logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Heavy Metal am Burgunderhof

von Frauke Adrians

Meiningen, 11. September 2015. Die Herren Nibelungen stehen auf schwarzes Leder, Nieten und Tribe-Tattoos im Pikten-Stil, das Ganze bitte bauchfrei. Brunhild trägt superhohe Hochhackige und das rote Haar sorgfältig zerstrubbelt, Kriemhild dagegen setzt Maßstäbe mit einer total schrägen Hochsteckfrisur, und Dankwart, der sonst nicht viel zum Geschehen beizutragen hat, beeindruckt mit perfekt sitzendem Gel-Look, der auch Strömen von Blut standhält. Kein Zweifel: "Die Nibelungen" in Regie von Lars Wernecke am Meininger Theater sind die stylishsten seit Erfindung des Burgunderreiches. Ein Hoch auf die Kostümbildnerkünste von Helge Ullmann, die Frisuren- und die Make-Up-Abteilung.

Vier Stunden Kür für die Kostümabteilung

Die Ausstattung ist das durchgehend Auffälligste an dieser Inszenierung des Hebbel-Klassikers. Sie dürfte dafür mitverantwortlich sein, dass das Premierenpublikum über lange vier Stunden bei der Stange blieb. Andere Inszenierungen der "Nibelungen" haben gezeigt: Man kann Hebbels dreiteiliges Trauerspiel beherzter kürzen, ohne dass es an die Substanz geht. Dramaturg Patric Seibert hat jedoch seine eigene, längliche Textversion erstellt – und so erlebt das Publikum in Meiningen einen Abend, der sich phasenweise doch etwas dehnt.

nibelungen evelynfuchs 560 ed uWie aus dem Fantasystreifen: Meret Engelhardt (Krimhild), Phillip Henry Brehl (Siegfried), Evelyn Fuchs (Brunhild) © Foto Ed

Das tut den schauspielerischen Leistungen keinen Abbruch, Ermüdungserscheinungen sind auf der Bühne bis 23.30 Uhr nicht festzustellen. Gerade Meret Engelhardt als Kriemhild läuft zum Ende des Abends zur Hochform auf. Wie sie sich im Laufe des Stücks vom brav-naiven Mädchen in Weiß zur rasenden schwarzen Rächerin mit Hunnen-Gesichtsbemalung wandelt, das ist sehenswert und glaubhaft. Überhaupt bietet der Abend schauspielerisch einiges Erfreuliche. Björn Boresch ist ein nicht bloß brutaler, sondern auch beeindruckend heuchlerischer Hagen Tronje. Zu seinen zynischen und mörderischen Worten und Taten sähe man gern auch seine Mimik, aber die Regie hat es für gut befunden, ihn mit einer auf Dauer etwas langweiligen Totenkopf-Gesichtsbemalung auszustatten.

Sven Zinkan gibt einen angemessen zögerlichen und feigen, aber nicht zu unsympathischen Gunther. Philip Henry Brehl wirkt als Siegfried zu zappelig und zu bübchenhaft mit seiner blondgefärbten Tolle und seinem Strahlemann-Lächeln, ist aber als Gegenbild zu den düsteren, ständig Übles planenden Nibelungen gut platziert. Die interessantesten Parts – und das heftigste Duell – aber gebühren den Frauen. Die Auseinandersetzung vor dem Domportal, bei der Kriemhild ihrer Rivalin den Betrug Siegfrieds und Gunthers offenbart, ist exzellent und emotionsgeladen gespielt.

Tolkin meets Harley Davidson

Dankwart (Vivian Frey), Giselher (Hannes Sell) und Spielmann Volker (Renatus Scheibe), der mit Lederweste und Rauschebart aussieht wie ein angejahrter Harley-Davidson-Pilot, stehen in vielen Szenen zwecks Unterstützung ihres Königs Gunther bloß in der Gegend herum – aber das tun sie äußerst dekorativ. Die krähenhafte Frigga (Anja Lenßen) würde ihre Ausstattungsvorbilder mühelos in den Tolkien-Verfilmungen wiederfinden. Wie ihre Herrin Brunhild turnt sie geschickt in den Metallgerüsten herum, mit denen Helge Ullmann die Bühne möbliert hat. Heavy Metal, so weit das Auge reicht.

