Und wenn die Welt voll Teufel wär

von Ulrike Gondorf

Bonn, 13. März 2008. Die Mächte der Dunkelheit lauern überall, jeder könnte ihr Komplize sein, jeder könnte Ziel ihrer Anschläge werden, unaufhaltsam wühlen sie im Untergrund, unterminieren die Grundlagen der Gesellschaft. Seitdem der 11. September 2001 die Welt verändert hat, beherrschen solche Szenarien die Köpfe der Regierenden. Oder die Regierenden haben herausgefunden, dass sich mit solchen Szenarien die Köpfe beherrschen lassen.

Bushs "War on Terrorism" führt in den USA zu einem Sicherheitswahn, der die Freiheit, die angeblich verteidigt werden muss, zu strangulieren droht. Auch hierzulande wird die Paranoia instrumentalisiert: Lauschangriff, Fingerabdruck im Pass, online-Durchsuchung, Scannen von Autokennzeichen und was alles "Big Brother" sich vielleicht noch ausdenken wird.

Denunziation im kurzen Rock

Die frische Hysterie hat ein betagtes Stück wieder auf die Topliste des Repertoires gehievt, das jahrzehntelang eher ein Schattendasein gefristet hat: Arthur Millers "Hexenjagd" von  1953. Jetzt hatte es auch am Theater Bonn Premiere in der Halle Beuel. Als Schlüsselstück auf McCarthys Kommunistenhatz geschrieben, rollt es einen historischen Fall von Massenwahn auf: die Hexenprozesse in Salem, Massachusetts, von 1692. Aufgrund von Denunziationen, die eine Gruppe junger Mädchen aufbrachte, wurden Hunderte Personen beschuldigt, mit dem Teufel im Bund zu stehen, viele verurteilt, einige hingerichtet.

In der Bonner Inszenierung von Michael Helle sind die Denunziantinnen heutige Teenager in Turnschuhen, T-Shirts und kurzen Röcken. Die Richter wie die Opfer tragen schwarze Anzüge oder strenge dunkle Kostüme. Weder 1692 noch 1953 wird hier thematisiert, sondern umstandslos ein Heute behauptet, in dem die Inszenierung doch merkwürdigerweise nie ankommt. Michael Helle inszeniert sehr breit und ein wenig betulich – es gibt spannende Sequenzen, die daraus resultieren, dass Millers Polit-Drama auch ein "well made play" ist, aber über drei Stunden Spieldauer tragen die nicht.

Ein schräger Raum

Dabei ist der erste Eindruck überaus vielversprechend. Der Bühnenbildner Dieter Klaß hat eine sehr starke Raumlösung für die Halle Beuel gefunden. Auf der ganzen Breite von etwa 20 Metern lässt er zwei schräge Flächen aufeinander zu laufen. Sie beginnen an der Rückwand ganz hoch oben, da kann niemand mehr aufrecht unter der Decke gehen. Und dann fallen sie steil ab, ziehen die Figuren hinunter auf den Grund. Aber Helles Regie hält sich nicht an die Klarheit und die große Geste, die dieser Raum suggeriert. Seine Sicht auf das Stück schwankt unentschieden zwischen der Demonstration gesellschaftlicher Mechanismen – die Miller eindrucksvoll darlegt – und dem Ausloten persönlicher Konflikte, in denen das Stück zeitgebunden und klischeeverhaftet, einfach altbacken, wirkt.

So gelingt es dem Abend nicht, den Sprung zu schaffen, von dem alles abhängt: Irgendwann muss der Zuschauer bei der "Hexenjagd" einfach aufhören, sich darüber zu wundern, dass es um Besessene, Teufel und Geistererscheinungen geht, und in den Sog eines Machtspiels geraten, dessen Plausibilität und Aktualität es völlig gleichgültig erscheinen lässt, welcher Metaphern es sich bedient. In Bonn bleibt der Eindruck immer disparat: die betont aktuellen Kostüme, der abstrakte Raum, der konkret zeit- und situationsgebundene Inhalt, von dem da die Rede ist.

Zum Schluss ein wenig Heldenmut

Ein großes Ensemble agiert solide, aber großen schauspielerischen Glanz entfaltet der Abend nicht. Die Clique der jungen Denunziantinnen, angeführt von Eva Verena Müller als Abigail, windet sich konvulsivisch und schreit die Anschuldigungen heraus. Die Opfer reagieren ebenso vorhersehbar: mit ungläubigem Staunen, stoischer Vernunft oder wütender Verzweiflung. York Dippe in der zentralen Rolle des John Proctor spielt nacheinander alle diese Stadien durch und rappelt sich schließlich doch noch auf zu echt amerikanischem Heldenmut. Sein großes Duell mit Jürgen Rüter als macchiavellistisch verschlagenem Staatsanwalt beschert dem Abend die spannendste Szene.

 

Hexenjagd
von Arthur Miller
Regie: Michael Helle, Bühne und Kostüme: Dieter Klaß, Musik: Gregor Schwellenbach. Mit: Lisa Tzschirner, Stefan Preiss, Miriam Ibriahim, Eva Müller, Sinead Kennedy, Anke Zillich, Günter Alt, Sina-Maria Gerhardt, Maria Munkert, Helge Tramsen, York Dippe, Birte Schrein, Susanne Bredehöft, Wolfgang Jaroschka, Uli Hass, Raphael Rubino, Wolfgang Rüter.

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Großartiges Ensemble, aufklärerisches Bühnenbild, H. D. Terschüren ist in der Kölnischen Rundschau (15.3.2008) ziemlich zufrieden mit Michael Helles Inszenierung von Arthur Millers Stück aus der amerikanischen McCarthy-Zeit. "Der Thriller läuft fabelhaft. Helles Regie arbeitet suggestiv, sie zieht einen hinein in die Geschichte, was dann freilich auch einen selbst wieder manipuliert. Dem Ansturm von Unrecht ist man ausgeliefert. Es gibt auch wenig Grund, sich dagegen zu wehren. Das Gute ist so unbezweifelbar wie das Böse, das mit dem Mädchen Abigail (Eva Verena Müller) in die Welt kommt. Und die Profiteure sind benennbar: der Reiche, der Pfarrer, der Richter. Mit Bonns Schauspielern läuft das Stück von selbst."

Weniger zufrieden zeigt sich Hans-Christoph Zimmermann im Bonner Generalanzeiger (15.3.2008), der den Abend "so belanglos und wenig mitreißend" fand. Schuld daran ist aus seiner Sicht eine generelle Zaunpfahl-Symbolhaftigkeit, die für Zimmermann insgesamt dazu führt, dass alles im "Modellhaften" stecken bleibt. Erschwerend kommt für ihn noch die Regieentscheidung hinzu, jeder Figur zuzugestehen, in gutem Glauben zu handeln. Die Folge für den Rezensenten: "Wohltemperiertheit bis zur Langeweile".



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