektionen mit den Performer*innen interagieren.

Während sich ein zentraler Konflikt von "Testament" um das Mitspracherecht und die Einflussnahme der Väter auf ihre eigene Repräsentation auf der Bühne dreht, wird diese Problematik bei den Müttern einfach ausgespart. Und während "Testament" zeigt, wie Väter und Kinder den Kampf um die Deutungshoheit über ihre Figuren offen austragen, bleiben die Mütter in "Frühlingsopfer" bloße Textlieferantinnen, deren "Auftritte" auf der Bühne der vollständigen Kontrolle der Performer*innen unterliegen. She She Pop reproduzieren damit das Bild der ohnmächtigen Frau, der keine Handlungsmacht zugestanden werden kann. Von vier beweglichen Leinwänden auf ihre Kinder herabschauend sind diese Mütter auch 2014 gar nicht so anders als die Linda Lomans der 1940er Jahre – sie bleiben simple Projektionsflächen und als solche sind sie, um es mit Katharina Klar zu sagen, tatsächlich wahnsinnig geduldig.

 

lippert kleinLeopold Lippert, Jahrgang 1985, studierte Anglistik und Amerikanistik in Wien und arbeitete am Institut für Amerikanistik an der Uni Graz. Er lebt derzeit in Berlin und ist Autor von nachtkritik.de.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Theater und Sexismus: Beobachtungen bereits überholtnaja 2015-07-16 11:03
Ohne Herrn Lippert zu nah treten zu wollen - seine Beobachtungen sind sicherich von gewisser Relevanz (man kann ja nie aufhören, dasselbe Richtige zu wiederholen), allerdings ließ der Jahrgang des Autors und die Plattform der Veröffentlichung mich eine aktuellere Auseinandersetzung mit diesem Thema hoffen. Ich habe den Eindruck, dass alles, was Herr Lippert sich zusammengeschrieben hat, sowohl als Beobachtung als auch als Schlussfolgerung bereits überholt ist. Selbst wenn man sich die Inszenierungen des Theatertreffens anschaut, dem wohl reaktionärsten aller theatralen Großereignisse, belegt die Realität die Antiquiertheit der obigen Beobachtungen: "Die lächerliche Finsternis" ließ 4 Frauen männliche Stereotype hinterfragen (wenn auch sehr platt), beim "Atlas der abgelegenen Inseln" von Thom Luz und bei "Warum läuft Herr R. Amok?" waren Männer und Frauen gleichberechtigt Ausführende einer theatralen Form, bei Rüpings genialem "Fest" Männer und Frauen gleichermaßen im Ensemble brilliant. Stellt sich mir abschließend die Frage, ob die Geschlechterdebatte eine ist, in der vielleicht eher wir Kritiker und Schreibeus: rlinge aufholen müssten.
#2 Theater und Sexismus: kein "male gaze" bei Castorfcheap 2015-07-16 11:53
Also ohne eine Definition von Sexismus (wie Joy Kristin Kalu sie in Sachen Rassismus aufgestellt hat www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10271%3Ain-sachen-blackfacing-zwischenruf-zu-einer-andauernden-debatte&catid=101%3Adebatte&Itemid=84 ) bringt die Debatte erstmal nur eine Reihe an Vorwürfen an Regisseure, die ein anderes Geschlecht haben, als ihre Schauspielerinnen. Dabei wäre es doch interessant herauszufinden, wann sich ein male gaze einstellt und wann nicht.
Den Beitrag zu She She Pop finde ich interessant, aber der zu Castorf trifft es nicht ganz. Es gibt klare Männer- und Frauenbilder bei ihm; auch ein Begehren, dass sehr körperlich wird, durch die sich verausgebenden Spieler. Das ist ja schon mal nicht der glatte Werbespot-Sexismus, den wir da sehen. Und diesem Begehren schaue ich auch einfach tausenmal lieber zu, als so einer unpolitischen, postmodernen und selbstreferentiellen Fingerübung, wie der von Young Jean Lee
#3 Theater und Sexismus: leider RealitätGeneva Moser 2015-07-16 12:50
danke für die treffende analyse! sie ist (leider) meines erachtes so gar nicht überholt und von gestern... sondern patriarchal-sexistische realität.
#4 Theater und Sexismus: überproportional verheiztyes! 2015-07-16 13:01
