Agentur für Landesverrat

von Esther Slevogt

11. August 2015. Die Ermittlungen gegen netzpolitik.org wurden also eingestellt. War auch an der Zeit. Ein peinliches Schauspiel, das unsere Demokratie da abgeliefert hat. Und dann auch noch dieser so genannte Justizminister! Oder der Verfassungsschutzpräsident! Trotzdem: irgendwie auch naiv von unserem Harald Range, dem nun entlassenen Generalbundesanwalt. Dass der wirklich dachte, er kommt damit durch. Ich meine, wo heute das ganze Ding mit der Autorität analog doch überhaupt nicht mehr funktioniert. Schon bei vergleichsweise niedrig hängenden Veranstaltungen wie einem Elternabend kann sich der Lehrer (oder wahlweise die Lehrerin) schon nicht mehr gegen die Elternmeute durchsetzen. Schüler überwachen Lehrer mit der Handycam und stellen die Ergebnisse ins Netz. Alte Autoritätsstrukturen sind doch längst so massiv unterwandert, dass heutzutage die Autoritäten die wahren Loser sind. Und nur auf Staatsebene soll diese Nummer noch funktionieren?

Merkels abhörsicheres Theater-Handy

kolumne estherNa, jetzt kann Harald Range ja eine PR-Agentur aufmachen. Junge und ambitionierte Blogs und Netzmagazine beraten, wie man Landesverrat begeht. Und damit weltberühmt wird. Über Nacht in einer Liga mit Ed Snowden oder Julian Assange spielen kann! Vielleicht hat Range ja auch noch ein paar Staatsgeheimnisse aus dem Amt schmuggeln können, die er an die Blogger (wie man ja jetzt so gerne sagt, auch wenn man’s mit gestandenen Journalisten zu tun hat) weiterreichen kann. Gegen Gewinnbeteiligung, später, wenn sie dann reich und berühmt geworden sind.

Wir hier, also bei nachtkritik.de, wären nicht uninteressiert. Explodierende Userzahlen! Internationale Presse, und wir, die Redaktion, Helden der Netzgesellschaft! Wobei Staatsgeheimnisse mit Theaterbezug wahrscheinlich besonders selten und daher sicherlich besonders teuer sind. Andererseits: Angela Merkels abhörsicheres Handy wurde vom Bruder eines bekannten Theaterdramaturgen konstruiert. Ja, wirklich! Das hat der mir selbst erzählt. Also der Bruder des Konstrukteurs. Ich verrate aber nicht, wer das ist. Also nicht für lau hier und erst recht nicht in so einer Kolumne. Doch ich fürchte, das interessiert sowieso keinen. Wie überhaupt Staatsgeheimnisse wahrscheinlich komplett uninteressant sind. Sonst würde man ja viel mehr darüber lesen.

Wo sollen die Stoffe für Tragödien denn herkommen?

Staatsgeheimnisse sind es allerdings auch gar nicht gewesen, die netzpolitik.org veröffentlicht hat. Das hat sich inzwischen herausgestellt, deswegen wurden die Ermittlungen ja auch eingestellt. Es waren höchstens ein paar Dienstgeheimnisse, noch nicht einmal Geheimdienstgeheimnisse wahrscheinlich. Langweilig! Überhaupt frage ich mich da, ob in Zeiten wie diesen eine Theaterseite wie die unsere überhaupt noch genug Material haben wird. Was überhaupt aus dem Theater werden soll, wenn es keine Verräter von Staatsgeheimnissen, sondern bloß noch von Dienstgeheimnissen gibt? Wo sollen die Stoffe für Tragödien und Dramen denn herkommen? Und das dramatische Personal erst recht!

Worüber können wir denn noch schreiben? Wenn bürgerliche Individuen wegen dieses Internets jetzt Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht locker und im Handumdrehen für sich entscheiden können, dabei auch noch alberne rote Hüte tragen, während die grau beanzugten Repräsentanten der Staatsmacht sich öffentlich demontieren. Und den Staat gleich mit. Wahrscheinlich kann uns da der geschasste Bundesanwalt auch nicht helfen. Also, falls der jetzt wirklich eine PR-Agentur für Netzmagazine aufmachen will.

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de.
In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Esther Slevogt: Geheimnis?stritter 2015-08-11 12:15
Frau Slevogt verlässt ja ihren angestammten Ton! - wenn das hier jetzt alle machen, dann steckt da bestimmt ein Geheimnis dahinter! - Das ist ja dringend zur Beobachtung empfohlen, wer ist da jetzt nochmal gerade eben zuständig? Jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit bis morgen.?
#2 Kolumne Esther Slevogt: unterm Radarscar 2015-08-11 13:13
was lernen wir? nachtkritik = so sehr unterm radar, daß jegliche Geheimnisse verschwendet wären - also frau slevogt - auch einen lustigen hut aufsetzen und zu netzpolitik.org/ cultureleaks wechseln - herrlich - "BE-Spielplan geleakt" Theatergeneralstaatsanwalt Peymann klagt sicher direkt an - wegen Theatergeheinmisverrat. gleich mal selfie mit Maulkorb machen! auf vorrat.
#3 Kolumne Esther Slevogt: KrampfhumorHans Bundt 2015-08-11 18:19
Oh weh. Hier will jemand witzig sein,ist aber nur Krampfhumor. Nachtkritik sollte sich nicht so wichtig nehmen. Früher war die Seite genau deshalb sympathisch, dass sie nicht immer so dicke Backen gemacht hat.
#4 Kolumne Esther Slevogt: begrifflich verschlüsseltInga 2015-08-11 22:13
Absurd. Ich habe auf anderem Wege auch schon von sowas gehört. Ein wenig begrifflich verschlüsselt allerdings. Es hätte da einen Burgtheaterwasserspielplatz oder so ähnlich gegeben, wo ins Wasser gek...t wird. Menschen sind Schweine. Also, wenn sie's absichtlich machen. Manch ein Erwachsener steht ja auf Windeln und Wickeln und so. Sind auch so SM-Praktiken, las ich einmal. Und die armen Schweine im Schweinetransporter, die können überhaupt nix dafür.
#5 Kolumne Esther Slevogt: immerhinslevogtfan 2015-08-11 23:04
Sie gibt sich Mühe.
Und immerhin schreibt sie über "Stoffe für Tragödien und Dramen" als sei gegen Tragödien und Dramen prinzipiell nichts einzuwenden, ja als sei das Abfassen von Tragödien und Dramen wünschenswert, die von der Realität bereitgestellten Stoffe aber bestenfalls performancetauglich.

Leider sind die Tragöden tot und die Dramatiker beim Fernsehen.

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