Längliche Songs vom kurzen Glück

von Grete Götze

Frankfurt, 17. September 2015. Ein wenig fragt sich der geneigte Frankfurter schon, warum sich das Schauspiel Frankfurt zur Saisoneröffnung DEN Roman über Berlin vorgenommen hat. Genauer, das Hörspiel, das Alfred Döblin selbst aus seinem 450-Seiten Roman "Berlin Alexanderplatz" (von 1929) destilliert und "Die Geschichte vom Franz Biberkopf" genannt hat. Diese Frage ist auch am Ende des Abends nicht beantwortet. Aber die Geschichte von Biberkopf ist schon eindringlich, und gute Geschichten gut erzählt gehen immer.

Ein aufrechter Typ fällt immer wieder auf die Nase

Da ist also ein Mann, gerade aus dem Gefängnis entlassen, der im Berlin der zwanziger Jahre sein Glück sucht. Er schwankt zwischen Kleinmut und Großtuerei, fällt auf die Nase und steht immer wieder auf. Er ist ein aufrechter Typ. Nur trifft er die falschen Entscheidungen. Sascha Nathan ist eine Idealbesetzung für diesen Franz Biberkopf. Er spielt in Frankfurt seit Jahren die Verlierertypen mit größter Glaubwürdigkeit und Komik, und glaubwürdig ist er auch dieses Mal. Aber es wird ihm und den anderen Schauspielern schwer gemacht, ihr Spiel zu entwickeln.

DieGeschichtevomFranzBiberkopf2 560 Birgit Hupfeld uIm Style der Tiger Lillies: Sascha Nathan als Franz Biberkopf von Städtern mit Melonenhüten umringt © Birgit Hupfeld

Zusammen stehen sie auf der von Miriam Busch raffiniert eingerichteten Großen Bühne des Schauspiels, die bis in ihre Tiefe hinein geöffnet ist. Bei Bedarf kommen an Metallträgern Requisiten von der Decke gefahren, ein paar Würste, ein paar Stühle, ansonsten ist die Bühne einfach nur groß. Sie erinnert subtil an den Alexanderplatz, der auch so groß ist, dass er die Leute irgendwie verschluckt.

Nathan kommt also als Franz zuversichtlich mit Lederkoffer auf die Riesenbühne und versucht anständig zu sein. Er verkauft Schlipshalter und trinkt Molle mit den Menschen, die ihm auf dieser Bühne begegnen. Aber das Leben der kleinen Leute in den Kaschemmen verheißt nichts Gutes. Das wird bei Regisseurin Stephanie Mohr leider plakativ gezeigt, indem alle Schauspieler außer ihm weiße Gesichter und schwarz umrandete Augen haben.

The Tiger Lillies haben stets einen Song parat

Genau wie die britische Band "The Tiger Lillies", die in einem Rahmen aus dem Bühnenboden heraus gefahren wird, um ihre eigens für diese Aufführung komponierten Lieder zu spielen. Das hat das Trio schon mal in Zusammenarbeit mit der Regisseurin gemacht, 2011 bei ihrer Version von "Woyzeck". Aber hier funktioniert es nicht. Denn oft ergänzen die Musik und der hohe Falsettgesang von Martyn Jacques das Spiel nicht. Vielmehr erschlagen die vielen Lieder die auf diese Weise kurz wirkenden Szenen. Oder sie reproduzieren sie musikalisch und nehmen dem Verlauf der Geschichte so die Spannung. Alles wirkt ein bisschen schief. Manchmal sogar der Berliner Dialekt der Schauspieler.

Aber es gibt schöne Momente, etwa wenn Franz von dem verschlagenen Reinhold (hervorragend unsympathisch entworfen vom neuen Ensemblemitglied Felix Rech) überredet wird, ihm seine Cilly abzunehmen. Reinhold langweilt sich nämlich schnell. Zurück gegelte Haare, trinkt nur Kaffee und Limo, wird Franz ins Verderben stürzen. Aber das weiß der jetzt noch nicht. Er sitzt da neben dem Schmierigen, breitbeinig, dick, fröhlich. Dann nimmt er ihm eben die Cilly ab, wenn der Komische nicht verstehen will, dass man Frauen nicht einfach wegwirft. Dazu das Lied "Fresh Flesh", in dem noch mal das Gleiche gesungen wird – und schon ist die Intensität wieder dahin.

Ein Highlight: der Mord in Freienwalde

Nach der Pause wird es besser, die Tiger Lillies dominieren nicht mehr so. Die Szenen werden länger. Franz hat hier schon seinen Arm verloren, weil der Reinhold ihn aus dem Auto geschmissen hat, als er beim Banden-Überfall nicht mehr mitmachen wollte. Aber dafür hat er Mieze, wunderbar zerbrechlich gespielt von Paula Hans.

