Ein – – – was???

von Wolfgang Behrens

1. September 2015. Immer mal wieder kocht es hoch. Immer mal wieder erregt sich jemand darüber, dass es auf nachtkritik.de Kommentare von Menschen zu lesen gibt, die anonym bleiben. Für manche ist die Anonymität sogar der Wesenskern von nachtkritik.de – erst in der letzten Woche etwa konnte man in einem Berliner Stadtmagazin nachlesen, nachtkritik.de sei ein "Portal, auf dem anonyme Schreiber gerne alles Mögliche und Unmögliche mutmaßen."

Der Minetti-Test

Ich frage mich oft, was eigentlich gewonnen wäre, wenn ein Kommentar z.B. nicht mit "Elsas Tante", sondern mit dem (wie auch immer verbürgten) Klarnamen Sabina Flücki gezeichnet wäre. Wüsste man dann Bescheid?

kolumne wolfgangAls ich noch ein Zuschauer war, habe ich einmal, was Klarnamen betrifft, eine eindrückliche Lektion erhalten. Der große Bernhard Minetti lebte damals noch, und sogar das Berliner Schiller Theater war noch ein Theater und kein Opernasyl. Der Dramatiker Peter Turrini hatte sich dort eines Vormittags zu einem Foyergespräch eingefunden, eine Kommilitonin und ich saßen unter den Zuhörer*innen, der etwa 85-jährige Bernhard Minetti ebenfalls. Meine Kommilitonin, die auch ab und an beim Abenddienst des Theaters aushalf, stellte im Verlauf der Veranstaltung aus dem Publikum heraus eine Frage. Turrini stand Antwort, und kurze Zeit später war das Gespräch auch schon zu Ende.

Plötzlich aber bewegte sich der greise Minetti zielstrebig auf uns zu – helle Aufregung bei uns! – und richtete das Wort an meine Kommilitonin. Mit seiner unverwechselbaren Diktion, die irgendwo ganz tief aus dem Rachen geisterhaft mümmelnde Laute hervorholte, während es in seinem Gesicht fortwährend mahlend arbeitete (wer's nie gehört hat, der bitte Ulrich Matthes um eine Kostprobe – er hat einmal den zweiten Preis in einem Bernhard-Minetti-Imitationswettbewerb gewonnen), sagte er: "Ihre Frage hat mir sehr gefallen. Sie hat den Kern berührt." Oder so etwas Ähnliches. Und setzte schließlich hinzu: "Mit wem habe ich das Vergnügen?"

Was die nachtkritik.de-Kommentator*innen umtreibt

"Sabina Flücki" (Name vom Kolumnisten geändert), antwortete meine Kommilitonin bescheiden. Minettis Reaktion war verblüffend. Seine Augen verengten sich kurz, dann riss er sie weit auf. Sein ganzes Mienenspiel drückte Unverständnis aus, er überlegte offenbar, was er da gerade gehört hatte. Nach ein paar Schrecksekunden entrangen sich seiner Grabeskehle zwei entsetzte Worte: "Ein – – – was???"

Was hätte meine arme Kommilitonin sagen sollen? Sie war halt nur eine Sabina Flücki. Keine Dramaturgin, keine Autorin, keine Regisseurin, nicht einmal eine Hospitantin. Sollte sie zugeben, dass sie manchmal an der Garderobe arbeitete? Sabinas Name jedenfalls war dem guten Minetti völlig schnurz. Nicht mit wem er das Vergnügen hatte, wollte er wissen, sondern mit was! Sage mir Deine Funktion, und ich sage Dir, ob ich weiter mit Dir rede.

"Ein – – – was???" Es ist, so glaube ich, fast immer diese Frage, die diejenigen umtreibt, die die nachtkritik.de-Kommentator*innen aus der Anonymität reißen wollen. Auch ihnen ist Sabina Flücki komplett egal, wie es ihnen auch nicht helfen würde, wenn sie wüssten, wie z.B. "Inga" wirklich heißt (ich weiß es übrigens, und es bringt mir nichts). Sie wollen vielmehr wissen, ob es sich lohnt, die Argumente in den Kommentaren zur Kenntnis zu nehmen. Sollten die Argumente aber von einer "namenlosen" Zuschauerin oder einem Hospitanten stammen, dann kann man sie getrost vergessen. Denn in erster Linie geht es natürlich nicht um die Sache, sondern darum, unter seinesgleichen zu bleiben. Und dabei kann ein anonymes Forum schon mal massiv stören.

behrens2 kleinWolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 80er und 90er.


