Hätte werden können

von Dirk Pilz

Dresden, 13. März 2008. Im siebzehnten Kapitel des ersten Teiles der "Wahlverwandtschaften" lässt Johann Wolfgang Goethe die Katastrophe geschehen. Eduard reist unvermittelt ab, ohne seiner Ottilie noch eine letzte Begegnung zu schenken. "Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick", notiert Goethe. "Sie verstand es nicht, sie begriff es nicht." Der Text bedient sich hierauf eines seiner wirkungsvollsten Tricks, dem vorgeblichen Erzählunvermögen: "Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Tränen zu schildern. Sie litt unendlich."

Der Leser glaubt es auf's Wort, und der Leser hat es gut. Er darf diese Zeilen zum Anlass nehmen, sich aufs Schönste, Schrecklichste, Vielschichtigste das Ottilie-Drama vorzustellen – er wird in ein Schauspiel seiner Einbildungskraft verwickelt. Dem Theaterzuschauer droht hier dagegen die große, böse, ermüdende Langeweile. Nicht etwa, weil Romane generell für die Bühne untauglich wären. Auch nicht, weil Theaterschauen weniger Einbildungskraft mobilisiert als Bücherlesen. Natürlich nicht. Aber um seine Leseeinbildungskraft beraubt, erhofft sich der Theaterzuschauer trefflichen Ersatz. Wehe, er bliebe aus.

Doppeln, parallelisieren, spiegeln 

Die Inszenierung von Christoph Roos am Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels sucht ihren Ersatz in einem Dramaturgentrick. Sie veröffentlicht furchtlos, was der Roman in lakonischen Sätzen versteckt. Sie holt ans Licht, was er geschickt zu verbergen weiß. Funktioniert durch Verdoppeln, Spiegeln, Parallelisieren.

Goethes fast 200 Jahre alter Roman berichtet von Charlotte und Eduard, die friedlich auf ihrem Gute leben, bis sie sich entschließen, erst den Freund Eduards, einen Hauptmann, und schließlich auch Ottilie in ihr Ehe-Privatquartier zu holen, was wiederum die eheliche Balance aus der Bahn wirft, weil sich Charlotte in den Hauptmann und Eduard in Ottilie verguckt. Am Ende sind Eduard und Ottilie tot.

Das Buch erzählt die tragische Geschicht' von A bis Z, Christoph Roos von Z nach A. Charlotte und Eduard stürmen streitend auf die kleine Vorbühne, Mittler – bei Goethe eine reine Symbolfigur – unterbricht sie in der Rolle des Zuschauers: Erzählt doch erst mal, was los ist.

Tun sie – und lassen sich selbst als Erinnerungsfiguren auftreten. Sie stehen in ihren braunen Kostümen vorn, und hinter der Glasverandawand stehen sie noch einmal in damaligem Zustande. Charlotte und Eduard Nummer 1 schauen sich also selbst beim Entstehen der Liebschaften zu, unterbrechen das Spiel, kommentieren es, greifen ein, spielen mit. Charlotte und Eduard eben verdoppelt, parallelisiert, gespiegelt. Sie rekonstruieren, was geschah, und geraten sich beim Erinnern ins Gehege.

Rinnnen muss der Dramaturgenschweiß 

Wie gesagt, im Grunde eine schöne Idee. Und wenn Ottilie und Eduard 2 sich auf der Hängematte vor blauem Hintergrundlicht herzen, aus den Boxen Pipilotti Rist "Fall in love" singt, und Eduard 1 das liebende Pärchen umschleicht und selber mittut, während Charlotte 1 die Szenerie von links und Charlotte 2 von rechts beäugt, dann ist's durchaus ein vielschichtig' Spiel.

Allein, man hat die Sache nach schlappen zehn Minuten durchschaut, weiß dann schon, wie alles weitergeht und sieht nur noch den Dramaturgenschweiß, der mit Müh' das Doppel-Spiel von Szene zu Szene schleppt. Manches geht dabei auf, vieles ist bloßer Formalismus.

Und wo Goethe alles Vertrauen in die Symbolkraft seiner Figurenkonstellation setzen konnte, haben sie hier lediglich ihre zupackende, psychologisch ordentliche Spielweise. Das berühmte Gespräch über die Wahlverwandtschaften zum Beispiel. Findet auf zwei großen Kissen statt und ist nichts als bemühte Plauderei, in der die jungen Schauspieler (aus dem Schauspielstudio Dresden der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig) mit den Goethe'schen Sätzen und Worten fremdeln und ohnehin alles immer in einer Sprechtemperatur vortragen, jedenfalls weit von der hohen Kunst der Modulation entfernt sind.

Unterbeschäftigte Köpfe, unerreichte Herzen 

Das macht: behauptete Leidenschaften, aufgesagte Dialoge, klappernde Deutungszusammenhänge. Das Feuerwerk zu Ottiliens Geburtstag als Farbbeutelschlacht, Eduards Verzweiflung als Trommeln gegen die Glasveranda und im Zweifelsfall verschwitztes Brüllen – so schaut hier das Lieben und Leiden aus. Das Zuschauer-Herz bleibt unberührt, der Kopf unterbeschäftigt. Anderthalb Stunden gibt sich die Inszenierung, um hurtig das Geschehen abzuhandeln. Nichts wird entwickelt, alles bleibt aus- und hingestellt.

Bis auf eine Szene. Den Eimer-Tanz. Charlotte und ihr Eduard 2, Ottilie, der Hauptmann tragen blaue Eimer auf den Köpfen, der Graf schleicht im weißen Mantel zwischen ihnen umher – und plötzlich hat die Inszenierung zu einem Bild gefunden. Zu einem dichten, dringlichen Moment. Am Ende aber wird Eduard 2 verkünden, "wir hätten alle glücklich werden können", was in seiner Banalität und Plumpheit eine schallende Ohrfeige für die Komplexitätsbemühungen der Vorlage ist. Und für die ausgetüftelte Dramaturgie dieser von Roos selbst erstellten Adaption auch.

Ottilies schrecklicher Augenblick ist hier übrigens ein stummer, stumpfer Blick. Schultern eingezogen, Augen eingetrübt. Vom unendlichen Leid haben wir gelesen, erlebt, gesehen, erspürt ward's an diesem Abend nicht.

  Die Wahlverwandtschaften
von Johann Wolfgang von Goethe
Spielfassung: Christoph Roos
Regie: Christoph Roos, Bühne und Kostüme: Kerstin Junge, Dramaturgie: Karla Kochta.Mit:Hanka Mark, Thomas Hof, Charlotte Puder, Friedrich Rößiger, Aischa-Lina Löbbert, Steffen Riekers, Florian Beyer.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Lesen Sie hier über Martin Nimz' Inszenierung der "Wahlverwandtschaften" am Schauspiel Frankfurt.

 
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