Der Artikel spricht mir aus der Seele. Nix von überholt, nein, endlcih mal eine Zusammenfasung dessen, was immer noch und immer wieder auf den detuschsprachigen Bühnen passiert..und alle reden von politischer Schönheit, aber Frauen werden nach wie vor in Schubladen gepresst, nicht ernst genommen und sind, nach wie vor unterrepräsentiert in wichtigen Machtpositionen am Theater, weniger große Hauptdarstellerinnen, weniger Regisseure, weniger Intedantinnen, weniger Chefdramaturginnen, während sie als Co-Dramaturginnen, Hospitantinnen, Schneiderinnen, Sekretärinnen, Maskenbildnerinnen, Assistentinnen, Inspizientinnen, zusehende und junge Nebendarsteller-Schauspielerinnen, die aber im Alter schneller als Männer aussortiert werden, überproportional verheizt werden...endlich definiert das mal jemand im ach so korrekten Betrieb.....
#5 Theater und Sexismus: kein Witzyes! 2015-07-16 13:01
..und die Besetzungscoach existiert nach wie vor....leider....kein Witz....
#6 Theater und Sexismus: zu wenig diskutiertan_ton 2015-07-16 14:15
Sexismus und Heteronormativität werden nach wie vor viel zu wenig thematisiert und vor allem diskutiert, auch nicht in Theaterkritiken und auch nicht am Theater selbst. Wie #4 beschreibt sind die Produktionsbedingungen nach wie vor zu großen Teilen in ihren Strukturen nach althergebrachten binären Geschlechtshierarchien organisiert, auch die Ausnahmen bestätigen Regel. Und wie Leopold schreibt: auf der Bühne ist nicht immer klar, ob sexistische Stereotype thematisiert oder nur reproduziert werden. Gruselig ist auch die Inszenierung von Körpern auf der Bühne, die zunehmend an Idealen aus der Werbe- oder Pornoindustrie (die ja nach wie vor vor allem am male gaze interessiert sind) orientiert zu sein scheinen: trainiert, glatt, geruchlos. Auch hier bestätigen Ausnahmen eher die Regel, da Ausnahmen meist eher als Kuriosum vorgeführt werden, die die normativen Körper- und Rollenbilder nur bedingt in Frage stellen... ein paar Beispiele habe ich 2014 hier mal zusammengestellt: antontheaterblog.wordpress.com/2014/01/28/my-body-is-a-stage-oder-korper-inszenierungen-auf-der-buhne/
Und, was folgt daraus? Auch das Theater repräsentiert vor allem den sexistischen + heteronormativen Normalzustand... manchmal kritischer konnotiert, manchmal oder meistens leider weniger kritisch... umso wichtiger, dass auch Theaterkritiken dazu kritisch Stellung beziehen.
#7 Theater und Sexismus: anfeuerndNavyseal 2015-07-16 14:18
@ cheap - ich finde auch, dass das Frauenbild bei Castorf extrem körperlich ist und eher in Richtung Cheerleader geht und gar nicht langweilig postmodern ist. Die Schauspielerinnen strengen sich immer so wahnsinnig an, wenn sie ihre Kollegen befeuern, und ja, ich gebe zu, es feuert auch mich an. Ich verstehe sie voll und ganz, wenn sie diesem Begehren gern zuschauen. Mir geht es nicht anders!
#8 Theater und Sexismus: GegenbeispieleNachfragender 2015-07-16 21:12
Und nach so viel abstraktem Geschwurbel über Heteronormativität und male gaze und die Geschlechtlichkeit von Machtverhältnissen etc. fragt man sich dann am Ende doch, was das eigentlich für ein Bild sein soll, das die nachtkritik da verbreitet: Soll der authentische male gaze der 1950 Jahre provoziert werden, als blanke Busen auf Filmplakaten mit schwarzen Balken so richtig geil kitzlig als "verboten" konnotiert wurden? Oder ist es der politisch korrekte Ansatz, um vor dem bösen male gaze Barrikaden zu errichten, die sich kaum vom heuchlerischen "Saubere-Leinwand"-Moralterror früherer Zeiten unterscheiden? Oder ist das Ganze ein raffinierter Trick, um den male gaze mit der Andeutung von weiblichem Fleisch in seiner ganzen Verworfenheit hervorzulocken, um ihm mit dem schwarzen Balken zugleich dialektisch seinen eklig sexistischen Voyeurismus bewußt zu machen? Nackte Frauen - pfui? Sexuelles Begehren - igitt? Der "begehrende Blick auf nackte Frauen" - eine kulturelle männliche Perversion? Fragen über Fragen, die sich angesichts der hintergründigen moralischen Semiotik dieses Bildes und des im Artikel verwendeten Jargons der korrekten Bewußtheit stellen ... grübel...