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nachtkritik-Kolumnen hier. Zuletzt schrieb Wolfgang Behrens dort über die Fallen des Sommertheaters und den grenzenlosen Masochismus des Publikums.

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Klarnamen: aufschlussreiche KunstnamenHans Zisch 2015-09-01 11:04
Vollkommen zutreffende und smarte Argumentation, Herr Behrens. Danke dafür!

In der Tat gibt es die Gefahr der Mutmaßung in Debatten. Aber das ist in personalisierten/physischen Debatten nicht anders. Es ist dann an dem beteiligten Publikum daran, dem ggf. entgegenzutreten. (Genau das ist hier zu beobachten.) Dass hier ein - unter den Diskutanten- hierarchiefreier Diskurs möglich ist, ist formidabel.

Dass hinter manchem Alias der eine oder andere Theatermitarbeiter (jedweder Hierarchieebene) oder Kritiker oder Angehöriger oder Geldgeber steckt, ist weder überraschend, noch Geheimnis, noch ein Problem. Ihre Argumente zählen genauso wie die der "Außenstehenden" (wenn man diese Unterscheidung aufmachen möchte).

Es ist generisch bei digitalen Plattformen nicht zu verhindern, dass anonym gepostet wird. Das ist kein Spezifikum von nachtkritik, sondern internettypisch. (Es sei denn, nk führt Personalausweiskontrollen ein.) Und wer garantiert, dass es nicht noch einen Heiner Müller irgendwo lebend gibt? Das führt uns also alles nicht weiter.

Nebenargument: Die Kunstnamen, die manche hier finden (ich denke an, zum Beispiel: Moby Tüller, Parzivals Schwester, usw.) sind oft genug aufschlussreich, anregend und/oder unterhaltsam.
#2 Kolumne Klarnamen: GeschäftsgeheimnisStritter 2015-09-01 11:14
Das einzige, was Sie, verehrter Wolfgang Behrens, oder wie immer Sie wirklich verbürgt heißen oder einwas immer sie wirklich verbürgt sind, ist: Dass es hingegen einiges brächte, wenn man wüsste, ob "Inga" eben nur "Inga" und "martin.baucks" - der echte oder der behauptete halt, eben n u r "martin baucks", wäre. Oder wer wie viele Kommentartorenstimmen gleichzeitig unter anderem Namen firmierend sich unter einem Autor vereinen??? Das aber ist das Geschäftsgeheimnis von nk. Und ich könnte wirklich verstehen, dass es jemandem in Wirklichkeit darum gehen kann, wenn er gegen das Anonymisierungsverfahren bei nk anschreibt. Wieso gehen SIE, der behauptete Wolfgang Behrens, so felsenfest davon aus, dass es lediglich darum ginge, mit höchstmöglicher Sicherheit unter "seinesgleichen" bleiben zu wollen??? DAS interessierte mich!!! Sehr. Von IHNEN zu hören. Geben sie aber acht, wenn Sie darauf antworten möchten, dass es nicht ein anderes einwas tut und dafür einfach nur Ihren guten Namen benutzt!! Das könnte dasjenige konkrete Einwas, das sich bisher unter Ihrem Namen für Ihren guten Namen mitsamt seiner ganzen über Geschlechter reichenden Familien-Historie verbürgte, ziemlich aus dem Geleise bringen... Bitte versuchen Sie, darüber einmal in Ruhe mit Ihren Kollegen nachzudenken und dabei gleichzeitig Ihren Puls auf gesund zu halten. Sie wären wenigstens unter Ihresgleichen. Da könnte das besser gelingen, als wären Sie allein damit. Insofern riskiere ich, Ihnen diesen Vorschlag zu unterbreiten.