Bei aller Düsternis, die auch der Soundtrack aus dumpfem Schlagzeug und sonstigen unheilvollen Geräuschen vermittelt, hat Lars Werneckes Inszenierung auch ihre komischen Momente. Die besten davon sind Hebbels ironischem Humor geschuldet, andere sind eher unfreiwillig – etwa, wenn der bereits getötete Siegfried noch zweimal mit bewundernswerter Beinmuskelarbeit aus der Horizontalen emporschnellt, um seinen Mörder Hagen zu konfrontieren. Oder wenn das Theaterblut explosionsartig in waagerechtem Strahl aus den tödlichen Wunden schießt, die im Laufe des Theaterabends immer häufiger auftreten.

Werneckes Nibelungen und ihre Kontrahenten am Hunnenhof verwenden übrigens weder Schwert noch Dolch, um sich gegenseitig um die Ecke zu bringen: Sie sind mit futuristischen mehrläufigen Schießeisen ausgerüstet. Das macht das Töten noch kaltblütiger. Und es erspart den Schauspielern die Fecht- und sonstigen Nahkampfszenen, für die zwischen den Metallgerüsten, Dreh- und Hebebühnen nicht so recht Platz wäre.

Popcorn statt präziser Regie-Idee

Die Meininger "Nibelungen" strengen sich an, ein bisschen "Game of Thrones" zu sein und zumindest optisch an diverse Fantasy-Serien zu erinnern, auch wenn der Drache nur in Siegfrieds Berichten vorkommt. Allein schon Brunhild ist mit ihren stechend hellgrünen Kontaktlinsen, der sexy Ledermontur und dem flammenden Haar so aufwendig ausgestattet, als gelte es, vor dem Kameraauge in Nahaufnahme zu bestehen. Das ist gut fürs Theaterpublikum. Nur wird nicht recht klar, was Wernecke mit seinen "Nibelungen" eigentlich aussagen will – außer, dass das Meininger Theater und seine Gewerke fit sind für eine so aufwendige Inszenierung.

Einige Szenen werden den Zuschauern sicherlich eine Weile in Erinnerung bleiben. Etwa wie Brunhild – die Frau aus dem hohen Norden, die keine Blumen kennt und ihren Duft verachtet – den ihr von Kriemhild dargebotenen Blumenstrauß von sich wirft; oder wie Hagen wie der Tod persönlich an Siegfrieds Totenbett triumphiert. Auch das ist wie im Film, wie im Blockbuster: Einzelne Bilder prägen sich ein, nach einer neuen oder gar tiefschürfenden Regie-Idee fragt keiner. Schließlich geht es hier um gute Unterhaltung. So gesehen sind "Die Nibelungen" in Meiningen solides Popcorn-Theater. Das ist nichts Schlechtes. Und dass es ankommt, zeigte die Reaktion der Zuschauer, die auch nach vier Stunden genug Energie hatten, minutenlang zu applaudieren. Auch und gerade der Regie.

 

Die Nibelungen
von Friedrich Hebbel
Fassung für einen Abend von Patric Seibert
Regie: Lars Wernecke, Bühnenbild & Kostüme: Helge Ullmann, Dramaturgie: Patric Seibert.
Mit: Sven Zinkan, Phillip Henry Brehl, Björn Boresch, Vivian Frey, Renatus Scheibe, Hannes Sell, Peter Bernhardt, Reinhard Bock, Hans-Joachim Rodewald, Michael Jeske, Peter Liebaug, Ulrike Walther, Meret Engelhardt, Evelyn Fuchs, Anja Lenßen, Stefan Schael.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.das-meininger-theater.de