Man sollte m.A. nach unbedingt auch auf den folgenden Clips schwarze Balken anbringen, um dem entwürdigend begehrenden weiblich-sexistisch-rassistischen Blick (auch auf schwarze Männer!) einen Riegel vorzuschieben...

www.youtube.com/watch?v=q43IBGfKrSw

Und insbesondere diese sexistischen Kommentare der weiblichen Zuschauer zu nackten männlichen Körpern müßten einmal einer konzisen theatersoziologischen Analyse bezüglich weiblicher Stereotype, voyeuristischer Deprivation von Männerkörpern und ausbeuterisch-sexistischer Männerbilder unterzogen werden:

www.youtube.com/watch?v=HvOyinX-g80

www.youtube.com/watch?v=9vbtAk66aEQ

(Vorsicht! Sehr komisch!)
#9 Theater und Sexismus: warum ist das Begehren ein Problem?Inga 2015-07-16 23:15
Warum muss dieser begehrende Blick eigentlich automatisch männlich-heterosexuell (male gaze) sein? Anders gefragt: Kann der weiblich-lesbische, schwule, bisexuelle oder queere Blick nicht genauso sexistisch sein? Und warum sind begehrende Blicke eigentlich ein Problem? Ich würde es eher als Problem empfinden, wenn man(n) mir bzw. Frauen (auf der Bühne) das Denken absprechen würde. "Billige Nacktheit" suggeriert das vielleicht erstmal. Das kann, muss aber nicht stimmen. Dass "wir Frauen" einen Körper haben, ist doch erstmal wunderbar. Männer haben Muskeln. Ha ha.
#10 Theater und Sexismus: was verloren wäreJ.A. 2015-07-17 10:57
Gut, dass es die Gender-Debatten erst seit einigen Jahrzehnten gibt. Wenn ich daran denke, wieviele Künstler vor allem in der Malerei in den Fokus der selbsternannten Tugendwächter geraten wären (vor allem unter den Expressionisten), wir hätten auf viele große Kunstwerke verzichten müssen.
#11 Theater und Sexismus: hübsch, jung, dünn, weißBarbara 2015-07-17 14:44
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich finde auch, dass dieses Thema viel zu wenig diskutiert wird, obwohl es so offensichtlich ist, wie dominant und weit verbreitet die patriachalen Machtstrukturen im Stadttheaterbetrieb nach wie vor sind. Alleine sich das homogene und heteronormative Frauenbild der Ensembles mancher Häuser anzusehen ist erschreckend: hübsch, jung, dünn, weiß. Und wenn es mal eine Schauspielerin gibt, die aus diesem Bild herausfällt, wird die sofort demenstprechend besetzt oder, wie von Dir richtig beschrieben, demenstrechend ausgestellt.
#12 Theater und Sexismus: woanders ansetzen?Hans Zisch 2015-07-17 20:37
@6 Liebe/r an_ton,