(Liebe/r Stritter, zu Ihrer Information: Bei bekannten Klarnamen bitten wir die entsprechenden Personen schon seit längerem darum, uns zu bestätigen, dass sie es waren – um Klarnamen-Missbrauch zu verhindern. Mit freundlichem Gruß, die Redaktion)
#3 Kolumne Klarnamen: ein MenschStritter 2015-09-01 12:13
Das nehme ich gern zur Kenntnis, liebe Redaktion. Warum aber nicht bei "unbekannten" Klarnamen das gleiche? Wer oder was definiert für Sie genau "Bekanntheit"? Ich könnte zum Beispiel in anderen als Theater-Kritik-Zusammenhängen doch bekannt sein und diese Zusammenhänge über meine Präsens für Theater-Kritik-Zusammenhänge nur aufgrund meines Bekanntheitsgrades dort, interessieren? Es wäre, da sie dann meinen Klarnamen, als in Ihren Zusammenhängen unbekannten, nicht bestätigt haben wollten, möglich, dass jemand meine Person unter Verwendung meines Klarnamens bei Ihnen missbrauchte. Leichter möglich, als Missbrauch von in Ihren Zusammenhängen bekannten Personen... Wie geht dieses Bitten um Bestätigung vonstatten, damit Missbrauch in der Tat bei bekannten Personen verhindert wird? Sind Sie vollkommen sicher, dass Sie es mit der von Ihnen konkret angewandten Methode verhindern?? Und wie stellen Sie sicher, dass der Missbrauch gar nicht über nk, sondern über ein anderes Medium stattfindet??? - Was ich gern noch dem Wolfgang Behrens sage: Das ist wirklich eine schöne Anekdote, die Sie da erzählen. Und als ich das las, dachte ich: Wie unglaublich schade, dass der Herr Behrens damals seiner über die facharrogante Anmaßung völlig verständlich verdatterten Kommilitonin nicht so schlagfertig beispringen konnte, wie es probenverwöhnte Schauspieler im besten Ensemble/Mitspieler-Fall gewöhnt sind: "Ein Mensch, Herr Minetti, ein Mensch."

(Liebe/r Stritter, zugegeben, die Praxis der Klarnamen-Rückfrage ist lückenhaft. Es ist schlicht so, dass wir, wenn wir die Namen selbst nicht kennen, auch nicht zurückfragen können. Die Praxis selbst geht oft über uns bekannte Email-Adressen oder die Pressestellen der Theater. Mit freundlichem Gruß, die Red.)
#4 Kolumne Klarnamen: vor dem Spiegelalias »Wolfgang Behrens« 2015-09-01 12:40
Ich finde Augenhöhe extrem wichtig. Man sollte vor dem Spiegel damit beginnen.

