Die ultimative Flucht

von Friederike Felbeck

Dortmund, 23. August 2015. Alle Zutaten liegen parat: eine Plätscher-Kombo, die einen seichten Musikteppich auslegt, eine gigantische Showtreppe, die die Kandidaten auf die Bühne spült und die obligatorische Sitzecke, in der Stargäste und B-Promis Platz nehmen werden. Ein Warm-Upper buhlt um die Publikumsgunst mit Fußballergebnissen und reißt mal homophobe, mal lokalpatriotische Witze. So grooved der Regisseur Kay Voges seine Zuschauer in die Welt der Fernsehshows ein.

Wir haben uns ja schon längst daran gewöhnt, im Theater fernzusehen auf den vielen herabgelassenen und integrierten Leinwänden, auf die Livecam-Gefilmtes oder Vorproduziertes flattert. Aber was zunächst an Inszenierungen in Oberhausen (Die 54. Stadt) und Dortmund selbst (Stadt der Angst) erinnert, die durch surreale Shows der Wirklichkeit auf den Zahn fühlen, gerät zu einem intelligenten, kurzweiligen wie schmerzhaften Ausflug in die naheliegende Zukunft, wenn alle Schlammschlachten geschlagen und alle Stierhoden verkostet sind: Dann geht es ums Ganze – um Leben und Tod.

Virtuosenspiel auf der Klaviatur des Medien-Bashings

Kay Voges hat das Schauspiel Dortmund in den vergangenen Spielzeiten konsequent in die digitale Moderne gehoben: In seinem Theater 3.0 hat er inzwischen ein durch mehrere gemeinsame Arbeiten erprobtes Team an Filmern, Sound Artists, Designern und Computerspezialisten um sich geschart. Dieses Team spielt in "Die Show" vielhändig virtuos auf der Klaviatur des Medien-Bashings. Dabei gelingt der Aufführung mit charmanter Penetranz aus einer vermeintlichen Parodie die Ur-Angst unserer Tage herauszuschälen – das Opfer bleibt nicht Opfer, sondern bewaffnet sich.

Show 3 560 Fotograf NN uAuf der Flucht: Bäcker Lotz (Sebastian Kuschmann) rennt um sein Leben
© Voxi Bärenklau

Der Plot dieser lose an den Fernsehfilm "Das Millionenspiel" angelehnten Show ist so einfach wie genial: Der Bäcker Bernhard Lotz (Sebastian Kuschmann) riskiert in einer Fernsehshow für eine Million Euro sein Leben und begibt sich in die Hände eines dreiköpfigen Killerkommandos. Ein Psychopath (Björn Gabriel), die russische Ausführung von Uma Thurman (Bettina Lieder) und der Vater aller Security-Dienste (Andreas Beck) piesacken ihn mit Folter und Verfolgungsjagden fünf schlaflose Tage lang bis er am 6. Tag zum Abschuss freigegeben wird.

Live mit dabei die Außenteams von "Die Show" (eine schöne Wortspielerei, die das englische Verb "die" für "töten" als einen harmlosen Artikel ausgibt) und zwei Moderatoren (ein Gebrauchspoet und Schwiegermutters Liebling in der Tradition von Markus Lanz und eine Ulla mit niederländischem Akzent). Ihnen zur Seite stehen eine Psychologin, die Einschaltquoten und Zuschauerreaktionen analysiert, zwei Professoren, Bürger und Bürgerinnen Dortmunds, Stars und Sternchen, die mit ihren CD-Präsentationen und Celebrities-für-Afrika-Unfug die Todesshow auflockern.

Mutti ist Vati auf neu

Dem Abend ist anzumerken, welch unglaublichen Spaß es gemacht haben muss, sich all das auszudenken und szenisch einzukleiden: Die Mutter des Kandidaten Lotz ist eigentlich sein Vater, der nach der Flucht aus der DDR, da seine Frau Eva ihr Leben in den Selbstschussanlagen Honeckers gelassen hat, eine Geschlechtsumwandlung vorgenommen hat. Seine Freundin Candy röhrt ihm zu Ehren das Deutschlandlied und schenkt ihm in seiner letzten Nacht vor laufenden Big-Brother-Nachtsicht-Kameras den finalen Blow-Job.

Show 560 Birgit Hupfeld uSie haben die Haare hübsch: das Moderatorenduo (Julia Schubert, Frank Genser)
© Birgit Hupfeld

In filmischen Rückblenden erzählt "Die Show", wie Lotz – ganz nordischer Typ: kraftvoll, aber bescheiden – eine Kampfhundestaffel, mit Elektroschockern bewaffnete Cross-Motorradfahrer und Guantanamo-taugliche Folter meistert. Im Showdown mischen sich Täter und Opfer unter die Gäste einer Dortmunder Disco. Lotz nimmt eine Geisel, einen prominenten Fußballer des BVB, der im Schusswechsel sein Leben lässt. Da kippt auch die Publikumsempathie: Ein bewaffneter Flüchtling verstößt gegen die Spielregeln und muss ausgewiesen werden.

Keine Angst vor Flüchtlingen

Zwar schafft Lotz es, blutend und versehrt, seiner ganzen Identität beraubt und im Tutu, die Showtreppe hinab in die Arme seiner Vater-Mutter und seiner Geliebten zu wanken, aber die "Die Show" hat noch eine letzte Prüfung in petto: Vor aller Augen und streng überwacht von einem Notar und Waffenexperten (Uwe Rohbeck) tötet er sich selbst, als er aufgefordert wird, Russisches Roulette zu spielen. Die Million geht an das dreiköpfige Killerkommando, die in ihrer Dankesrede versichern: "Solange das Kommando unterwegs ist, braucht Dortmund keine Angst vor Flüchtlingen haben."

