Sie haben's drauf, die Belgier

von Wolfgang Behrens

Juli 2015. Der Poststreik hätte die Magazinrundschau in diesem Monat beinahe verhindert: Die entsprechenden Hefte jedenfalls sind bis heute nicht beim Rundschauer im Briefkasten gelandet. Mit geliehenen Exemplaren kann dem Notstand nun kurz vor Monatsende abgeholfen werden.

Die deutsche Bühne

Der Schwerpunkt der Deutschen Bühne im Juli gilt dem Verhältnis von Stadttheater und freier Szene. Als Grenzgänger zwischen den Systemen darf einleitend Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Münchner Kammerspiele, ein wenig über seinen neuen Arbeitsort plaudern ("Die Münchner Kammerspiele sind eine hochmotivierte freie Gruppe."). Dann aber wird's komplex, denn der Soziologe Dirk Baecker betrachtet institutionalisiertes und freies Theater aus systemtheoretischer Sicht: Begriffe wie Selbstreferenz, Gleichgewichtspunkte und Attraktoren umtosen die Leser*innen – wobei es dann doch recht interessant ist, wie Baecker zuletzt aus den jeweiligen Systemen Rückschlüsse auf die Ästhetik gewinnt. Das öffentlich geförderte Stadttheater müsse "seine Themen, seine Schauspielkunst, seine Ästhetik und seine Dramaturgie bei aller Varianz immer wieder aus der einen Frage" generieren, "wie die eine Förderung die nächste nach sich ziehen kann" (letzteres ist die systemische Voraussetzung). Die Dramaturgie etwa sei so "auf Gedeih und Verderb an die Sorgen einer städtisch-bürgerlichen Gesellschaft gebunden, die es gewohnt ist, Probleme im Modus ihrer Unvermeidlichkeit zu betrachten."

Cover Deutsche BuehneDie freie Szene unterliege anderen Einschränkungen, "hier müssen Themen, Performance, Ästhetik und Dramaturgie immer wieder so formatiert werden, dass das gerade abgeschlossene Projekt Aussicht auf ein neues Projekt generiert. (...) Darf im Stadttheater jeder Zweifel am Geschehen dadurch aufgefangen werden, dass 'die Institution' erhalten werden muss, so sind es in der freien Szene jeder Abend und jede Probe, die den Sinn des Ganzen für jeden einzelnen zu motivieren haben." Müsse man "bei Subventionen wissen, wem sie gelten", so müsse man "bei Projekten wissen, woher die Motivation stammt, sich an ihnen zu beteiligen. Dieser Unterschied ist nur eine Nuance, aber sie definiert zwei verschiedene Haltungen, zwei verschiedene Welten." Die Dramaturgie der Projekte sei dementsprechend nicht eine der "Repräsentation, sondern eine der Partizipation. Es darf immer nur ein Geringes scheinen, das die Darstellung von der Betrachtung trennt, so viel Virtuosität dieses Geringe auch voraussetzen mag." Alles klar?

Es gibt freilich auch Konkreteres im Schwerpunkt, so bietet etwa Jens Fischer einen Überblick über einige der von der Bundeskulturstiftung geförderten "Doppelpass"-Produktionen (Kooperationen zwischen freien Gruppen und Stadt- und Staatstheatern), wobei seine Bilanz eher bescheiden ausfällt. Außerhalb des Schwerpunkts (aber nicht weit von ihm entfernt) hat derselbe Jens Fischer ein anderes heißes Eisen angepackt: Er forscht nach den Folgen, die der neuerdings garantierte Mindestlohn von 8 Euro 50 für die Theater und ihre Mitarbeiter hat. Nicht überraschend ist, dass die "Hauptleidtragenden der neuen Gesetzesregelung" diejenigen sind, "die am stärksten profitieren sollten: Hospitanten und Praktikanten bekommen nicht mehr Geld, sondern keine Jobs." Da die städtischen Theater und freien Theater über die Kommunen keine Mittel erhalten, die Mehrkosten auszugleichen, stellen die Theater, wie es etwa Bonns Schauspielchefin Nicola Bramkamp erklärt, "lieber eine fertig ausgebildete, berufserfahrene Fachkraft als einen Praktikanten ein." Man kann sich natürlich fragen, wo künftighin die Berufserfahrung am Theater herkommen wird, wenn es keine Praktika mehr geben wird. Vielleicht ja aus der freien Szene, in der freiberuflich gearbeitet wird. Hier hat Jens Fischer bei der Künstlersozialkasse unter den 2015 gemeldeten darstellenden Künstlern nachgeschaut: Das gemeldete Monatseinkommen liegt bei "1510 Euro (Männer) und 1010 Euro (Frauen)". Von Mindestlohn kann da erst gar keine Rede sein! Martin Heering vom Bundesverband Freie Theater spricht von "frei ausgehandelten Gagen, für die es keine Untergrenze gibt. Das ist ein ziemlich versauter, weil chronisch unterfinanzierter Markt."