(Anm. der Redaktion: Die Klarnamen-Rückfrage ergab, dass es sich bei diesem "Wolfgang Behrens" nicht um unseren Redakteur und Kolumnisten handelt.)
#5 Kolumne Klarnamen: richtigThorsten Weckherlin 2015-09-01 13:09
Gute Kolumne. Gern gelesen. Inhaltlich genau richtig.
Grüsse
Thorsten Weckherlin
#6 Kolumne Klarnamen: Glaubwürdigkeits-ProblemStritter 2015-09-01 13:28
Entschuldigung, sehr geehrter Herr Behrens, es geht heute etwas häppchenweise von meiner Seite, weil der Mensch ja zwischendurch auch für Erwerb arbeiten muss: bitte denken Sie doch auch einmal darüber nach, ob es möglich sein könnte, dass es Ihnen möglicherweise sehr wohl doch hilft zu wissen, wer in Wirklichkeit "Inga" sei. Und zwar konkret zumindest in dem Fall, dass Sie sozusagen mit Negativ-Beleg, also mit innerer Gewissheit, öffentlich behaupten können, dass es Ihnen n i c h t helfen würde und mit dieser persönlichen Erfahrung für die Beibehaltung der Anonymisierungsmethodik bei nk sich stark machen. - Bitte missverstehen Sie mich nicht in dieser Sache: ich habe nichts gegen diese Methodik als Internet-Verständigungskrücke! Dazu kenne ich die Bedeutung des Internets und der Sozialen Netzwerke innerhalb der zeitgenössischen Kommunikation mit ihren Vor- und Nachteilen zu gut. Das heißt, selbstverständlich nicht genau genug. Aber vielleicht interdisziplinär genauer als andere. Ich habe nur etwas dagegen, dass sie offenbar von nk selbst nicht als Verständigungs-Krücke, lediglich Hilfsmittel für eine besser und wirkungsvoller geführte Debatte gesehen wird. Als etwas, über das man in der Sache hinauskommen muss, wenn man es mit der Entwicklung einer Sache, sei sie kulturpolitisch oder künstlerisch, ernst meint. Und ich sehe immer weniger Bedürfnis bei nk, in ihrer erklärt ureigendsten Sache über sich selbst hinauskommen zu wollen. Das finde ich überaus bedauerlich. Da bekomme ich ein Glaubwürdigkeitsproblem mit der Redaktion, wenn ich zu keiner anderen Sicht von wem oder wodurch immer, verannlasst werde. Von dem ich weiß, dass mich das Portal dann mittelfristig langweilen wird. Ich möchte es nur rechtzeitig mitteilen. Soviel Unsresgleichen empfinde ich da bei allem Klar-Personen-Fraglichen schon, dass mir das die Mitteilung wert ist. Ein Publikum im Theater bliebe da ohne Kommentar einfach weg-
#7 Kolumne Klarnamen: sich selbst genügenStritter 2015-09-01 15:37
Liebe Redaktion, danke für die Antwort unter Nr. 3. Sie würde allerdings logisch die Tatsache beinhalten, dass Sie sich ausnahmslos in Ihrem eigenen Fachbereich über Klarnamen kundig machten. Und damit selbst dafür sorgten, dass Sie unter Ihresgleichen bleiben! Das wäre dann unberührt von der hochwahrscheinlichen Tatsache, dass Sie sich diese fachübergreifende Prüfung personell nicht leisten könnten offenbar, Ihr ursächliches Interesse dann: Unter sich zu bleiben und Ihre angestoßenen Debatten gar nicht expandieren lassen zu wollen, weiter hinein in die Gesellschaft. Der nächste Schluss wäre mithin, dass es gar keine wirklichen kultur-politischen Debatten wären, die sie führten! Weil Sie sich im Reden selbst genügten. Und damit am Handeln in der wie immer beschaffenen Polis gar nicht interessiert sind/sein können. Ich gebe zu: die Logik kann eine grausame philosophische Disziplin sein. Vor allem, weil Fortschritte in einer aktuellen Ästhetik und Ethik ohne diese eben auch nicht zu haben sind und wenn sich diese Disziplinen da noch so sehr fürchten und kringeln und sie am liebsten in die Metaphysik als in aufgeklärten Zeiten Verbannungswürdigste der philosophischen Disziplinen rufschädigend verbannen würden...
Und auch zu # 4 lässt sich also sagen: Was gibt Ihnen konkret die Sicherheit, dass Sie sich vor einem Spiegel befinden, wenn Sie sich vor einem Spiegel meinen zu befinden?? Was genau - und ich weiß schon in Kenntnis von umgangsverabredeter sprachlicher Bedeutung, was Sie meinen! - wenn Sie den Begriff auf seinen Wahrheitsgehalt befragen, ist "Augenhöhe" in kommunikativen Zusammenhängen?
Und nicht zuletzt #1:
Ja, das finde ich auch, das ist oft unterhaltsam und ein ungeheuer phantasieanregendes Element, diese Kommentatorennamen als Erfindungen! Und das weiter Schöne: sie sind es mit den dazugehörenden Kommentaren UND zusätzlich unabhängig von ihnen! Sie sind auf diese Weise ein eigenständiger, verdichteter Zeit-Kommentar! Das trifft auch auf alle anderen Kommentar-Listen in Foren und Online-Medien und auch auf den Gebrauch der Sozialen Netzwerke in der Digitalen Telefonie zu. Ich spüre allerdings einen zunehmend verzweifelten Humor, einen anstrengend nominativ festgehaltenen, hier wie in anderen Kommentar-Sammlungen...
#8 Kolumne Klarnamen: Ich bin da ganz bei Minettigretelwalfisch 2015-09-01 19:52
Das ist eine wunderbare Geschichte! Ein Flück! - In der Sache scheinen sich hier ja alle einig zu sein: dass es nämlich reine Menschen gäbe, rein von Geltungsdrang, und nur diese reinen Menschen hätten auch reine Meinungen, die zu lesen sich lohnen würde. Herr Behrens, Sie meinen, die, die immer nach Klarnamen schreien, seien die, denen es um Rang und Namen, ergo nicht um das Wahre geht- weshalb die Anonymität der Reinheit des Forums dient. "Stritter" befürchtet hingegen, dass sich falsche Fuffziger/Castörfer oder Jellinker einschleichen könnten- und kämpft gegen die Anonymität, aber unter derselben Flagge der Reinheit.

