Wie die Zeit vergeht

von Andreas Wilink

Bochum, 5. September 2015. "Der Kirschgarten" ist ein Stück über Zeit, so wie "Der Zauberberg" ein Zeit-Roman ist, in dem es heißt, dass, wenn ein Tag wie alle ist, alle wie einer sind. Ein Stück über Kurzweil, die man mit einem Fest oder mit Amouren oder Fantasien und Flausen über Arbeit und Glück zu gewinnen sucht, und Langeweile, über alte und neue Zeit, über gestrige und morgige Zeit, über stehende, vergehende und abgelaufene Zeit. Aber die Zeit, die ist ein sonderbar' Ding. Ihr Gestalt und Gewicht, Volumen und Raum zu geben, ein schwieriges Unterfangen. Der ungarische Regisseur Tamás Ascher versucht es im Bochumer Schauspielhaus. Aber es bleibt wie ein Haschen nach dem Wind. Er gestaltet die Langeweile nicht (oder nur äußerlich), er erzeugt Langeweile.

Auf der Bühne (Zsolt Kell) hat der Zahn der Zeit genagt. Der Lack ist ab: der Bodenbelag löchrig, der Verputz arg verblasst, die Fenster zugestaubt, Heizkörper, Gardinen und Holzverschalung – unsagbar schäbig. Eine penibel gezimmerte und angepinselte (post-)sozialistische Tristesse. Auch sonst ist alles deutlich das, was es ist. Wenn sich ein Brummkreisel dreht, wenn ein Apfel fein säuberlich geschält wird, wenn die Mienen der Menschen sich verziehen.

Leben als Mangelerscheinung

In einem bislang nicht publizierten, vom ersten bis zum letzten Satz großartigen Gespräch über 50 Manuskriptseiten, das der Dramaturg Michael Eberth mit Jürgen Gosch führen konnte, sagt der schon Sterbenskranke: "Bei Tschechow muss man mehr Leben in sich versammelt haben als bei Shakespeare und Kleist." Es nicht nur behaupten und in Existenz-Attrappen ausstellen. In Bochum begegnen uns weder Möglichkeitsmenschen noch Wirklichkeitsmenschen. Leben ist hier eine Mangelerscheinung. Auch dies könnte einer produktiven Betrachtung wert sein. Denn es gibt ein Leben, das sich selbst den Lebensfaden durchtrennt. Egal, wie man es nimmt, man müsste es unbedingt kompromisslos zeigen, es zerlegen und auf seine Spielbarkeit überprüfen.

kirschgarten 1 560 diana kuester uMartin Horn, Bettina Engelhardt, Jürgen Hartmann, Roland Riebeling, Heiner Stadelmann
@ Diana Kuester

Das Ensemble, das alles andere als eine dankbare Aufgabe in solidem Diensteifer erfüllt, rettet sich, so wie die Gouvernante Charlotta es bei ihren Kartentricks tut, mit Kunststückchen. Die einen tun es schlechter, andere etwas besser. Ljubow Andrejewna fällt in viele dramatische oder sentimentale oder laszive Posen, darunter auch in eine Ohnmacht. Es mag gelten, was bei Rilke so heißt, dass "die Nerven Parvenüs sind, die Luxus treiben mit den Schmerzen". Aber dieser Luxus wird bei Bettina Engelhardt dann doch zur Ausverkaufsware. Martin Horn als ihr Bruder Gajew verkrümelt sich in einer Strickpullover-Gemütslage. Der ewige Student Trofimow (Torsten Flassig) findet zu einer entzündlichen Nervosität, die immerhin eine Zigarettenlänge hält. Die gute Warja (Kristina Peters) legt ihren grau-beigen Charakter ganz in einen Trippelschritt. Und der Neubesitzer und Sohn von Leibeigenen, Lopachin (Roland Riebeling), behält – abgesehen von einem zornig ohnmächtigen Ermächtigungs-Ausbruch – einen weichlichen Biedersinn, der den Unterschied des Emporkömmlings zur abdankenden Herrenklasse nivelliert. So viel Unschärfe in den Figuren macht müde.  

Die Stille der Heimat

In ihrem treuherzigen illustrativen Realismus-Missverständnis fällt die Aufführung so weit hinter die wagemutigen radikalen Tschechow-Inszenierungen von Gotscheff und Gosch zurück, wie Sydney, wo Ascher 2012 "Onkel Wanja" inszenierte, von Bochum entfernt liegt. Der Abend währt drei Stunden, von denen sich nicht viel mehr sagen lässt, als dass sie vergehen. Die Zeit zeitigt bei Tamás Ascher nichts, auch wenn im vierten Akt alle stets die Minuten bis zur Abreise zählen und die letzten davon auskosten, indem sie sich einfach nur hinsetzen und der Stille der Heimat und des Hauses nachlauschen, das dann verbarrikadiert und abgerissen wird.