Theater heute

Das Juli-Heft von Theater heute hebt ausnahmsweise einmal mit einer Kritik an, die (noch) nicht geschrieben wurde: Denn Chefredakteur Franz Wille muss einräumen, Frank Castorfs "Brüder Karamasow"-Inszenierung bei den Wiener Festwochen und somit "die Apokalypse" vorerst verpasst zu haben. In den "Stahlgewittern der Abnutzungsschlachten" des Herrn Castorf habe nämlich gerade mal "ein Karamasow-Bruder die Premiere spielfähig überstanden." Wille, der eine Folgeaufführung gesehen hätte, bleibt also nichts Anderes übrig, als den eigenen Bericht auf die Berliner Wiederaufnahme im November zu verschieben; derweil liest er erschaudernd "die Frontberichte derer, die dabeigewesen sind in den vordersten Gräben"; "wie Katastrophenmeldungen" erreichten diese Kritiken "das noch friedliche Ausland". Wer nicht bis zum Januar-Heft warten mag: Kai Krösche war als Wiener Kriegsberichterstatter für nachtkritik.de unterwegs.

Cover Theater heuteAuf anderen Festivals hatte Theater heute naturgemäß mehr Zuschauerglück, etwa beim Downtown Contemporary Arts Festival, dem "größten unabhängigen und spartenübergreifenden Festival Kairos", das Berit Schuck besucht hat. Eine Besonderheit der diesjährigen Ausgabe dieses Festivals sei es gewesen, dass es auch "vier Theateraufführungen und Performances umfasste, die sich mit unterschiedlichen Formen der Partizipation befassten." Was indes hierzulande oft genug als folgenlose Spielerei abgetan wird, entfaltet in Ägypten eine beachtliche politische Kraft: "'Es ist an der Zeit, diese Art von Theater nach Ägypten zu bringen", glaubt [der Festivalleiter Ahmed] El-Attar. Die Möglichkeiten zur Teilhabe in Ägypten seien viel begrenzter, als Außenstehende vielleicht meinen. Im partizipatorischen Theater stecke der Wunsch, den Künstler vom Thron zu stoßen und durch das Publikum zu ersetzen. 'Es hat hier eine tiefer gehende soziale und politische Bedeutung, wenn du Leute fragst, sich zu beteiligen, die immer gedacht haben, dass sie niemals das Recht haben werden, sich an etwas zu beteiligen.'"

Auf einem weiteren Festival tummelte sich Stefanie Carp, die sich ja selbst schon als Festivalkuratorin (bei den Wiener Festwochen) bewähren durfte – sie bringt nun zum 20. Geburtstag des Brüsseler Kunstenfestivaldesarts die ultimative (und wohl auch verdiente) Lobhudelei dar: Das Kunstenfestival, so Carp, "war und ist ein Vorbild für alle anderen Festivalmacher. Die elegante Konsequenz seiner Programmierung und Präsentation, seine künstlerischen Entdeckungen, seine neuen Format-Setzungen, seine ästhetische und intellektuelle Qualität sind schwer einzuholen. Seit seiner Gründung 1995 durch Frie Leysen behauptet es die Position als Avantgarde aller Festivals. (...) Im Zentrum standen immer die Künstler, keine politische oder soziale Agenda, sagt die Gründungsintendantin. Und: Es ist ein Kunst-Festival, das Life Art zeigt, ohne Genre-Präferenzen zu haben, sagt sein heutiger künstlerischer Leiter Christophe Slagmuylder. Nie gab es die unspezifische Mischung aus Oper, großen Schauspielproduktionen, ein bisschen Tanz, ein bisschen Performances und ein bisschen Konzert, sondern immer ein exquisites Programm der derzeitigen und zukünftigen besonderen Formen der internationalen Performing Arts zwischen den standardisierten Genres." Ja, sie haben's einfach drauf, die Belgier! Und habe ich nicht irgendwo läuten hören, dass demnächst auch ein Belgier ein wichtiges Theaterhaus in Berlin übernehmen soll? Seien wir gespannt!

Theater der Zeit

... hat sich in die Sommerpause verabschiedet, hält für Abonnenten (und Einzelkäufer, die bereit sind, 24,50 Euro hinzublättern) jedoch noch eine Lektüre parat, nämlich das Arbeitsbuch "Bild der Bühne, Vol. 2".


Die Magazinrundschau vom Juni 2015 finden Sie hier.

 

 
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