Die Zerbrechlichen

von Christian Rakow

Berlin, 3. September 2015. Zwei Schreie eröffnen diesen Abend, von der jungen Artistin Huanhuan Zhang ins Rund der Berliner Schaubühne geschickt. Zwei Schreie wie kurze Fanfarenstöße für all das, was hernach in edler Stille praktiziert wird: die vermutlich schmerzensreichen Dehnungen und Streckungen, die halsbrecherischen Hebeübungen auf einem betonfarbenen gestuften Podest und die Verbiegungen der sehnigen Körper auf Stühlen, die einen Hauch von inquisitorischer Folter versprühen. Das Genick, meint man an diesem Abend wiederholt, muss ein gar widerständiges Gelenk sein.

Kinder aus armen Verhältnissen

Gemeinhin untermalen chinesische Akrobat*innen ihre Extremgymnastik mit einem breiten Lächeln. Die aufgesetzte Geste ist an diesem Abend weitestgehend verschwunden. Mit Absicht, wie Choreographin Constanza Macras vorab im Stadtmagazin Tip über ihre Arbeit an "The Ghosts“ anmerkte. Mit Hochglanzperfektion hatte die gebürtige Argentinierin nie viel am Hut. Seit nunmehr sieben Jahren als regelmäßige Choreographin an der Schaubühne besticht sie als Expertin für Gebrochenes, Randständiges, Gestückeltes, in ihrer Bewegungssprache ebenso wie in den dokumentarischen Erzählfragmenten, mit denen sie das Tanzgeschehen regelmäßig auflädt.

"The Ghosts", der neue Schaubühnenabend, der zugleich das diesjährige Festival "Tanz im August" beschließt, ist der entbehrungsreichen Kunst und der prekären sozialen Lage chinesischer Akrobat*innen gewidmet. Der Beruf für Kinder aus ärmeren Verhältnissen, die hart diszipliniert schon als Teenager Höchstleistungen hinlegen und mit Mitte 20 bereits zum alten Eisen gehören, hat seine Wurzeln im frühen kaiserlichen China. Unter Mao erfuhr er eine Aufwertung als "volksnahe" Unterhaltung. Im China der Gegenwart taugt er als Exportgut. Die fünfzehnjährige Huanhuan Zhang und ihre Artistenfamilie (Onkel und zwei weitere Nichten), die an diesem Abend gemeinsam mit Tänzer*innen der Macras-Company Dorky Park auftreten, arbeiten daheim in einem Vergnügungspark in Guangzhou.

Körper-Rückgrat

Macras lässt diese Informationen gewohnt bruchstückhaft vorbringen, in nüchternen Erzählberichten, mitunter von kurzen Liedern aufgelockert. Die Anspielung auf das Geisterhafte des Akrobatenberufs (früh entwurzelt, früh zur Halbexistenz verdammt) und mithin der Titel "The Ghosts" dienen als Dekor. Aber die Darstellung geht kaum in die Tiefe, kommt inhaltlich nicht über den informativen kleinen Programmzettel zur Inszenierung hinaus. Anekdoten, Nahansichten, unvermutete sozioökonomische oder historische Schlaglichter – also all das, wofür Macras eigentlich steht – bleiben aus. Dass die überwiegend englisch übersetzten Texte zudem in rasender Geschwindigkeit über den Beamer rauschen, trägt auch nicht zur Besinnung auf Details bei.

the ghosts2 560 thomasaurin uGet together mit Dorky-Park-Akteuren in "The Ghosts" © Thomas Aurin

Jenseits der Texte hat der Abend gleichwohl Atemberaubendes zu bieten: reptilienhafte Körperbewegungen, aberwitzige Jonglagen mit Tellern, dazu Kopfstände, Hebefiguren, menschliche Pyramiden, was das Herz begehrt. Das alles bevorzugt vorn an der Rampe, nah beim Publikum, mit maximalem Mut zum Risiko. Fehler sind "konterrevolutionär", lautete die Doktrin der Akrobaten unter Mao, so erfährt man. Nur gut, dass sich die Künstler*innen aus Guangzhou bei ihren diversen Saltos und Rotationsübungen an diesem Premierenabend absolut felsenfest revolutionär zeigten. Es hätte in den vorderen Reihen leicht Schwerverletzte geben können, kein Witz.

