In der Eventbude

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. August 2015. Die Diskussion um die Castorf-Nachfolge an der Berliner Volksbühne schenkte dem deutschsprachigen Theater ein neues Feindbild: den Kurator. Der Kurator, das ist jemand, der Theater häppchenweise verabreicht, durchdacht, handwerklich untadelig, aber eben kulinarisch. State of the art, entertaining, teuer, unpolitisch, vor allem: gerne US-amerikanischen Ursprungs. Theater als "Eventbude" (Claus Peymann). So etwas will man hier nicht haben, und in die Kritik an einer befürchteten neoliberalen Umformung der Volksbühne durch den designierten Theaterchef, den Londoner Ausstellungsmacher Chris Dercon, mischte sich schnell ein unangenehmer kulturchauvinistischer Unterton.

Ausgerechnet Walt Disney

Das Internationale Sommerfestival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel ist der Inbegriff eines kuratierten Festivals. Aber weil der künstlerische Leiter András Siebold nicht nur ein bemerkenswert gut vernetzter Theatermacher ist, sondern auch ein Schalk, annonciert er die kommenden drei Wochen zwischen Musik, Bildender Kunst, Theater, Tanz und Theorie grinsend als "größte Eventbude des Sommers". Was erstens einen Lacher hergibt und zweitens verschleiert, dass zumindest der Eröffnungsabend das vollmundig ausgegebene Motto "Avantgarde für alle" nicht erfüllt. Die Wiederaufführung des stilprägenden Stücks "Available Light" von Choreografin Lucinda Childs, Komponist John Adams und Bühnenarchitekt Frank O. Gehry ist bei Licht betrachtet nämlich keine Avantgarde (wobei der historische Avantgardebegriff bei Childs' Postmodern Dance ohnehin ins Leere läuft), sondern genau das, was Kuratorentheater vorgeworfen wird: entertaining, teuer, unpolitisch, zumal die Produktion ausgerechnet für die Walt Disney (Gottseibeiuns!) Concert Hall in Los Angeles entwickelt wurde.

AvailableLight 560 C CraigTMathew uHistorisch: Die Choreografie "Available Light" von Lucinda Childs auf einer Bühne von Frank O. Gehry.  © Craig T. Mathew

Bei der Uraufführung 1983 am Museum of Contemporary Art Los Angeles war Childs' Choreografie eine Sensation: ein eingeschränktes aber perfekt beherrschtes Bewegungsrepertoire wurde mehrfach geloopt, variiert, vervielfacht, im Kampf mit einer Bühnensituation auf zwei Ebenen, während Musik und Bühne dem Tanz absolut gleichberechtigt gegenüber standen.

Fein getimte Ereignislosigkeit

Die Wiederaufführung bringt erst einmal eine Weiterentwicklung von Gehrys Bühnenbild, außerdem entwickelte Kasia Walicka Maimone ein neues Kostümdesign nach der 83-er Vorlage, und natürlich sind neue Tänzer beteiligt. Aber: Man sieht eine weiterhin eine 32 Jahre alte Choreografie. Die sich freilich ästhetisch erstaunlich gut gehalten hat, einzig Adams' Musik wirkt mit ihrem glitzernden Synthesizersound (gerade wegen der Möglichkeiten der heutigen Klangtechnologie) ein wenig von gestern. Man sieht Körpergenauigkeit, man sieht formale Perfektion, man sieht sehr fein getimte Ereignislosigkeit. Was man nicht sieht, ist das von Festivalchef Siebold versprochene Theater, das sich explizit auf die Gegenwart bezieht, im Gegenteil: Alles an "Available Light“ ist historisch. Das Internationale Sommerfestival pflegt mit dieser Produktion die Tanztradition, das ist ehrenwert, es ist auch ein Trendthema, aber es ist zutiefst unverbindlich.

Rausch JanPlewka 560 KerstinBehrendt uGassenhauerverliebt: Jan Plewka  © Kerstin Behrendt

Rampensauereien 

Wie ein Gegenentwurf zum großen Format von "Available Light“ kommt die zweite Eröffnungspremiere daher: "Rausch – La Versione Italiana da Giancarlo", ein Liederabend im Festsaal einer Pizzeria in unmittelbarer Kampnagel-Nachbarschaft. Jan Plewka, im Hauptberuf Sänger der Hamburger Rockband "Selig", knödelt sich unter der Regie des Ex-Schauspielhaus-Intendanten Tom Stromberg durch ein eklektizistisches Popmusikrepertoire, und Selig-Bassist Leo Schmidthals legt einen sparsamen aber wirkungsvollen Soundteppich darüber. Es gibt eine sentimental-ironische Rahmenhandlung, die nicht einmal annähernd über 90 Minuten trägt, es gibt biografische Schnurren, es gibt Hinterbühnengossip, es gibt eine gar nicht mal schlechte Neue-Musik-Parodie Schmidthals', irgendwann werden (angebliche) Joints ausgegeben, ein Rausch überträgt sich freilich nicht – und doch funktioniert die Produktion. Stromberg ist als gelernter Dramaturg kein Regisseur, aber er hat Ahnung von Theater, Plewka ist als gelernter Rockstar kein Schauspieler, aber er hat Ahnung von Rampensauereien, das reicht schon, um die armselige Story um eine Familienzusammenführung im Geiste des Pop halbwegs würdevoll über die Zeit zu bringen.