Ich denke da ganz anders. Wer nicht ganz wild auf Anerkennung ist, wer sich nicht wichtig machen will, wen es nicht drängt, dass etwas gilt, was er oder sie hier schreibt, dessen Meinung interessiert mich nicht. Weiß der Kuckuck, was den geritten hat, hier überhaupt seinen Senf dazuzugeben. Ich bin da ganz bei Minetti, (herrlich wie vital der da noch gewesen sein muss! Brecht hätte das gefallen!)- ich möchte nicht zu Leuten reden, die NUR(!) Flückis sind (gegen "Flücki" ist ja nichts zu sagen, das "nur" ist das Problem. Was hätte sie sagen sollen? fragen Sie, Herr Behrens. Aber das wissen Sie doch, als Mann, der sich auskennt, auch wenn Sie sich hier über diese Regeln lustig machen: Sie hätte mit ihrer Ambition antworten sollen: "Ich plane das Theater wie es heute ist, zu revolutionieren! Schön dass Ihnen gefallen hat, was ich gesagt habe! Mein Name ist Flücki und Sie werden noch viel von mir hören." So oder so ähnlich. Und dann hätte Minetti vielleicht gesagt "Kommen Sie doch morgen in meine Garderobe und zeigen Sie mir, was sie geschrieben haben"- so odersoähnlich. Auf einen meiner Kommentare hat einmal einer geantwortet, das sei kompletter Schwachsinn, und außerdem „gretelwalfisch“, wer sei das überhaupt, wer stecke da dahinter? Da war ich gleich sehr zufrieden, dachte mir: ich habe offenbar gut gebrüllt, der Mann hält mich für einen Löwen. Die Anonymität schätze ich, nicht weil jeder gleich viel gilt, auch wenn er nur ein Flücki ist, sondern im Gegnteil weil ich hinter jedem Pseudonym einen Minetti vermuten kann. Weil alle sehr viel wichtiger sein könnten, als sie es vielleicht im realen Leben sind- und dadurch, und beglaubigt durch die Kritiker, die über jeder Diskussion mit ihrem Klarnamentext und Foto prangen, hat NT tatsächlich einen enormen Einfluss in der Theaterwelt.

Menschen sind Schimpansen. Sie rotten sich zu Gruppen zusammen, in denen sie in jedem Moment um Anerkennung kämpfen, ums Dazugehören, und um ihren Status in der Gruppe. Was diese bestimmte Gruppe macht, ihr Projekt, seis Kunst, seis Fußball, seis eine Schirmfabrik- kann viele Gründe haben, sich auf verschiedenste Art als "Sinn" darstellen, aber der Antrieb der Einzelnen, die Kraft, kommt aus der Gier nach Anerkennung und dem Wunsch nach Status. "Reine Kunst" - ohne Wunsch nach ERfolg, nach Sieg über die Konkurrenz, nach Lob von "wichtigen Leuten"? Das ist so wie zu sagen: "Reine Liebe hat mit Sex nichts zu tun". Liebe wird aus Sex wie Brot aus Mehl. Tolles Theater kommt aus der Gier zu gefallen, besser zu sein als die Konkurrenz, bewundert und geliebt zu werden- und während man darum kämpft, in der Gunst der gerade herrschenden Götter aufzusteigen, wird immer mitverhandelt was die Kriterien sind, nach denen man bewertet wird, was "the state of the art" ist, der sich in diesem ständigen Konkurrenzkampf ständig wandelt. Das ist nicht rein- und seit ich nicht mehr so jung bin wie das Flück, finde ich- das ist auch gut so.
#9 Kolumne Klarnamen: interessantes ArgumentWolfgang Behrens 2015-09-01 20:48
Liebe*r gretelwalfisch,