Dinge und Menschen

Bei all dem achtet Macras recht penibel darauf, dass die Akrobatenstücke den Abend nicht ins gleißende Virtuosentum entrücken. Live verfertigte chinesische Percussion-Musik sorgt regelmäßig für Dissonanzen und spröden Rhythmus. Die Tanzeinlagen der Dorky-Park-Akteure geben sich betont abgerissen. Das Soghafte früherer Macras-Abende (ich denke an Megalopolis oder Berlin Elsewhere) will sich so nicht einstellen. Er bezaubert in Momenten: "Vielleicht stellen wir Dinge her, die leicht brechen, wir, die Menschen, aber nicht", heißt es einmal wunderbar kryptisch von einer der Akrobatinnen.

Macras scheint hinter diesen Satz ihr Fragezeichen zu setzen. Sie denkt: Zerbrechliches, in den Dingen wie in den Menschen. Im Finale lässt die Artistin Huimin Zhang schier spielerisch in Rückenlage einen wuchtigen Holztisch auf ihren Füßen tanzen. Und kurz drauf nimmt sie in gleicher Weise ihre schmale Partnerin Huanhuan auf die Füße, wirbelt sie umher. Die Dinge, die Menschen. Nichts ist gefallen, nichts ist zerbrochen. Aber wie nah war man dran.

The Ghosts
von Constanza Macras | DorkyPark
Uraufführung
Regie und Choreographie: Constanza Macras, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Allie Saunders, Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu, Sound: Stephan Wöhrmann, Dramaturgie: Carmen Mehnert, Licht: Sergio de Carvalho Pessanha, Video- & Photodesign: Manuel Osterholt.
Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival.

www.tanzimaugust.de 
www.schaubuehne.de
www.css-teatro.com
www.gdfestival.cn/en/

 

Kritikenrundschau

"'The Ghosts' ist der Versuch, China über die unzerbrechlichen Körper zu verstehen", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (5.9.2015). "Doch der Abend hängt in den Seilen, auch wenn die Artisten immer wieder staunen lassen ob ihrer Körperbeherrschung." Seine Elemente fügten sich nicht zu einem Ganzen. "Und die Artisten wirken hier wie vorgeführte Objekte", so Luzina: "Sie balancieren einen Tisch auf ihren Fußsohlen, bilden Pyramiden und turnen gegen den Abstieg an – bringen aber keine Haltung mit." Die solle dem Stück "nachträglich aufgepropft werden".

Eine Fremdheit strahlen die chinesischen Akrobat*innen und ihre Geschichten auf Elisabeth Nehring vom Deutschlandfunk (4.9.2015) aus. Und: "Dass diese Fremdheit nicht exotisiert oder mit Klischees beladen, sondern allenfalls poetisiert wird, ist die große Stärke dieser Inszenierung." Macras gelinge es in ihrer "überraschend stillen und konzentrierten Inszenierung", den "akrobatischen Darbietungen alles Spektakelhafte zu entziehen. Keine atemberaubende Nummernrevue zieht an uns Zuschauern vorbei, stattdessen bekommen die Artistereien im Wechsel mit Erzählungen und auf die Bühne projizierten Ansichten eines bunten, aber auch etwas heruntergerockten Chinas von Heute fast etwas Melancholisches."

Georg Kasch fühlt sich in der Berliner Morgenpost (4.9.2015) "streckenweise sehr an Wikipedia-Referate erinnert". Es gäbe in dieser Performance "viele wunderbare, berührende Momente. Etwa die artistischen Nummern, die bei aller Perfektion erstaunlich düster wirken, weil die chinesischen Performer erst nach ihrem Abschluss schüchtern lächeln." Allerdings verfliege alle Leichtigkeit der Darbietung sogleich, wenn "der nächste Erklärbär-Text um die Ecke" komme.

Als "denkbar missratenes Finale" des Festivals "Tanz im August" kanzelt Frank Schmid diesen Abend im rbb Kulturradio (4.9.2015) ab. Das Werk bleibe "bruchstückhaft, ohne jede Vertiefung". Dabei fehle die bei Macras "sonst übliche rüde Punk-Attitüde“. Das bei dieser Choreographin "schon immer vorhandene Varietéhafte entblößt sich hier endgültig, Inhalt, Botschaft, Umsetzungskonzept – nichts geht auf. Zudem muss sie sich fragen lassen, ob ihr etwas unterlaufen ist, dass sie unter Garantie auf gar keinen Fall wollte: ob sie die formidablen chinesischen Akrobatik-Künstler für einen bunten Unterhaltungsabend benutzt hat."

 

Kommentar schreiben