Im Erinnerungsspeicher

von Falk Schreiber

Hamburg, 27. August 2015. Die Geschichte hätte auch anders verlaufen können. Dann würde man eine junge Frau im Nachkriegsparis sehen, sie scherzt, sie ist auf reizende Weise exaltiert, sie trinkt. Sie flirtet mit einem Mann am Nebentisch. Der ist Verleger, sie erzählt ihm von ihrem Tagebuch, das sie als 13-Jährige geschrieben hat: Wie sie sich als Jüdin im von den Nazis besetzten Amsterdam jahrelang auf einem Dachboden in der Prinsengracht versteckte, gemeinsam mit ihrer Familie und weiteren Verfolgten. Die Geschichte hätte anders verlaufen können, sicher.

Es ist eine geschickte Entscheidung, dass Leon de Winter und Jessica Durlacher in ihrer Dramatisierung von Anne Franks Tagebuchs diesen Aspekt ins Zentrum gestellt haben: Das Mädchen Anne träumte sich auch in ihrem echten Tagebuch aus den beengten Verhältnissen ihres Fluchtorts in ein friedliches Paris, als junge, lebenslustige Frau, die gerade ihr Talent zum Schreiben entdeckt. Indem diese Traumsequenzen die schonungslose Handlung rahmen, erhält das Stück die Gelegenheit, einen Hoffnungsschimmer zu skizzieren, gar ein paar humorvolle Szenen, die sich aus der Enge und der fehlenden Intimsphäre der unterschiedlichen Charaktere ergeben. Und auch wenn die deutschsprachige Erstaufführung von "Anne" im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater diesen Kunstgriff streckenweise arg ausreizt und manchmal gefährlich in Richtung Typenkomödie kippt: Alles in allem funktioniert die Inszenierung Yves Jansens.

Keine allzu lauten Töne

Die Uraufführung von "Anne"  vor eineinhalb Jahren in Amsterdam wurde teilweise heftig kritisiert, unter anderem vom Leiter des Anne-Frank-Hauses Ronald Leopold. Allerdings weniger als Theater, sondern als Event: Die Realisierung nach Musical-Erfolgsrezepten, mit eigens gebautem Riesentheater im Amsterdamer Holzhafen und buchbaren Pauschalarrangements inklusive Champagnerbewirtung, sowie eine Uraufführung mit Promi-Publikum bis hin zu König Willem-Alexander seien der Tragik des Sujets nicht angemessen. Vorwürfe, die man dem Ernst-Deutsch-Theater nicht machen kann: Das größte Privattheater der Bundesrepublik legt Wert darauf, als seriöse Schauspielbühne ernst genommen zu werden, und verzichtet demonstrativ auf übertriebenen Glamour und allzu laute Töne. Hier werden Themen verhandelt, kein billiges Entertainment abgespult.

Anne2 280 c Oliver Fantitsch xKristin Suckow als Anne Frank @ Oliver FantitschUnd so sieht auch die Inszenierung von "Anne" aus: Regisseur Jansen hält sich brav an de Winters/Durlachers Text, springt gekonnt zwischen den Passagen auf dem Dachboden und den Traumsequenzen im Pariser Straßencafé, nutzt die Drehbühne für die (seltenen) Szenenwechsel. Peter Schmidts Bühne derweil zeigt fast ausschließlich den Speicher in der Prinsengracht (unterbrochen von kurzen Szenen in der Frank'schen Wohnung und im imaginierten Paris). Der Speicher bekommt dabei eine doppelte Bedeutung: Einerseits ist er der naturalistisch dargestellte Zufluchtsort der verfolgten Familien, andererseits aber ist er auch der Ort, an dem die Handlung überhaupt erst geschrieben wird, ein Erinnerungsspeicher – eine poetologische Deutung, die bei de Winter und Durlacher das Stück trägt.

Die Intendantin als Dienerin, der Regisseur als Handwerker

Dass der Abend sich im letzten Drittel ein wenig in der eigenen Konstruktion verheddert, dass die komödiantischen Momente einen Dreh ins Zynische bekommen, weil man ja weiß, dass die Geschichte nicht in Paris endet, sondern in Bergen-Belsen, dafür kann Jansen nichts, das ist das Problem der Vorlage, und der Regisseur ist in dem hier gelebten Theaterverständnis mehr ausführender Handwerker als eigenständiger Künstler. Sein Handwerk aber versteht Jansen.