Hinter jedem Pseudonym könnte ein Minetti stecken! Das ist eines der interessantesten Argumente für Anonymität, die ich bisher gehört habe. Und sogar eines, das ich zum ersten Mal höre. Danke dafür!

ps Ich wüsste nur zu gerne, wer sich hinter gretelwalfisch verbirgt … Marianne Hoppe?
#10 Kolumne Klarnamen: keine +/- Funktionen mehrSCHADE 2015-09-01 22:29
Super Kommentar. Ich haben Nachtkritik immer als eine Art forlaufendes Publikums-Gespräch nach der Aufführung gesehen, oder als eine Meute Theater-Nerds die sich in absurde Fach-Debatten stürzen. Nur mit dem Vorteil, dass man eben nur die Argumente hat, und nicht die Pickel, Hornbrillen, Schweissgesichter, Steckfrisuren etc. mitinterpretiert - und wie Herr Behrens richtig sagt, wo Namen, Prominemzen und und Nicht-Prominenzen keine Rolle spielen beim Argumentieren.

Ich finde es auch gut, dass es keine + / - Funktionen mehr gibt. Das mildert die Arena-Athmosphäre.
#11 Kolumne Klarnamen: bemühte ArgumentationGottfried Fischborn 2015-09-02 01:20
Die Argumente für anonyme Äußerungsmöglichkeit finde ich, offen gesagt, sehr angestrengt bemüht, Fragwürdiges zu rechtfertigen. Ist die MEinung altmodisch, auch im digitalen ZEitalter solle man mit seinem (hoffentlich) guten NAmen einstehen für das, was man sagen will? Die social media zeigen, wohin die gegenteilige Praxis auch hinführen kann.
#12 Kolumne Klarnamen: hätte ich lieber nicht gewusstgretelwalfisch 2015-09-02 04:24
Marianne Hoppe? Klingt meine Stimme so, als käm sie aus dem Grab? Noch lange nicht! (Obwohl- eigentlich eine schöne Vorstellung, dass hier das eine oder andere Gespenst sich zu Wort melden könnte, um auch von drüben aus noch im Spiel zu bleiben)