ich möchte eine Ihrer suggestiv-verkürzenden Bemerkungen aufgreifen. Dem Vernehmen nach ist es so, dass das Körperbild der Pornoindustrie glatt/geruchlos/trainiert ist. Dass dieser Zusammenhang besteht, zeigt aber noch nicht,
1.) dass dieses Körperbild nur dieser Industrie anhängt
2.) dass dieses Körperbild generisch aus dieser Industrie stammt
3.) dass dies - selbst wenn Sie mir 1. und 2. nachwiesen - problematisch wäre.
Die Pornoindustrie ist, wie ihr Name schon sagt, eine Industrie, sie ist wirtschaftlich tätig (wobei es sicher auch Kunstpornos und Pornokunst gibt, aber das ist eine andere Debatte - die bestimmt auch interessant ist). Das heißt, sie erfüllt einen (von ihr selbt mitgeschaffenen?) Bedarf. Kurzum: Vermutlich verkaufen sich glatte/trainierte/geruchlose Pornos besser als haarige/schlabbrige/müffelnde. Was ist daran schlecht? Ich weiß, es wird ein Druck auf die Jugend ausgeübt, diesen Rollenbildern zu folgen, werden Sie mir antworten. Es wird eine male-gazing Wirklichkeit perpetuiert weil bedient. Richtig?
Denn jetzt wäre ich gespannt, wie Sie andere Normativitäten auf der Bühne einfordern möchten. Der Argumentationsweg ist vermutlich der: Weil eine Vielzahl wesentlicher deutscher Bühnen staatlich finanziert sind, haben sie einen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen, der
1.) die Diversität der Gesellschaft widerspiegelt
2.) minderheitenautonomitätstorpedierende Normativitäten infragestellt.
Richtig? Denn ich vermute, dass Sie nicht von bildenden Künstlern oder Privattheatern fordern, diese (zunächst einmal nur unterstellten) Normativitäten aufzubrechen. Richtig? Das Gegenteil hielte ich jedenfalls für recht übergriffig/ilusionär.
Wenn aber die Kunst frei sein soll (siehe GG), dann wäre es doch vielleicht ein Versuch wert, beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein eben solches Umsteuern anzuregen. Da ist auch die zu erreichende Masse größer (und womöglich auch weniger weit, was die dritte Potenz der Genderisierung betrifft).