So wie der Kirschgarten, dessen traurige Komödie Tschechow 1903 schrieb, bekanntlich abgeholzt wird. Die Säge sägt schon. Die Bäume brachten und brauchten keinen Nutzen. Der Garten war sich selbst genug. L'art pour l'art. Ausdruck einer feudalen Gesellschaft, die sich selbst verschwendet. Nun wird er parzelliert, Bauland sein, demokratisch verbürgerlicht für eine pragmatische Aufsteiger-Gesellschaft. Die hat nur ein Jahrzehnt, bevor die rote Flut alles mit Blut überschwemmt. Die Zeit wird auch darüber hinweggehen. Das ist dem maroden Bühnenraum vielleicht eingraviert. Nur, Tschechows Figuren wurde diese Erkenntnis von Tamás Ascher nicht eingeschrieben.

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Regie: Tamás Ascher, Bühne: Zsolt Khell, Kostüme: Györgyi Szakács, Musik: Márton Kovács, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie: Anna Lengyel/Sabine Reich.
Mit: Therese Dörr, Bettina Engelhardt, Juliane Fisch, Torsten Flassig, Sarah Grunert, Jürgen Hartmann, Yousef  Hasan, Martin Horn, Raiko Küster, Marco Massafra, Kristina Peters, Roland Riebeling, Heiner Stadelmann, Atef Vogel, Desiree Baier, Anette Brinkmann, Tim Brockmann, Günter Ermlich, Nadine Feisel, Alfred Konter, Reinhold Niedziela, Bernd Reimann, Gisbert Rüther, Harald Schulz, Carina Thomas, Ludger Wördehoff.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Schon zu Beginn der Aufführung wirken die komischen Akzente aufgesetzt, Ungeschicklichkeiten und Schrulligkeiten der Figuren seien nicht  Ausdruck ihrer Bedrängnis und Verzweiflung, so Andreas Rossmann in der FAZ (9.9.2015). Regisseur Tamás Ascher halte Tschechow schon lange die Treue, aber der Bochumer "Kirschgarten" könne nicht mithalten, "verfällt nicht in elegische Stimmungsmalerei, aber den Zug zur Farce findet sie auch nicht". Sorgfältig und illustrativ werden die Szenen der "Komödie" ausgepinselt, die meisten Figuren nur prägnant typisiert. "Die Darstellung eines abgelebten Lebens gerät in eine taube Kongruenz mit den Mitteln eines abgespielten Theaters."

"Unaufgeregt und mit einem wie es scheint altersmilden Blick auf die Unausweichlichkeit des Vergänglichen" habe Tamás Ascher den Klassiker auf die Bühne gebracht, schreibt Jürgen Boebers-Süßmann im WAZ-Portal Derwesten.de (7.9.2015). "Die Aufführung greift den typischen Tschechow’schen Schwebezustand fließend-ruhig, fast möchte man sagen: routiniert auf." Geboten werde ein großartiges, detailverliebtes Bühnenbild), wie man es heutzutage nur noch selten zu sehen bekommt, eine unaufgeregte Figurenführung, ein Tasten am Abgrund der Zeit ohne verstörenden Blick in die schwindelnde Tiefe. "Das alles ist 'alte Schule', aber auf drei Stunden gesehen auch ein bissel lang."

Der Humor bleibe im Bochumer Schauspielhaus nach dem Anfang verhalten, aber Ascher gestehe jeder der Figuren Raum und auch Tiefe und Tragik zu, so Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (7.9.2015). "Das gelingt dank der Schauspieler, die bis zu den Nebenrollen nicht an der Oberfläche bleiben, sondern Charaktere zeigen." Den feinen Humor brauche es auch, "fordere die dreistündige Inszenierung doch Konzentration, um auch über die Längen des Abends hinweg zu helfen." Tschechows Stücke hätten es beim Bochumer Publikum traditionell schwer. Ob "Der Kirschgarten" ein Publikumsrenner werde, darf auch diesmal angezweifelt werden.

 

Die Aufführung greift den typischen Tschechow’schen Schwebezustand fließend-ruhig, fast möchte man sagen: routiniert auf. Geboten werden ein großartiges, detailverliebtes Bühnenbild (Zsolt Khell), wie man es heutzutage nur noch selten zu sehen bekommt, eine unaufgeregte Figurenführung, ein Tasten am Abgrund der Zeit ohne verstörenden Blick in die schwindelnde Tiefe. Das alles ist „alte Schule“, aber auf drei Stunden gesehen auch ein bissel lang.

Mit Humor in den Untergang - Saisonstart am Theater Bochum | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/kultur/mit-humor-in-den-untergang-id11063238.html#plx630616486

Unaufgeregt und mit einem wie es scheint altersmilden Blick auf die Unausweichlichkeit des Vergänglichen.

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Unaufgeregt und mit einem wie es scheint altersmilden Blick auf die Unausweichlichkeit des Vergänglichen.

Mit Humor in den Untergang - Saisonstart am Theater Bochum | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
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Unaufgeregt und mit einem wie es scheint altersmilden Blick auf die Unausweichlichkeit des Vergänglichen.

Mit Humor in den Untergang - Saisonstart am Theater Bochum | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/kultur/mit-humor-in-den-untergang-id11063238.html#plx41764096Unaufgeregt und mit einem wie es scheint altersmilden Blick auf die Unausweichlichkeit des Vergänglichen.

 
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