"Die Show" von Kay Voges ist üppig, reich an Details und an scharfzüngigem Humor, sie wird ausgezeichnet gespielt und ist gespickt mit den markanten Filmclips von Voxi Bärenklau. Vor allem aber ist sie äußerst unterhaltsam, wenn nur nicht alles so zum Heulen wäre. Und sie verlangt nach dem ultimativen Selbsttest: Ob man zukünftig noch irgendeine Show, sei es von privater oder öffentlicher Hand, im Fernsehen ertragen wird, deren bedenkenloser Konsum selbst eine gefährliche Flucht vor der Wirklichkeit bedeutet. Nicht zuletzt wie hier eine Flucht vor der realen Flüchtlings-Wirklichkeit. Wo Zuschauer sich der Show verweigern, liegt die Wurzel der Veränderung.

 

Die Show. Ein Millionenspiel um Leben und Tod
von Kay Voges, Anne-Kathrin Schulz und Alexander Kerlin
frei nach Wolfgang Menge und Tom Toelle 
Regie: Kay Voges, Director of Photography: Volker "Voxi" Bärenklau, Bühne und Set-Design: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostümbild: Mona Ulrich, Komposition und Musikalische Leitung: Tommy Finke, Editing: Mario Simon, Lichtdesign: Volker "Voxi" Bärenklau, Licht: Sibylle Stuck, Ton (Filmset und Bühne): Gertfried Lammersdorf, Executive Producer: Mirjam Beck, Produktionsleitung: Annika Maria Maier, Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz, Alexander Kerlin.
Mit: Andreas Beck, Björn Gabriel, Frank Genser, Sebastian Graf, Ekkehard Freye, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Eva Verena Müller, Peer Oscar Musinowski, Uwe Rohbeck, Wiebke Rüter, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, u.a.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

"Fernsehen, wie es uns hier, im Theater, als Fantasie von vorgestern vorgeführt wird, ist längst so unerhört von hier und heute, das keine kritische Distanz mehr denkbar ist", bemerkt Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur (24.8.2015). "Einmal immerhin wird sie formuliert: im Kritiker-Gespräch, das aber auch nur Teil der Show ist und letztlich nichts als eine Werbe-Plattform für die Kritiker." Das sei ebenso schnell vergessen wie jeder andere, überaus wünschenswerte kritische Ansatz: "Das Theater hat sich hier ganz dem Charme der televisionären Müll-Produktion ergeben."

Ein "intelligenter und beklemmender Abend", findet hingegen Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (24.8.2015). Im Laufe der drei Stunden würden etwa immer mehr Anspielungen auf die Lage von Flüchtlingen eingestreut. "Das wirkt manchmal zwar etwas angestrengt pädagogisch, bekommt aber auch geradezu metaphorische Bedeutung. Denn an der lustvollen Selbstbetäubung des saturierten Europas im Angesicht der Dramen vor den Grenzen haben sicher auch die degenerierten Fernsehshows von heute ihren Anteil."

Auch Ralf Stiftel vom Westfälischen Anzeiger (25.8.2015) ist beeindruckt: "Voges und sein Team in ihrer monumentalen Produktion das ein, was Toelle und Menge noch nicht ahnen konnten. Die ganze Entertainment-Klaviatur findet sich in prägnanten Beispielen." Unheimlich realistisch wirke die Aufführung, eine Mediensatire, die deutlich unterhaltsamer sei als die Vorlagen. "Und sie legt dabei auch noch das unausgesprochene Programm der Shows frei, unaufdringlich, ohne in den Zeigegestus zu verfallen: Kommerz, Egoismus, Menschenverachtung, Nationalgefühl."

Weniger angetan ist Arnold Hohmann auf dem WAZ-Onlineportal derwesten.de. Interessanter als die bekannte Geschichte findet er den ungemeinen Aufwand, den Voges mit dieser Produktion treibt. Beim Publikum sei der Abend gut angekommen, am Ende regiere "die pure Begeisterung im Angesicht des Schreckens. Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig unter."

Kai-Uwe Brinkmann schreibt auf RuhrNachrichten.de (24.8.2015), es nötige Respekt ab, "wie Kay Voges und Kollegen das Miteinander aller Gewerke am Schauspielhaus Dortmund zur Meisterschaft entwickelt haben". Die Inszenierung sei ein "logistischer Kraftakt", sie fackele ein Feuerwerk an Ideen ab. "Böse, treffend, schallend komisch." Das Stück ein "höhnischer Frontalangriff" auf die Mechanismen "quotengeilen Sensations-Fernsehens". So sehe es aus, wenn Unterhaltung "auf den Hund kommt". Dass "mancher Ulk überflüssig" sei, trübe nicht die Freude.

 

Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig

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ublikum jedenfalls funktioniert der lange Abend bombig, man klatscht auf Kommando und schwenkt die Glühfäden, am Ende regiert die pure Begeisterung im Angesicht des Schreckens. Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig

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Beim Publikum jedenfalls funktioniert der lange Abend bombig, man klatscht auf Kommando und schwenkt die Glühfäden, am Ende regiert die pure Begeisterung im Angesicht des Schreckens. Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig unter.

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Beim Publikum jedenfalls funktioniert der lange Abend bombig, man klatscht auf Kommando und schwenkt die Glühfäden, am Ende regiert die pure Begeisterung im Angesicht des Schreckens. Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig unter.

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