Welcome to Ecstasy!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. August 2015. "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase", so der Titel einer Tanzproduktion von Anita Berber und Sebastian Droste aus dem Jahr 1922. Er, der mit bürgerlichem Namen Willy Knobloch hieß, schrieb in der dazugehörigen Buchproduktion vom "Verströmen, Verbluten und Zerfließen". Eine große Verschwendung und Verausgabung, im Privaten wie in der Kunstproduktion, die hat auch Vaslav Nijinsky betrieben. Und es in der Ballets Russes-Version von "Shéhérazade" von 1910 zur Musik von Nikolai Rimski-Korsakow mit Ida Rubinstein auf der Bühne wild getrieben. Das Ballett bestehe "im Grunde aus einer 20-minütigen Orgie gefolgt von einem brutalen Massaker", so beschreibt es Joachim Kapuy, der Pressemensch von ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival.

Dort, also im Kasino am Schwarzenbergplatz, luden Florentina Holzinger und Vincent Riebeek zu ihrer neuen gemeinsamen Produktion, zum "Schönheitsabend". "Europa's most provocative dance couple“ (wieder Pressemensch Joachim Kapuy im Auftrag von Holzinger & Riebeek) machen dabei einen auf "Ballett in drei Akten“, nämlich auf "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“. Machen außerdem weiterhin Zitate aus Popkultur und Erotik, diesmal mit ordentlich orientalistischem Manierismus versehen. Das Interesse an den kanonischen Bewegungskonzepten der Popkultur ist nun also in Richtung tanzgeschichtliches Repertoire aufgebrochen. Deswegen steht Kapuy auch vor jedem Akt im Scheinwerferlicht und unterstützt den Versuch eines formal strengen Aufbaus mit kurzen Erläuterungen.

Schonheitsabend2 560 Holzinger Riebeek cKarolinaMiernik uTänze des Lasters: Florentina Holzinger Vincent Riebeek © Karolina Miernik

Wieso schauen denn alle nur so?

Nummer eins, Tänze des Lasters, beginnt mit dem größtmöglichen Ballett-Auftritt überhaupt: von rechts hinter dem Publikum kommt Holzinger die Treppe hinunter geschwebt, der Scheinwerfer hat sie fest im Blick und ihr blinzelt der Schalk aus den stark geschminkten Augenwinkeln. Es wird "Shéhérazade" getanzt, alles inklusive, also inklusive illusionistischer Bühnendeko und Kostümen. Dann eine Weiterentwicklung der sogenannten Orgie, also die Ausarbeitung der romantischen Bewegungsabläufe hin zu einem echten, wirklich, wahren Fick. Wie schon in der vorangegangenen gemeinsamen Arbeit Wellness penetriert Holzinger Riebeek mit einem Strap-on. Ich weiß nicht, ich glaube es muss Ero-Akrobatik heißen und dazu ein Remix der Nummer Shine von Years & Years. Wenn dann der Sultan (wieder Kapuy) kommt und den Sklaven, mit dem sich seine Ehefrau da vergnügt, tötet, dann schaut Holzinger unverschämt vorwurfsvoll ins Publikum; das ist jetzt sehr unangenehm, da muss ein Fehler passiert sein, wieso schauen denn alle nur so?

Dieser Moment der ausgestellten Leere zieht sich hinüber in den zweiten Akt. Die Tänze des Grauens referieren auf Nijinskys letztes Solo, nach dem er einen Nervenzusammenbruch erlitt und nicht wieder tanzte. Riebeek verspricht "something out of nothing“ und sitzt im hellblauen Catsuit frontal zum Publikum. Währenddessen Holzinger am weißen Flügel, der von sich alleine her Chopin spielt. Die beiden murmeln unverständliches bis schließlich Riebeek zur Inspiration findet und mehrere Diagonalen der Bühne mit Sprüngen durchmisst.

Schonheitsabend 560 Holzinger Riebeek cKarolinaMiernik uTanzen bis er Arzt kommt: Florentina Holzinger und  Vincent Riebeek © Karolina Miernik

Im letzten Akt treten die beiden als bunte Fabelwesen auf, "Welcome to ecstasy! No more judgements, and so on, and so on, and so on". Holzinger erzählt von ihrer Beziehung zu Riebeek, den sie an der School for New Dance Development in Amsterdam kennen gelernt hat und widmet den gesamten Abend der Liebe. Der Liebe im Großen und Ganzen als sehnsuchtsvoll erwartete bedingungslose Verausgabung und der Liebe im Kleinen und Konkreten als Hochzeit mit Riebeek. Als eines der letzten Bilder hängt der vom Reck an dem die beiden vorher turnten, Suspension Bondage, und dreht sich im Schwarzlicht.

Das Queere am Orientalismus

Die drei Akte hängen eher zusammenhangslos, keine Suspension Bondage, aneinander. Obschon im dritten Teil versucht wird, alles vorangegangene in die eigene gemeinsame Biographie einzubauen, bleibt dieser Versuch zu kurz, zu flüchtig, zu wenig, ausgearbeitet. Damit lässt der "Schönheitsabend“ vermissen was für Holzinger und Riebeeks gemeinsames Arbeiten sonst so charakteristisch ist: das Oszillieren von Privatem und Kunstproduktion. Ihr Interesse am Erzählen von Geschichten, anhand derer das Publikum – hoffentlich, möglicherweise – Erfahrungen von Schock, Ekel und Faszination durchleben kann, ist dabei ungebrochen und eben dieses Mal erweitert um die Suche nach dem Queeren am Orientalismus. Dabei geht es weniger um eine postkoloniale Auseinandersetzung mit der Tanzgeschichte und mehr um eine Anders-Schreibung derselben. Verschwendungsgeschichten jenseits geschlechtlicher Verortung, wie sie beispielsweise Anita Berber betrieben hat, sind im großen Kanon noch immer marginalisiert. Holzinger und Riebeek betreiben eine Restauration der potenziell queeren Tendenzen der Tanzgeschichte und nebenher magisches Denken: Auf dass Schönheit sei, wo Schönheit behauptet wird.

 

Schönheitsabend
Uraufführung
von und mit Florentina Holzinger und Vincent Riebeek
Technik/Licht: Anne Meeussen, Dramaturgie: Eike Wittrock, Outside Eye: Renée Copraij, Hintergrundgrafik: Joeri Woudstra, Shéhérazade-Kostüme: Valerie Hellebaut, Sound: Jannes Dierynck.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.impulstanz.com

 

Kritikenrundschau

Holzinger und Riebeek bedienen sich einer überbordenden Buntheit und einer barocken Fülle, so Helmut Ploebst im Standard (13.8.2015). Es gehe um die Nähe der künstlerischen Existenz zum Wahnsinn, um eine Apotheose der Liebe, "entschlossen wird dem Kitsch von einst der Kitsch von heute entgegengehalten". Die Herausforderung für das Publikum liege in der Ambivalenz. Florentina Holzinger erkläre auf der Bühne: Ja, sie wolle Riebeek, der schon etliche Male um sie angehalten habe, jetzt heiraten. "Sie hätte aber auch sagen können: Ja, sie wolle, nach etlichen Malen Ablehnung, jetzt doch eine karierte Strumpfhose anziehen. Eine bittere Szene in allersüßesten Farben."

 

 

 
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