Insbesondere in Bezug auf die Schauspieler. Praktisch das gesamte Ensemble ist atemberaubend gut, allen voran Kristin Suckow in der Titelrolle. Die Schauspielerin ist 26, spielt aber Anne voll fiebrigem Engagement mit all den Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Unsicherheiten, die man mit einer frühpubertären 13-Jährigen verbindet. Und nicht nur Suckow ist eine Sensation, auch Jens Wawrczeck als pedantischer Dachbodengenosse Pfeffer und Frank Jordan als Vater haben große Momente. Die ambitionslose aber sensible Schauspielerführung schafft es sogar, eine raumgreifende Solospielerin wie Isabella Vértes-Schütter als Mutter ins Ensemble zu integrieren. An keiner Stelle lässt Vértes-Schütter durchblicken, dass sie eigentlich Intendantin des Hauses ist, immer stellt sie sich in den Dienst des Stücks.

Nur, dass das Stück diese Unterordnung vielleicht gar nicht unbedingt verdient hätte. So geschickt es gebaut ist, viel Neues fügt es dem realen Tagebuch sowie den längst existierenden, wenn auch nicht so aufwändig präsentierten Dramatisierungen nämlich nicht zu.

 

Anne
von Leon de Winter und Jessica Durlacher
Deutschsprachige Erstaufführung
Aus dem Niederländischen von Martin Michael Driessen
Regie: Yves Jansen, Ausstattung: Peter Schmidt, Dramaturgie: Stefan Kroner.
Mit: Christina Arndt, Sina Maria Gerhardt, Steffen Gräbner, Frank Jordan, Jessica Kosmalla, Pascal Pawlowski, Isabella Vértes-Schütter, Kristin Suckow, Oliver Warsitz, Jens Wawrczeck, Meo Wulf, Lena Mosczynski, Bruno Bachem, Jan-Hendrik Wagner, Mischa Warken.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.ernst-deutsch-theater.de

 

Mehr zu Anne: ein Gespräch auf Deutschlandradio (15.9.2015) mit der Schauspielerin und Prinzipalin des Ernst Deutsch Theaters in Hamburg Isabella Vertes-Schütter.

 

Kritikenrundschau

Eine "mutige Inszenierung, die der sensiblen Vorlage (…) gerecht wird", hat Jan Ehlert gesehen und befindet im NDR (28.8.2015): "Besonders Jessica Kosmalla gefällt (...) als mal herablassende, mal hysterische Auguste van Pels. Und Kristin Suckow als Anne überzeugt in der Rolle des Mädchens, das sich trotz allem ihren Lebensmut nicht nehmen lassen will." Allerdings liegt Ehlert zuviel Betonung auf den komischen Situationen – zumindest im ersten Teil: "Die Enge, die Angst, die Einsamkeit, die Anne Frank ebenfalls in ihrem Tagebuch schildert, werden hier kaum spürbar." Nach der Pause kippe aber die Stimmung, "und das Lachen bleibt zunehmend im Halse stecken."

Anne habe in Kristin Suckow ihre ideale Darstellerin gefunden, jubelt Stefan Grund in der Welt (29.8.2015). Ein "starkes, gleichwertig besetztes Ensemble" trage ihre herausragende Leistung durch "konzentrierte zweieinhalb Stunden". Regisseur Yves Jansen nehme sich die Zeit, die quälende Routine des Lebens im Untergrund "fühlbar, fassbar zu machen" und erzeuge so einen "Strudel der Gefühle, der den Zuschauer mit sich reißt".

"Yves Jansens Fokus (und der des Stückes) liegt weniger auf der Todesangst als vielmehr auf dem Bemühen, trotz der Verhältnisse einen Alltag und eine Würde zu bewahren", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (29.8.2015). Fast wirke es, "als sei das alles (…) ein Spiel". Die "tolle, energiesprühende junge Darstellerin Kristin Suckow" spiele Anne "fast schon als eine Art Pippi-Langstrumpf-Charakter, (...) altklug, aufmüpfig, sehr reif und dabei doch rührend naiv". Überhaupt seien die Darsteller ein "unbedingtes Plus" der Inszenierung, so Schiller. "Dass es manche Redundanz gibt, ist eine kleine Schwäche; schwerer wiegt, dass der grundsätzliche Schrecken – der Krieg, die ständige Bedrohung – nicht stärker in den Vordergrund tritt."

 
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