Gassenhauerverliebtheit

Zumal die Arbeit eigentlich aus einem ganz anderen Grund zum Festivalbeginn gezeigt wird: Das Stück entkräftet den Vorwurf der Wahllosigkeit und Austauschbarkeit ("Available Light" zum Beispiel ist in Kürze auch in Berlin beim Festival Tanz im August zu sehen). Tatsächlich ist "Rausch – La Versione Italiana da Giancarlo" das beste Beispiel dafür, wie man auch im Kuratorentheater kontinuierliche Arbeitsbeziehungen entwickeln kann: In den Vorjahren zeigten Stromberg und Plewka beim Sommerfestival schon die ähnlich aufgebauten Produktionen "Sound of Silence" und "Rausch". Wobei diese Treue in der Zusammenarbeit umso löblicher ist, weil man mit Leuten aus dem Selig-Umfeld weder Renommee gewinnt noch einen Blumentopf für besondere Coolness. Man zeigt nur, dass man etwas auf Verlässlichkeit gibt.

Und schließlich erfüllt "Rausch“ noch eine weitere Funktion, in seiner Gassenhauerverliebtheit zwischen Chics "We are Family", Pink Floyds "Wish you were here" und Seligs "Ohne dich" als "Senza te"-Italopop: Die eineinhalb nicht immer geschmackssicheren Stunden machen schlicht Spaß, großen Spaß jenseits von jeden Niveaugrenzen. Und ein Festival als Spaß zu eröffnen, ist ja grundsätzlich mal nicht die schlechteste Idee.

 

Available Light
von John Adams / Lucinda Childs / Frank O. Gehry
Musik: John Adams, Choreografie: Lucinda Childs, Bühnenbild: Frank O. Gehry, Licht-Design: Beverley Emmons, John Torres, Kostüm-Design: Kasia Walicka Maimone, Sound-Design: Mark Grey, Company Manager: Katie Ichtertz, Produktionsmanager: Jeremy Lydic, Stage Manager: Jason Kaiser, Produktionsmitarbeit: Kaleb Kilkenny, Alisa E. Regas, Produktion: Pomegranate Arts, Inc., Produktionsleitung: Linda Brumbach.
Mit: The Lucinda Childs Dance Company: Ty Boomershine, Katie Dorn, Kate Fisher, Sarah Hillmon, Anne Lewis, Sharon Milanese, Patrick John O’ Neill, Matt Pardo, Lonnie Poupard Jr., Caitlin Scranton, Shakirah Stewart.
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

Rausch – La Versione Italiana da Giancarlo
von Jan Plewka / Leo Schmidthals / Tom Stromberg
Regie: Tom Stromberg, Kostüme: Sibylle Wallum.
Gesang/Gitarre: Jan Plewka, Gesang/Klavier/Gitarre/Bass: Leo Schmidthals.
Dauer: 90 Minuten plus Zugaben, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

Eine "Maschinenausdruckstanzsprache" hat Stefan Grund erlebt, wie er in der Welt (7.8.2015) schreibt. "Nach ein paar Minuten hat der Zuschauer das verstanden, sein Gefühl legt den Kopf auf die Nostalgieschiene und wartet, dass endlich ein Intercity-Zug drüber rollt und es erlöst." Denn schnell werde "der emotionslose, kalte Aneinander-vorbei-Tanz" eintönig.

Auf Spiegel Online (6.8.2015) schreibt Werner Theurich: "Dass ehemalige Avantgarde heute fast anrührend vertraut und zahm wirkt, ist das Schicksal aller wirklich wichtigen Innovationen. Das Original berührt, wenn es auch nicht mehr verstört."

"Gehrys Bühnenkonstruktion ist noch immer raffiniert, aber nichts, was einem heute noch den Atem raubend würde", urteilt auch Elisabeth Nehring im Deutschlandfunk (6.8.2015). Allerdings: "Lucinda Childs choreographischer Spürsinn dagegen, ihr Timing, ihr Vermögen, aus einfachen Bewegungsphrasen hochkomplexe Muster entstehen zu lassen, ist auch heute noch ganz und gar zu bewundern."

Die Choreographie sei "eine beeindruckend präzise Abzählarbeit von roboterhafter Synchronizität, die dreißig Jahre später und ohne den Kontext einer lebendigen Avantgardebewegung allerdings stark museal wirkt", formuliert es Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (11.8.2015). "Aber diese eine Stunde Mustererkennung ist die Europapremiere einer rekonstruierten Tanzlegende, und das ist für ein Festival, das seine vergleichsweise karge finanzielle Ausstattung durch den Enthusiasmus seines Leiters ausgleichen muss, ein großer kuratorischer Erfolg."

Anlässlich der Aufführung beim Berliner Tanz im August schreibt Verena Lueken in der FAZ (15.8.2015), es bliebe die Frage, was es heute heißt, wenn aus Musik und Tanz alle Emotion herausgenommen, jede Erzählung verweigert und für reinen Tanz ein absoluter Raum geschaffen wird. "Sagt uns das heute noch etwas? Und was? Die drei Künstler arbeiten doch noch, sie hätten ihr eigenes Stück, ihr altes Konzept befragen können, statt sich mit einer Wiederaufführung, die doch nicht vollkommen war, zu begnügen."

Wie sich das minimalistische Bewegungsvokabular der Tänzer in unendlichen Variationen ausdehne und ineinander ziehe, das ist atemberaubend, findet dagegen Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (15.8.2015). "Manchmal, wenn die Tänzer inne halten und die Bühne rot erstrahlt scheinen sich Klänge und Bewegungen geradezu in Licht zu verwandeln." Der Atem der Geschichte mag einen in "Available Lights" nicht anwehen, dennoch ein großes Werk.

 

 
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