Eine kleine Beschwerde: das mit Inga hätte ich lieber nicht gewusst. Zumindest hätten Sie eine Spoilerwarnung davor setzen können. Ich habe lange vermutet, dass Inga eine Kunstfigur sei, entweder von einem Mann geschaffen, oder von einer Autorin oder einem Autor, der oder die das Forum als Sparringpartner für seine Figur nutzen wollte, um sie so weiterzuentwickeln. (Allerdings kam es mir schon ganz schön lang vor, ich dachte es müsse doch bald einmal ein "coming out" der Figur Inga in einem Stück oder einem Roman geben).Weil Ihnen die Frage mit der Kunstfigur sicher auch durch den Kopf gegangen ist, es Ihnen aber nichts bringt, Ingas echten Namen zu kennen, kann es weder ein Männername noch ein Autorenname sein- denn dann wäre die Frage ja beantwortet. Inga ist also "einfach ein Mensch"? Parbleu! das hätte ich lieber nicht gewusst.
#13 Kolumne Klarnamen: Revolution verschobenStritter 2015-09-02 09:50
@gretelwalfisch: Das hat er ja damit nun auch wieder nicht gesagt, dass "Inga" ein Mensch ist und nicht nur eine Sparringpartnerfigur mit dem Zeug zum Menschen.
Und ich habe eben NICHT gesagt, dass ich prinzipiell gegen die Anonymität hier bin, sondern gegen die Art wie sie bisher immer verteidigt und begründet wurde! Immerhin gerät in dieser Sache ja gerade Leben in die Bude!! Sie schreiben sehr schön und gelassen über die eitlen Anteile unserer Antriebe. Und doch differenzieren die sich unterschiedlich bei verschiedenen Menschen durch deren Prägungen: Ein Minetti, und selbstverständlich war das unglaublich vital von ihm !, der mich, also mein Flück-Ich, in seine Garderobe einlädt, weil ich ihm sage, dass ich - ab Montag früh - das Theater revolutionieren will und im übrigen Ernie heiße, hätte mein Interesse, mit ihm über meine Pläne zu reden im Moment von 100 auf Null gefahren! Das hat ja mit Reinheit oder Unreinheit nichts zu tun! Vielleicht hätte er mich ja sogar gelobt usw., alles, was man ja so gerne eben auch möchte - aber die Revolution wäre dann vorerst verschoben worden, nicht wahr. Da muss man sich ganz schnell entscheiden: Lob oder dekonstruktivistische Niederlage. Wenn man von allen Schauspielern Minetti am meisten verehrt, entscheidet man sich für das Lob. Und wenn man Schauspieler, die das Zeug zu einem Minetti in sich tragen, überhaupt verehrt, entscheidet man sich für die Niederlage. Der Egoismus besteht dann darin, dass man ganz bei sich bleibt. Ob das "rein" ist, weiß ich nicht. Und es interessiert mich auch nicht.
#14 Kolumne Klarnamen: Blick des Außenseitersklara 2015-09-03 11:34
Wunderbar argumentiert!!
Es ist gerade der Blick des "Außenseiters", der das Betrachtete, viel klarer sieht. So wie bei einem Gemälde, bei dem man aus einer gewissen Distanz, seine ganze Schönheit, erst erfassen kann.
#15 Kolumne Klarnamen: nichts ohne den AnderenInga 2015-09-04 21:43
Es bringt Wolfgang Behrens also nichts, wie ich wirklich heisse? Nein! Tatsächlich? Ja! Denn Namen sind Schall und Rauch. Johanna Schall und Neo Rauch? Es ist nur Rauch ohne Feuer / Aber jetzt riech ich es auch. Jens Friebe. In repräsentativen Demokratien und absolutistischen Theaterbetrieben zählen die Stimmen der Namenlosen nicht. Ach so. Erst, wenn diese Namenlosen sich zusammentun (würden), zählten sie. Würden sie gehört. Damit will ich mich nicht erhöhen, sondern hervorheben, dass ich nichts ohne den/die Anderen bin. Auch, wenn gretelwalfisch das nicht glauben mag. Womit er/sie insofern Recht hat, als dass ich ein mir geschehenes Unrecht in (hohen oder doch eher "niedrigen" bzw. Off-/Freie Szene-?) Theaterkreisen vermutete. Ob's nun stimmt oder nicht. Zeitfragen. Abgesehen davon, wir wissen doch im Grunde alle nicht, wer wir sind. Und das ist/wäre für alle auch ganz wunderbar! Wir, auch ich, sprechen und handeln doch je nach Situation und Gegenüber immer wieder verschieden. Und zur menschlichen Entwicklung gehört auch, dass man seine Meinung immer wieder ändert, hinterfragt, je nach dem, was man schon alles gelesen und mit wem man sich schon ausgetauscht hat. Vor allem Letzteres. Das heisst es, Mensch zu sein. Und nicht Maschine. Die argumentiert immer gleich: Ich bin Siri, Ihre Sprachassistentin. Die argumentiert so blöd, dass man merkt: Da steckt ein Algorithmus und kein Mensch dahinter. Wer aber die Musik des Zusammenspiels hören kann, verändert die Stimmung der Welt. Soviel dazu. Ich bin hier nicht wichtig. Inga kann auch eine Theaterfigur sein. Weil schon die Wahrnehmung von Welt ein einziges Theater bzw. ein einziger Film ist. In welchem immer die Guten gewinnen und die sind immer gut, wahr und schön. Echt? Stimmt nicht. Das ist ein Vorurteil.
#16 Kolumne Klarnamen: Frauen nicht für voll genommenInga 2015-09-05 22:17
@ gretelwalfisch: Ich verstehe Ihr Argument nicht. Wenn mein Klarname ein Männer- oder Autorenname wäre, dann würden meine Argumente also mehr zählen? Ist es das, was Sie und/oder Wolfgang Behrens meinen? Ganz genau! DAS ist wohl bis heute das Problem, das Frauen nicht für voll genommen werden, im Sinne von intelligent genug, um mit Männern bzw. Autoren diskutieren zu können. Hach, ist das alles bescheuert. Ja ja, Frauen haben einen Körper, und Denken ist unmännlich, also weiblich. Ausgetrickst!

Übrigens, von so nem alten Minetti gelobt zu werden, was bringt mir das? Der ist doch auch nur ein Mensch. (...)

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