Gern würde ich noch fortfahren. Leider langt die Zeit nicht. Bald folgt mehr.
#13 Theater und Sexismus: ZustimmungHans Zisch 2015-07-17 21:21
@9: Wow. 100%ige Zustimmung meinerseits. Bin gespannt auf Erkenntnisse der hiesigen Diskussion.
#14 Theater und Sexismus: kein NachtclubInga 2015-07-17 23:42
@ Nachfragender: Das ist ja jetzt schon irgendwie zum Brechen, weil da so viele hirnlose Menschen tanzen und sprechen. Sie treffen mit diesen Videos auch nicht ganz den Punkt, denn es geht natürlich um strukturelle Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Welche zum Beispiel in Bezug auf Fragen des gleichen Lohns usw. durchaus thematisiert werden können und sollen, auch und gerade in Bezug auf die inneren Theaterhierarchien. Ich finde bloß, dass der begehrende Blick erstmal kein Machtverhältnis impliziert. Gerade im Theater nicht, wo ja alles freiwillig passiert. Das Theater ist ja kein Nachtclub, wo auch Zwangsprostitierte usw. arbeiten.
#15 Theater und Sexismus: solange das Gleichgewicht nicht stimmtyes 2015-07-18 00:16
es geht nicht um moralinsaure Tugendwächterei...es geht darum, daß manche - und nicht alle!! - Männer am Theater Frauen mit Eingrenzung auf ihr Geschlecht klein halten - ob absichtlich oder unabsichtlich, sei dahingestellt, damit ihre eigene Macht nicht in Frage gestellt wird....und auch, weil es "immer schon so war"...d.h., bei der Arbeit wird Sex statt Inhalt vorgeschlagen...also, Frauen müssen nackt sein , ohne Grund ..oder es werden Anzüglichkeiten verbreitet, statt auf die Worte zu hören, die die Mitarbeiterin zu sagen hat..oder es wird mit Absicht beim Einstellung--oder Besetzunggespräch auf die Weibichkeit hingewiesen, um vom Thema (Gehaltsverhandlung z.B.) abzulenken....-- zugegeben, es wird etwas weniger , diese Frauenfeindlichkeit, dieses Kleinmachen, aber es ist noch genügend oft vorhandne.Die Reduzierung auf den Körper.örperlichkeit und Sex und Erotik in allen Ehren, und wenn es die Kunst erfordert, als Mittel einsetzbar, natürlich!! Aber wenn es das erste und oft auch das einzige Mittel sein soll, um Frauen auf der Bühne darzustellen, und kein Raum oder nur wenig Raum, gelassen wird, Frauen in der Gesellschaft auf eien andere Art abzubilden...wenn Frauenkunst von Frauen immer noch in den Medien anders dagestellt wird als die von Männern, wenn einfach im Schnitt, weniger Frauen an Machtpositionen mit guten Gehältern , was ind er Branche immer noch der Fall ist, vorhanden sind...
dann stimmt da etwas nicht, mit dem Gleichgewicht..
und solange gilt es, es zu thematisieren.
Wir reden hier nicht von privatem Begehren..
und auch nicht vom privaten Begehren eines Zuschauers.Das ist privat,
Wir reden vom Job als Frau im Theater. Und der wird durch das private Begehren mancher mnnlicher Mitarbeiter manchmal gestört oder sogar verhindert und manchmal sogar zertört....
#16 Theater und Sexismus: normales privates Begehren. 2015-07-18 12:03
@15: Der Job von Frauen im Theater wird nicht prinzipiell durch das normale private Begehren männlicher Mitarbeiter manchmal gestört, gar verhindert oder mitunter sogar zerstört m.E. Sondern durch normales privates Begehren als solchem. Also auch dem von Frauen. Dem, der Partnerinnen der männlichen Theatermitarbeiter oder dem der Frauen, die eben einen Theater-Job in der Männerdomäne Theater machen. Und zwar gestört, verhindert oder gar zerstört durch uneingestandenes Begehren uo auf unfaire Art zurückgewiesenes Begehren uo durch aus Bequemlichkeit und Feigheit unbewusst gehaltenes Begehren.
#17 Theater und Sexismus: Frauen als LeiterinnenInga 2015-07-18 23:32
@ #16: Wie ist das gemeint? Dass Frauen andere Frauen nur als Konkurrentinnen (privat oder beruflich) sehen und sich deswegen gegenseitig fertig machen? Wäre ja schade, wenn's so wäre. Ich würde nämlich sagen, dass ein Theater, welches mehrheitlich von Frauen geleitet würde, meinem Gefühl nach gerade sehr gut funktionieren würde.
#18 Theater und Sexismus: Frauen sind anstrengend.. 2015-07-19 11:46
Ja, bestimmt bestünde vernünftig die Möglichkeit, dass es eventuell sehr gut funktionieren würde - es gingen nur nicht genug Leute hin, um es längerfristig, also nachhaltig genug, betreiben zu können. Meinem Gefühl nach würden Frauen permanent leugnen, dass sie andere Frauen als Konkurentinnen sehen und Verhalten an den Tag legen, mit denen sie die uneingestanden (unliebsame oder sogar bewunderte) Konkurrentin fertigmachen wollen. Das finde ich vor allem anstrengend. Weil man so viel schwerer zum Kern dessen kommt, was Theater zeigen soll und - immerhin Kunst - KANN! - Man ermüdet da irgendwie auf dem Weg. Für- jede - Kunst sollte man doch aber einigermaßen wach sein. Frauen verwechseln nach meiner Erfahrung in weiblichen Zusammenarbeiten auch sehr schnell Kunst mit Lehramt, Leidenschaft mit Unsitte und Neugier mit Übermut. Deshalb arbeite ich lieber paritätisch mit Männern und Frauen. Zur Not auch mit mehrheitlich Männern. Das kostet dann allerdings sehr viel mehr Kraft. Wenigstens aber langweilt es nicht durch eitel sozialisierte, geschlechtstypische Bereitschaaft zur Selbstverleugnung.
#19 Theater und Sexismus: Sind Sie ein Mann oder eine Frau?Inga 2015-07-19 14:32
@ #18: Wie gesagt, es KÖNNTE gut funktionieren. Und dieses Leugnen der Konkurrenz, DAS machen manche Männer doch genauso. Und ziehen dazu auch noch manche Frau in ihre unausgetragenen Platzhirschspielchen mit hinein. Sind Sie ein Mann oder eine Frau? Was macht Sie so sicher, dass ein solches Theater nicht funktionieren würde? Und warum meinen Sie, dass jede Frau sich selbst verleugnen würde? In welcher Hinsicht? Davon abgesehen, mir wäre es egalitär auch lieber. Männer und Frauen könnten einander bereichern. Das männerdominierte (in Bezug auf die Intendanz- bzw. Leitungsebene) Theater ist aber nicht egalitär, das ist der große Mist daran. Und nur auf einer vorab egalitären Basis kann auch gute Kunst gemacht werden. Da gebe ich Ihnen Recht.

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