Doch dem kurzen Glück, selbstverständlich noch einmal in einem Song transportiert, folgt die nächste Katastrophe. Und eine Szene, die in Erinnerung bleiben wird: Mieze fährt mit Reinhold nach Freienwalde, und von der Decke fahren umgedrehte Bäume herunter. Die Frau mit dem roten Käppchen versteht nicht gleich, was hier gespielt wird, aber schließlich erwürgt Reinhold sie im Wald. Und alle sehen zu. Am Ende ist Franz in der Irrenanstalt. Und blickt, an sein Bett geschnallt und im Zwiegespräch mit dem Tod, auf sein Leben zurück.

 

Die Geschichte vom Franz Biberkopf mit The Tiger Lillies
nach Alfred Döblin
Uraufführung
Regie: Stephanie Mohr, Live-Musik: The Tiger Lillies, Komposition: Martyn Jacques, Bühne: Miriam Busch, Kostüme: Nini von Selzam, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Sascha Nathan, Till Weinheimer, Felix Rech, Paula Hans, Josefin Platt, Till Firit, Christoph Pütthoff, Thorsten Danner, Alice von Lindenau.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Keine Dramatisierung eines Romans, diesmal muss ein Hörspiel dran glauben", legt Hannes Hintermeier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2015) schon etwas schlecht gelaunt los. Und besser wird's auch nicht. Es regiere die "Mechanik“ der Bühne; die Schauspieler, deren schwache Imitationen des Berliner Dialekts bemängelt werden, hingen "an den unsichtbaren Seilen einer Regie, die sie von der Rampe herunter und gerne auch mit dem Mittel der Mauerschau die expressionistische Moritat eher behaupten denn spielen lässt." Die Musik helfe dem Stück auf. Doch im Ganzen "erwirtschaftet" dieses "bebilderte" Hörspiel "nicht genug theatralischen Mehrwert gegenüber einem gut orchestrierten Hörspiel".

In einem "surrealem Morality Play" und einer "kühnen theatralischen Umsetzung" der Döblin-Vorlage fand sich Cornelie Ueding vom Deutschlandfunk (18.9.2015) wieder. "Diese höchst künstliche Spielform, die Ansammlung von Theaterrequisiten und Mythenzitaten ist an keiner Stelle überladen und beliebig. Sie nähert sich kongenial dem Duktus des Textes von Döblin selbst an."

Ein "Ereignis" ist diese Inszenierung für Jens Frederiksen vom Wiesbadener Kurier (19.9.2015) "vor allem dadurch, dass sie das Großstadtpanorama, das Döblin in seinem Roman aufblättert, in ein schrilles Varieté-Ambiente einsenkt." In Döblins Hörspielfassung seines Romanklassikers besitze der Abend eine "pfiffig komprimierte und dazu rundum authentische Textgrundlage".

"Sehenswert" findet Astrid Biesemeier von der Neuen Frankfurter Presse (19.9.2015) diese Arbeit im Großen und Ganzen, wendet allerdings auch ein: "Szenen und Charaktere wirken wie bei einem Musical eher arrangiert als in die Tiefe inszeniert. Zumindest gemessen an der ganz eigenen Kraft, die die „Tiger Lillies“ einbringen, wirkt die Handlung fleischlos."

"Das dürfte ein Renner werden. Ein literarischer Klassiker, in zugänglicher Weise auf die Bühne gebracht, mit der Musik einer Band, die eine gewisse Popularität besitzt." So berichtet Stefan Michalzik in der Offenbacher Zeitung (18.9.2015) von einem "geradlinig herzhaften Theaters, das es seinen Zuschauern leicht macht“.

Mohr biete "über gut zweieinhalb Stunden ein ausgeklügeltes, lebhaftes Panoptikum", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.9.2015). "Es geschieht nun jedoch das Merkwürdige, dass das ausgeklügelte, lebhafte Panoptikum den Betrachter zwar schauen und staunen, aber auch kühl lässt." Es gebe keine Überraschungen, keine Funken flögen. Statt existenzieller Situationen drängte sich eine weitere Nummer durchgeknallter Bänkel-Musik dazwischen.

Weil Mohr Döblins Hörspiel-Experiment verwende, entstünden auf der Bühne "überflüssige Doppelungen", berichtet Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (22.9.2015): "Das eben Gesehene wird textgetreu noch einmal erzählt, das Erzählte noch einmal gesungen, ohne dass sich daraus neue Perspektiven ergeben." Das Ende allerdings sitze: "Anstelle der Läuterung des tief gesunkenen Franz Biberkopf im Roman malt er sich hier ein schiefes Clownsgesicht und tut, was die Masse der bleichen Clowns Ende der 30er-Jahre wirklich tat: Er zieht in den Krieg."

 
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